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Karlheinz Brandenburg Tonmeister der digitalen Revolution

 ·  Sein Welterfolg kam mit Suzanne Vega: Karlheinz Brandenburg gilt als Erfinder des MP3-Formats. Doch diesen Titel lehnt er ab und arbeitet schon an noch größeren Tönen.

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Dieses Lied wird Karlheinz Brandenburg wohl nicht mehr vergessen. Er kennt jeden Ton, jede Zeile, jede Strophe. Er hat es Tausende Male gehört und Hunderte Male geträumt, hat es durch einen Supercomputer gejagt, digitalisiert, in Bits und Bytes zerlegt, studiert, analysiert und komprimiert. "Es war unser ultimatives Teststück für MP3", sagt er. Der kleine A-cappella-Song "Tom's Diner" der Sängerin Suzanne Vega wurde zum Wiegenlied der Musik im Internet. Brandenburg stand Pate und die Musikindustrie vor einer Revolution. "Das habe ich mir in meinen Lehrjahren auch nicht träumen lassen", sagt er. Damals trug er Jeans, Sweatshirt und eine ernste Miene, heute trägt er Schlips und Kragen und ein Lächeln auf den Lippen; damals war er Doktorand, heute ist er Professor; damals lebte er von Stipendien und der Hand im Mund, heute ist er einer der besten Wissenschaftsmanager des Landes. Er hat eine eigene Wagniskapitalgesellschaft und steht an der Spitze eines angesehenen Forschungsinstituts. In seiner Jugend machte er sich an die Komprimierung, im Alter an die Maximierung von Tönen.

Seit fünfzehn Jahren arbeitet er an einem Klangwunder namens Iosono: einer Akustikwelt, in der sich mit einem Computer und einer kleinen Armada von Lautsprechern einzelne Töne, ganze Lieder, Opern und Konzerte punktgenau in Räumen plazieren, verschieben und entfalten lassen. Hören in 3 D - die nächste Dimension fürs Ohr. Um die Idee hatte Brandenburg in den vergangenen Jahre ein ganzes Institut errichten lassen. In den Kinos von Hollywood ist Iosono schon zu hören. Disney hat Interesse; Michael Jackson war begeistert, erzählt Brandenburg.

„Ein Genie bin ich nun wirklich nicht“

Der Herr Professor sitzt im ersten Stock im Fraunhofer-Institut in Ilmenau. Unten sind die Studios, oben ist der Chef. Auf seinem Tisch liegt ein iPod. "Mein Lieblingsgerät." Im Regal stehen gerahmte Ehrungen, ein Doktorhut und die Urkunde zum Bundesverdienstkreuz. Ganz oben ist eine Gipsbüste: Albert Einstein. Der Großmeister der Physik streckt die Zunge raus. Ein Geniestreich. "Ein Genie bin ich nun wirklich nicht", sagt Brandenburg. Er mag es nicht, wenn man ihn "Mister MP3" nennt. "Ich war Teil einer Forschergruppe in Erlangen", sagt er, "und die war gut." Er redet leise und langsam, wirkt charmant und bescheiden. Er weiß um die Wirkung und nennt die Namen seiner einstigen Lehrer und Mitstreiter: seinen Doktorvater Dieter Seitzer vornweg, dann Heinz Gerhäuser, Joachim Klein, Bernhard Grill, Thomas Sporer, Harald Popp.

"Teams sind wichtig", meint er. "Denn hinter jeder Erfindung stecken viele Mitarbeiter." Brandenburg spricht von den achtziger Jahren und dem Wettrennen eines Dutzends hochkarätiger Entwicklungsteams, die ausgeschriebenen internationalen Standards für die digitale Übertragung von Hörfunkprogrammen liefern zu können. Ziel war es, Töne zu digitalisieren und diese riesigen Datenmengen so zu verkleinern, dass sie schließlich über Telefonkabel verschickt und auf Festplatten von Computern gespeichert werden konnten. Keine klirrenden Telefonstimmen, sondern glasklare Klänge. Dafür aber waren aufwendig zu entwickelnde Kompressionsverfahren notwendig: Aus einer großen Datei mach eine kleine. Brandenburgs Team zog bei der Feinabstimmung seiner Algorithmen aus "Tom's Diner" entscheidende Hinweise für die Verbesserung von Klangqualität und Kompression. So entwickelte es das, was der Volksmund heute als MP3 bezeichnet. Die alte Plattenindustrie hatte ausgespielt. Neue Player eroberten den Markt. Brandenburg erklärt das Verfahren der psychoakustischen Verdeckung, wirbelt durch den technischen Buchstabensalat von Aspec, Musicam und AAC, erzählt von seiner Forschung an den amerikanischen Bell Labs Anfang der neunziger Jahre, dem Studium in Erlangen in den Siebzigern, von durchgearbeiteten Nächten und seiner Diplomarbeit.

