25.03.2007 · Mit 13 verließ sie die Schule, machte eine Verwaltungslehre und träumte davon, Gerichtsreporterin zu werden. Heute ist Monika Piel Hörfunkdirektorin des WDR und wird vom 1. April an den Sender führen, als erste Frau an der Spitze.
Von Lisa NienhausEs war ein sehr verregneter Sommer, in dem Monika Piels zweite Karriere begann. Um sechs Uhr morgens stand sie mit dem Ü-Wagen auf einem Campingplatz, keine Menschenseele war zu sehen, doch sie brauchte Interviewpartner für das Morgenmagazin im WDR Hörfunk, für das sie erstmals berichten sollte. Zeit für die typisch Pielsche Zielstrebigkeit. "Die schliefen noch alle", erzählt sie. "Und ich stand im strömenden Regen auf dem Campingplatz und musste mich auf die Leute stürzen, die nur mal kurz zur Toilette wollten." Wieso sie in einem solchen Sommer überhaupt noch campen gingen, fragte Monika Piel, was dann auch die WDR-Hörer live erfuhren. Piel hatte drei Einblendungen in die Sendung, mit unterschiedlichen, aber immer ein wenig schlaftrunkenen Menschen vor dem Mikrofon. "Da habe ich gemerkt, dass ich sehr gern reportiere", sagt sie - trotz Regens und früher Morgenstunde.
Spitzenplatz im Männerclub
Das war in den 70er Jahren, und Monika Piel war Ende 20. Das Radio hatte sie wegen seiner "unglaublichen Schnelligkeit" fasziniert. Dass sie dort einmal als Reporterin arbeiten sollte, war ein Traum, den sie lange nur heimlich geträumt hatte, als sie noch in der Verwaltung des Bensberger Amtsgerichts arbeitete. Dass sie beim WDR später Hörfunkdirektorin werden würde und schließlich Intendantin, mit dieser dritten Karriere in der öffentlich-rechtlichen Anstalt hätte sie als frischgebackene Reporterin auf dem Campingplatz nicht gerechnet. In wenigen Tagen, am 1. April, übernimmt Piel die Leitung des Westdeutschen Rundfunks von Fritz Pleitgen. Sie ist damit die erste Frau an der Spitze des größten Rundfunksenders innerhalb der ARD und neben Dagmar Reim vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) die zweite Senderchefin im ARD-Männerclub.
Wenn Monika Piel spricht, senkt sie ihren Blick selten, betrachtet ihr Gegenüber sehr ruhig. Ihre Hände liegen sorgsam aufeinander, die Fingernägel leuchten so rot wie die Lippen und der Schal, den sie um die Schultern geschwungen hat. Mit ihren sorgfältig luftig geföhnten Haaren, den goldenen Ringen und der sonoren Stimme könnte sie auch als Opernsängerin durchgehen, würde sie nicht eine Geschichte erzählen, die für die Theaterwelt viel zu bodenständig ist. Es ist eine Geschichte, wie sie sie lieben in Köln, in der Stadt, die geprägt ist von Arbeitswillen und Arbeiterstolz, die den Aufstiegseifer lobt und das Großbürgerlich-Arrogante ablehnt, weil es allzu sehr an Düsseldorf erinnert. Es ist die Geschichte von Monika Piels Leben.
Am Amtsgericht in Bensberg
Ihre erste Karriere beginnt mit 13 Jahren im April 1965, wenige Tage vor ihrem 14. Geburtstag. Damals verlässt sie die Schule, um eine Verwaltungslehre zu beginnen im Amtsgericht ihrer Geburtsstadt Bensberg im Bergischen Land. Ihr Vater kommt erst spät aus der Kriegsgefangenschaft heim, da hat die Familie andere Sorgen als das Kind und seine Ausbildung. Eine Beamtenlaufbahn scheint akzeptabel. "Ich musste gucken, was mit meinem Volksschulabschluss möglich war", sagt sie. "Ich war ein Kind damals." Sie hat immer gern gelesen und geschrieben. Jetzt schreibt sie Gerichtsprotokolle statt Reportagen und beobachtet die Journalisten, die bei den Prozessen auftauchen. Gerichtsreporterin, denkt sie sich, wäre ein spannender Beruf.
