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Maria Furtwängler Die Freundin der kühlen Blonden

02.10.2006 ·  Als „Tatort“-Kommissarin ist die Schauspielerin Maria Furtwängler in den Adelsstand der Branche erhoben worden. Dabei hatte die Ärztin gar nicht mit der großen Karriere gerechnet: „Ich dachte immer, dazu fehlt mir irgendwas.“

Von Sven Astheimer
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Bloß nicht die Ehefrau. Was soll die denn machen? Auf die Frage findet Maria Furtwängler keine befriedigende Antwort. Sie will den Part nicht spielen. Die Agentin legt sich ins Zeug: eine Serienrolle, im "Tatort", neben Robert Atzorn - ein Traum für viele Schauspielerinnen: "Mach das, mach das, mach das!" Doch Furtwängler bleibt konsequent. Sie lehnt die Rolle ab. Sie lacht, wenn sie heute die Geschichte erzählt, die ihre Karriere vor rund fünf Jahren entscheidend beeinflußt hat. Sie führt ihre Entscheidung von damals auf ein "Bauchgefühl" zurück, auf den gewissen Instinkt, die eigenen Fähigkeiten einschätzen zu können.

Der Mut zu dieser Absage wird schon wenige Wochen später belohnt. Atzorn, der als Hamburger Ermittler die beiden Kult-Kommissare Manfred Krug und Charles Brauer beerben soll, will statt der vorgesehenen drei nur zwei Folgen im Jahr abdrehen, um genügend Zeit für andere Projekte zu haben. Beim verantwortlichen NDR wittert das Land Niedersachsen seine Chance und fordert eine eigene Reihe ein. Fernsehfilmchefin Doris Heinze, die Furtwängler schon für den Euro-Krimi "Die achte Todsünde" ins Spiel gebracht hat, wird zur großen Fürsprecherin: Gegen einigen Widerstand in den Reihen der Sendeanstalt erhält die blonde Bayerin die Rolle der niedersächsischen "Tatort"-Kommissarin Charlotte Lindholm.

Ihr Debüt verfolgt Furtwängler gemeinsam mit der "Schlüsselfigur" Heinze vor dem Bildschirm. Die Erwartungen sind hoch: Was passiert, wenn statt der erhofften acht am Ende doch nur fünf Millionen zuschauen? Die Privaten halten mit dem Fantasy-Epos "Herr der Ringe" dagegen. Doch "Lastrumer Mischung", Kommissarin Lindholms erster Fall, fesselt mehr als 10 Millionen Zuschauer vor den Bildschirmen und erzielt mit knapp 29 Prozent die höchste Einschaltquote des Jahres 2002. Diese Quote sei die Münze, die über den Wert einer Schauspielkarriere entscheide, sagt Furtwängler. Demnach ist sie jetzt Gold wert. Statt der gelegentlich auftauchenden Polizisten-Ehefrau steht sie, die nie eine klassische Schauspielausbildung genossen hat, als Kommissarin selbst im Mittelpunkt. Sie hat, wie es Fast-Ehemann Atzorn formuliert, mit der "Tatort"-Rolle den Ritterschlag für deutsche Schauspieler erhalten.

"Ich raufe heute noch gerne"

Der Höhepunkt einer Karriere, die die heute 40jährige eigentlich nie zu machen glaubte. "Ich dachte immer, dazu fehlt mir irgendwas." Und sei es der unbedingte Wille, sich als Schauspielerin durchzusetzen, gezielt auf bestimmte Rollen hinzuarbeiten, wie es die Konkurrenz bisweilen tut. "Es gibt keinen Masterplan", sagt Maria Furtwängler und erweckt dabei den Eindruck, daß sie in der Tat nichts sonderlich vermissen würde, wenn sie eines ihrer anderen Talente ausgebaut hätte und heute Ärztin oder Künstlerin wäre.

Als Tochter eines Architekten und einer Schauspielerin testet die Münchnerin schon früh ihre künstlerischen Fähigkeiten aus: Sie nimmt Gesangsstunden, singt Sopran und modelliert, gießt Bronzefiguren. Im Alter von acht Jahren steht sie bereits das erste Mal vor der Kamera. Geprägt wird sie durch das Verhältnis zu ihren beiden älteren Brüdern - schon früh wächst daraus ein starkes Bedürfnis nach Selbstbestimmung. "Was ich heute noch an Burschikosität in mir habe, das habe ich von meinen Brüdern", erzählt Furtwängler und berichtet amüsiert vom Gesichtausdruck verdutzter Freundinnen, die sie zum Einseifen in den Schnee wirft. "Ich raufe heute noch gerne." In der Schule ist sie nach eigenen Worten "schnell und vorlaut". Während andere noch denken, handelt sie schon. Dieses Tempo hat sie beibehalten: manchmal genau jenen Tick zu schnell, um sich etwa die Zigarette anzünden zu lassen.

