Home
http://www.faz.net/-gyp-70sem
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Lionel Richie Unterwegs nach Tuskegee

 ·  Lionel Richie musste lernen, wie Geld das Leben bestimmen und eine Band auseinanderbringen kann. Seitdem ist er allein unterwegs - und verkauft mehr Platten als zuvor.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

An einem seiner ersten Tage an der Universität entscheidet sich noch nichts, aber es beginnt etwas. In Tuskegee im amerikanischen Bundesstaat Alabama sieht Lionel Richie Thomas McClary mit seinem Gitarrenkoffer über den Campus gehen, während dieser Richie mit dessen Saxophonbox erblickt. Sie beginnen, mit einigen anderen gemeinsam Musik zu machen, sie üben am Freitag, am Samstag und am Sonntag. Am Montag treten sie als Band erstmals zusammen auf die Bühne, auf einem Talentwettbewerb der Hochschule, auf dem die älteren Semester die vermeintlichen Talente der Erstsemester in aller Regel auslachen. Aber nicht dieses Mal, nicht bei denen, aus denen später die Band „The Commodores“ werden wird. So fühlen sie sich nach einer Musikwoche und den vier Liedern, die sie gerade mal spielen können, als würde die Welt ihnen gehören - oder wenigstens auf sie warten.

Im Sommer darauf fahren sie nach New York und spielen in den Klubs. Sie kommen zurück nach Alabama, und Lionel Richie ist sich sicher: „Das hier wird ein Teil meines Lebens sein, wie auch immer es sich entwickelt.“ Die jungen Musiker, denen die Mädchen auf dem Campus und in den Klubs hinterherkreischen, sind alle gleichermaßen verrückt. Wer sind die Rolling Stones? Wer sind die Beatles? Wer kann uns schon aufhalten? Das ist wie mit dem Gang auf den Drei-Meter-Turm im Freibad, den Richie an einem schwülen Sommertag mit einem Freund antritt. Nur wer ins kalte Wasser springt, kann sich im Becken halten. Lionel Richie ist bereit, vom Drei-Meter-Brett zu springen, ohne zu wissen, was ihn erwartet.

Als Vorgruppe der „Jackson Five“ von New York bis Los Angeles

Als er im zweiten Jahr an der Universität ist, sagt Richie seinen Eltern, dass er das Studium für die Musik abbrechen will, um vor einer Band, die seinen Eltern nichts sagt, als Vorgruppe einzuheizen. Sie haben ganz anderes für ihn im Sinn, schließlich zahlen sie seinen Universitätsbesuch. „Was? Du sollst vor einer Band von Kindern spielen? Du brichst die Uni ab, um als Vorband eines neun Jahre alten Kindes durch das Land zu fahren?“ Genau das macht Richie mit „The Commodores“, sie fahren als Vorgruppe der „Jackson Five“, der schmerzvollen Wiege von Michael Jackson, mit auf deren erster großer Amerika-Tour von New York bis nach Los Angeles.

Und jetzt plötzlich steht Lionel Richie nach einem Vierteljahrhundert wieder auf dem Thron der Popmusik, auf Platz eins in den amerikanischen Charts, den er in diesem Jahr mit dem Country-Album „Tuskegee“ erklommen hat, in dem er seine alten Hits im Duett neu eingespielt hat und das nach seiner kleinen Heimatstadt benannt ist. Solch ein Erfolg gelang ihm zuletzt in den achtziger Jahren zu seinen Glanzzeiten, als er die Solokarriere begann und sich mit weichen Ohrwürmern den Ruf als gefühlvoller Schlagersänger ersang.

„Du muss dabei sein“

Den neuerlichen Erfolg habe er erwartet, sagt er und lacht. „Der einzige Weg, um im Geschäft zu sein, ist: Du musst dabei sein.“ Keine Frage, der gerade 63 Jahre alt gewordene Richie ist wieder im Musikgeschäft dabei. Für das Duett in einer Fernsehsendung bringt er Schwung und Stimme von null auf hundert auf die Bühne. Danach blickt er im persönlichen Gespräch im Hinterzimmer in einer schwarzen Kapuzenjacke mit einem meist lachenden Auge auf sein Leben zurück, während Schweißperlen seine Stirn noch glänzen lassen.