Schallplatten für 1000 Mark als Arbeitsgrundlage

Mit der fing sein Weg zum MP3 an. Als Student hatte er eine Software für einen Prozessor geschrieben, die Audiodateien verkleinerte. Der Chip ist heute im Deutschen Museum zu sehen. Brandenburg blieb am Thema und wurde Mitarbeiter am Lehrstuhl für technische Elektronik an seiner Heimatuniversität Erlangen-Nürnberg. Er befasste sich mit technischer Komprimierung, Verschlüsselung und Entschlüsselung, mit Tönen, Noten und Musik, um sie als kleine Computerdateien durch ISDN-Leitungen zu jagen.

Die Idee war in den siebziger Jahren Dieter Seitzer gekommen. Der wollte sie als Patent anmelden. Doch die Behörde winkte ab: Unmöglich, hieß es. Seitzer sah das anders, wurden doch die Telefonnetze gerade digitalisiert. Rauschten bis dahin analoge Signale durch Drähte und Relais, flitzten mit der Einführung von Digitaltechnik und ISDN Töne, Stimmen und Geräusche als Bits und Bytes durch die Vermittlungscomputer und Router. Das eröffnete neue Chancen. Der Erlanger Professor ging mit einer Handvoll Studenten an die Arbeit. Brandenburg war dabei.

Er kaufte in einem Nürnberger Musikladen für 1000 Mark Schallplatten, berechnete, analysierte und komprimierte die Aufnahmen und arbeitete mit einer Formel, die in der Fachliteratur OCF-Algorithmus heißt. Heute lacht er darüber, damals attackierte er eine heilige Bastion. Denn es war die Zeit, in der wuchtige HiFi-Anlagen für Musikfans genauso wichtig waren wie PS-starke Autos für Motorfreaks. Autos wurden sparsamer, Musik handlicher. Algorithmen machten sie griffig.

Mit schönem Dank vom Hacker

Dafür hatte Brandenburg Tag und Nacht gerechnet. Er ließ seinem Diplom die Doktorarbeit, seinen Forschungen in Erlangen einen Aufenthalt in den Bell Laboratorien von AT&T folgen. So vertrat er 1988 Fraunhofer und 1990 den amerikanischen Telefonriesen AT&T in der Motion Picture Expert Group (MPEG) der Internationalen Organisation für Standardisierung (ISO). Die MPEG-Gruppe sollte unter einem Dutzend Vorschlägen die besten Kompressionsstandards für Audiodateien auswählen.

Erlangen hatte die Nase vorn. Das System wurde 1992 zum Standard für die Datenkomprimierung zur Übertragung via Telefonleitungen. Fortan war es zum festen Preis für jeden zu haben, der es wollte. Als Erstes griff 1993 eine Firma aus Ohio zu. Telos Systems kaufte eine Lizenz, baute ein Radiogerät und verkaufte es Zehntausende Mal. MP3 hob ab. Hatte die Grundig AG aus Fürth bei einer Präsentation des Verfahrens kurz zuvor noch abgewinkt, hatten Manager aus der Plattenindustrie noch geglaubt, mit der CD ihre Geschäfte auf Generationen hinaus gesichert zu haben, so kamen nun Hightech-Firmen ins Geschäft. Sie rollten es von hinten auf. 1995 wählte die New Yorker Radiogruppe Worldspace als Übertragungstechnik des Erlanger Verfahrens. Die Deutsche Telekom bot einen der ersten internetbasierten Musikdienste an. Computer- und Softwarekonzerne kauften Lizenzen. 1996 kam Microsoft, 1997 Apple. Als Ende der neunziger Jahre ein Student aus Australien mit gestohlenen Daten einer Kreditkarte aus Taiwan die Verschlüsselungssoftware der Erlanger erworben, einen der wichtigen Codes geknackt und das Ganze mit einem "schönen Dank an Fraunhofer" frei ins Internet gestellt hatte, wusste Brandenburg: "Wir haben hier ein Problem." In den Datennetzen blühte ein illegaler Handel mit den kleinen, handlichen, qualitativ guten MP3-Files auf.

