In jedem anderen Unternehmen würde man es schlicht Chaos nennen. Bei Google gehört das Chaos zur Methode, wenn Hunderte kleiner Projektteams nebeneinander her forschen und wenn Tausende Computerspezialisten einen Tag in der Woche Zeit haben, um über neue Produkte nachdenken zu können. Dass am Ende doch eines der innovativsten Unternehmen der Welt herauskommt, hat Google in erheblichem Maß einem besonderen Chaos-Manager zu verdanken: Marissa Mayer, 32 Jahre und "Googles Geheimwaffe", wie ein amerikanisches Wirtschaftsmagazin über sie titelte. Marissa Mayer ist die Strippenzieherin auf dem Googleplex, dem Firmensitz der Suchmaschine im Silicon Valley. In ihrem gläsernen Büro laufen alle Ideen rund um die Internetsuche zusammen, geben sich Ingenieure, Mathematiker und MBAs die Klinke in die Hand. Sie bewertet die Vorschläge, filtert und verbessert. "Sie durchschaut sofort mit präziser Analyse alle Ideen - und nur was die Chance auf eine Killerapplikation verspricht, bekommt ihren Segen", sagt ein Googler. Dann fällt der ersehnte Satz: "Okay, lass es uns Larry (Page) zeigen", einem der beiden Gründer der Suchmaschine. Ihre Methode ist ungewöhnlich, aber erfolgreich: Kein anderes Internetunternehmen hat in den vergangenen Jahren so viele neue Produkte auf den Markt gebracht. "Ich liebe es, Produkte zu entwickeln", sagt Mayer. Ohne diese Liebe wäre Google heute nicht dort, wo es ist.
Damit das System funktioniert, bürdet sich Mayer ein hartes Pensum auf: 70 Sitzungen in der Woche, die morgens um 9 Uhr beginnen und manchmal nicht vor Mitternacht enden. "Vier bis sechs Stunden Schlaf pro Nacht reichen mir", sagt sie. Ihre Sitzungsdisziplin ist legendär: Zwei Computerbildschirme werden an die Wand projiziert. Auf einem Schirm läuft die Präsentation, auf der anderen Seite wird der Sitzungsverlauf direkt mitprotokolliert. Ihre Gabe, die Sprache der Techniker ebenso wie die Sprache der Marketing-Leute zu sprechen, hilft ihr, in den Sitzungen schnell auf den Punkt zu kommen. Nach 15 Minuten ist manchmal alles vorbei; für Kaffeekränzchen bleibt da keine Zeit. In der Welt der Softwareingenieure und Computerwissenschaftler zählen sowieso nur Zahlen und Fakten; Aussagen wie "Ich glaube, der Nutzer wird das Produkt mögen" sind verpönt. Das erfahren auch die Kollegen, die mit ihren Ideen in ihre Bürostunden kommen. Dreimal die Woche können sie dort ihre Vorschläge unterbreiten. Aus diesen Bürostunden sind schon Produkte wie Google News entstanden.
Scarlett Johansson des Internet
Doch die Google-Chefs haben erkannt, dass Marissa Mayer als Botschafterin für das Unternehmen mindestens genauso wertvoll ist. Als Vorzeigefrau reist die großgewachsene Blondine um die Welt, sammelt Auszeichnungen ein, stellt Googles Produkte vor und diskutiert auf Konferenzen über die Zukunft des Netzes. Das Auditorium liegt der "Scarlett Johansson der Internetbranche" meist zu Füßen, obwohl sie oft viel zu schnell und atemlos spricht. Zeit lässt sie sich nur für ihr Lachen, das wohl aus ihrer Teenager-Zeit übriggeblieben ist und inzwischen den einzigen Inhalt ganzer Youtube-Videos bildet.
Doch nicht nur das Lachen ist aus ihrer Jugend übrig geblieben. Mayer wächst behütet in der 40.000 Einwohner zählenden Kleinstadt Wausau im Bundesstaat Wisconsin auf, wohin ihre aus Deutschland stammenden Vorfahren einst ausgewandert sind. Schon dort ist sie frei von Berührungsängsten, macht bei den örtlichen Football-Cheerleadern ebenso mit wie im Debattierclub ihrer Schule, der mit ihrer Hilfe die Landesmeisterschaft gewinnt. "Es machte ihr Spaß, das Image der blöden Pom-Pom-Königin zu zerschmettern", sagt einer ihrer Lehrer über sie. Mit 18 will sie eigentlich Neurochirurgin werden, entscheidet sich dann aber doch für die Welt der Computer. Sie geht aus dem Mittleren Westen zur renommierten Stanford-Universität nach Kalifornien. Dort studiert sie Computerwissenschaften und Symbolic Systems, eine Mischung aus Informatik, Medienwissenschaft und kognitiver Psychologie, beides mit dem Schwerpunkt künstliche Intelligenz.
