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Markus Wasmeier Bayerische Bubenträume

 ·  Markus Wasmeier war Deutschlands bester Skirennfahrer. Heute betreibt er ein Bauernmuseum am Schliersee. Und lebt von seinem Namen.

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© Müller, Andreas In seinem Element: Markus Wasmeier im Frühjahrs-Schnee vor seinem Bauernmuseum in Schliersee.

Dann stürzte der Adler herab. „Mit einem solchen Schrei – Sirrrrrr.“ Markus Wasmeier steht in der Bauernstube und imitiert den Angriffsschrei. Der ungebetene Gast holte sich ein Huhn, zum Entsetzen der Münchener Touristen, denen so viel Natur dann doch suspekt war. Sie waren an den hintersten Winkel des Schliersees gekommen, um die historischen Bauernhöfe zu bestaunen, die der einstige Skistar anderswo hat abtragen und dort wieder aufbauen lassen. Eine Tötungsszene war da nicht vorgesehen.

Wasmeier hingegen mag den Ruf des Adlers und hat dazu eine Anekdote parat: 1988 in Calgary begegnete der aufstrebende Sportstar einem Indianer. Ein Reporter befragte den alten Mann, ob der Wasi wohl mal Olympiagold holen werde? Der Indianer erklärte voller Nachdruck: Nein, Wasmeier habe kein Haus gebaut, keine Familie gegründet, keinen Sohn gezeugt und sei keinem Adler begegnet.

Hat inzwischen alles geklappt. Markus Wasmeier hat sogar mehrere Häuser gebaut, ist Vater von drei Söhnen, und die Adler kreisen auch gelegentlich.

Den Kindern ein Stück Heimat erhalten

Esoterik ist Wasmeiers Sache nicht, dazu ist er zu bodenständig. Der Mann ist Bayer durch und durch und möchte mit den einst vom Verfall bedrohten Höfen seiner „geliebten Heimat etwas zurückgeben“. Das klingt nicht einmal pathetisch, wie er da in der zünftigen Gaststube auf der Fichtenbank sitzt und vom einfachen Leben schwärmt und davon, wie sehr er es bedauert, dass mehr als die Hälfte aller Kinder glauben, dass Kühe lila sind. „Die lila Kuh war der letzte i-Punkt, warum wir das Museum gebaut haben.“ Längst leisten zwei Kühe, zwei Wollsäue, drei Schafe, zwei kontaktfreudige Graugänse und eine Hühnerschar Aufklärung für die rund 100 000 Besucher, die sich hier von April bis Anfang November tummeln.

Für historische Höfe hat sich der Sohn eines Restaurators früh interessiert. Jahre später, auf seinen vielen Reisen, hat er mitbekommen, „dass andere Länder ihre Kultur mehr erhalten, speziell in Skandinavien“. Das wollte er auch für seinen Heimatort Schliersee, 50 Kilometer südöstlich von München, dort, wo sich der Freistaat mit postkartenidyllischer Schönheit schmückt. 20 Jahre lang hat Wasmeier seine Heimat „nur zwischen Flughafen und Wäschewechsel erlebt“ und festgestellt, „es gibt nicht mehr so viele Bauernhäuser“.

Gestemmt hat Markus Wasmeier die Dorfgründung mit Spenden und Patenschaften, Träger ist ein gemeinnütziger Verein. „Die Staatlichen wollten uns keinen Cent geben.“ Die Münchner Ministerien waren misstrauisch, argwöhnten, dass da Kitsch entstehe. Was Wasmeier ärgert. Denn da hatte seine Familie privat schon den vierten Hof aufgebaut, „von wegen Kitsch“, schimpft er. Schon als Elfjähriger hat er seinem Vater geholfen, das erste Haus zu transferieren, „das hat 5000 Mark gekostet, und ich habe damals meinen ersten Dachstuhl konzipiert“.

