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Michael Diekmann : Von Büchern zu Policen

Würden Sie Michael Diekmann einen Reiseführer abkaufen? Oder lieber eine Versicherung? Bild: F.A.Z. - Andreas Müller

Am Anfang studiert er Philosophie auf Lehramt, dann will er Richter werden. Doch stattdessen gründet er einen Buchverlag. Erst mit 34 Jahren hat er seinen Weg gefunden und geht zur Allianz. Heute ist er der Chef.

          Würde Michael Diekmann heute noch Michael Diekmann einstellen? Man muss sich dazu ein Bewerbungsgespräch vorstellen, dass es so nie gegeben hat: Die Münchner Allianz-Zentrale am Englischen Garten, vierter Stock, Vorstandsetage. Auf der einen Seite des Schreibtisches sitzt ein großgewachsener Mann, Anfang fünfzig, braungebrannt, kantiges Kinn – der Vorstandsvorsitzende des größten deutschen Versicherungskonzerns. Kühl-intellektuell, sehr bestimmt, lässiges Selbstbewusstsein. Wenig Charisma, viel Autorität. Wenn er den Mund aufmacht, lässt er keinen Zweifel daran, dass hier der Chef spricht.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Ihm gegenüber sitzt ein junger Mann. Der Bewerber ist schon deutlich über dreißig. Er hat schon alles Mögliche gemacht, aber als Angestellter gearbeitet hat er noch nie. Er hat neun Jahre studiert, zuerst Philosophie, dann Jura – abgeschlossen mit Prädikatsexamen. Er ist gerne auf Reisen und hat viel von der Welt gesehen. Er hat sich mit einem kleinen Buchverlag selbständig gemacht, hat Frau und ein kleines Kind, übt jeden Tag Karate. Das gibt ihm Gelassenheit. Der Bewerber hat keine Ahnung von Versicherungen, aber er will bei der Allianz Karriere machen. Wenn man ihn fragt, warum gerade da, antwortet er, weil es in seiner Kindheit einen Allianz-Vertreter in der Nachbarschaft gegeben habe und der eine Respektsperson gewesen sei.

          Ein ziemlich steiler Aufstieg

          Auf beiden Seiten des Tisches sitzt derselbe Mann: Michael Diekmann. Dazwischen liegen 19 Jahre und ein ziemlich steiler Aufstieg. Im Zeitraffer ging der so: Der Exot aus der Buchbranche bekommt damals, 1988, seine Chance bei der Allianz, als er sich für die Stelle eines Assistenten des Niederlassungsleiters in Hamburg bewirbt. Es ist, als hätte er nach langer Suche seinen Weg gefunden. Drei Jahre später ist er Vertriebsleiter in Hannover, später in Köln. 1996 schickt ihn die Allianz nach Singapur, um das Asien-Geschäft aufzubauen. Er wollte immer im Ausland arbeiten, und die neue Aufgabe ist eine große Karriere-Chance. Diekmann nutzt sie. Seit 1998 sitzt er im Vorstand. Im Frühjahr 2003 wird er Allianz-Chef. Eine Bilderbuchkarriere.

          Die Frage ist nur, ob es solche Geschichten noch gibt. Würde Michael Diekmann einen Quereinsteiger, wie er damals selbst einer war, heute noch einstellen? Der Allianz-Chef kann schlecht mit „Nein“ antworten, und so sagt er: „Das kommt auf den Bereich an.“ Ja, das Unternehmen suche auch heute noch Mitarbeiter, die „soziale Kompetenzen“ mitbrächten, so wie damals Diekmann als Selbständiger. Andererseits hätten sich die Zeiten geändert: „Heute sind die Lebensläufe stromlinienförmiger.“ Die Berufsanfänger bringen viel mehr Fachwissen mit. Kein Studium im Ausland vorweisen zu können, das ist heute ein Nachteil. Diekmann dagegen hat 18 Semester lang in Deutschland studiert. Und das Alter? Wäre er mit 34 Jahren heute nicht zu alt für eine Manager-Laufbahn bei der Allianz? „Nein, nicht wenn Sie beim Gehalt bereit sind, niedriger einzusteigen, eben auf dem Niveau eines Berufsanfängers.“

          Sein Selbstvertrauen macht Eindruck

          Als der Versicherungsanfänger Michael Diekmann 1988 seine erste Allianz-Stelle antritt, ist sein Gehalt höher. Er hat gut verhandelt, will sich nicht unter Wert verkaufen. Sein Jura-Examen ist überdurchschnittlich, er bringt Erfahrung als Unternehmer mit. Sein Selbstvertrauen macht Eindruck. „Es war sehr, sehr gut, dass ich später zur Allianz gekommen bin und vorher schon etwas anderes gesehen hatte“, sagt er noch heute. „Man wird ernster genommen, wenn man schon Erfahrung einbringen kann und nicht nur seine Arbeitskraft.“

          Das Ego des Neulings bei der Allianz wird auch nicht dadurch angekratzt, dass ihm seine unternehmerischen Gehversuche zuvor nicht den großen Erfolg gebracht haben. An Enthusiasmus hat es dem Kleinverleger Michael Diekmann nicht gefehlt. In seiner Zeit in der Buchbranche arbeiten er und sein Jugendfreund, mit dem er das auf Reiseliteratur spezialisierte Unternehmen gegründet hat, 16, 17 Stunden am Tag. Doch die Diekmann/Thieme GbR ist zu klein, um mit den Großen mithalten zu können. Wenn die beiden mit einem Titel eine Marktnische aufgetan haben, ziehen die Großen rasch nach, und der Vorsprung ist dahin. Der Druck ist groß. „Das nächste Buch musste immer ein Erfolg sein, damit der Unterhalt gesichert war“, erinnert sich Diekmann. In den späten achtziger Jahren, er ist mittlerweile 34, will seine Frau eine Veränderung. Die Stellenanzeige der Allianz in Hamburg kommt zur richtigen Zeit.

