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Margot Käßmann Kraftakt einer Christin

 ·  Sie hat es trotz einiger Widerstände an die Spitze der evangelischen Kirche geschafft. Ihr offener Umgang mit Scheidung und Krankheit hat die Popularität von Margot Käßmann noch erhöht.

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„Ich habe keinen Stress – alles besinnlich“, sagt Margot Käßmann mit einem Anflug von Sarkasmus und nimmt den gewohnten Platz auf der Couch ihrer Sitzgruppe ein. Von hier aus, einen Steinwurf hinter dem Sprengel Museum, kann sie den Garten ihrer Bischofskanzlei überblicken. Im Erdgeschoss des in einer Seitenstraße gelegenen Hauses arbeitet die Landesbischöfin von Hannover mit ihren engsten Mitarbeiterinnen, im Obergeschoss wohnt sie mit der jüngsten ihrer vier erwachsenen Töchter. Privates und Berufliches liegen räumlich dicht beieinander im Leben von Margot Käßmann. Sie führt ihre Kirche nicht von Fluren des Kirchenamts aus, sondern von einem Haus, das auch einer Ortsgemeinde als Pfarrhaus dienen könnte.

Käßmann entstammt keiner Pfarrerdynastie. In den evangelischen Glauben wuchs sie dennoch hinein: „Kirchgang, Kindergottesdienst und Posaunenchor gehörten bei uns dazu.“ Auch ihre beiden älteren Schwestern sind der Kirche verbunden: Eine ist Lehrerin und Kirchenvorsteherin, die andere Psychologin mit Abschluss in Theologie. Zu den Bekehrten, den vielen Theologen, die erst über Brüche und Anfechtungen zur Religion fanden, zählt sie nicht. Kennt sie den Zweifel? „Doch“ – Käßmann nennt den nagenden Anblick von Armut und Ungerechtigkeit –, „aber auch das hat meinen Glauben nie grundsätzlich erschüttert.“ Die eigene Krebserkrankung, die Scheidung, den frühen Tod des Vaters spricht sie nicht an. „Ich habe ein Grundgottvertrauen.“

Armut und Ungerechtigkeit – für einige mag sich das nach Political Correctness anhören, nach Herz statt Seele, Ethik statt Glaube. Doch Käßmanns Entschluss zur Theologie entstammt einer anderen Zeit: 1974 gewinnt die Schülerin aus Marburg ein Stipendium in die Vereinigten Staaten. Der Vietnamkrieg geht zu Ende, Amerika ist politisiert bis ins Mark. „Das können Sie sich nicht mehr vorstellen: Die Friedensfrage war relevant.“ Über die Schriften Martin Luther Kings lernt sie das Social Gospel der Schwarzen kennen. „Mich hat die Theologie interessiert. Ich wollte an der Bibel das eigene Gewissen schärfen.“ Ihre Mitschüler in Deutschland reagieren verwundert, sind erstaunt. „Alle haben gelacht und gesagt: Das passt nicht zu mir, dem lustigen Weltkind, das ich immer war.“

Eine Blitzkarriere - die gar nicht als solche begann

Zwanzig Jahre später wird Margot Käßmann die größte deutsche Landeskirche mit rund drei Millionen Mitgliedern leiten und als jüngste Landesbischöfin für etwa 30.000 Mitarbeiter – zwei Drittel sind weiblich – verantwortlich sein. Noch einmal zehn Jahre später ist sie die erste Frau, die EKD-Ratsvorsitzende wird, und ist dabei einmal mehr die Jüngste. Und heute, mit 51 Jahren, blickt die Frau, deren Herannahen im Kirchenamt schon am raschen Schritt erkannt wird, auf eine Blitzkarriere zurück – die aber nicht als solche begann: „Bis ich die erste Vollzeitstelle nach dem Vikariat hatte, dauerte es zehn Jahre.“ Dazwischen lagen Teilzeitarbeit, Projektarbeit, Mutterschutz. Während dieser Zeit werden ihre vier Töchter geboren. Als sie nach dem Vikariat 1985 mit ihrem Mann Eckhard ins Pfarrhaus im hessischen Spieskappel einzieht, ist sie gerade mit Zwillingen schwanger. Das Ehepaar möchte sich die Pfarrstelle teilen. „Da kam die Pröpstin und hat gesagt: Lassen Sie das, mit kleinen Kindern können Sie doch keine Stelle antreten.“ Ihr Mann übernimmt die Pfarrstelle alleine.

