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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Markus Merk Auf Ballhöhe

 ·  Markus Merk ist Schiedsrichter, Zahnarzt, Fußballkommentator und Entwicklungshelfer. Stillstand ist dem Mann aus der Pfalz ein Graus.

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Markus Merk hätte diese Entscheidung auch getroffen. Und Viktor Kassai nach Hause geschickt. Obwohl der Ungar einer der besten Schiedsrichter der Welt sei und obwohl es ihm gebührt hätte,

das Finale der Fußball-Europameisterschaft zu pfeifen, sagt Merk. Aber Kassai hatte der Ukraine im Vorrundenspiel gegen England ein klares Tor verweigert. Jeder am Fernseher konnte sehen, dass der Engländer John Terry den Ball erst hinter der Linie erwischte. Nur Viktor Kassai nicht. „Wenn sie den nicht nach Hause schicken, der die größten Fehler macht, welche Signale senden sie dann an die anderen?“

Entscheidungen sind sein Lebensmotto

Markus Merk sitzt in seiner Bauernstube im Sandsteinhäuschen zu Hause in Otterbach in der Pfalz, in der Nähe von Kaiserslautern. Drahtig ist er, braungebrannt, volles schwarzes Haar, einnehmendes Lachen. Gerade hat er einen Hundert-Kilometer-Lauf absolviert, man sieht ihm seine 50 Lebensjahre nicht an. Merk ist nicht nur der erste Deutsche, der dreimal Weltschiedsrichter des Jahres wurde: Er hat außerdem eine Zahnarztpraxis aufgebaut und wieder verkauft, er kommentiert Fußballspiele im deutschen und im türkischen Fernsehen, er hält Vorträge, und in Indien hat er drei Schulen, drei Waisenhäuser und ein Altenheim gebaut. Markus Merk kennt sich nicht nur aus mit Entscheidungen, er hat sie zu seinem Lebensmotto gemacht.

Jede Entscheidung habe ihre Zeit und ihren Ort, sagt er. „Auf dem Fußballplatz streiten sich zwei Jungmillionäre um einen Einwurf, in Indien streiten wir um den Bau einer Schule.“ So sei das eben. Hadern gehört nicht zu seinen Wesenszügen. „Hier ist der Einwurf wichtig, dort die Schule.“ Merk dreht die Argumentation um: Er habe die Konsequenz aus dem Schiedsrichterleben mit nach Indien genommen, sagt er. „Das ist auch ein Grund, warum die Dinge dort laufen.“

„Einmal das rote Trikot überstreifen“

Merk wollte eigentlich Fußballer werden. „Einmal das rote Trikot von Kaiserslautern überstreifen, das war für mich als Junge das Größte.“ Sein Vater Rudi hatte sich jahrelang ehrenamtlich bei dem Club aus der Pfalz engagiert. Aus Liebe zum FCK habe die Familie sogar eigens auf dem Betzenberg ein Haus gebaut, „300 Schritte vom Stadion entfernt“. Noch am Tag der Geburt meldete der Vater den Sohn im Verein an. Zwei Jahre lang spielte der kleine Markus zum Stolz des Vaters in der Jugend, dann hörte er auf. Von einem auf den anderen Tag. Einer der Trainer habe damals aus Prinzip nur großgewachsene Jungs aufgestellt und den nicht ganz so großen Markus Merk auf Drängen eines Vaters ausgewechselt. „Das war’s.“

Von da an ging Markus Merk nur noch mit der Pfeife auf den Platz. Schiedsrichter hätten ihn schon immer fasziniert, sagt er heute, „weil sie Verantwortung übernehmen“. Für seinen Vater war die Entscheidung ein Schock. Die Kommunikation sei deshalb länger gestört gewesen. Anfang 1977, als Liverpool und Mönchengladbach das Endspiel um den Europapokal der Landesmeister austrugen, habe er seinem Vater dann ein Versprechen gegeben: Falls er einmal ein solches Finale pfeife sollte, dann werde er ihn einladen. „Immerhin hat er wieder mit mir gelacht, aber geglaubt hat er es nicht.“ 26 Jahre später war es so weit: Merk bekam das Champions-League-Finale zwischen Juventus Turin und Mailand in Manchester zugesprochen. Die Karten für das Spiel in Old Trafford übergab er seinem überraschten Vater in der Zahnarztpraxis. Merk kämpft noch heute mit seinen Gefühlen, wenn er davon erzählt.

