Dieser Mann hatte einmal alles richtig gemacht. Geradlinig und erfolgreich – so war sein Werdegang bis zum Jahr 2007: Stipendium in Stanford, Karriere im Silicon Valley, dann irgendwann die richtige Geschäftsidee im Web 2.0. Konstantin Guericke ist einer der wenigen deutschen Manager, die sich in der amerikanischen Internetwelt so richtig einen Namen gemacht hatten. Denn gemeinsam mit Reid Hoffman hat er das Businessnetzwerk Linkedin erfunden.
Linkedin – das ist das Myspace für Erwachsene, das „seriöse“ soziale Netzwerk, das Web-2.0-Instrument für die Erfolgreichen und Karriereorientierten. Auf Linkedin tummeln sich mittlerweile mehr als 46 Millionen Mitglieder, die ihre Lebensläufe zur Schau stellen und mit Kollegen, Geschäftspartnern oder Konkurrenten Kontakt halten. Linkedin ist das große amerikanische Pendant zum hierzulande bekannteren Konkurrenten Xing, der immerhin auf 8 Millionen Mitglieder kommt.
„Sou früh“ nach Amerika gegangen
Wie kam Konstantin Guericke, Sohn eines Lehrerehepaars aus der norddeutschen Provinz, dazu, sich das Konzept für eines der erfolgreichsten Unternehmen im sozialen Internet auszudenken? Wie verschlug es ihn nach Silicon Valley, ausgerechnet ihn, der als kleiner Junge gern Ackerbauer werden und mit dem Trecker die Felder bestellen wollte? Wie wurde ausgerechnet er zum Internet-Crack, obwohl er als Schüler für den Schreibtisch nur wenig übrighatte und am liebsten die ganze Zeit nur Tennis gespielt hätte?
„Es war wahrscheinlich, weil ich schon so früh nach Amerika gegangen bin“, sagt er heute und betont dabei sein leicht amerikanisch eingefärbtes Deutsch. „Sou früh“, sagt er zum Beispiel und „Ju Ess Äi“. Es ist nur eine Nuance von Akzent, gerade groß genug, um sie zu bemerken, und gerade klein genug, um noch zu glauben, dass er seine Kindheit und Jugend bis zum Abitur in Deutschland verbracht hat.
Mehr Elche als Menschen
Zumindest zum größten Teil. Mit 15 ging er für ein Jahr über ein Austauschprogramm nach St. Marys in Pennsylvania und besuchte dort als Gastschüler die High School. Eigentlich, weil es ihn aus seinem verschlafenen Heimatort hinausdrängte, weil er etwas Neues sehen wollte. Allerdings: „St. Marys – das war ein noch verschlafenerer Ort“, erzählt Guericke. „Es gibt dort mehr Elche als Menschen. Der Höhepunkt des Jahres für meine Mitschüler war die Jagdsaison. Dafür gab es sogar schulfrei.“ Für Hochsitz und Schrotflinte hatte Guericke jedoch nur wenig übrig. Eine vernünftige Tennismannschaft gab es in St. Marys auch nicht. „Weil ich mit den Leuten in der High School nicht viel anfangen konnte, begann ich, mich für die amerikanischen Colleges zu interessieren“, erzählt Guericke. Er las über Harvard, Stanford und Princeton, reiste zu Unis in seiner Umgebung und streifte dort auf dem Campus umher. „Ich mochte die Atmosphäre, das zusammen Leben, Lernen und Arbeiten.“
Nach dem Abitur bewarb Guericke sich für ein Stipendium in Stanford, um dort Wirtschaftsinformatik zu studieren. „Die Zusage kam per Telegramm“, erinnert er sich. „Das war der Tag, an dem mir meine Mutter auf den Kopf zusagte, dass der Abschied aus Deutschland dann wohl für immer sein würde. Geglaubt habe ich ihr das damals nicht.“ Heute sagt er, dass es gerade die frühe Zeit auf dem College war, die ihn in Amerika heimisch werden ließ. „Die Stimmung in Stanford ist einfach ganz anders als an deutschen Unis“, sagt er. Abgefärbt hat vor allem das, was Guericke „Gründergeist“ nennt. „Da kamen verschiedenste Jungunternehmer in die Vorlesungen und zeigten uns ihre ersten Businesspläne“, schwärmt er. „Hinterher hatte ich selbst einen ganzen Ordner voll eigener Ideen für Firmengründungen im Schrank.“
Buch geführt über die Lunch-Partner
Verwirklicht hat er diese Gründer-Pläne erst mal nicht. Nach der Uni heuerte Guericke in verschiedenen Startup-Unternehmen rund um die Computerbranche an, verdiente sich seine Green Card und war informell als Berater für diverse IT-Firmen tätig. Mit Eifer arbeitete er jedoch vor allem an seiner besonderen Spezialität: an seinem Netzwerk. An diesem Grundstock an bekannten und im Silicon Valley mehr oder weniger wichtigen Leuten, von denen Guericke glaubte, sie könnten ihm einmal nützlich werden. In seinen eigenen Worten: „Ich habe mir soziales Kapital aufgebaut.“ Sein System dafür war denkbar einfach: Er ging zu Mittag essen. Und er führte Buch darüber, mit wem er zu Mittag essen ging. „Ich hatte übers Jahr gerechnet rund 100 Leute, mit denen ich mich regelmäßig zum Lunch traf“, erzählt er. Wenn er in seinen Listen bemerkte, dass er jemanden lang nicht mehr getroffen hatte, rief er ihn an, um den Kontakt warmzuhalten.