Einen Studienabschluss in Ökonomie macht er damals dennoch auf Drängen seiner Mutter, wenn auch in acht statt in drei Jahren. Seinem Vater reicht es, als er den ersten Scheck des Juniors sieht, mit dem dieser viel mehr als er verdient. Das Sprungbrett zu Geld und Ruhm ist tatsächlich die Tour mit den jungen Jackson-Kindern. Den Auftritt in Los Angeles sehen die Kinder von Berry Gordy, dem Gründer der traditionsreichen Plattenfirma Motown, und berichten diesem von den fünf Soul-Musikern. Diese spielen bei ihm vor, werden unter Vertrag genommen und lernen, sich durch das Musikgeschäft zu bewegen. „Die Menschen nennen es eine Plattenfirma, ich nenne es eine Universität“, sagt Lionel Richie zu Motown. Dort stehen Marvin Gaye und Stevie Wonder unter Vertrag. Er kann jederzeit deren Proben und Aufnahmen beobachten. Er lernt, zu komponieren und als Frontsänger zu singen.

Es soll rauh zugegangen sein

Vor allem treibt Berry Gordy seine Künstler an; es soll rauh zugegangen sein in jener Zeit. Nie habe der Manager zum Erfolg gratuliert, erzählt Lionel Richie.

„Mr. Gordy, ich habe einen Nummer-eins-Hit.“ - „Marvin bringt nächste Woche eine neue Platte heraus.“

„Mr. Gordy, ich habe einen Nummer-eins-Hit.“ - „Hast du schon Stevies neues Album gehört?“

Immer weiter. Gordy treibt die Leute ins Studio und lässt sie gegeneinander antreten. „The Commodores“ brauchen eineinhalb Jahre, dann bringen sie ihr erstes Album bei Motown heraus - und kommen damit in die Charts. Doch mit dem Aufstieg beginnt auch das Auseinanderfallen der Gruppe, zu deren musikalischem Kopf Richie mit Liedern wie „Easy“ und „Three Times a Lady“ wird. Es heißt, dass die anderen seine Lieder irgendwann zu weich fanden. „Ich habe nicht verstanden, warum die Jungs sich über meinen Erfolg aufregten“, sagt Lionel Richie.

Gleichheit existiert nicht

„Lass mich vom Erfolg einer Gruppe erzählen“, sagt er. „Es gibt ein Wort, das dabei nicht existiert: Es heißt Gleichheit.“ Alles funktioniert, bis der Keyboarder Milan Williams den ersten Hit schreibt. Dafür bekommt er Geld, die anderen nicht. Sie fahren zur nächsten Show nach New York, wie immer mit dem Auto zwei Tage lang. Nur Williams fährt nicht mit. Williams fliegt. Allein. Er will keinen Flug für die anderen bezahlen.

Williams schreibt den zweiten Hit und fliegt weiter. Den dritten Hit schreibt Lionel Richie. Jetzt fliegt er mit Williams zum Auftritt. Dann eine neue Regel: Die Hälfte der Einnahmen kommt in die Gruppenkasse. Und alle fliegen nach New York. „Das ist super, solange nicht nur zwei Jungs alle Lieder schreiben“, sagt Richie. Aber genau das geschieht bei ihnen. Die Zeit vergeht. Wer kauft sich ein Haus? Wer hat ein größeres Haus? Wer zieht aus Tuskegee weg? Nach Atlanta oder Los Angeles, wohin Richie übersiedelt? „Es wird hart, das Wort ,gleich‘ entfernt sich immer mehr.“

Motown habe ihn nach einem Soloalbum gefragt, aber nicht, ob er von nun an allein musizieren würde. Nur die Welt habe das so verstanden, sagt Richie. Für seinen ersten Nummer-eins-Hit „Truly“ erhält er seinen ersten Grammy, für sein zweites Soloalbum „Can’t Slow Down“ den nächsten. Danach hört er mit der Solonummer nicht mehr auf und erreicht immer wieder den Platz der meisten Plattenverkäufe. Als erstem Komponisten gelingt es ihm, seine Lieder in neun aufeinanderfolgenden Jahren neunmal auf Platz eins der amerikanischen Charts zu sehen - auch wenn Kritiker seinen Popsoul als zu einfach verschmähen.

