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Michael Herrmann Beethoven statt Abitur

 ·  Einst flog er von der Schule, weil er zu viele andere Interessen hatte. Schon immer faszinierte Michael Herrmann klassische Musik. Deshalb hat er ein eigenes Festival im Rheingau gegründet. Von Lisa Becker

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Die letzten Töne von Gustav Mahlers zweiter Sinfonie sind gerade verklungen. In der Basilika des Kloster Eberbach im Rheingau herrscht vollkommene Stille - eine halbe Minute lang. Dann beginnen die ersten Zuhörer zu klatschen, nach und nach stimmen alle anderen ein. Das Klatschen wird lauter, das Publikum steht auf und bedenkt das HR-Sinfonieorchester mit einem tosenden Applaus, der fünf Minuten dauern wird. Währenddessen löst sich aus den ersten Reihen ein nicht allzu großer, elegant gekleideter Mann - dunkelblauer Anzug, rote Krawatte, rotes Einstecktuch -, eilt auf die Bühne und drückt dem Chefdirigenten und den beiden Sopranistinnen die Hand. Der Auftakt des diesjährigen Rheingau Musik Festival ist glänzend gelungen; sein Intendant Michael Herrmann hat allen Grund zur Freude.

Vor dem Konzert, mit dem das Festival eröffnet wurde, hatte Herrmann, wie er es bis Ende August noch vor vielen Konzerten tun wird, seine übliche kurze Ansprache gehalten: Er hatte die Prominenz begrüßt sowie die Sponsoren und Förderer gelobt. Was den meisten der gut 120.000 erwarteten Besuchern des Festivals nicht klar sein dürfte, ist, dass es dieses Sommerfestival, das zu den größten und renommiertesten in Europa gehört, ohne diesen Mann gar nicht gäbe. Denn das Rheingau Musik Festival ist keine staatliche, sondern eine privatwirtschaftliche Veranstaltung. Zum Budget von rund 7 Millionen Euro trägt der Staat 0,3 Prozent bei. Das Festival ist das Produkt der Rheingau Musik Festival Konzertgesellschaft mbh. Deren Geschäftsführer, wichtigster Gesellschafter und Gründer ist Herrmann. Schon vor 45 Jahren hatte er die Idee zu einem solchen Musikereignis in seiner Heimatregion. Gut 20 Jahre später verwirklichte er sie. Er ist der Vater des Festivals.

Zur Premiere ein Verlust von 200.000 DM

Zum ersten Mal schlich sich die Idee Mitte der sechziger Jahre in den Kopf des damals gut Zwanzigjährigen. Herrmann besuchte drei Jahre hintereinander das Pablo-Casals-Festival in Prades in den Pyrenäen, das nach dem spanischen Cellisten benannt ist. "Dort habe ich Kammermusik kennengelernt; die größten Künstler der Zeit sind aufgetreten", erinnert sich Herrmann. Und er dachte: "So etwas Tolles möchte ich bei mir auch machen, im Rheingau." Allerdings verstrichen gut zwanzig Jahre, bis Herrmann seinen Traum verwirklichte.

Die Anfänge waren nicht leicht. 1987 gründete er mit Freunden einen Verein, ein Jahr später sollte es die ersten Konzerte geben. Herrmann hatte 32 Konzerte geplant. "Der Vorstand hat mich Gott sei Dank auf 19 Konzerte reduziert." Wirtschaftlich waren auch diese ein Desaster; am Ende stand ein Verlust von weit mehr als 200.000 DM. "Ich dachte, wir sind pleite", sagt Herrmann. Seine Vereinsfreunde hatten jedoch die Idee, den Verlust auf das nächste Jahr vorzutragen und weiterzumachen. 1989 gab es dann schon 30 Sommerkonzerte im Rheingau; heuer sind es 150. Seit 15 Jahren sind die Konzerte im Schnitt zu 90 Prozent gebucht.

2000 Stühle im VW-Bus rangekarrt

Ins Kultusministerium ist Herrmann in der Anfangszeit auch gegangen; dort hatte man aber kein Geld für seine Idee übrig. Man empfahl ihm, ein Festival in der Nähe der Zonengrenze zu veranstalten und Zonenrandförderung zu beantragen. Herrmann schmunzelt. "Doch ich wollte ein Festival hier im Rheingau, einer Region mit 5 Millionen potentiellen Besuchern im Umkreis von 200 Kilometern." Herrmann ging auch auf Schloss Johannisberg zur Fürstin von Metternich und bat um Geld oder Räume. Im Schloss gab es einen großen Raum; der war allerdings asphaltiert, die Fürstin und ihr Mann spielten dort Tennis. Die Akustik schien nicht besonders gut zu sein; doch Herrmann wollte es trotzdem versuchen. "Als wir im ersten Jahr dort spielten, standen die Pfosten vom Tennisnetz noch da. Und es ging eigentlich sehr gut", erzählt Herrmann. Heute sei der Fürst-von-Metternich-Saal ein wunderschöner Kammermusiksaal. In ihm finden rund 30 Festivalkonzerte statt.

Heute muss Herrmann auch keine Stühle mehr schleppen. "Wie im ersten Jahr, als ich alles allein gemacht habe." Zwei Tage lang hat er Stühle ins Kloster Eberbach transportiert. In den VW-Bus passten immer nur 8 Stühle rein; 2000 musste er herankarren. Diese Geschichten verraten viel über Michael Herrmann. Er wartet nicht darauf, dass andere ihm helfen. Er geht auf andere zu und hilft sich selbst. Herrmann ist ein großer Kommunikator, der bestens vernetzt ist in der Welt der Künstler, der Politiker, der Wirtschaft und des wohlhabenden Bürgertums. Er kann viele dafür gewinnen, sein Festival zu unterstützen. 3300 Mitglieder zählt der Förderverein, fast 180 Unternehmen sponsern das große Musikereignis. Mit ihnen ist Herrmann ständig in Kontakt, drei bis vier Sponsorengespräche am Tag sind der Normalfall.