          Es klingt nach Sponti-Unternehmertum

          Es klingt ein bisschen nach Sponti-Unternehmertum, wenn der Allianz-Chef von früher erzählt. Und nach zähem Durchhalten: Fünf Jahre lang haben die Jungverleger gekämpft. Den Willen zur Selbstbehauptung hat Diekmann von daheim mitbekommen. Er hat zwar eine Kindheit in gutsituierten bürgerlichen Verhältnissen hinter sich. Aber sein Vater ist Mittelständler, hat im westfälischen Bad Salzuflen ein Bauunternehmen mit rund hundert Beschäftigten. Es sind die sechziger Jahre, und der Vater muss sich abstrampeln, damit sich das Unternehmen am Markt behaupten kann. Der Wettbewerb sei „knallhart“ gewesen, sagt der Sohn heute. Der Familienbetrieb ist fester Bestandteil von Diekmanns Kindheitserinnerungen. Jedes Wochenende hat er mit dem Vater die Baustellen abgeklappert, um nach dem Rechten zu sehen. „Sehr geprägt“ hätten ihn diese Eindrücke, sagt der Allianz-Chef.

          Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der Erfahrungen in der Kindheit hat er nach dem Abitur zunächst andere Lebenspläne. Er will Lehrer werden. Zum Studium geht er nach Göttingen. Die Universitätsstadt ist damals ein Zentrum der linken Studentenbewegung. Der Unternehmersohn Diekmann taucht ein in die neue Welt, aber er wird immer unzufriedener mit seinen Fächern – Philosophie und Kunstgeschichte. „Das wurde mir zu verschwommen, war mir zu sehr Debattierclub“, beschreibt er heute sein Unbehagen aus jener Zeit. „Ich hätte mir gut vorstellen können, als Lehrer zu arbeiten.“ Aber die Berufsaussichten sind ihm zu schlecht. Die Lehrer wurden damals alle Taxifahrer. Diekmann nicht. Er muss schon damals anders gewesen sein, entschlossener, zielstrebiger, ehrgeiziger.

          Wenn der Allianz-Chef heute, mit 52 Jahren, über seine jugendliche Suche nach dem Platz im Leben spricht, klingt es, als rede er von einer Investitionsentscheidung: Er habe Wunsch und Wirklichkeit abgeglichen, sagt Diekmann. Die Gleichung für die Pädagogik geht damals nicht mehr auf, und er zieht die Konsequenzen. Doch er steuert vorerst weiter eine Existenz im Staatsdienst an. Er sattelt um auf Jura. Eine Beamtenstelle als Richter oder Staatsanwalt, das kann er sich jetzt gut vorstellen. Es kommt dann doch anders.

          Jetzt muss er sich nur noch oben halten

          Dreißig Jahre später ist aus dem Jurastudenten ein Verlagskaufmann, aus dem Verlagskaufmann ein Versicherungsangestellter und aus dem Versicherungsangestellten der Vorstandschef des gemessen an der Börsenkapitalisierung größten deutschen Finanzkonzerns geworden. Kein anderes Unternehmen im Land hat vergangenes Jahr mehr Geld verdient als seine Allianz: sieben Milliarden Euro – nach Steuern. Diekmann sagt zu seinem Aufstieg, was Manager und Politiker meistens sagen: „Ich musste mich nie groß darum kümmern, was die nächste Station sein würde. Das kam immer auf mich zu.“

          Heute geht es für ihn nicht mehr weiter nach oben, sondern darum, sich oben zu halten. Und er sagt, wie fast alle Mächtigen, er könnte auch gut auf die Macht verzichten. „Was ich mir nicht vorstellen kann, wäre ein Leben, ohne gestalten zu können, aber ich könnte mich zum Beispiel auch als Förster oder Gärtner verwirklichen.“ Die Realität freilich sieht anders aus. Michael Diekmann ist ein harter Arbeiter im Garten der Allianz. Zwölf Stunden – von acht bis acht – sind das normale Pensum. Er hat eine neue Unruhe in den behäbigen Konzern gebracht, baut die Allianz radikal um, streicht Tausende Stellen.

          Statt Karate macht er heute Gymnastik. 20 Minuten, jeden Morgen. Es sei seine Pflicht, sich fit zu halten, sagt Diekmann – wie ein Leistungssportler. Wie aufgesogen vom Unternehmen wirkt er. Sein Anspruch an sich selbst ist absolut. Welche Opfer muss man dem Ehrgeiz bringen? „Die Firma kommt immer vor allem anderen, es kann keine anderen Prioritäten geben.“ Er sagt das, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern.

          Zur Person

          • Michael Diekmann wird 1954 in Bielefeld geboren. Er hat einen Zwillingsbruder und eine Schwester.
          • Er wächst auf in Bad Salzuflen. Mit zehn Jahren kommt er ins Internat.
          • 1973 beginnt er mit dem Studium, zuerst Philosophie und Kunstgeschichte auf Lehramt. Später wechselt er zu Jura.
          • 1983 gründet er mit einem Jugendfreund einen auf Reiseliteratur spezialisierten Verlag.
          • 1988 geht er zur Allianz als Assistent des Niederlassungsleiters in Hamburg. Es folgen Stationen als Vertriebsleiter in Hannover und Köln, von 1996 an baut er das Asien-Geschäft auf.
          • Seit 1998 sitzt Diekmann im Vorstand der Allianz, im Frühjahr 2003 wird er Vorstandschef. Diekmann ist Oldtimer-Fan.

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