Dass hinter den Dörfern des Kirchspiels Spieskappel nicht nur die anderen Gemeinden des Kirchenkreises Ziegenhain liegen, muss Margot Käßmann damals freilich niemand mehr sagen: Zwei Jahre zuvor hat die Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) stattgefunden. Die Kirche Kurhessen-Waldeck darf einen Delegierten nur mit folgenden Merkmalen entsenden: Frau, jünger als dreißig, (noch) nicht ordiniert, gutes Englisch. Gelegenheit trifft Begabung: Nach Vancouver reist Margot Käßmann. Und sie hat die Chuzpe, sogleich für den Zentralausschuss zu kandidieren. Der damalige Ratsvorsitzende opponiert gegen ihre Kandidatur. „Ich habe geheult, hatte Angst, aber ich habe es dann natürlich doch gemacht.“ Statt einer Gratulation bedeutet ihr der deutsche Auslandsbischof nach ihrer Wahl, sie sei ein verlorener Platz für die EKD, da sie weder über ein Faxgerät noch über Beziehungen verfüge.

Die Ochsentour

Doch mit dem Amt reifen auch die Beziehungen heran – friedensbewegte Kirchentagsfunktionäre sind behilflich. Eine Dissertation bei einem einflussreichen Ökumeniker schließt sie äußerst rasch ab. Käßmann nimmt Lehraufträge wahr, hat eine Stelle beim Kirchentag, bei der kirchlichen Entwicklungshilfe, wird mit 34 Jahren Studienleiterin einer Akademie. Nun ist es ihr Ehemann, der zurücksteckt, er bleibt bei den Kindern, während seine Frau an ihrem wichtigsten Karrieresprung arbeitet. Sie scheint zu wissen: Wer in jungen Jahren Einfluss in der Kirche gewinnen will, muss über die Funktionsstellen abseits der Gemeinden gehen. Die Ochsentour, vom Landpfarramt ins Stadtpfarramt, von der Superintendantur zur Landessuperintendantur, dauert Jahrzehnte. 1995, mit Mitte dreißig hat es Käßmann ins Schaufenster für das Bischofsamt geschafft: Sie wird Generalsekretärin des Kirchentags und kann sich so bei zahlreichen Gelegenheiten präsentieren.

Die erste Voraussetzung, um Bischöfin zu werden, ist damit erfüllt: Das Funktionärsmilieu, das maßgeblichen Einfluss auf die Ausarbeitung der Wahlvorschläge in den Landeskirchen ausübt, kennt ihr Gesicht. Und sie beherrscht – Voraussetzung Nummer zwei – virtuos den Umgang mit solchen Beziehungen, die Amerikaner als „weak ties“ bezeichnen: Sie kann Kontakte im Vorübergehen pflegen und dem Beruflichen den Mantel des Privaten umlegen. Sie tritt freundlich, aber nicht unbestimmt auf und nimmt Menschen rasch für sich ein – was von entscheidender Bedeutung ist, wenn die Mehrheit in einem Kirchenparlament erreicht werden soll, dessen Mitglieder man kaum kennt.

1999 wird Käßmann von der hannoverschen Synode zur Landesbischöfin gewählt. Einen Kandidaten aus Hannover schlägt sie aus dem Feld – die Sympathien gelten ihr, wie so oft. Vor der Wahl richtet sich das Interesse auf die scheinbar immerwährenden Symbolfragen: Ob das denn gehe – Frau, vier Kinder, keine vierzig. „Damals hat mir das eher genutzt“, ist sich Käßmann sicher. „Gerade der Widerstand hatte die Synode zur Wahl ermutigt, denke ich.“ Ihr Aufstieg verdankt sich auch der Lust der Beteiligten, die morschen Reste einer überholten Sozialmoral einzureißen. Käßmann leugnet das nicht. „Ich habe im Grunde die beste Zeit erwischt, die es bis jetzt für Frauen gab.“

