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Mehmet Daimagüler Ein Traum von Integration

Von der Hauptschule nach Harvard – Mehmet Daimagüler ist der Vorzeige-Migrant schlechthin. Doch sein Aufstieg war begleitet von Ängsten.

© Pein, Andreas Vergrößern Zum Glück gab es „Oma“ Phillipine: Ohne die resolute ältere Nachbarin wäre Mehmet Daimagülers Weg womöglich schlechter verlaufen.

Knarzendes Eichenparkett, hohe Decken, Designerstühle – Mehmet Daimagüler arbeitet in einem schönen Altbau in Berlin, nur wenige hundert Meter vom Kurfürstendamm entfernt. Die großzügigen Räume der Anwaltskanzlei bieten Platz für acht Partner, deren Porträts im Konferenzraum hängen. Daimagülers Gesicht ist verwischt. „Man kann mich nicht gut erkennen“, sagt der Vierundvierzigjährige, der freilich mehr von seinem Leben preisgibt als viele andere Menschen.

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Viele, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, würden nur eine Geschichte über sich erzählen: die des Sohnes türkischer Gastarbeiter, der einen Aufstieg durch Bildung hingelegt hat, wie ihn kaum jemand in Deutschland schafft. Daimagüler berichtet nur zurückhaltend von seinen Erfolgen. Er habe viel Glück gehabt, sagt er – und erzählt noch eine ganz andere Geschichte: wie schwierig es war, in zwei Welten aufzuwachsen, die kaum miteinander zu vereinbaren sind – wie stark er unter Zerrissenheit, Schwermut, Wut und Ängsten gelitten hat.

Über sein Aufwachsen in verschiedenen Welten hat er ein Buch geschrieben. „Ich hatte keine Lust mehr auf das Klischee des Gastarbeiterjungen, der es bis nach Harvard geschafft hat, auf diese Äußerlichkeiten, die eigentlich nichts über ein Leben sagen“, erklärt er. Seit er es geschrieben hat, fühlt er sich besser: „Man wird stärker, wenn man sich mit seinen Schwächen auseinandersetzt.“

„Meine Eltern hätten mir nie bei den Hausaufgaben helfen können“

Als Mehmet Gürcan Daimagüler 1968 in Siegen geboren wurde, war es, statistisch gesehen, höchst unwahrscheinlich, dass er einmal als promovierter Jurist eine Anwaltskanzlei mitgründen würde. Er stammt aus einem Elternhaus, das man gemeinhin als bildungsfern bezeichnet, was aber – wie in seinem Fall – ein zu pauschales Urteil sein kann.

Seine Eltern kamen in den sechziger Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland. „Meinen Eltern war Bildung sehr wichtig“, sagt Daimagüler. „Doch sie kamen aus bildungsfernen Schichten und hatten keine Chance auf eine formale Ausbildung gehabt.“ Vater und Mutter konnten weder richtig Deutsch, noch verstanden sie das Schulsystem. „Sie hätten mir nie bei den Hausaufgaben helfen können.“ Die Diskrepanz zwischen Wollen und Können sei groß gewesen.

Zum Glück gab es „Oma“ Phillipine

Ohne die resolute ältere Frau, die im selben Haus wohnte, wäre Daimagülers Weg womöglich schlechter verlaufen. Sie schritt zum Beispiel ein, als der schüchterne Mehmet zu Beginn seiner Grundschulzeit im Unterricht nicht sprechen wollte und der Klassenlehrer empfahl, ihn auf die Sonderschule zu schicken.

„Die Oma marschierte zur Schule und machte ordentlich Rabatz“, erinnert sich Daimagüler. Der Lehrer zog seine Entscheidung zurück. In der Schule gehörte er fortan zu den Guten. „Weil ich sehr gerne las.“ Er verschlang alles, was ihm in die Hände kam: die Salamander-Comics aus dem Schuhgeschäft genauso wie die Knax-Hefte der Sparkasse. In der Bücherei lieh er zwischen fünf und zehn Bücher in der Woche.

Obwohl er gut in der Grundschule war, bekam er nur eine Empfehlung für die Hauptschule. Die sei dann aber „gar nicht so verkehrt“ gewesen. „Ich habe dort tolle Lehrer gehabt. Einige haben gesagt, dass ich es schaffen kann.“ Es folgte die Aufbau-Realschule, die er als Jahrgangsbester abschloss. Das Gymnasium sei dann „ein Spaziergang“ gewesen. Er machte ein gutes Abitur. „Ich war der einzige Türke in unserer Stufe, und nur ich hatte eine Eins in Deutsch“, erzählt er nun doch ein wenig stolz.

Nach außen hin lebte er in einer heilen Welt

Hört sich gut an – wäre da nicht sein Doppelleben gewesen. „In der Schule lief es gut, zu Hause waren die Verhältnisse bedrohlich.“ Der Vater war früh gestorben, die Mutter litt unter Depressionen. Seinen Klassenkameraden verschwieg er diese prekären Verhältnisse. Und er entwickelte ein Ohr dafür, was normal war. So merkte er sich die Geschichten, die andere von zu Hause erzählten, und dachte sich ähnliche aus: zum Beispiel, dass sich seine Familie überlege, einen Hund zu kaufen, über die Rasse aber noch unentschieden sei. „Mein fiktives Leben erforderte sehr viel Disziplin.“

Was Daimagüler in dieser Zeit auch entwickelte, war ein starker Wille zum Aufstieg. „Meine Mutter hat immer gesagt, dass ich besser sein muss als die Deutschen, wenn ich es in Deutschland schaffen will.“ Das hat er beherzigt: „Noch nie habe ich etwas nicht geschafft, was ich wirklich schaffen wollte.“ Von dieser Antriebskraft profitierten heute seine Mandanten. „Sie können sich auf meinen bedingungslosen Einsatz verlassen.“

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Veröffentlicht: 07.05.2012, 09:53 Uhr