Merk galt früh als Ausnahmeschiedsrichter, und das nicht nur, weil er für sein erstes Spiel mit kaum 14 Jahren sogar eine Ausnahmegenehmigung brauchte. Merk war anders: Er redete mit den Spielern, arbeitete mit Gesten und Mimik, versuchte „Respekt und Augenhöhe zu schaffen“, wie er es nennt. Dass er im Bundesliga-Aufschwung keine Scheu vor den Medien zeigte, beförderte seine Karriere. Zum Ärger des DFB machte er sich für den begrenzten Einsatz technischer Hilfsmittel im Fußball stark, seither ist das Verhältnis zum mächtigen Sportverband kühl. Merk hätte es gerne anders, aber deswegen anrufen, „das mache ich nicht“. Er habe noch niemals irgendwo angerufen, um sich zu bewerben. „Ich habe immer an meiner Kompetenz gearbeitet, das ist das beste Mittel.“

Zahnmedizin studiert

Neben seiner Schiedsrichterkarriere studierte Merk Zahnmedizin und machte sich Anfang der neunziger Jahre in Kaiserslautern selbständig. In den Anfangsjahren hätten Schiedsrichter nur 72 Mark pro Spiel bekommen, begründet er die zwei Berufswelten. Heute sind es laut DFB 3800 Euro für eine Bundesliga-Partie. Doch so viel bekämen von den 80.000 Schiedsrichtern in Deutschland nur die wenigsten, sagt Merk, außerdem gebe es keine Sozialversicherung, und das Risiko einer Verletzung sei nicht zu unterschätzen. Merk - den sie im Fußballgeschäft entweder Markus oder „Doktormarkusmerk“ nennen - stand also 15 Jahre lang nicht nur auf dem Platz, sondern auch am Zahnarztstuhl. „Auch freitags, wenn die meisten Kollegen schon zuhatten.“ Ein Jahr vor der Schiedsrichter-Altersgrenze von 47 Jahren hörte Merk mit dem Pfeifen auf - nach 339 Bundesliga-Einsätzen. Damit nicht genug: Er verkaufte auch seine Praxis. Um etwas Neues zu machen, sagt er. Was, das habe er damals noch nicht gewusst.

Natürlich eröffneten sich Merk schnell Alternativen. Sein Name war längst zu einer Marke im Fußball geworden. Heute kommentiert er die Bundesliga im Bezahlsender Sky und hält Vorträge. „Sicher entscheiden mit Markus Merk“ - seine Ausführungen sind gefragt, von der Handelskammer über Unternehmensjubiläen bis zum Dinner auf dem Kreuzfahrtschiff Queen Mary. Natürlich drehen sich die Fragen um den Fußball, schließlich hat Merk viel zu erzählen: von Luis Figo etwa, der einem alles abverlange, weil er ständig die Kommunikation auf dem Feld suche. Oder von David Beckham, dessen Intelligenz man daran erkenne, dass er auch nach dem Spiel mit dem Schiedsrichter spreche. Aber Merk will sich nicht auf Schiedsrichterlegenden reduzieren lassen. Das sei schon lange nicht mehr so, sagt er. „ Die Leute wollen wissen, wie es ist, wenn man Verantwortung übernimmt.“ Schließlich sei jeder irgendwann im Leben Schiedsrichter, und wer keine Entscheidungen für sich treffen könne, der treffe sie auch nicht für andere.