Einer dieser Kontakte war sein früherer Stanford-Kommilitone Reid Hoffman. An der Uni hatten sie wenig miteinander zu tun gehabt, doch zu der Zeit, als Guericke sein Netzwerken professionalisierte, teilten Hoffman und er eine Leidenschaft für lange Gespräche über mehr oder weniger verrückte Geschäftsideen. Und eine Leidenschaft für lange Spaziergänge. „Damals verabredeten Reid und ich uns regelmäßig zu diesen Wanderungen“, erzählt Guericke. „Jedes Mal brachte einer von uns eine Geschäftsidee mit und musste während des Spaziergangs erläutern, wie sie funktionierte.“ Wer von beiden eines Tages Linkedin mitgebracht hat? Das lasse sich nicht mehr auseinanderdividieren, sagt Guericke. Linkedin, das sei eine Kombination gewesen aus seinem Lunchbuch und Hoffmans Idee, die Qualität der Kontakte durch gegenseitige Empfehlungen zu steigern und den Leuten so zu ermöglichen, sich im Internet einen guten Ruf zu erarbeiten. „Wir standen in Wanderschuhen auf einem Hügel, als uns klar wurde, dass wir beides verbinden mussten“, sagt Guericke, und die Begeisterung schwingt bis heute mit in seiner Stimme. „Ein soziales Netzwerk im Internet, das aber über persönliche Kontakte funktionierte, über Freunde von Freunden, die einander vorstellen und empfehlen und damit Qualität in die ganze Sache bringen.“
Einladungen per Mail waren der Grundstein
So machten sie es. Zusammen mit drei weiteren Partnern, Allen Blue, Jean-Luc Vaillant und Eric Ly entwickelten sie in Reid Hoffmans Wohnzimmer die Details für ihre neue Internet-Plattform. Am 5. Mai 2003 gingen sie online – und begannen damit, jeweils ihre besten Bekannten per E-Mail einzuladen. „Das hat sich schnell verselbständigt“, erzählt Guericke. Ende 2003 hatte ihr Businessnetzwerk schon 81.000 Mitglieder – und 14 Mitarbeiter.
Vier Jahre lang blieb Guericke als Marketingchef bei Linkedin – bis ihn wieder Langeweile überkam, dieser Drang nach Neuem, den er schon aus Jugendtagen kannte, als er nach Amerika entfloh. „2006 waren wir profitabel geworden, es gab nicht mehr viel Neues zu tun, ich hatte das Gefühl, das Baby sei erwachsen.“ So ließ Guericke sich abwerben vom Start-up-Unternehmen Jaxtr, das ihn als Vorstandsvorsitzenden haben wollte. „Wir hatten damals die Idee, soziale Netzwerke im Internet nicht nur über Textnachrichten, sondern auch über Telefongespräche laufen zu lassen“, erklärt er. „Jaxtr sollte dafür die Plattform sein.“
Jaxtr war ein Flop
Doch daraus wurde nicht viel. Bis heute müssen selbst einigermaßen versierte Web-2.0-Nutzer suchen, wenn sie wissen wollen, was sich hinter dem Namen Jaxtr verbirgt. Die Bekanntheit blieb gering, der Netzwerkeffekt hat nicht wirklich funktioniert, wie Guericke selbst ehrlich zugibt. „Nun ist das Unternehmen zu einer Art Billigtelefonanbieter geworden“, sagt er. „Das wollte ich nie.“ Kürzlich hat er deshalb seinen Chefposten hingeschmissen und Jaxtr an die Firma Sab Se Technologies verkauft.
Inzwischen hat Guericke wieder bei seinem „Baby“ Linkedin angeheuert – als Teilzeitberater. Nur ganz informell durfte er verfolgen, wie Linkedin sich dieses Jahr in sein Heimatland Deutschland aufmachte. Quasi von außen gab er Tipps für eine Strategie, um dem etablierten Platzhirsch Xing zu Leibe zu rücken. Spricht er heute über Linkedin, spricht er wieder von „wir“. Und Xing, das sind „die da“, an denen er kaum ein gutes Haar lässt.
Zurück zum „Baby“
Hat er es niemals bereut, sein Baby verlassen zu haben? Wurmt es ihn gar nicht, dass auf Reid Hoffmans Linkedin-Profil noch immer „Chairman“ steht und auf seinem eigenen bloß noch lapidar „Berater“? „Selbstverständlich nicht“, sagt Guericke. Bereuen – das ist nicht vorgesehen in seiner Art, die Dinge zu betrachten. „Im Schrank sind noch etliche Businessplan-Entwürfe“, sagt er. „Irgendwann starte ich sicherlich das nächste Unternehmen.“ Seine Ansprüche dabei sind durchaus nicht klein. „Ich will immer dort tätig sein, wo man den meisten Einfluss hat auf die Gesellschaft“, sagt er. „Hätte ich zu Zeiten von Ludwig XIV. gelebt, wäre ich wohl Politiker geworden. Hätte ich im Mittelalter gelebt, wäre ich in die Kirche gegangen. Und heute sehe ich eben die meisten Möglichkeiten im Bereich Internet und Technologie.“
Zur Person:
- Konstantin Guericke wird am 19. September 1967 als Sohn eines Lehrerehepaars geboren und wächst im norddeutschen Zeven auf.
- Nach der Schule studiert er Wirtschaftsinformatik in Stanford; ein Schwerpunkt liegt im Bereich Verhaltensökonomie.
- 2003 gründet er gemeinsam mit Reid Hoffman und drei weiteren Partnern das Businessnetzwerk Linkedin.
- Guericke ist verheiratet und hat zwei Töchter im Alter von vier und sieben Jahren.
WAS SAGT DER MANN ÜBER D????????
(de.simonsito)
- 12.10.2009, 17:18 Uhr
