Es ist Punkt 11 Uhr, als Mechthild Dyckmans mit einer Mischung aus Professionalität und Eleganz mit ihrem silbernen Dienstwagen vor der Drogenberatungsstelle in der Leipziger Innenstadt zum Stehen kommt. Sie steigt aus, korrigiert den Sitz ihres grünen Seidenschals und geht dann strahlend auf die bunt zusammengewürfelte Gruppe von Drogenberatern zu, die vor der Tür schon aufgeregt warten. Herzlich schüttelt sie die Hände, während die Mitarbeiter der „Drug Scouts“ etwas nervös und verlegen ihren auffällig bemalten Laden präsentieren. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung ist wohl das ranghöchste Regierungsmitglied, das je den Weg in die Beratungsstelle gefunden hat. Sie ruft begeistert: „Haben Sie es aber schick hier!“, und klatscht in die Hände. „Schick“ mögen die Sozialarbeiter nicht im Sinn gehabt haben, doch die Bemerkung verfehlt ihre Wirkung nicht: Die nervöse Anspannung legt sich.
Wenig später sitzt Dyckmans kerzengerade in cremefarbenem Kostüm und Seidenbluse auf dem dunkelroten Kunstledersofa, das seine besten Tage schon lange hinter sich hat, ignoriert die Schokobonbons, greift in die Schüssel mit den Apfelscheiben und redet so kenntnisreich über die neue hochgefährliche Partydroge Crystal, als hätte sie ein Zweitstudium über illegalen Drogenkonsum absolviert. Vor ihr versinken die drei hauptamtlichen und drei ehrenamtlichen Mitarbeiter der Beratungsstelle in den braunen ausgeleierten Plüschsofas und schildern ihre Erfahrungen mit Abhängigen und Gelegenheitsnutzern.
Mütterliche Aura
Schnell ist klar: Zu Nervosität besteht überhaupt kein Anlass. Mechthild Dyckmans gehört zu den wenigen Politikern in Berlin, die mit ungewöhnlich liebevollen Attributen charakterisiert werden, sobald das Gespräch auf sie kommt. Juristen, die sie noch aus ihrer Zeit als justizpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion kennen, beschreiben sie schlicht als „herzig“. Aber in der Sache, so heißt es, zeige sie knallharte Kante. Eine geradezu mütterliche Aura prägt ihre Auftritte. Das mag an ihrer Lebenserfahrung liegen. Aber es ist gewiss auch ihre Optik: Mechthild Dyckmans mag noch so formell auftreten, ihre Grübchen und ihre Lachfalten sprechen eine andere Sprache.
Mit 61 Jahren versucht sie sich gar nicht erst als Berufsjugendliche, zum Affen in Jeans und Pullover dürfen sich andere machen. Klare Kante zeigt sie auch bei solchen Treffen. „Druck-Checking ist aus der Sicht der Bundesregierung keine geeignete Maßnahme des Gesundheitsschutzes“, sagt sie den Drogenberatern, die diesen Service eigenen Angaben zufolge ohnehin nicht anbieten.