Bauernmöbel und ein hölzernes Hauskreuz

Er hätte als Zahnarzt bis zum Lebensende gut weiterverdienen können, sagt er. Aber Stillstand sei ihm ein Graus. Heute moderiert er zusammen mit dem ehemaligen türkischen Fußballer und neugewählten Parlamentsabgeordneten Hakan Sükür Fußballspiele im türkischen Fernsehen - mit Simultanübersetzung und mit großem Erfolg. Kann man so etwas planen? Es fällt schwer, Merk Kalkül vorzuwerfen oder Pose oder Koketterie. Der Mann glaubt einfach, was er sagt. „Du kannst deine Grenze verschieben, das sieht man im Sport, und das funktioniert auch im Leben.“

Markus Merk sitzt in seiner Stube und ist zufrieden. Er hat es selbst so entschieden. „Freiheit, zu entscheiden“, sagt er, „hat jeder irgendwo.“ Das Esszimmer ist voll mit alten Bauernmöbeln, ein hölzernes Hauskreuz hängt in der Ecke. Auf der Anrichte stehen ordentlich nebeneinander die Weltschiedsrichter-Pokale. Auf dem Weichholzküchenschrank liegt der „Champions League Official Match Ball“ aus Old Trafford neben dem Ball aus dem Endspiel der Europameisterschaft 2004 in Portugal.

Familie, Sport, Glaube

Man kann sich über das Weltbild von Markus Merk lustig machen. Familie, Sport, Glaube, sagt er, das seien seine Eckpfeiler. Schon am Eingang haben die Merks ein Bild aufgehängt: Vater, Mutter, Sohn zusammen mit dem Papst. Aber Merk ist kein Missionar, er tut das, war er für richtig hält, begegnet den Menschen mit Respekt, und den bekommt er zurück. Respekt ist eine gute Prophylaxe gegen Häme. Wer eine Karriere als Schiedsrichter wählt, dem kann man schwerlich vorwerfen, er habe es sich leichtgemacht.

Anfang der neunziger Jahre arbeitete Merk vier Wochen als Zahnarzt in Indien. Heute unterstützt er mit seiner „Indienhilfe Kaiserslautern“ in der Nähe der südindischen Stadt Trichy drei Kinderdörfer mit drei Schulen, außerdem drei Waisenhäuser und ein Altenheim. 140 Waisen und 1100 „Tageskinder“ werden dort täglich betreut. Warum er das macht? „Das wollte ich schon immer“, sagt er. Markus Merk ist Schiedsrichter, und Schiedsrichter treffen Entscheidungen. Nicht nur auf dem Platz.

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

... einer Stunde Sport in der Natur.

Die Zeit vergesse ich ...

 ... nie. Sie ist zu wertvoll, ich genieße sie.

 Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will ...

 ... - mein Geschäft? Erfolg ist eine von Basiswerten authentisch gelebte Kausalkette. Einfach, oder doch nicht?

Erfolge feiere ich ...

... nie gerne alleine.

Es bringt mich auf die Palme ...

... - Bornierte, Selbstverliebte, Egoisten.

Mit 18 Jahren wollte ich ...

... einmal in einem Bundesligastadion pfeifen, in der Dritten Welt Hand anlegen, am Nord- und Südpol stehen und vieles mehr.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

 ... - ich würde meinen Mitmenschen gerne die ein oder andere Enttäuschung ersparen.

 Geld macht mich ...

... persönlich nicht reicher!

 Rat suche ich ...

... bei Birgit, Benedikt und ein paar wahren Freunden.

Familie und Beruf sind ...

... für mich eine Conditio sine qua non.

Den Kindern rate ich, ...

... erzieht eure Eltern rücksichtsvoll.

Mein Weg führt mich ...

... noch zu vielen Zielen, so Gott will.

Zur Person

  • Markus Merk wird am 15. März 1962 in Kaiserslautern geboren. Er studiert Zahnmedizin und macht sich später selbständig.
  • Nebenbei avanciert er zum Rekordschiedsrichter der Bundesliga. Er pfeift das Endspiel der Europameisterschaft 2004 in Portugal. Dreimal wird Merk zum Weltschiedsrichter des Jahres gewählt.
  • Seit dem Ende seiner Schiedsrichterkarriere kommentiert er im deutschen und im türkischen Fernsehen.
  • Die von ihm gegründete „Indienhilfe Kaiserslautern“ betreut drei Kinderdörfer und ein Altenheim. Merk ist verheiratet und hat einen Sohn.
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Jahrgang 1967, Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

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