Vom Erdölfeld in die Konzertsäle

Der Großtonmeister aus dem Thüringer Wald rückt seinen Stuhl näher an den Tisch. Er fährt mit den Händen durch den dichten Bart und sagt: "Wir haben viel Geld ausgegeben, um den Hacker zu finden. Wir haben ihn gefunden." Doch die Büchse der Pandora war geöffnet. Es ging nicht um Töne, sondern um Formate. Die Verkäufe von CDs fielen, die von Musikdateien im Internet stiegen. Plattenfirmen machten Pleite, Computerbauer Gewinn. 1998 waren die ersten MP3-Player am Markt. Drei Jahre später kam Apple. Dann ging alles ganz schnell.

Als die digitale Revolution beim Konsumenten ankam, hatte Brandenburg schon Neues vor Augen. Er arbeitete an Iosono. Eine Herausforderung. Das Prinzip der dreidimensionalen Klangwelt war in den siebziger Jahren von Wissenschaftlern der Universität in Delft entwickelt worden. Sie wollten es für die Erkundung von Erdölfeldern einsetzen. Nun ist es in Konzertsälen. "Die Kollegen in Holland haben hier Pionierarbeit geleistet", sagt er. Von seinem Institut aus will er es in Kinos und Wohnzimmer bringen - das große Brandenburgische Konzert.

„Management ist wichtig“ - auch ohne Studium

Dafür war er 2000 von Franken nach Thüringen gegangen, hatte in Ilmenau mit einer Anschubfinanzierung des Freistaates in Höhe von 30 Millionen Euro erst die Außenstelle des Erlanger Fraunhofer-Instituts aufgebaut und sie 2004 dann zu einem eigenen Institut gemacht. Brandenburg war zum Wissenschaftsmanager geworden, ohne MBA, ohne Business-Schule oder Studium der Betriebswirtschaft. Er hatte einfach in allen Verhandlungen rund um die MP3-Lizenzierungen mit am Tisch gesessen, hatte zu verhandeln gelernt - hart und entschlossen. Es ging um viel Geld. Heute verbucht Fraunhofer aus den Lizenzen Einnahmen im hohen zweistelligen Millionenbereich. Brandenburg und seine Mitstreiter sind beteiligt. Wie viel? Er schweigt.

"Management ist wichtig", sagt er nur. Studiert hat er es nie, aber gelernt. In seiner Jugend gab er bei den Pfadfindern die Richtung vor. Später war er im Lutherischen Weltbund und in der Friedensbewegung aktiv. "Wenn man mit Ehrenamtlichen arbeitet, kann man nicht mit Anordnungen kommen. Man muss überzeugen." Das macht er auch in Ilmenau. Den Song für die zweite Klangrevolution hat er noch nicht im Ohr. Dort ist noch Suzanne Vega.

Zur Person:

- Karlheinz Brandenburg wird am 20. Juni 1954 in Erlangen geboren.

- Nach dem Abitur 1973 studiert er Elektrotechnik und Mathematik in Erlangen-Nürnberg und wird wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Technische Elektronik.

- Er promoviert 1989, legt in seiner Dissertation die Grundlagen für viele Audiokodierungs- und Audiodatenkompressionsverfahren und geht für ein Jahr nach Amerika.

- In Erlangen wird er 1999 Abteilungsleiter am Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen. 2000 wechselt er an die Außenstelle im thüringischen Ilmenau und hebt 2004 das Institut für Digitale Medientechnologie aus der Taufe.

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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

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