Lehramt oder Jura
Zwei Stunden später sitzt sie im Leipziger Rathaus zusammen mit dem Sozialdezernenten Thomas Fabian und mehreren Sozialarbeitern und erstickt jede Hoffnung im Keim, dass der Bund die Finanzierung von Modellprojekten noch einmal verlängern könnte: „Es ist die Aufgabe des Bundesgesundheitsministeriums, gute Modellprojekte anzustoßen und solide zu evaluieren.“ Danach müssten die Kommunen aber diese Konzepte aufgreifen. Drogenpolitik erzeugt fast zwangsläufig enttäuschte Hoffnungen. Nie ist genug Geld da, nur selten gibt es messbaren - dauerhaften - Erfolg. „Mit Drogenpolitik kann man nichts gewinnen“, seufzt Fabian. Mechthild Dyckmans nickt zustimmend. „Das ist kein schönes Thema.“
„Schön“ muss ein Thema allerdings auch nicht sein, um Dyckmans zu begeistern. Der Vater fand nicht, dass sie als Mädchen studieren sollte. Doch als sie als Klassenbeste Abitur gemacht hatte, sah er ein, dass er sie nicht hindern konnte. Ein Medizinstudium zu finanzieren war ihm zu viel. Lehramt oder Jura, das waren die beiden Optionen, zu denen er sich durchringen konnte. Dyckmans entschied sich für Jura und hat es nie bereut. „Das war für mich das Richtige.“
Erwachsen werden in Amerika
Durchgesetzt hat sich Dyckmans schon häufiger in ihrem Leben, besonders an entscheidenden Wegmarken. Sie kennt ihre Stärken - und auch ihre Wegbereiter. Zwei Frauen haben ihrem Leben Inspiration und Förderung gegeben: ihre Grundschullehrerin, die durchsetzte, dass Mechthild auf das Gymnasium ging, und die Direktorin des Mädchengymnasiums, die sie 1967 für ein Stipendium für ein Auslandsjahr an einer amerikanischen Highschool vorschlug. Zu Hause stieß sie mit diesen Plänen auf Widerstand: Ihr Vater war traumatisiert von seiner Zeit in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Bad Kreuznach. Amerikanische Musik und amerikanische Filme waren deshalb nicht gern gesehen. Mechthild, damals 17 Jahre alt, hat sich durchgesetzt. „Ich wollte mir bestätigen, dass ich es kann.“ Kopflose Abenteuerlust ist ihre Sache nicht, aber Herausforderungen hat sie immer gesucht.
In dem Jahr in Amerika, so sagt sie, ist sie erwachsen geworden. Es galt Probleme zu lösen, die Gastmutter war schwer krank, das Verhältnis der Gasteltern zur Adoptivtochter schwierig. „Michelle“, wie sie in den Vereinigten Staaten genannt wurde, musste vermitteln. Zur Erntezeit half sie zwischen 4 und 8 Uhr morgens auf der Farm. Doch von ihren Gasteltern redet sie noch heute, vierzig Jahre danach, von „Mum“ und „Dad“.
Nach dem Jurastudium ging sie in die Justiz und wurde Richterin. „Dieses Ausgleichende lag mir schon immer“, sagt Dyckmans und macht eine ausladende Geste. Außerdem konnte sie dadurch Familie und Beruf vereinbaren. Eineinhalb Jahre Auszeit nahm sie sich für ihre Zwillinge, dann arbeitete sie zunächst halbtags, ein Jahr später kehrte sie zur Vollzeit zurück.
Der erste Sprung geht knapp daneben
Dann Anfang des neuen Jahrtausends, im Alter von Mitte 50, geht sie in die Bundespolitik. Seit knapp 40 Jahren ist sie FDP-Mitglied, lange schon ist sie in der Kommunalpolitik aktiv. 2002 setzt sie zum ersten Sprung in die Bundespolitik an, der geht noch knapp daneben. 2005 ist es dann so weit: Die Kinder sind aus dem Haus, da ergibt sich wieder Raum für etwas Neues. Als Richterin hat sie oft gestört, wie schlampig Gesetze gemacht sind. Deshalb will sie selbst welche machen.
Vier Jahre lang arbeitete sie gewissenhaft als rechtspolitische Sprecherin, rang mit ihren Kollegen im Ausschuss Rechtspolitik. Europarecht war ihre Leidenschaft, als sich noch niemand dafür interessierte. Dann ruft eines Tages der frisch gebackene Gesundheitsminister Philipp Rösler bei ihr zu Hause an. Der Posten der Drogenbeauftragten muss neu besetzt werden. Sein Parteifreund Daniel Bahr habe die Richterin mit dem gepflegten Äußeren vorgeschlagen, er suche jemanden mit Lebenserfahrung. „Ich habe darin die Chance gesehen, mich auch politisch noch einmal in einen anderen Bereich zu engagieren“, sagt Dyckmans. Außerdem liegt ihr die Aufgabe: „Ich kann gut zuhören und diskutiere gerne verschiedene Lösungsmöglichkeiten. Aber am Ende muss man eine Entscheidung treffen. Das ist im Richteramt auch nicht anders.“ Anfangs machte sich gleichwohl nicht nur Begeisterung breit. Sie steht nun mehr in der Öffentlichkeit - und muss auch mehr Kritik einstecken.
