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Juliane Kokott : Europas Anwältin

  • -Aktualisiert am

Kokott vereinbart scheinbar mühelos Beruf und Familie Bild: F.A.Z. - Julia Zimmermann

Ihr Amt ist wenig bekannt, doch ihr Einfluß ist groß: Die Generalanwältin Juliane Kokott empfiehlt den Richtern des Europäischen Gerichtshofs, wie sie urteilen sollten. Diese folgen zumeist ihrem Rat. Zugleich organisiert die Spitzen-Juristin auch noch ihre Großfamilie.

          Da kommen jetzt noch zwei Presse-Fuzzis", sagt der Mitarbeiter von Juliane Kokott, nicht wissend, daß die schon in Hörweite stehen. Im Büro der Generalanwältin beim Europäischen Gerichtshof kommen Journalisten gerne vorbei, mal von der Cosmopolitan, mal von der Neuen Zürcher Zeitung. Denn Professor Dr. Dr. Juliane Kokott hat einen der höchsten Posten inne, den die Europäische Union an Juristen zu vergeben hat: Als eine von acht Generalanwälten unterstützt sie die Richter mit ihren Schlußanträgen bei der Auslegung des europäischen Rechts. Und fast immer folgen die Richter ihrer Einschätzung. Das ist spannend, aber wenn man ganz ehrlich ist, wird es erst so richtig spannend, wenn man das zweite Leben von Juliane Kokott kennt: Sie ist Mutter von sechs Kindern.

          Für die hat sie nur am Wochenende richtig Zeit, denn von Montag bis Donnerstag lebt und arbeitet Juliane Kokott allein in Luxemburg. In ihrem Büro am Gerichtshof prüft sie dann, ob Irland beim Schutz seltener Vogelarten versagt hat oder ob die Lieferverträge für spanische Tankstellenbetreiber europarechtswidrige Klauseln enthalten. Ihre Rechtsgutachten dienen den EuGH-Richtern als Entscheidungshilfe. Für die Mitgliedstaaten stehen nicht selten Milliardensummen auf dem Spiel: Anfang September mußte Kokott etwa klären, ob die Versteigerung von UMTS-Lizenzen mehrwertsteuerpflichtig ist, ob die Mitgliedstaaten sie also den Mobilfunkunternehmen im Rahmen der Umsatzsteuererklärung erstatten müssen. Nein, lautete die Antwort, die Versteigerung sei kein Geschäft im marktwirtschaftlichen Sinne. Folgen die Richter dem Votum, hätte Kokott der Bundesregierung Rückzahlungen von mehr als 7 Milliarden Euro erspart. "Das europäische Recht erspart die Rückzahlungen", würde Frau Kokott wohl mit ihrer sanften Stimme korrigieren.

          Talent, Zielstrebigkeit, gute Mentoren

          Jeden Donnerstag abend fährt ein Chauffeur sie im Dienstwagen zu ihrer Familie nach Baden-Württemberg. Bis zum letzten Moment studiert Kokott im Auto Akten. Davon geben die Mitarbeiter ihr lieber zu viele mit, denn sie haßt es, untätig im Auto zu sitzen. Wenn Kokott dann aussteigt, kann sie sich ganz auf die sechs Kinder - vom Baby bis zum Abiturienten - einlassen. "Ich kenne niemanden, der so hart arbeitet und danach so gut abschalten kann wie sie", sagt eine Freundin.

          „Wer sich auf Zufälle verläßt, landet schnell im Abseits”

          Der 48 Jahre alten Juliane Kokott ist gelungen, womit sich viele Frauen abplagen: die augenscheinlich mühelose Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Oder, besser gesagt, die Vereinbarkeit von Spitzenkarriere und Familie. Die Basis dafür hätten ihre Eltern gelegt, ist Kokott überzeugt. "Sie waren sehr fordernd und selbstbewußt, fast schon zu selbstbewußt." Sie hätten der Tochter die Überzeugung vererbt, daß man mit Leistung alles erreichen kann. Als Kokott mit dem Jura-Studium in Bonn anfing, wollte sie auch noch werden, was ihr Vater war: Bürgermeister. "Mein Studium verlief anfangs ganz schön orientierungslos", erinnert sie sich. Vor allem die Nebengebiete der Juristerei habe sie erkundet: Rechtsphilosophie, Rechtsgeschichte, Rechtssoziologie. Einen Schub habe ihr erst ein Studienjahr in Genf versetzt. "Das internationale Umfeld und die anregenden Menschen haben meinen Ehrgeiz geweckt."

          „Die Kinder kamen daneben wie von selbst“

          Zu ihrer juristischen Brillanz und Zielstrebigkeit kam bei Kokott das Glück, die richtigen Mentoren zu finden. Zum Beispiel den Völkerrechtler Tom Buergenthal, für den sie 1983 als Studentin in Washington gearbeitet hatte. Er machte ihr Mut, für ein Forschungsjahr nach Harvard zu gehen. Oder Karl Döhring, Direktor am Heidelberger Max-Planck-Institut, der von Fakultätskollegen als "Frauenbeauftragter" verspottet wurde, als sich Kokott 1992 bei ihm im internationalen Recht habilitierte - als erste Frau in Deutschland. Döhring unterstützte sie auch, als ein Kollege ihre Habilitation nicht anerkennen wollte, weil Kokott nicht den Namen ihres Ehemannes angenommen hatte. Bald folgten Lehrstuhlvertretungen in Augsburg, Heidelberg und Düsseldorf, 1999 erhielt Kokott einen Ruf an die renommierte Universität St. Gallen. Deren Institut für Europäisches und Internationales Wirtschaftsrecht war 2003 ihr Sprungbrett zum Europäischen Gerichtshof.

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