Als guter Schüler weniger erreicht

Man kann sich gut vorstellen, dass er dabei ankommt. Der 66-Jährige tritt freundlich und unprätentiös auf. Auch wenn sich das Gespräch um ihn dreht, versäumt er es nicht, seiner Gesprächspartnerin am Ende noch ein paar persönliche Fragen zu stellen. Dabei vermittelt er das Gefühl von wirklichem Interesse. Ist er stolz auf sein Lebenswerk? Das Wort "stolz" will ihm nicht so recht über die Lippen kommen. Zufrieden sei er mit dem Erreichten. Außerdem freue er sich, dass seine Mitarbeiter, 13 festangestellte sind es derzeit, lange bei ihm blieben; das wertet er als gutes Zeichen für seine Arbeit. "Und diejenigen, die weggegangen sind, haben Karriere gemacht", sagt er nun doch ein wenig stolz. Auch findet er es völlig in Ordnung, dass Leben und Arbeit eins sind. "Es macht einfach Spaß."

Selbstbewusst, wie er ist, hat Herrmann keine Schwierigkeiten, über die dunklen Kapitel seiner Bildungsbiographie zu berichten. Seiner glanzlosen Schulzeit kann er sogar einiges abgewinnen. "Wenn ich ein guter Schüler gewesen wäre, dann würde das alles hier nicht existieren." Dann wäre er womöglich Jurist, Lehrer oder Bankkaufmann geworden, sagt er. Das hätte er aus heutiger Sicht langweilig gefunden.

Vom Gesangsuntericht nach Gran Canaria

Dass seine erfolglose Schullaufbahn nicht in ein erfolgloses Berufsleben mündete, lag wohl daran, dass Herrmann starke Interessen hatte, die er konsequent verfolgte. Doch zunächst waren sie dafür verantwortlich, dass er vom Gymnasium flog. Denn er interessierte sich für ganz andere Dinge als für den Schulstoff. "Ich habe Jugendarbeit gemacht, war bei den Pfadfindern und Messdiener." Obwohl er nicht aus einem musikinteressierten Elternhaus stammte, entdeckte er schon im Kindesalter seine Liebe zur Musik. Später besuchte er dann gemeinsam mit einem Freund so viele Konzerte, wie sie nur schafften. Da sei man schon mal nach München getrampt, erinnert er sich. Auch las er viel und ging gerne ins Theater. Dorthin ging er später freilich auch während der Arbeitszeit, als er eine Buchhändlerlehre machte. "Ich hatte meine Interessen, und die stimmten nicht unbedingt mit dem überein, was ich in der Schule und im Beruf tat", resümiert Herrmann.

Gesungen hat Herrmann auch gerne. Er strebte sogar eine berufliche Karriere als Sänger an. "Doch als ich merkte, dass ich nicht singen konnte wie Fischer-Dieskau, habe ich aufgehört", sagt er. Weil die Gesangkarriere damit zu Ende war und weil eine Existenz als Buchhändler ihm wenig abwechslungsreich erschien, ging er 1972 ins Ausland, auf die Urlaubsinsel Gran Canaria. Dort arbeitete er für eine Urbanisationsfirma, die Urlaubshäuser verwaltete. Zu Herrmanns Aufgaben gehörte die Betreuung berühmter Urlaubsgäste. So lernte er den Dirigenten Christoph Eschenbach, den Pianisten Justus Frantz, den Bankier Jürgen Ponto, den Politiker Helmut Schmidt, den Schauspieler Will Quadflieg und den Komponisten Leonard Bernstein kennen. In diesen Kreisen fasste Herrmann rasch Fuß, es blieb oft nicht bei einem distanzierten Verhältnis. "Mit Leonard Bernstein war ich bis zu seinem Tod befreundet", sagt Herrmann und es klingt ganz selbstverständlich. "Bei mir zu Hause am Klavier hat er uns einmal den ganzen Rosenkavalier erklärt und gespielt." Mit diesen Kontakten im Rücken fiel es Herrmann, dann Mitte der achtziger Jahre leicht, seine erste eigene Konzertagentur zu gründen. Wohin dieser Entschluss führte, ist in diesen Wochen im Rheingau zu besichtigen.

Doch welchen Rat gibt Herrmann angesichts seines eigenen Weges seinem neunjährigen Sohn? "Er soll schön in der Schule lernen und Abitur machen", sagt er. Müsste er ihm nicht raten, faul in der Schule zu sein, damit er nicht als Bankkaufmann oder Anwalt endet? "Es kann ja nicht jeder so handeln wie ich", räumt Herrmann ein, "das ist auch nicht so leicht."

Zur Person:

-Michael Herrmann wird am 4. Februar 1944 in Wiesbaden geboren.

-Das Gymnasium verlässt er vorzeitig. Er macht eine Buchhändlerlehre.

-1972 geht er für zehn Jahre nach Gran Canaria. Dort lernt er berühmte Künstler kennen.

-1987 gründet er mit Freunden einen Verein, um im Rheingau ein Musikfestival zu veranstalten. Heute ist das Rheingau Musik Festival eines der größten und bekanntesten Musikfestivals in Europa.

-Herrmann hat zwei erwachsene Töchter und einen neunjährigen Sohn. Er lebt im Rheingau: in einem Weinberg mit Blick auf Schloss Johannisberg.

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