Knarzendes Eichenparkett, hohe Decken, Designerstühle – Mehmet Daimagüler arbeitet in einem schönen Altbau in Berlin, nur wenige hundert Meter vom Kurfürstendamm entfernt. Die großzügigen Räume der Anwaltskanzlei bieten Platz für acht Partner, deren Porträts im Konferenzraum hängen. Daimagülers Gesicht ist verwischt. „Man kann mich nicht gut erkennen“, sagt der Vierundvierzigjährige, der freilich mehr von seinem Leben preisgibt als viele andere Menschen.
Viele, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, würden nur eine Geschichte über sich erzählen: die des Sohnes türkischer Gastarbeiter, der einen Aufstieg durch Bildung hingelegt hat, wie ihn kaum jemand in Deutschland schafft. Daimagüler berichtet nur zurückhaltend von seinen Erfolgen. Er habe viel Glück gehabt, sagt er – und erzählt noch eine ganz andere Geschichte: wie schwierig es war, in zwei Welten aufzuwachsen, die kaum miteinander zu vereinbaren sind – wie stark er unter Zerrissenheit, Schwermut, Wut und Ängsten gelitten hat.
Über sein Aufwachsen in verschiedenen Welten hat er ein Buch geschrieben. „Ich hatte keine Lust mehr auf das Klischee des Gastarbeiterjungen, der es bis nach Harvard geschafft hat, auf diese Äußerlichkeiten, die eigentlich nichts über ein Leben sagen“, erklärt er. Seit er es geschrieben hat, fühlt er sich besser: „Man wird stärker, wenn man sich mit seinen Schwächen auseinandersetzt.“
„Meine Eltern hätten mir nie bei den Hausaufgaben helfen können“
Als Mehmet Gürcan Daimagüler 1968 in Siegen geboren wurde, war es, statistisch gesehen, höchst unwahrscheinlich, dass er einmal als promovierter Jurist eine Anwaltskanzlei mitgründen würde. Er stammt aus einem Elternhaus, das man gemeinhin als bildungsfern bezeichnet, was aber – wie in seinem Fall – ein zu pauschales Urteil sein kann.
Seine Eltern kamen in den sechziger Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland. „Meinen Eltern war Bildung sehr wichtig“, sagt Daimagüler. „Doch sie kamen aus bildungsfernen Schichten und hatten keine Chance auf eine formale Ausbildung gehabt.“ Vater und Mutter konnten weder richtig Deutsch, noch verstanden sie das Schulsystem. „Sie hätten mir nie bei den Hausaufgaben helfen können.“ Die Diskrepanz zwischen Wollen und Können sei groß gewesen.
Zum Glück gab es „Oma“ Phillipine
Ohne die resolute ältere Frau, die im selben Haus wohnte, wäre Daimagülers Weg womöglich schlechter verlaufen. Sie schritt zum Beispiel ein, als der schüchterne Mehmet zu Beginn seiner Grundschulzeit im Unterricht nicht sprechen wollte und der Klassenlehrer empfahl, ihn auf die Sonderschule zu schicken.
„Die Oma marschierte zur Schule und machte ordentlich Rabatz“, erinnert sich Daimagüler. Der Lehrer zog seine Entscheidung zurück. In der Schule gehörte er fortan zu den Guten. „Weil ich sehr gerne las.“ Er verschlang alles, was ihm in die Hände kam: die Salamander-Comics aus dem Schuhgeschäft genauso wie die Knax-Hefte der Sparkasse. In der Bücherei lieh er zwischen fünf und zehn Bücher in der Woche.
Obwohl er gut in der Grundschule war, bekam er nur eine Empfehlung für die Hauptschule. Die sei dann aber „gar nicht so verkehrt“ gewesen. „Ich habe dort tolle Lehrer gehabt. Einige haben gesagt, dass ich es schaffen kann.“ Es folgte die Aufbau-Realschule, die er als Jahrgangsbester abschloss. Das Gymnasium sei dann „ein Spaziergang“ gewesen. Er machte ein gutes Abitur. „Ich war der einzige Türke in unserer Stufe, und nur ich hatte eine Eins in Deutsch“, erzählt er nun doch ein wenig stolz.