Derweil geht sie zur Abendschule und liest. Jeden Sonntag stiefelt sie mit einem Einkaufsnetz in die Pfarrbibliothek, um fünf Bücher zurückzugeben und sich fünf neue auszuleihen. Schnell hat sie alles durch, was für ihr Alter zugelassen ist. "Ich habe einfach alles gelesen", sagt sie. "Und wenn ich kein Buch mehr hatte, habe ich das Etikett auf der Rückseite der Dosenmilch gelesen." Nebenher macht sie mittlere Reife, geht auf die Fachoberschule für Wirtschaft und erlangt dort das Fachabitur. Nun kann sie an der Fachhochschule studieren. Vorher aber sucht sie den ersten Kontakt zum Journalismus, den sie schon mit 17 Jahren zum Traumberuf erkoren hat, und arbeitet zwei Jahre lang in der Verwaltung des Kölner Stadt-Anzeigers. Während des anschließenden Betriebswirtschaftsstudiums in Köln knüpft sie erste Kontakte zum WDR, als Sekretariatsvertretung und Telefonistin. "Da ist mir klargeworden, dass mein Platz im Radio ist", sagt sie.
Trotzdem wird sie erst mal die rechte Hand des damaligen WDR-Fernsehdirektors Werner Höfer. Als er aus dem WDR ausscheidet, um für das Magazin "Stern" aus Bonn zu berichten, nimmt er Piel als Assistentin mit. "Ich habe ja gesagt, weil ich dachte: Von dem kann ich noch etwas lernen", sagt Piel heute. Sie bewundert ihn, den Zieh- und Übervater. "Er hat jeden Tag sechs Zeitungen gelesen und wusste über alles Bescheid. Er war unendlich informiert." Aber nicht nur das. "Ich habe staunend gelernt, wie elegant man sich selbst in dem Vordergrund stellen kann", sagt sie. Bei der Erinnerung lächelt sie vorsichtig. "Wenn er Glückwunschschreiben verfasst hat, weil jemand zum Beispiel einen Preis gewonnen hatte, war es am Ende immer Werner Höfer, um den es ging." Das habe sie allerdings nicht von ihm übernommen, sagt Piel.
Von Portugal ins Parlament
Das große Interesse, das seit der Wahl zur Intendantin an ihrer Person entstanden ist, befremdet sie eher. Sie möchte ihr Privatleben am liebsten abschirmen. Ganz vom Beruf trennen kann sie es aber nicht, denn sie ist seit Jahren die Chefin ihres Ehemannes Roger Handt, der Musiksendungen bei WDR 2 moderiert. Kennengelernt haben sie sich bei der Arbeit, aber "das war ganz züchtig, wir haben uns gesiezt". Sie haben eine erwachsene Tochter, die in Bonn studiert, und leben sehr zurückgezogen in einem Dorf in der Voreifel, in dem man die Zeitung noch beim Bäcker kauft. "In meiner Freizeit beschäftigte ich mich mit total ,langweiligen' Dingen", sagt Piel. "Ich arbeite im Garten, mache Waldspaziergänge oder lese philosophische Bücher."