Mitarbeiterin Nummer 20
Nach dem Studium will sie eigentlich Professorin für Computerwissenschaften werden, doch wieder kommt es anders. Ihr Mentor schickt sie bei zwei jungen Leuten vorbei, die irgendetwas Tolles im Internet machen sollen. Eher widerwillig trifft Mayer auf Larry Page und Sergey Brin, die sich als Computerfreaks entpuppen - also genau die Sorte Mensch, die Mayer eigentlich gar nicht mag. "Ich kenne diesen Typ. Sie essen Pizza zum Frühstück. Sie duschen selten. Und sie sagen nie Entschuldigung, wenn sie einen auf dem Gang umlaufen." Ihre erste Berufsstation ist daher nicht Google, sondern die Schweizer Bank UBS, für die sie im Forschungslabor in Zürich arbeitet. Aber irgendwie gehen ihr die beiden Computerfreaks auch im fernen Europa nicht aus dem Kopf. Kurz danach heuert sie mit 23 Jahren bei Google an, als Mitarbeiterin Nummer 20 und erster weiblicher Softwareingenieur eines damals noch unbekannten Internet-Start-ups. Ob sie damals schon in Larry Page verliebt war, ist nicht bekannt. Später sind die beiden befreundet, aber die Beziehung hält nur ein Jahr.
Der frühe Eintritt in das Unternehmen hat sich für Google und für sie gelohnt: Dank der reichlich verteilten Aktienoptionen hat sie finanziell längst ausgesorgt und könnte sich eigentlich mehr Zeit für ihre zahlreichen Hobbys nehmen. In der - selbstverständlich von ihr entwickelten - Online-Gemeinschaft Orkut nennt sie Skifahren, Golfen, Laufen, Wasserski, Kitesurfen und Tanzen als ihre Lieblingstätigkeiten. Sie mag die Musik von Madonna und U2 und gilt als großer Filmfan. Alle paar Monate organisiert sie Filmabende für die Google-Mitarbeiter. "Bringe 20 Leute in einen Raum, und Marissa wird 18 davon überzeugt haben, noch am selben Abend ins Kino zu gehen. Der Film kann sein, wie er will - aber der Abend hat trotzdem Spaß gemacht", sagt ein Freund über sie.
Nächtliches Krisenmanagement mit Mario
Zeit ist das große Manko in ihrem Leben. Selbst auf ihren Reisen nach Europa gibt Google keine Ruhe. Als sie pünktlich um halb neun zum verabredeten Frühstück erscheint, zeigen die nassen Haare, dass die Nacht kurz war. "Ich bin erst um sechs Uhr ins Bett gekommen", sagt sie entschuldigend. Statt Schlaf nach zwölf Stunden Flug stand harte Arbeit an: In der Nacht wies die Adresse Google.de plötzlich auf eine falsche Internetseite. Jede Stunde Ausfall kostet Google rund 100.000 Euro Umsatz und 30.000 Euro Gewinn. Also hatten die Google-Techniker in der Firmenzentrale sofort Mayer alarmiert - "weil ich gerade in Deutschland war". Was dann folgte, war Krisenmanagement à la Mayer: Mitten in der Nacht verteilt sie die Aufgaben - präzise, schnell und klar, wie es eben ihre Art ist und wie sie es tausendfach schon gemacht hat. "Vor allem mussten wir den Betreiber der falschen Seite - Mario aus Wiesbaden - überzeugen, dass wir wirklich von Google sind", erzählt Mayer. Denn dass Mario mitten in der Nacht von einer der mächtigsten Frauen der Internetbranche angerufen wird, hat er sich sicher nicht einmal in seinen kühnsten Träumen ausgemalt.
Ein Leben nach Google kann sie sich durchaus vorstellen. Aber nicht an der Universität, sondern in ihrem eigenen Unternehmen. Geld genug hat sie. Und wie man ein Produkt entwickelt, das die Internetnutzer mögen, weiß sie auch. Aber das eigene Unternehmen kann noch warten. "Ich mag die Herausforderungen bei Google", sagt Mayer.
Zur Person:
-Marissa Ann Mayer wird 1975 in Wausau im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin geboren
- Nach der Schule verlässt sie die amerikanische Provinz und geht zum Studium der Computerwissenschaften an die kalifornische Universität Stanford
-Die erste berufliche Station führt sie nach Zürich, in das Forschungslabor der UBS
-Kurz danach kehrt sie nach Amerika zurück und steigt beim damals noch unbekannten Start-up Google ein, kümmert sich zunächst um die Netzwerkrechner. Heute ist sie als Vizepräsidentin für die Entwicklung der Suchprodukte verantwortlich.
