27.12.2010 · Sie war Bankkauffrau, ist heute Ordensfrau, fromm und wütend über die sexuelle Ausbeutung von Frauen. Anstatt nur zu reden, handelte Schwester Lea. Und gründete ein internationales Hilfswerk.
Von Ursula KalsZwischenstopp in Bangkok. Der Anschlussflug nach Manila ist ausgefallen, die Fluggesellschaft zahlt Taxi und Hotel. Drei Männer, darunter ein Bischof, sitzen hinten im Taxi, Schwester Lea Ackermann sitzt vorn. Alle sind in Zivil unterwegs. „Nix Ehemänner?“, vergewissert sich der Fahrer in gebrochenem Englisch. Die Ordensschwester verneint und wird fortan ignoriert. Der Fahrer offeriert den Männern ein Geschäft: „Ich biete meine kleine Schwester. Sehr schön, sehr jung, die ganze Nacht, ganz billig!“ Das ist nur eines von unzähligen Erlebnissen, die Schwester Lea Ackermann auf die Palme bringen. „Ich war so geschockt!“ Noch heute bebt ihre Stimme vor Abscheu darüber, dass Menschen zur Ware degradiert werden. Die sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen sind der energisch-charmant auftretenden 73-Jährigen ein Dorn im Auge. Anstatt sich in ihrem Klosterkämmerlein darüber zu ärgern, ist die Katholikin vor 25 Jahren losgezogen und hat in Kenia das Frauenprojekt Solwodi gegründet: Solidarity with Women in Distress – Solidarität mit Frauen in Not.
Was in einer improvisierten ostafrikanischen Baracke begonnen hat, ist zu einem international etablierten Hilfswerk geworden: Auch in Deutschland versuchen 48 Mitarbeiterinnen in 14 Solwodi-Kontaktstellen mit Beratungs- und Bildungsangeboten und sieben Schutzwohnungen Ausländerinnen zu helfen, die im Versprechen auf Arbeit oder Heirat hierherkamen und Opfer von Zwangsprostitution und Menschenhandel wurden.
„Ich sollte etwas Ordentliches machen“
Dass die temperamentvolle Saarländerin ihr Leben damit verbringen würde, zwischen den Kontinenten zu pendeln, heute in Brüssel vor dem Parlament zu sprechen und morgen in Berlin einen Vortrag zu halten und scheinbar aussichtslose Frauenschicksale in ein unabhängiges Leben in Freiheit zu wenden, das ist ihr nicht in die Wiege gelegt worden. Die Tochter eines bodenständigen Bauunternehmers wurde auf Wunsch der Eltern Bankkauffrau. „Ich sollte etwas Ordentliches machen.“ Sie lacht. „Das würde man heute auch nicht mehr sagen, wenn man die Bosse mancher Banken sieht . . .“ Ein Jahr schickt die Landesbank Saar sie nach Paris zum Aufbau der Banque Franco-Sarroise. Das versöhnt die junge Frau ein wenig damit, dass ihr Wunsch, Lehrerin zu werden, von den Eltern abgelehnt worden war. Auf jeden Fall ist ihr klar, dass sie nicht in ihrem Heimatort Klarenthal bleiben, heiraten und Kinder kriegen will.
Und sie ist fromm, von klein auf. Nach und nach reift ihr Entschluss, ins Kloster zu gehen. Hatte sie ein Schlüsselerlebnis? Sie schüttelt den Kopf: „Ich halte da auch nichts von.“ Auf jeden Fall soll es ein Missionsorden sein, um ihre Abenteuerlust zu stillen. Sie bewirbt sich bei zwei Gemeinschaften. Der Orden „Unserer lieben Frau von Afrika“ lädt die 23-Jährige ins Mutterhaus nach Trier ein. „Ich habe Nägel mit Köpfen gemacht.“
Es folgt ein Auftritt typisch Schwester Lea, die sich durch ihre unkonventionelle Art ihre Jugendlichkeit bewahrt hat. Der Betriebsausflug der Landesbank führt sie zufällig – „ich nenne das Fügung“ – nach Trier. Sie tanzt die Nacht mit ihren Kollegen durch. Steht am nächsten Morgen im schwarzen Seidenkleid („ein schickes Pariser Modellkleid mit großen grünen Rosen, das habe ich heute noch“) und hohen Pumps vor der Klosterpforte. „Die haben schon gedacht, was für ein komischer Vogel.“ Sie wird angenommen, fährt zu ihren Eltern und stellt sie vor vollendete Tatsachen: „,Ich gehe ins Kloster und habe schon gekündigt!’ Mein Vater hat getobt, meine Mutter hat geweint.“ Irgendwann beruhigt sich die Lage, und die Eltern bringen sie nach Trier. Die Provinzoberin bietet einen Beruhigungsschnaps an, das stimmt den Vater milder – die schienen ja doch nicht so abgehoben. Was in der Rückschau nach munterer Anekdote klingt, ist alles andere als ein einfacher Weg. Zwei Jahre ist die junge Frau im Trierer Mutterhaus, erst im Postulat, dann Noviziat und prüft sich gründlich, erst nach acht Jahren werden in diesem Orden die ewigen Gelübde abgelegt.
