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Markus Merk Auf Ballhöhe

Markus Merk ist Schiedsrichter, Zahnarzt, Fußballkommentator und Entwicklungshelfer. Stillstand ist dem Mann aus der Pfalz ein Graus.

© Rainer Wohlfahrt / F.A.Z. Vergrößern Daheim in der Bauernstube: Familie, Sport und Glaube sind die Eckpfeiler im Leben von Markus Merk.

Markus Merk hätte diese Entscheidung auch getroffen. Und Viktor Kassai nach Hause geschickt. Obwohl der Ungar einer der besten Schiedsrichter der Welt sei und obwohl es ihm gebührt hätte,

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das Finale der Fußball-Europameisterschaft zu pfeifen, sagt Merk. Aber Kassai hatte der Ukraine im Vorrundenspiel gegen England ein klares Tor verweigert. Jeder am Fernseher konnte sehen, dass der Engländer John Terry den Ball erst hinter der Linie erwischte. Nur Viktor Kassai nicht. „Wenn sie den nicht nach Hause schicken, der die größten Fehler macht, welche Signale senden sie dann an die anderen?“

Entscheidungen sind sein Lebensmotto

Markus Merk sitzt in seiner Bauernstube im Sandsteinhäuschen zu Hause in Otterbach in der Pfalz, in der Nähe von Kaiserslautern. Drahtig ist er, braungebrannt, volles schwarzes Haar, einnehmendes Lachen. Gerade hat er einen Hundert-Kilometer-Lauf absolviert, man sieht ihm seine 50 Lebensjahre nicht an. Merk ist nicht nur der erste Deutsche, der dreimal Weltschiedsrichter des Jahres wurde: Er hat außerdem eine Zahnarztpraxis aufgebaut und wieder verkauft, er kommentiert Fußballspiele im deutschen und im türkischen Fernsehen, er hält Vorträge, und in Indien hat er drei Schulen, drei Waisenhäuser und ein Altenheim gebaut. Markus Merk kennt sich nicht nur aus mit Entscheidungen, er hat sie zu seinem Lebensmotto gemacht.

Jede Entscheidung habe ihre Zeit und ihren Ort, sagt er. „Auf dem Fußballplatz streiten sich zwei Jungmillionäre um einen Einwurf, in Indien streiten wir um den Bau einer Schule.“ So sei das eben. Hadern gehört nicht zu seinen Wesenszügen. „Hier ist der Einwurf wichtig, dort die Schule.“ Merk dreht die Argumentation um: Er habe die Konsequenz aus dem Schiedsrichterleben mit nach Indien genommen, sagt er. „Das ist auch ein Grund, warum die Dinge dort laufen.“

„Einmal das rote Trikot überstreifen“

Merk wollte eigentlich Fußballer werden. „Einmal das rote Trikot von Kaiserslautern überstreifen, das war für mich als Junge das Größte.“ Sein Vater Rudi hatte sich jahrelang ehrenamtlich bei dem Club aus der Pfalz engagiert. Aus Liebe zum FCK habe die Familie sogar eigens auf dem Betzenberg ein Haus gebaut, „300 Schritte vom Stadion entfernt“. Noch am Tag der Geburt meldete der Vater den Sohn im Verein an. Zwei Jahre lang spielte der kleine Markus zum Stolz des Vaters in der Jugend, dann hörte er auf. Von einem auf den anderen Tag. Einer der Trainer habe damals aus Prinzip nur großgewachsene Jungs aufgestellt und den nicht ganz so großen Markus Merk auf Drängen eines Vaters ausgewechselt. „Das war’s.“

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Von da an ging Markus Merk nur noch mit der Pfeife auf den Platz. Schiedsrichter hätten ihn schon immer fasziniert, sagt er heute, „weil sie Verantwortung übernehmen“. Für seinen Vater war die Entscheidung ein Schock. Die Kommunikation sei deshalb länger gestört gewesen. Anfang 1977, als Liverpool und Mönchengladbach das Endspiel um den Europapokal der Landesmeister austrugen, habe er seinem Vater dann ein Versprechen gegeben: Falls er einmal ein solches Finale pfeife sollte, dann werde er ihn einladen. „Immerhin hat er wieder mit mir gelacht, aber geglaubt hat er es nicht.“ 26 Jahre später war es so weit: Merk bekam das Champions-League-Finale zwischen Juventus Turin und Mailand in Manchester zugesprochen. Die Karten für das Spiel in Old Trafford übergab er seinem überraschten Vater in der Zahnarztpraxis. Merk kämpft noch heute mit seinen Gefühlen, wenn er davon erzählt.

Merk galt früh als Ausnahmeschiedsrichter, und das nicht nur, weil er für sein erstes Spiel mit kaum 14 Jahren sogar eine Ausnahmegenehmigung brauchte. Merk war anders: Er redete mit den Spielern, arbeitete mit Gesten und Mimik, versuchte „Respekt und Augenhöhe zu schaffen“, wie er es nennt. Dass er im Bundesliga-Aufschwung keine Scheu vor den Medien zeigte, beförderte seine Karriere. Zum Ärger des DFB machte er sich für den begrenzten Einsatz technischer Hilfsmittel im Fußball stark, seither ist das Verhältnis zum mächtigen Sportverband kühl. Merk hätte es gerne anders, aber deswegen anrufen, „das mache ich nicht“. Er habe noch niemals irgendwo angerufen, um sich zu bewerben. „Ich habe immer an meiner Kompetenz gearbeitet, das ist das beste Mittel.“

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Veröffentlicht: 30.07.2012, 06:00 Uhr