Staatseingriffe als Ultima Ratio
Die Opposition wirft ihr vor, mit ihrer Drogenpolitik zu zaghaft zu sein. Das liegt fast in der Natur der Sache: Als überzeugte Liberale sind für Dyckmans Staatseingriffe immer nur Ultima Ratio, freiwillige Vereinbarungen sind ihr lieber. „Am meisten trifft mich, wenn man mir unterstellt, dass ich nur wirtschaftsfreundliche Entscheidungen treffe.“ Fast amüsant findet Dyckmans dagegen den oft verdruckst-ironischen Hinweis auf ihre mangelnde Drogenerfahrung. „Ich muss als Richter keinen großen Wirtschaftsbetrug begangen haben, um jemanden deswegen zu verurteilen“, sagt sie. „Ich kann auch Drogenpolitik vertreten, ohne jemals illegale Drogen genommen zu haben.“
Das tut sie aus voller Überzeugung und bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Als der Fotograf sie in ihren hochhackigen Schuhen über die staubigen Wege rund um die legendäre Berliner Kulturruine Tacheles scheucht, behält sie nicht nur die Contenance, sie kann diesem Moment auch einiges abgewinnen. Zwischen Graffiti und alternativen Kunstwerken steht sie in ihrem cremefarbenen Kostüm wie ein Paradiesvogel, schlägt entzückt die Hände zusammen und jubiliert: „Mitten im prallen Leben.“ Auf dem Rückweg zum Gesundheitsministerium lässt sie es sich dann aber nicht nehmen, den Fotografen noch über seinen Zigarettenkonsum auszufragen. Professionell, elegant - und hartnäckig.
- Mechthild Dyckmans wird am 26. Dezember 1950 geboren.
- Nach dem Abitur studiert sie Jura in Frankfurt und arbeitet fast 30 Jahre lang als Richterin, zuletzt am Hessischen Verwaltungsgerichtshof.
- 2005 zieht sie in den Bundestag ein und wird unter anderem Mitglied im Rechtsausschuss. Als die FDP in die Regierung wechselt, wird sie im November 2009 Drogenbeauftragte der Bundesregierung.
- Dyckmans hat zwei Kinder und ist verheiratet.
Ich über mich
Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...
... zwei Tassen Kaffee und ausreichend Zeit für Zeitungslektüre.
Die Zeit vergesse ich ...
... beim Telefonieren mit meinen Kindern.
Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will ,...
... darf nicht zu dünnhäutig sein und muss Stehvermögen haben.
Erfolge feiere ich ...
... mit meiner Familie.
Es bringt mich auf die Palme ...
... - Inkompetenz und Unzuverlässigkeit.
Mit 18 Jahren wollte ich ...
... eigentlich Medizin studieren, was aber mein Vater wegen des langen Studiums nicht finanzieren wollte.
Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...
... - es gibt eigentlich keine Entscheidung, die ich nicht noch mal so treffen würde.
Geld macht mich ...
... persönlich unabhängig.
Rat suche ich ...
... bei meinem Mann.
Familie und Beruf sind ...
... beide aus meinem Leben nicht wegzudenken.
Den Kindern rate ich, ...
... ihre Lebensträume zu verwirklichen.
Mein Weg führt mich ...
... hoffentlich noch zu vielen Begegnungen und neuen Erfahrungen.
Staatseingriffe immer nur "Ultima Ratio"?
Werner Grunewald (perplexo)
- 15.10.2012, 13:01 Uhr
Wenn "mütterliche Aura" realistischer Drogenpolitik im
Wege steht.
Thorsten Krach (sanctum.praeputium)
- 15.10.2012, 12:34 Uhr
wie....
Michael Meier (never1)
- 15.10.2012, 12:19 Uhr