„Ich brauche keine Hierarchie, sondern Leichtigkeit“

Die Oberkirchenräte in Hannover müssen sich an einen neuen Führungsstil gewöhnen. „Am Anfang haben sie gesagt: Der alte Bischof hätte jetzt aber auf den Tisch gehauen – und haben dabei gar nicht gemerkt, dass ich mich trotzdem durchgesetzt habe, nur eben anders.“ Der Umgang wird lockerer, informeller, manche sagen auch: schwerer zu durchschauen. „Frauen leiten netzförmiger“, sagt sie, „ich brauche keine Hierarchie, sondern Leichtigkeit.“ Mitarbeiter des engeren Kreises werden geduzt.

Es folgen Jahre der Prüfung: 2002 tritt Käßmann aus dem Zentralausschuss des ÖRK zurück. Sie möchte die Repressionen durch die orthodoxen Kirchen nicht länger ertragen. „Es braucht manchmal lange, aber wenn ich eine Entscheidung fälle, dann kann ich auch klar dazu stehen.“ Der Rückzug markiert auch den Bruch mit derjenigen kirchenpolitischen Bewegung, die Basis ihres Aufstiegs war. Ihre öffentlichen Äußerungen kreisen nun mehr und mehr um das Thema Frömmigkeit; wenn sie über andere Konfessionen spricht, hebt sie seit dieser Zeit eher das Trennende, weniger das Verbindende hervor.

Was kommt nach der Mitte des Lebens?

2006 erkrankt Margot Käßmann. Es ist Krebs. Sie beweist Selbstdisziplin, tritt nicht zurück und nimmt bald ihre Amtsgeschäfte wieder auf. Gegenstand der Berichterstattung wird sie dennoch. Margot Käßmann versteckt sich nicht – und deutet in einer ihrer Äußerungen an, dass ihre Ehe belastet ist. 2007 reicht sie die Scheidung ein, wieder kommt sie in die Schlagzeilen. Von den Medien fühlt sie sich fair behandelt, doch Angriffe unterhalb der Gürtellinie bleiben nicht aus: Briefe, Anrufe, E-Mails. „Es hat mich dünnhäutig gemacht.“

Die Brüche wecken aber auch Interesse: Auf Kirchentagen strömen die Menschen nun bereits am Morgen zu Tausenden zu ihren Bibelauslegungen. Sie muss nichts Bahnbrechendes sagen, damit man ihr gerne zuhört. 2009 folgt abermals das Spiel, das Käßmann inzwischen kennt: Kann eine geschiedene Bischöfin auch EKD-Ratsvorsitzende werden? Die Synode gibt eine eindeutige Antwort: Ja, sie kann. Mit 51 Jahren hat Käßmann damit alles erreicht, was in der evangelischen Kirche möglich ist. Ihr erbaulich-autobiographisches Werk „In der Mitte des Lebens“ hat sie rechtzeitig vor ihrer Wahl fertiggestellt. Es steht weit oben auf den Bestseller-Listen.

Und nach der Mitte des Lebens – strebt sie eine zweite Amtszeit als Ratsvorsitzende an? „Dann bin ich 57 . . . aus heutiger Sicht denke ich: Zeit für Veränderungen! Spannend wäre doch etwa auch die lutherische Pfarrstelle in Paris.“ Dort hätte sie keinen Stress.

Lesen Sie auch: Ich über mich: Margot Käßmann

Zur Person

- Margot Käßmann wird 1958 in Marburg als Tochter eines Kraftfahrzeugschlossers und einer Krankenschwester geboren.

- Als Schülerin entschied sie sich gegen den Beruf der Journalistin und für das Studium der Theologie.

- 1999 wird sie nach Maria Jepsen in Hamburg die zweite Bischöfin in der EKD.

- Ende Oktober 2009 wird Margot Käßmann in Ulm mit großer Mehrheit zur Ratsvorsitzenden gekürt.

- Margot Käßmann war verheiratet und lebt mit der jüngsten ihrer vier Töchter in Hannover.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik.

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