Nach außen hin lebte er in einer heilen Welt
Hört sich gut an – wäre da nicht sein Doppelleben gewesen. „In der Schule lief es gut, zu Hause waren die Verhältnisse bedrohlich.“ Der Vater war früh gestorben, die Mutter litt unter Depressionen. Seinen Klassenkameraden verschwieg er diese prekären Verhältnisse. Und er entwickelte ein Ohr dafür, was normal war. So merkte er sich die Geschichten, die andere von zu Hause erzählten, und dachte sich ähnliche aus: zum Beispiel, dass sich seine Familie überlege, einen Hund zu kaufen, über die Rasse aber noch unentschieden sei. „Mein fiktives Leben erforderte sehr viel Disziplin.“
Was Daimagüler in dieser Zeit auch entwickelte, war ein starker Wille zum Aufstieg. „Meine Mutter hat immer gesagt, dass ich besser sein muss als die Deutschen, wenn ich es in Deutschland schaffen will.“ Das hat er beherzigt: „Noch nie habe ich etwas nicht geschafft, was ich wirklich schaffen wollte.“ Von dieser Antriebskraft profitierten heute seine Mandanten. „Sie können sich auf meinen bedingungslosen Einsatz verlassen.“
„Die Universität empfand ich als großen Süßigkeitsladen“
Nach dem Abitur ging es mit Volldampf weiter. Zunächst studierte er Jura in Bonn. „Ich wollte ein geregeltes Einkommen haben und ein Haus. Jeden Morgen die Tageszeitung im Briefkasten, eine nette Frau und ein paar wohlgeratene Kinder am Frühstückstisch.“ Nach vier Semestern hatte er alle Scheine und schaute sich woanders um: Er studierte Volkswirtschaft bis zum Vordiplom, machte Scheine in Romanistik und Philosophie und besuchte Kurse in Aktzeichnen, Fechten und Rudern. „Die Universität empfand ich als großen Süßigkeitsladen.“
Außerdem wurde er „Zweiter Hilfsassistent“ des damaligen stellvertretenden FDP-Bundesvorsitzenden Gerhart Baum. Damit war er der erste türkische Assistent im Deutschen Bundestag. Ab 1990 leitete er dann das Büro von Wolfgang Kubicki und war mit 22 Jahren der jüngste Büroleiter im Bundestag - und der erste Türke. Mit dem FDP-Politiker ging er später nach Schleswig-Holstein.
Nach dem Ersten Staatsexamen wurde er Rechtsreferendar in Siegen. Zurück in der Heimat, machte er eine verblüffende Erfahrung: „Ich hatte vergessen, wie ich war, wer ich war. Ich hatte so viel Zeit damit verbracht, mein neues Ich zu konstruieren, dass die Erinnerung an meine Kindheit und mein altes Ich verblasst waren.“ Er fühlte sich verunsichert. „Erneut schwankte ich zwischen Identitäten und Charakteren.“
Er wollte ein Leben, das besser ist als es ihm alle zugetraut hatten
Beruflich und gesellschaftlich ging es mit ihm freilich weiterhin nur aufwärts. Auf Vorschlag von Ignatz Bubis wurde er „Young Leader“ bei der Atlantik-Brücke, einem vornehmen Verein zur Stärkung des deutsch-amerikanischen Verhältnisses. Mitte der neunziger Jahre suchte der FDP-Abgeordnete Burkhard Hirsch einen Mitarbeiter – und Daimagüler hatte wieder eine Stelle im Bundestag.
Nach dem Zweiten Staatsexamen zog es ihn nach Berlin. Und er wollte in die Wirtschaft. „Vielleicht war das auch ein unbewusster Reflex auf meine Kindheit: ein Leben zu führen, das so ganz anders wäre als das Leben, das andere für mich vorgesehen hatten.“ Daimagüler heuerte bei der Boston Consulting Group an, einer Unternehmensberatung. Dort habe er in dreieinhalb Jahren viel gelernt.