Am liebsten wäre er Schreiner geworden

Aber der Schreinermeister hätte ihm im Winter nicht freigegeben. So ist er mit 14 Jahren zu einem Maler in die Lehre gegangen, da durfte er zum Training. „Beim Schreinern fehlt mir die Übung, aber ich habe Verständnis für Formen und Abläufe.“

Als er das letzte Wort ausspricht, lacht der Star der Abfahrt, der nicht nur zahllose Siege einfuhr, sondern auch berühmt wurde, weil er mit 130 Stundenkilometern und Handkamera die Pisten hinunterschoss und das Fernsehpublikum mit auf die rasante Talfahrt nahm – „das habe ich ja durch die Arbeit mit dem Willy kreiert“. Der Willy, das ist Sportartikelunternehmer Willy Bogner.

Heute lebt Wasmeier mit seiner Südtiroler Frau Brigitte Dorigoni und den drei Söhnen, von denen zwei ein Sportinternat besuchen, in einem historischen Bauernhaus, 80 Meter vom Bauernhaus seiner Eltern entfernt. „Wir sind so fanatisch, dass wir so leben wie vor Hunderten Jahren. Nur mit der Wasser- und Heiztechnik sind wir modern.“ Unerschrocken ist seine Frau damals mit in den Rohbau gezogen.

Der Dank gilt dem „Ullr“ – und den Ski-Kollegen

Wasmeier hatte ausreichend Wiederaufbauerfahrung, aber kein Geld für ein Museum. Immerhin hatte er den „Ullr“. Das ist der Schutzpatron aller Wintersportler und war sein Talisman in Lillehammer. „Bei meiner ersten versemmelten Abfahrt war der am 17. Februar 1994 in meiner Waschtasche im Hotel geblieben. Aber am 21. war der Ullr dabei, da gab es die zweite Medaille“, strahlt der Mann, dessen Achterbahnkarriere viele Höhen, aber auch Tiefschläge hatte.

Der Talisman wurde aus Emaille mit versilbertem Messing gefertigt und für 100 Mark das Stück verkauft. So kamen die ersten 80 000 Mark fürs Dorf rein. „Freunde, Trainer, Ski-Kollegen, alle haben mitmachen müssen. Bei uns hilft man sich gegenseitig.“ Vor fünf Jahren war Eröffnung.

Das Wasinator-Bier wird direkt auf den Höfen gebraut

Ein Hausbau ist eine Herausforderung, historische Höfe wiederaufzubauen ist eine zeit-, nerven- und geldraubende Lebensaufgabe. Zum Beispiel die Sache mit den Bruchsteinen. Es fand sich partout kein Maurer, „der einen uralten Naturstein anlangen wollte“. Wasmeier schaltete das bayrische Forschungszentrum ein, schließlich formierte sich eine Fachklasse, die ein Maurerseminar abhielt – gleich vor Ort.

Heute stehen am Schliersee mächtige Höfe aus dem Einzugsgebiet zwischen Isar und Inn, in deren dunklen Stuben es nach Speck und altem Rauch riecht. Es gibt ein Backhaus, eine Kapelle und ein Gasthaus mit Brauerei und Wasinator-Bier, „wir sind so weit, dass wir verflaschen können“.

„Wenn ich etwas nicht kapiere, dann lass ich es“

Zugute kommt dem Museumsmann eine Portion gesunder Ehrgeiz und sein Elternhaus. Dem einzigen Sohn wurde früh vermittelt, „nie seinen Weg aufzugeben“. Wenn Wasmeier von etwas überzeugt ist, bleibt er dran. „Ich brauche das gute Bauchgefühl und das Verständnis. Wenn ich etwas nicht kapiere, dann lass ich es.“

Vertrauen ins eigene Können fasste er früh, stand schon mit zwei Jahren auf Skiern, bretterte mit fünf die Pisten herunter. Fünf-Kilometer-Abfahrten wuppte der Knirps, fast bis vor die Haustür der 60-Quadratmeter-Mietwohnung in Schliersee, „die im Winter eiskalt“ war. Einmal im Monat gönnten sich die Eltern eine Flasche Bier, gemeinsam wohlgemerkt. „Aber sie waren immer sehr reich in dem, was sie tun“, sagt der Sohn.