Zeit der Stille

Nach den großen Erfolgen in den Achtzigern wird es still um den Schmusesänger. Er zieht sich zurück. Sein Vater ist krank und stirbt. Seine Ehe zerbricht. Wer heute darüber in alten Zeitungen stöbert, liest, dass seine Frau ein Zimmer seiner damaligen Geliebten verwüstet haben soll. Die Geliebte sollte später Richies zweite Frau werden. Dann entzünden sich seine Stimmbänder. „Wir können Ihnen nicht garantieren, dass Sie jemals wieder singen können“, sagen ihm die Ärzte vor der Operation ins Gesicht. Aber sie würden es versuchen. „Sie versuchen es?“, wiederholt Richie. „Das ist kein Spaß.“ Vielleicht war das der Augenblick, überlegt er jetzt, an dem er zuletzt keine Freude mehr hatte.

Auch wenn er die Episode mit Tod, Scheidung und Halsoperation gegen eine glückliche Zeit tauschen wollen würde, so hat sie ihm doch auch geholfen. Das alles brachte ihm einen Pause und den Abstand vom Haifischbecken des wilden Rock-’n’-Roll-Lebens. „Ich wäre wahrscheinlich abgestürzt und verbrannt wie so viele andere“, sagt Richie. Michael Jackson stand im Scheinwerferlicht, Prince hat verrückte Sachen gemacht. Lionel Richie hat alles gestoppt, das habe wohl sein Leben gerettet, sagt er. „Als ich wieder zurück ins Geschäft kam, hatte ich eine andere Armee von Menschen um mich herum.“ Manchmal muss man heraus aus dem Wasser, um Luft zu holen und dann wieder einzutauchen.

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

... dem Frühstück.

Die Zeit vergesse ich...

...auf der Bühne.

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

...muss das Geschäft lieben. Kümmere dich nicht ums Geld. Wenn du das Geschäft liebst, wirst du es genießen.

Erfolge feiere ich...

...mit meiner Familie.

Es bringt mich auf die Palme,...

...wenn etwas nicht genauso gelingt, wie ich es möchte.

Mit 18 Jahren wollte ich...

...mit den Jungs von „The Commodores“ berühmt sein.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal...

...Anwalt werden wollen. Ich weiß nicht, was ich mir damals dabei dachte, und bin froh, es nicht geworden zu sein.

Geld macht mich...

...frei, das zu machen, was ich will.

Rat suche ich...

...bei meinen wirklichen Freunden.

Familie und Beruf sind...

...beide sehr wichtig, aber Familie kommt zuerst.

Den Kindern rate ich,...

...die jungen Jahre zu genießen, zu experimentieren und so viel wie möglich zu sehen, bevor sie sich auf die Karriere einlassen.

Mein Weg führt mich...

...durch die Welt, um vom Leben das große Bild zu erkennen, um auf die Reichsten der Reichen und die Ärmsten der Armen zu treffen - eine wichtige Lektion.

Zur Person

Lionel Richie wird am 20. Juni 1949 in Tuskegee in Alabama geboren.

1968 gründet er als Saxophonist und Sänger „The Commodores“ mit. 1982 beginnt seine Solokarriere.

Lionel Richie verkauft insgesamt 100 Millionen Alben. Er erhält einen Oscar und vier Grammys, einen als Ko-Autor des Wohltätigkeitsliedes „We Are the World“.

Mit dem Album „Tuskegee“ schafft er es dieses Jahr wieder auf Platz eins in Amerika. Im Herbst tourt er durch Deutschland.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1983, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge