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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Nadine Gordimer Mandelas liebste Literatin

 ·  Jahrzehntelang schrieb Nadine Gordimer gegen das Apartheid-Regime in Südafrika an. Auch nach dessen Ende kämpft die Nobelpreisträgerin gegen Missstände.

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© Candice Searle Nadine Gordimer

„Ich stecke in einer Krise“, sagt Nadine Gordimer mit einem selbstironischen Lächeln und stöhnt. Nirgendwo in Johannesburg gebe es mehr die Farbbänder für ihre gute alte Olivetti-Schreibmaschine. „Jetzt muss ich alles per Hand schreiben. Da ist zwar dieser Computer in meinem Arbeitszimmer und glotzt mich an, aber ich habe keine Ahnung, wie ich ihn bedienen soll.“

Die bekannteste Schriftstellerin Südafrikas und Literatur-Nobelpreisträgerin lebt in einem ehrwürdigen Kolonialbau in einem nicht minder ehrwürdigen Teil der einstigen Goldgräberstadt. Zum Haus und zu seiner Adresse passt, dass ein freundlicher schwarzer Gärtner gerade zum Tor geschlurft ist, um ins Wohnzimmer zu führen. Die Grande Dame der südafrikanischen Literatur, 88 Jahre alt, ist klein und zierlich. Sie trägt eine schlichte hochgeschlossene Bluse. Ebenso schlicht ist ihr Wohnzimmer eingerichtet. Noch nicht einmal ein Regal voller Bücher ist zu sehen. In einer Ecke steht die Bronzebüste des Philosophen Ernst Cassirer, des Onkels ihres verstorbenen Mannes Reinhold. Nadine Gordimer hat sich als Autorin - sie verfasste 14 Romane und unzählige Kurzgeschichten - und auch als Kritikerin des 1994 zu Ende gegangenen Regimes der Rassentrennung einen Namen gemacht. Nicht zufällig wollte Nelson Mandela die weiße Südafrikanerin treffen, kurz nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde.

Normalerweise würde man von jemandem in diesem Alter und mit diesen Errungenschaften erwarten, dass er sich zur Ruhe setzt. Nicht so Gordimer. Im Moment investiert sie viel Zeit, um gegen einen Gesetzentwurf der Regierung zu protestieren. Dieser könnte die mühsam errungene Pressefreiheit in Südafrika zur Makulatur werden lassen. Was das bedeutet, hat Gordimer selbst erlebt. Drei ihrer Romane wurden von der früheren Apartheid-Regierung verboten. „Wir kehren in diese düstere Zeit zurück, als Informationen rigoros vom Staat zensiert wurden“, wettert sie, „wie damals wird argumentiert, dass die Sicherheit des Staates gefährdet sei. Das ist so ein Unsinn.“

Südafrikanerin durch und durch

Die Tochter von Einwanderern aus Litauen und Großbritannien sieht sich durch und durch als Südafrikanerin. Aufgewachsen im Minenstädtchen Springs, entwickelt sie schon im Alter von sechs Jahren eine Leidenschaft für das Lesen, schreibt als Jugendliche Kurzgeschichten. Uys Krige, ein Dichter mit guten Kontakten zu ausländischen Verlagen, entdeckt das Talent. Er veröffentlicht ihre Geschichten zunächst in einem südafrikanischen Journal und bietet sie später amerikanischen Verlagen an. 1951 druckt das angesehene Magazin „The New Yorker“ zum ersten Mal einen von Gordimers Texten. Viele weitere folgen.

„Ich habe mir diesen Beruf nicht ausgesucht“, antwortet sie etwas spitz auf die Frage, was sie zum Schreiben bewogen habe. „Der Beruf hat mich gefunden.“ Das ist wohl auch der Grund, weshalb sie zeit ihres Lebens abgelehnt hat, irgendetwas anderes zu machen - selbst in harten Zeiten. Gordimer heiratet früh, wird Mutter, die Ehe scheitert. Sie muss sich und ihre Tochter selbst ernähren. Ein Freund schlägt ihr vor, Werbetexte zu verfassen. „Nur der Gedanke daran hat mich erschauern lassen.“ Sie arbeitet stattdessen an ihrem ersten Roman. Ihr Verdienst reicht nur für ein bescheidenes Leben. „Heute können sich junge Leute so etwas gar nicht mehr vorstellen, natürlich hatte ich kein Auto oder sonstigen Luxus.“ Vor allem im Ausland nimmt ihre Bekanntheit zu. In der Heimat dagegen wird ihr Name vielen erst ein Begriff, als sie 1991 den Nobelpreis erhält. Eine südafrikanische Zeitung titelt: „Geehrt im Ausland, vergessen zu Hause“.

Zentrale Rolle Rassentrennung

Gordimers Arbeit ist untrennbar mit ihren eigenen Erlebnissen verbunden. Die Rassentrennung spielt dabei eine zentrale Rolle. Anders als viele ihrer Zeitgenossen begreift sie früh, wie menschenverachtend diese Politik gewesen ist. „Da gab es diesen Vorfall, als ich zehn oder elf Jahre alt war. Eines Nachts stürmte die Polizei auf unser Grundstück. Sie jagte unsere schwarze Angestellte Letty aus ihrem Haus, durchwühlte ihr gesamtes Hab und Gut. Eine Alkohol-Razzia. Schwarze durften damals keinen Alkohol kaufen, daher wurde viel illegal gebraut. Die Polizei fand nichts, sie zog ab, ohne sich zu entschuldigen.“

Diese Szene brennt sich in ihr Gedächtnis ein. Nicht nur ist Letty für die kleine Nadine eine „Gogo“, eine Art zweite Mutter. „Was mich am meisten entsetzte, war die Tatsache, dass meine Eltern nur zusahen. Sie verteidigten Letty nicht, sie standen nur da.“

Auch wenn Gordimers Werke aus Sicht der damaligen Regierung Zündstoff enthalten, streitet sie ab, in ihrer schriftstellerischen Tätigkeit politisch motiviert gewesen zu sein. „Ich habe mir nie ein bestimmtes Thema ausgesucht, das ich kritisieren wollte. Ich bin Schriftstellerin, keine Journalistin.“

Sie tritt der Widerstandsbewegung bei

Ihre zweite Ehe mit Cassirer, einem aus Nazi-Deutschland geflohenen Kunsthändler, führt dazu, dass sie sich auch politisch engagiert, zumal sich die politische Lage zuspitzt. Nach dem verheerenden Massaker von Sharpeville tritt sie mit ihrem Mann der Widerstandsbewegung Afrikanischer Nationalkongress (ANC) bei. Sie bieten verfolgten Mitgliedern Unterschlupf in ihrem Johannesburger Haus.

Als Gordimer als Zeugin in einem der Prozesse gegen Mandela und seine Mitstreiter auftritt, gibt sie unerschrocken zu, den damals verbotenen ANC zu unterstützen. „Es war das Mindeste, was ich tun konnte. Ich hatte immer Freunde, die viel mutiger waren als ich.“ Viele Journalisten und Schriftsteller gehen ins Exil. Gordimer bleibt. „Das ist mein Zuhause, ich bin hier geboren, ich bin Afrikanerin.“

Auch heute denke sie nicht im Traum daran, ihr Land zu verlassen. Obwohl ihr Sohn und ihre Tochter im Ausland leben. Und obwohl sie unlängst hautnah mit einem der größten Probleme im heutigen Südafrika konfrontiert wurde, als bewaffnete Diebe in ihr Haus eindrangen und sie in einer Abstellkammer einsperrten. „Ich habe jetzt einen Vertrag mit einer dieser Sicherheitsfirmen“, sagt sie mit Abscheu in der Stimme, „und einen elektrischen Zaun, so wie alle. Es ist scheußlich, aber meine Kinder haben darauf bestanden.“

Unerschütterliches Vertrauen

Einen gewissen Starrsinn kann die kerzengerade auf der Sofakante sitzende Gordimer nicht verhehlen. Das hat ihr geholfen, Herausforderungen im Leben zu meistern - gepaart mit einem unerschütterlichen Vertrauen in das eigene Können. „Manchmal arbeitete ich zwei oder drei Jahre an einem Buch. Währenddessen las mein Mann kein einziges Wort von dem, was ich geschrieben hatte. Wir sprachen auch nie darüber. Es war ein ungeschriebenes Gesetz. Aber er war der Erste, der das Buch nach der Veröffentlichung las.“ Viele junge Leute legten heute Textstellen Freunden zum Redigieren vor, sagt sie wiederum etwas spitz. „Aber das ist fatal. Es geht darum, wie man selbst schreibt.“ So hält sie auch Kurse für kreatives Schreiben für überflüssig. „Es gibt nur zwei Betätigungen, die einen zum Schriftsteller machen: Schreiben und Lesen.“

Wenig überraschend will Gordimer nicht preisgeben, woran sie gerade arbeitet. Ihre größten Erfolge hat sie mit Büchern erlebt, die sich mit dem Apartheid-Regime befassten. Seit 1994 jedoch hat sich das Leben in Südafrika grundlegend geändert, das spiegelt sich in ihrer Arbeit wider. Nicht alle ihrer jüngeren Werke jedoch stoßen bei den Rezensenten auf Begeisterung. Andere würde dies treffen, Gordimer nicht. „Mich interessieren Kritiken nicht, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen.“

Korruption und Vetternwirtschaft

Lieber kommt sie noch einmal auf die Politik zu sprechen. Der Angriff auf die Pressefreiheit lässt ihr keine Ruhe, genauso wenig wie die Korruption und Vetternwirtschaft im „neuen Südafrika“. Einige der früheren Freiheitskämpfer sitzen heute an den Hebeln der Macht und haben ihre einstigen Ideale offensichtlich vergessen. Grund zu resignieren? „Es liegt vieles im Argen“, gibt sie zu, „aber ich habe während der Zeit der Apartheid nicht die Hoffnung verloren, und ich werde es auch jetzt nicht tun.“

Nadine Gordimer kämpft weiter, ob mit oder ohne Farbband. Beim Abschied am Gartentor fügt sie hinzu: „Der große Albert Camus hat einmal gesagt: In dem Moment, in dem ich nur noch Schriftsteller bin, sollte ich gar kein Schriftsteller mehr sein.“

Zur Person

Nadine Gordimer wird 1923 im südafrikanischen Springs geboren. Mit 15 Jahren veröffentlicht sie erste Kurzgeschichten. Ihr Studium bricht sie aus Langeweile ab.

Ihre Werke sind zunächst im Ausland erfolgreich. In Südafrika wird Gordimer erst bekannt, als sie 1991 den Literatur-Nobelpreis erhält.

Gordimer zählt zu den bekanntesten weißen Intellektuellen, die gegen die Rassentrennung kämpfen.

Heute lebt sie in Johannesburg, schreibt und äußert sich weiter zu aktuellen Themen. Einen Besuch des Weltwirtschaftsforums in Davos bezeichnet sie im Nachhinein als „pure Zeitverschwendung". 

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