Der aus Niederbayern stammende Vater Günther lebt mit seinen 73 Jahren heute sein künstlerisches Schaffen aus, steuert fürs Museum unter anderem handgemalte Ostereier bei. Mutter Johanna, zwei Jahre jünger, ist täglich zehn Stunden „auf der Achs“, radelt mal eben 30 Kilometer zum Einkaufen. Im Sommer sieht man sie selten mit Schuhen, aber immer im Dirndl. „Jeden Schmarrn“ hätten die Eltern mitgemacht, lobt der Sohn. Zitterpartien eingeschlossen.

„Wann kann ich wieder Ski fahren?“

Schlimm war der „Höllenritt in Japan“, 1987 in Furano. Markus Wasmeier stürzte im Weltcup-Super-G schwer. Haarscharf schrappte er an einer Querschnittlähmung vorbei. Aber darüber grübelte er während der Monate im Gipskorsett nicht lange. „Das bringt ja nix. Warum soll ich über was klagen, was nicht passiert ist“, wiegelt der unerschütterliche Optimist ab. „Ich fühle mich auf der Sonnenseite des Lebens. Mich hat nur interessiert, wann kann ich wieder Ski fahren.“

Trotzdem war er danach auch mit einem fünften Platz zufrieden, der Ärger über fehlende Zehntelsekunden schwand. Auf die anderen Sportler lässt er übrigens nichts kommen. „Es ist ein Klischee, aber das ist eine Familie. Der Gegner ist nur die Piste, nicht der andere, der am Start ist.“

Steinewerfende Schotten in Bayern: „Wir haben brutal viele Ideen“

Ein Tag mit viel Schnee lässt Wasmeiers Herz immer noch höherschlagen. Dass es beim Gespräch im April schneit und schneit und schneit, während in München bereits Shorts und T-Shirts hervorgeholt werden, findet er gut. Voller Begeisterung führt er durchs Museumsdorf.

Der Veranstaltungskalender reicht von der Ostereierausstellung über das Maibaumaufstellen bis zum weihnachtlichen Glühweinverkauf, bietet Dokumentationen über Besiedlung und Tourismus. Wasmeier holt ukrainische Künstler und steinewerfende Schotten nach Oberbayern. „Wir haben brutal viele Ideen.“

Und er hat brutal viele Kontakte, die er pflegt. „Ich lebe von meinem Namen. Das Museum würde sich ohne den Namen nicht tragen.“ Geld verdient er, indem er Menschen miteinander in Kontakt bringt, zum Beispiel für große Sportveranstaltungen. Auch für ausgefallene Aktionen wie Heliskiing in Alaska ist Wasmeier zu begeistern. Er lacht. „Offiziell buchbar bin ich für solche Ausflüge aber nicht.“

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

... einem Meter Pulverschnee.

Die Zeit vergesse ich, ...

... wenn ich in der Natur bin.

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

... muss eine Leidenschaft mitbringen und am Ende das Wollen.

Erfolge feiere ich ...

... in meinem Innersten und später mit meinen besten Freunden und meiner Familie.

Es bringt mich auf die Palme, ...

... wenn ein Mensch nicht ehrlich ist.

Mit 18 Jahren wollte ich, ...

... dass der Ingemar Stenmark einmal hinter mir steht.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

... – ich bereue gar nichts.

Geld macht mich ...

... gelassener.

Rat suche ich ...

... in mir selbst und dann bei meiner Familie und meinen Freunden.

Familie und Beruf sind ...

... beide wichtig, aber Familie geht immer vor.

Den Kindern rate ich, ...

... seid’s neugierig auf das, was die Welt euch bietet.

Mein Weg führt mich ...

... bergab zum Ziel.

 

Zur Person

Markus Wasmeier wird 1963 in Schliersee geboren. Er steht mit zwei Jahren zum ersten Mal auf Skiern und ist mit zwölf Jahren deutscher Schülermeister.

Mit 14 Jahren beginnt er eine Maler- und Lackiererlehre.

1985 wird er Weltmeister im Riesenslalom. 1994 gewinnt er Olympiagold im Super-G und Riesenslalom. 1995 hört er auf.

Ehrenamtlich baut er vom Verfall bedrohte historische Bauernhöfe ab und lässt sie in seinem Heimatort wieder aufbauen. Wasmeier hat drei sportbegeisterte Söhne. Ich über mich

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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

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