Er ist nicht mit dem, er ist im Unternehmen seines Vaters aufgewachsen. Die Gründung 1948 fiel in das Jahr seiner Einschulung, und von da an waren Familie und Firma eins. Die eine Welt schwappte in die andere über, so lange, bis die Übergänge verwischt waren. Es war die Welt der Nachkriegsgründer, in der Martin Kannegiesser seine Kindheit und Jugend verbrachte. Eine Welt, in der die Kunden abends mit am Tisch saßen, in der er schon als Junge kleine Aufgaben in der Firma übernahm und als Fünfzehnjähriger in London alleine einen Messestand betreute. „Der Betrieb war mein Spielplatz“, sagt er, „ich kannte jeden.“ Dass er einmal in das Familienunternehmen einsteigen würde, war für ihn nie eine Frage. Es war eine Tatsache.
Am Anfang war die Herbert Kannegiesser GmbH aus Vlotho, Ostwestfalen, nicht mehr als eine Vier-Mann-Schlosserei in einem Schuppen. Die Geschäftsidee waren Bügelmaschinen; der Vater konstruierte und verkaufte die Hemdenpressen, die Mutter erledigte die Büroarbeit. „Wie das eben so war in den kleinen Betrieben“, sagt der Sohn. Heute hat das Unternehmen 1200 Mitarbeiter. 240 Millionen Euro setzt der Spezialmaschinenbauer jährlich um und ist damit einer von zwei Weltmarktführern der industriellen Wäschereitechnik. Kannegiesser produziert in Deutschland an fünf Standorten, außerdem noch in England. Insgesamt ist das Unternehmen in 43 Ländern präsent, in 14 mit eigenen Gesellschaften.
Hart in der Sache, freundlich im Ton
Kannegiesser ist ein freundlicher Mann von kleiner Statur, mit einem ruhigen, bescheidenen Auftreten. In der Sache gilt er als hart, sein Wesen ist herzlich. Er wählt seine Worte mit Bedacht. Bevor er auf eine Frage antwortet, denkt er sorgfältig nach. Er ist gut darin, ein solches Schweigen auszuhalten. Sich selbst rückt er ungern in den Mittelpunkt. Im Scheinwerferlicht soll lieber sein Unternehmen stehen – oder Gesamtmetall. Seit dem Jahr 2000 ist er Präsident der Metallarbeitgeber. Seine derzeitige Amtszeit, es ist die fünfte, endet im Juni 2010. Es soll die letzte sein, doch eine gemütliche Abschiedstournee wartet nicht auf ihn. Gerade erst hat er, mitten in der schwersten Wirtschaftskrise seit vielen Jahren, einen neuen, komplexen Tarifvertrag mit der Industriegewerkschaft Metall abgeschlossen. Und auch als Unternehmer wird ihn die Krise in Atem halten.
„Nur Unternehmer zu sein, mich allein auf Betriebswirtschaft und Technik zu konzentrieren hätte mir nicht gereicht. Aber nur das andere wäre auch nicht genug gewesen“, sagt er über sein Doppelleben zwischen Berlin und Vlotho. „Ich wollte mich neben der Gestaltung des Unternehmens immer für eine Gemeinschaft engagieren, etwas tun, das über das Geldverdienen hinausgeht.“ Das Pendeln zwischen den Welten ist schwierig und aufreibend. „Das kostet das Unternehmen auch etwas, weil es Kraft von ihm abzieht, nämlich die des Unternehmers.“
Von Vlotho in die Welt
Wenn er durch die Produktionshallen in Vlotho geht, fällt ihm zu jeder Maschine etwas ein. Er spricht von Formwäsche und Flachwäsche, von Entwässerung und Falttechnik. Er kennt Daten und Zahlen, weiß wie viele Bettlaken eine Maschine in der Stunde schafft. Er ist keiner, der sich nur in seinem Büro mit Blick über das hügelige Grün Ostwestfalens sicher fühlt. Er ist auch in seinem Element, wenn er auf der Messe neben den gigantischen Waschtrommeln seiner Firma steht. Dann trägt er die gleiche Krawatte wie seine Mitarbeiter und erklärt den Kunden, warum sie mit der neuen Technik Wasser und Strom sparen und wie die Maschine nebenan es schafft, rote von grünen Kitteln zu unterscheiden, bevor sie sie hübsch ordentlich faltet. Dabei ist Martin Kannegiesser, anders als sein Vater Herbert, kein gelernter Techniker. Nach dem Abitur studiert er Betriebswirtschaftslehre in Köln. „Mein Weg war sehr, sehr vorgezeichnet“, sagt er. Betrübt oder gar wehmütig klingt er dabei jedoch nicht. Es sei nicht so gewesen, dass ihn der Vater in die Fußstapfen gezwungen hätte. Vielleicht hätte er sogar etwas anderes gemacht; die Publizistik etwa interessierte ihn. Doch da gab es dieses wachsende Unternehmen, seine Heimat, seine Betriebsfamilie.