Fast eine Multidilettantin

Mathematik und Naturwissenschaften interessieren Maria Furtwängler. Die Neugierde darauf, wie die Dinge funktionieren, treibt sie ohne größere Mühen durch das Medizinstudium und die anschließende Promotion. Nebenher steht sie zwischen 1986 und 1990 für die Familienserie "Die glückliche Familie" vor der Kamera. Zum Geldverdienen, wie sie sich selbst noch einredet. Anschließend praktiziert sie sogar in der Münchener Praxis eines Internisten. Doch spätestens jetzt bekommt die Doppelrolle Risse. Termine überschneiden sich, Furtwängler ist mit dem Ergebnis ihrer Arbeit nicht mehr zufrieden. "Ich drohte von einem Multitalent zur Multidilettantin zu werden." Sie fällt eine Grundsatzentscheidung: für die Schauspielerei, gegen den Alltag in der Arztpraxis.

Es ist jedoch kein Abschied von der Medizin. Als Kuratoriumspräsidentin engagiert sich Furtwängler für die Organisation "Ärzte für die Dritte Welt". Sie nutzt die guten Kontakte ihres Mannes, des mächtigen Verlegers Hubert Burda, sammelt von den Wirtschaftsbossen Sachspenden für die Entwicklungsländer ein. Sie sieht sich aber nicht als Charity-Lady, sondern eher als Frontfrau. Dazu gehört, daß sie die Elendsviertel von Nairobi und Kalkutta bereist. Auch hier gilt: "Wenn ich eine Sache mache, dann will ich es genau wissen." Wo geht die Reise genau hin? Wer bekommt was? Später erkundigt sie sich telefonisch, wie sich ein Projekt entwickelt hat. Maria Furtwängler arbeitet gerne am konkreten Projekt. Ist das vorbei, kann sie allerdings - ganz Schauspielerin - die Rolle auch wieder wechseln. "Visionen habe ich keine", gibt sie zu.

Die Rolle ihres Lebens

Nur eine Rolle ragt aus dem Drehbuch ihres Lebens wirklich heraus: die als Mutter zweier Kinder. Ob in Osnabrück oder in Litauen gedreht wird - die Wochenenden verbringt Furtwängler zu Hause am Tegernsee. "Da bin ich gnadenlos." Sie bezeichnet sich als Familienmensch, hält es für wichtig, für die beiden Teenager so präsent wie möglich zu sein. Wie fast jede berufstätige Mutter plagen auch sie zuweilen Zweifel, ob sie sich nicht doch verzettle. Karriere auf Kosten der Kinder will sich nicht machen, die achtzig Drehtage in diesem Jahr sind schon viel. Auf der anderen Seite bietet ihr der Beruf die Chance, ihrem Drang nach Eigenständigkeit gerecht zu werden. Als Frau des einflußreichen Verlegers könne man leicht verkommen, sagt sie. Sie aber will eine eigene Marke sein.

Daß mit der "Marke Furtwängler" stets auch das Attribut der "kühlen Blonden" in Verbindung gebracht wird, ärgert sie nur zu Beginn ihrer Karriere. Denn sie sieht sich anders: temperamentvoll, witzig, extrovertiert. Wer einmal erlebt hat, wie sie den bayerischen Ministerpräsidenten imitiert oder gestenreich den Einmarsch des schillernden Formel-1-Managers Flavio Briatore in seinen Billionairs-Club nachspielt, glaubt das sofort. Mittlerweile hat sie aufgehört, sich dagegen zu wehren. "Ich habe irgendwann kapiert, daß ich einfach so wirke." Maria Furtwängler hat sich mit dem Lindholm-Charakter angefreundet. Mehr noch: sie spielt sogar mit ihm. Daß die normalerweise distanziert-sachliche Charlotte in einer Folge den Überblick verliert, als die Spuren in einer Mordermittlung zu ihrem Liebhaber führen, geht auf eine Idee von Furtwängler zurück. Denn auf den Part der Kommissarin läßt ihr die Produktion viel Einfluß; auch wenn nicht jeder Autor von so viel Selbstverwirklichung begeistert ist.

Und Mutter Beimer?

Daß die Lindholm-Rolle zur beruflichen Einbahnstraße wird - der gefürchtete Mutter-Beimer-Effekt - , fürchtet Furtwängler nicht. "Noch haben mich die Leute nicht ausschließlich auf die Kommissarin festgelegt." Im Gegenteil: Der Erfolg hat sie in eine andere Umlaufbahn katapultiert, ihr attraktive Rollen beschert, wie die der Lena Gräfin von Mahlenberg im 10 Millionen Euro teuren Flüchtlingsepos "Flucht und Vertreibung". "Eine echte Herausforderung" sei die Arbeit mit dem Top-Team um Regisseur Kai Wessel und Produzent Nico Hofmann gewesen. Sie fühlt sich in einer unendlich privilegierten Position. Und auch das Potential der Serienheldin ist noch lange nicht ausgeschöpft. Ihre nächste Idee ist, daß die Polizistin nach einer kurzen Affäre schwanger wird. "Noch macht mir diese Lindholm einfach Spaß."

Quelle: F.A.Z., 30.09.2006, Nr. 228 / Seite C3
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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

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