„Den Satz, man müsste eigentlich . . ., kann ich nicht hören“
Abenteuerlust und Wissensdurst begleiten Schwester Lea durch die kommenden Jahre. Sie studiert in Toulouse Theologie, macht in München eine Ausbildung als Lehrerin. Wieder lacht sie, wie so oft während des Gesprächs. „Wenn die hören, ich habe eine Banklehre, bin ich nachher Sekretärin von einem Bischof. Das wollte ich wirklich nicht.“ Sie will nach Afrika und helfen. Endlich darf sie nach Ruanda, leitet ein Internat, reformiert die Ausbildung, erweitert die Schulräume, schleppt mit den Schülerinnen Steine auf den Berg. Für keine Arbeit ist sie sich zu schade. „Den Satz, man müsste eigentlich . . ., kann ich nicht hören, ich bin absolute Praktikerin.“
Ihr Leben bleibt unruhig, die afrikanische Schule wird in einheimische Hände übergeben, sie kehrt nach München zurück, promoviert, will Entscheidern auf Augenhöhe begegnen, arbeitet für das Hilfswerk Missio. Und sie wird auf ihren Reisen in arme Länder immer wieder mit dem Thema Sextourismus konfrontiert. Konkret wird es 1985 in Kenia. In Mombasa begegnet sie Frauen, die sich und ihre Kinder nur durchbringen können, weil sie ihren Körper verkaufen. „Die machen alles, weil sie arm sind. Und die Touristen, die sich immerhin eine teure Reise leisten können, nutzen das Elend schamlos aus.“ Eigentlich soll Schwester Lea hier Religionslehrer ausbilden, überzeugt ihre Oberin aber von ihrem Einsatz für Frauen. So wie für die ausgemergelte 17-Jährige, die mit Europäern schläft, um ihren kleinen Jungen zu ernähren. Sie selbst hungert. Schwester Lea ist als Streetworkerin unterwegs. Geht nicht, gibt’s für sie nicht. Sie organisiert ein altes, fensterloses Lagerhaus mit Lehmboden und durchlöchertem Dach und Hilfe zur Selbsthilfe. Eine ihrer Stärken ist, Kontakte zu knüpfen, so gewinnt sie Mitstreiterinnen und entwickelt kleine Geschäftsideen für die ausgebeuteten Frauen von Makupa: Nach und nach wird genäht, gebacken, Schmuck hergestellt, es gibt kleine Verkaufserlöse.
Die Mutter schickt Geld
Damals hat sie anders als heute nicht einmal Taschengeld von ihrem Orden, aber ihre Mutter schickt Geld. Schwester Lea nimmt ihr Adressbuch, schreibt einen wortgewaltigen Rundbrief über „Prostitution in Mombasa“, verschickt ihn hundertmal und bittet jeweils um 10 DM. Es kommt ein Vielfaches zurück, „das waren ja die Gutmotivierten“. Sie führt eine Krankenversicherung ein, 10 Pfennig einmal in der Woche geben die Frauen Solwodi und werden medizinisch versorgt.
Mindestens so wichtig wie eine bescheidene Existenzsicherung, ein strukturierter Tag ist für die ausgebeuteten Frauen seelischer Beistand. „Das Problem: Ganz Arme, die nie eine Kindheit, nie eine Förderung hatten, die haben auch keine Träume.“ Schwester Lea bringt sie zu realistischen Träumen. Später in Deutschland etabliert sie weitere Solwodi-Beratungsstellen, um Frauen zu helfen, die scheinbar keine Chance haben. Das Muster wiederholt sich: In armen Ländern haben Mädchen weniger Bildungschancen und rutschen oft aus reiner Not und mitunter auch aus Naivität in sexuelle Ausbeutungsverhältnisse. Neben afrikanischen und asiatischen Ländern steht auch Osteuropa im Fokus ihres Kampfs gegen Frauenhandel. In mehreren Büchern hat Lea Ackermann mit anderen Autorinnen aufwühlende Biographien dieser Frauen dokumentiert. Besonders widerwärtig findet sie die Bordelle, die mit Flatrates werben, in denen Freier „alle Öffnungen benutzen können“.
Ein Zuhause findet die ruhelose Helferin in einer spirituell-streitlustigen Wohngemeinschaft mit dem charismatischen Pallotinerpater und Universitätsprofessor Fritz Köster. Beide leben in der barocken Propstei im rheinischen Hirzenach in einer zölibatären Gemeinschaft. Im Lauf der Jahre nehmen sie vier Pflegekinder auf, dafür wurde die Hauskapelle kurzerhand zum Kinderzimmer umfunktioniert. Mit ihnen und ihren Müttern wird auch Weihnachten gefeiert. Die Gespräche zwischen Pater und Nonne am Küchentisch haben sogar Eingang in ein Buch gefunden und dürften manchen vom Glauben an eine gerechte Kirche abgefallenen Katholiken wieder versöhnen. „Kirche kann auch ganz anders sein“, beharrt sie freundlich. Kritische Stimmen, die das „irgendwie peinlich finden, dass eine Ordensfrau gegen Sextourismus kämpft“, sind längst verstummt. Stattdessen erhält Lea Ackermann Preise und Auszeichnungen, inzwischen sind es mehr als 20. „Wir brauchen eine Kultur der Empörung“, sagt sie und lächelt. „Ich kann mich nicht groß verstellen, weil ich so vergesslich bin.“ Diesmal lacht sie laut und vergnügt.
Zur Person
Lea Ackermann wird 1937 in Völklingen im Saarland geboren und wächst in Klarenthal auf.
Nach einer Lehre als Bankkauffrau in Saarbrücken tritt sie 1960 in die Ordensgemeinschaft „Unserer lieben Frau von Afrika“ ein.
Fünf Jahre ist sie Lehrerin in Ruanda. Danach studiert sie in Deutschland Pädagogik, Psychologie und Theologie und promoviert.
Sie ist unter anderem Bildungsreferentin bei Missio München und bildet Lehrerinnen in Kenia aus. Dort gründet sie 1985 den Hilfeverein Solwodi.
Ursula Kals Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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