Und so stellt sich der Abiturient jene Fragen, die ihn vielleicht hätten zweifeln lassen, erst gar nicht. Stattdessen zieht er sein Studium in acht schnellen Semestern durch und übernimmt nebenbei erste Aufgaben im Unternehmen. Mit dem Diplom in den Händen will er eigentlich erst eine Zeitlang anderswo arbeiten. Einen Fünf-Jahres-Vertrag hat er schon. Doch der Vater sagt, fünf Jahre sind zu lang, komm lieber gleich. Vielleicht ahnt er, dass das Unternehmen den Sohn früher brauchen wird als geplant. Und wirklich. Martin Kannegiesser hat wenig Zeit, in seine Rolle hineinzuwachsen. Kurz nach seinem Eintritt in den Betrieb erleidet der Vater einen Schlaganfall. Fortan ist er gesundheitlich stark beeinträchtigt. 1970 dann der zweite, schwere Schlaganfall. Der Sohn, 28 Jahre alt, übernimmt die Führung des Unternehmens. Vier Jahre später stirbt der Vater.
Umbruch zu Beginn der neunziger Jahre
Seine neunzigjährige Mutter, die sich heute noch für das Geschehen im Betrieb interessiert, ist ihm in all den Jahren eine wichtige Vertraute gewesen. Bis 1980 arbeitete sie im Unternehmen mit. Sie war es, die die Internationalisierung und den Export vorantrieb. Sie spricht mehrere Sprachen, „und ihre Stärke war immer das Knüpfen von Netzwerken“, sagt Kannegiesser. Auf diese Weise ist aus der Holzschuppen-GmbH im Laufe der Jahre ein Weltunternehmen geworden. Doch so märchenhaft die Geschichte auch klingt, sie ist mit vielen Rückschlägen und Krisen verbunden. „Häutungen“ nennt Kannegiesser das. Immer wieder mussten sie sich neu aufstellen, immer wieder wandelten sich die Märkte.
In den sechziger Jahren machten neue, bügelfreie Stoffe dem Unternehmen zu schaffen, dann wanderte die Textilindustrie – wichtiger Abnehmer von Bügelmaschinen – nach und nach ab. Vor dem größten Umbruch stand das Unternehmen dann Anfang der neunziger Jahre, als es endgültig Abschied vom Hemdenbügeln nahm. Die Sparte wurde abgespalten und verkauft, Kannegiesser setzte stattdessen komplett auf Wäschereitechnik. Heute bauen und verkaufen die Ostwestfalen alles von Waschschleudermaschinen über Trockner bis zu Mangelstraßen; auch komplette Wäschereien richten sie schlüsselfertig ein. Übrigens setzt die Familie Kannegiesser auch privat auf Wäscherei statt Waschmaschine. Einmal in der Woche wird alles abgeholt. „Ich kann das sehr empfehlen“, sagt der Chef und guckt verschmitzt durch seine Brille.
Am Ende des Streits soll ein tragbarer Konsens stehen
Der Kampf mit dem Strukturwandel war nicht der einzige Kampf, den sie in Vlotho geführt haben. Auch zwischen Führung und Betriebsrat gab es Gefechte. Erst mit den Jahren wandelte sich das Betriebsklima von Konfrontation zu Kooperation. „Wir haben nur noch gestritten“, erinnert sich Kannegiesser an die harten Jahre. Doch irgendwann erkannten beide Seiten, dass es so nicht mehr geht. Sie versuchten etwas Neues. Der Betriebsrat durfte eigene Vorschläge zur Umstrukturierung machen, die Parteien ließen sich von außen moderieren, und nach und nach wurde auf Gruppenarbeit umgestellt. Die Mitarbeiter bekamen mehr Freiraum, aber auch mehr Verantwortung. „Es war mühsam“, sagt Kannegiesser, „aber dadurch ist eine neue Kultur entstanden.“ Er schätzt eine solche Kultur des Miteinanders. Nicht nur als Unternehmer, auch als Arbeitgeberchef. Am Ende eines Streits, eines Tarifstreits zum Beispiel, soll ein Konsens stehen, mit dem beide Seiten leben können.
„Menschen in einem Team zusammenzubinden, das ist der rote Faden in meinem Leben“, sagt Kannegiesser. Während seiner Schulzeit war er Klassensprecher, Schulsprecher, Bezirkssprecher. 1969 trat er in die CDU ein, weil ihm der Gedanke der Volkspartei gefiel. Von Mitte der siebziger bis Anfang der neunziger Jahre war er in mehreren Gremien der CDU-Mittelstandsvereinigung, zuletzt im Bundesvorstand. Gleichzeitig kletterte er im Arbeitgeberlager die Karriereleiter nach oben. Wie lange er noch an der Spitze seiner Firma stehen wird, hat er noch nicht entschieden. Seine Tochter wird ihm nicht nachfolgen; sie hat, anders als er früher, abweichende Pläne. Kannegiesser kann sich eine Stiftung vorstellen. Eine Führungsmannschaft hat er schon. „Die wird immer besser“, sagt er. Aber zu wohlig will er auch nicht wirken. „Ein Unternehmer darf sich keine Selbstzufriedenheit leisten. Das ist der Anfang vom Untergang.“
Zur Person:
- Martin Kannegiesser wird am 10. November 1941 in Posen geboren und wächst in Ostwestfalen auf.
- 1948 gründet der Vater das Familienunternehmen. Binnen drei Jahren werden aus vier Mitarbeitern 60.
- Martin Kannegiesser studiert in Köln Betriebswirtschaft und tritt in das Unternehmen des Vaters ein. Als dieser erkrankt, übernimmt er die Firma und formt sie mit den Jahren zum Wäschereitechnik-Spezialisten.
- Parallel steigt er bei den Metall-Arbeitgebern bis zum Präsidenten auf. 2010 endet die letzte Amtszeit.
- Martin Kannegiesser ist verheiratet und hat eine Tochter.