Immer auf der Suche nach neuem Wissen
In dieser Zeit wurde er auch in den Bundesvorstand der FDP gewählt. In die liberale Partei war er zuvor unter anderem eingetreten, weil ihm die politischen Standpunkte von Gerhart Baum gefielen, vor allem dessen Einsatz für die Bürgerrechte. Im Laufe der Jahre entfremdete sich Daimagüler jedoch von der FDP, auch weil sie seiner Meinung nach die Integrationspolitik vernachlässigte. 2005 wurde er nicht mehr in den Bundesvorstand gewählt. 2008 trat er aus der Partei aus.
Daimagüler war wieder auf der Suche nach neuem Wissen: So ging er nach Harvard und machte einen Master of Public Administration. „Zum ersten Mal habe ich nicht gearbeitet und ein richtiges Studentenleben geführt“, erzählt er. An der Elitehochschule habe er sich sehr wohl gefühlt. „Unter 60 Prozent Ausländern war ich kein Exot mehr.“ Außerdem sei er endlich als Deutscher betrachtet worden.
Nach Harvard ging er als „World Fellow“ an die Yale University: Ein Semester lang konnte er an der Elitehochschule unterrichten und gleichzeitig studieren. Wieder probierte er sich auf einem neuen Feld aus: An der Yale School of Drama, der renommiertesten Film- und Kunsthochschule der Vereinigten Staaten, belegte er Kurse in „TV Script Writing“. „Ich wollte machen, was ich noch nie in meinem Leben gemacht habe und nie wieder machen würde.“
Gefragter Anwalt in deutsch-türkischen Belangen, Absolvent von Harvard und Yale, „Young Leader“ der Atlantik-Brücke und später noch „Global Young Leader“ des Weltwirtschaftsforums – Daimagüler hat viel erreicht. Auch innerlich sei er vorangekommen, sagt er. „Ich versuche nicht mehr dazuzugehören, indem ich so tue als ob.“ Inzwischen wisse er vieles aus seiner Vergangenheit zu schätzen. „Mein Elternhaus, in dem Bildung hochgehalten wurde, meine Geschwister, die mich unterstützt haben, meine Kindheit auf dem Land, meine multikulturelle Herkunft – und dass ich mich nie habe unterkriegen lassen.“
Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...
... einem Plausch mit dem Zeitungsmann.
Die Zeit vergesse ich ...
... ganz selten.
Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...
... muss verstehen, dass das Recht kein Geschäft ist.
Erfolge feiere ich ...
... selten und wenn doch, dann mit einem schönen Glas Kölsch.
Es bringt mich auf die Palme, ...
... wenn sich Leute unnötig aufregen.
Mit 18 Jahren wollte ich ...
... raus aus Niederschelden und hinein in die Welt.
Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...
... Niederländisch lernen.
Geld macht mich ...
... nur glücklich, wenn ich es nicht brauche.
Rat suche ich ...
... bei meiner Familie und meinen Freunden.
Familie und Beruf sind ...
... in meinem Fall ein und dasselbe. Haha.
Den Kindern rate ich, ...
... sich von niemandem einreden zu lassen, dass sie es nicht schaffen können, dass sie weniger wert sind als andere oder dass Träume Träume bleiben müssen.
Mein Weg führt mich ...
... weiter, immer weiter, denn der Weg ist das Ziel.
Zur Person
Mehmet Daimagüler wird 1968 geboren. Seine Kindheit verbringt er in einem Dorf bei Siegen. Die Eltern kamen als Gastarbeiter nach Deutschland.
Er studiert Jura in Bonn und macht einen Master in Public Administration an der Harvard University. An der Universität Witten-Herdecke wird er promoviert.
Er ist „Young Fellow“ der Atlantik-Brücke und „Global Young Leader“ des Weltwirtschaftsforums. Von 1999 bis 2005 gehört er dem Bundesvorstand der FDP an.
Seit 2005 ist er Partner in einer Berliner Rechtsanwaltskanzlei.
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