Neben der Ruhe daheim liebt sie den Karneval, auch wenn sie beim Bierkonsum der männlichen Narren nicht mithalten kann und will. An der Wand in ihrem Büro hängt ein Bild aus diesem Frühjahr, wo sie mit schwarzer Punk-Perücke mit ihren Kollegen anstößt. Daneben ein Foto aus anderen Zeiten. Darauf ist Frau Piel noch eher Monika, wirkt sehr schmal, trägt die dunklen Haare lang und dazu eine Brille, die das halbe Gesicht verdeckt. "Das war in der Zeit als Reporterin beim WDR", sagt sie. 1978, mit 27 Jahren, kehrt sie zurück zum WDR Hörfunk in Köln, dieses Mal als Journalistin. Sie arbeitet als Themenplanerin, als Reporterin und als Moderatorin. Nach vier Jahren kündigt sie und geht nach Portugal, aber nur, um von dort unter anderem für den WDR zu berichten. 1984 kommt sie heim, arbeitet wieder beim WDR, wird mit Ende 30 schließlich Parlamentskorrespondentin in Bonn. Ihr Spezialgebiet: Wirtschafts- und Finanzpolitik. "Damals waren diese Ressorts eine Männerdomäne, aber es fing einigen an zu dämmern, dass es nicht falsch ist, dort auch eine Frau zu haben." So ist ihr das Frausein im Beruf durchaus einmal von Vorteil. Solche Bereiche gebe es auch heute noch, sagt Piel. "Jungen Frauen lege ich ans Herz, sich auf Verteidigungs- und Sicherheitspolitik zu spezialisieren."
Ziehvater Höfer überflügelt
1993 beginnt ihre dritte Karriere, als man ihr die Leitung der Programmgruppe Wirtschaft des Hörfunks anträgt. Sie sagt zu, "zunächst schweren Herzens", weil sie seitdem nur noch wenig journalistisch arbeiten kann. "Aber man kann nicht immer sagen, es gebe zu wenige Frauen in Führungspositionen, und sich dann selbst davor drücken." Danach geht es rasant nach oben. 1994 wird Piel stellvertretende Chefredakteurin, 1996 Chefredakteurin des Hörfunks, 1997 Hörfunkdirektorin. Neun Jahre später überflügelt sie sogar Ziehvater Werner Höfer, der mehrfach vergebens versucht hatte, Intendant zu werden, und wird zur Intendantin gewählt - obwohl sie keiner Partei angehört.
Jetzt will Piel einiges verändern. "Ich krempele die Dinge gerne einmal um", sagt sie. Der WDR solle mit der digitalen Entwicklung Schritt halten und das öffentlich-rechtliche Profil schärfen. So will sie sich dafür einsetzen, über das Sponsoring nach 20 Uhr in der ARD nachzudenken, es vielleicht sogar abschaffen. Man müsse aber auch aufpassen, dass die Öffentlich-Rechtlichen nicht in eine Nische gedrängt würden. "Wir können nicht nur das anbieten, was keiner mehr als Geschäftsmodell sieht", sagt Piel. "Sonst übertragen wir irgendwann nur noch Sinfoniekonzerte." Die Gebühren, deren Höhe sie verteidigt, vergleicht sie mit Backwaren. "Ich bezahle 56 Cent Gebühren am Tag. Das reicht nicht für meine zwei Körnerbrötchen, die ich täglich esse. Und Radio und Fernsehen sind auch Grundnahrungsmittel." Dem WDR könnte Piels Zielstrebigkeit und Direktheit guttun, gilt er doch vielen als betuliche, unbewegliche Behörde. Piel sieht das anders: "Wer sagt, dass der WDR eine Behörde ist, der hat nie in einer Behörde gearbeitet." Sie muss es wissen.
Zur Person:
-Monika Piel wird 1951 in Bensberg im Bergischen Land geboren. Mit 13 Jahren beginnt sie eine Verwaltungslehre am Bensberger Gericht und macht nebenher ihr Fachabitur
-Anschließend studiert sie an der Fachhochschule Köln Betriebswirtschaftslehre, später an der Universität Köln Jura und Orientalistik und sammelt erste Erfahrungen im WDR
-1977 wird sie Assistentin beim Journalisten Werner Höfer. 1978 steigt sie nach einem Kurzvolontariat bei WDR 2 ein, wird Redakteurin, Reporterin, Korrespondentin und Moderatorin
-1996 wird sie Hörfunk-Chefredakteurin, 1997 Hörfunkdirektorin. Vom 1. April 2007 an ist sie als erste Frau Intendantin des WDR
Lisa Nienhaus Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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