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Julia Klöckner Zwischen Glamour und Gelände

17.11.2009 ·  Die Parlamentarische Agrarstaatssekretärin Julia Klöckner soll als CDU-Spitzenkandidatin zur Landtagswahl 2011 in Rheinland-Pfalz Kurt Beck (SPD) herausfordern. CDU-Landeschef Baldauf erklärte am Dienstag seinen Verzicht. Klöckner ist eine frühere Weinkönigin und Verfechterin moderner Frauenpolitik. Ein Porträt.

Von Sven Astheimer
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Was wird eine Winzertochter, die den Titel der Deutschen Weinkönigin getragen und ihre Abschlussarbeit an der Universität über Weinbau in Europa geschrieben hat? Chefredakteurin des „Sommelier Magazins“ zum Beispiel. So wie Julia Klöckner. Nach einer journalistischen Ausbildung beim Südwestrundfunk und freier Mitarbeiterschaft für ein Branchenmagazin schien die temperamentvolle junge Fachfrau einfach die Idealbesetzung zu sein, um dem Verbandsorgan frischen Wind einzuhauchen. Vom pfälzischen Neustadt an der Weinstraße aus bereiste sie alle wichtigen Weinbaugebiete, in Europa ebenso wie in Übersee. Wenn sie mit Winzern in Neuseeland oder Nordamerika über das besondere Mikroklima oder die Beschaffenheit der Böden sprach, die den Weinen ihre unverwechselbaren Noten geben, dann redeten sie von denselben Vorgängen wie im pfälzischen Nahetal, ihrer Heimat. „Das war für mich erfahrbare Globalisierung“, sagt sie heute. Kurzum: Diese Karriere schien Julia Klöckner einfach in die Wiege gelegt worden zu sein. Und wahrscheinlich würde ihr Alltag heute noch so aussehen, wäre da nicht dieser Anruf vor mehr als sieben Jahren gewesen.

Es ist das Jahr 2001, als ein Vertreter der rheinland-pfälzischen CDU anfragt, ob Klöckner nicht im kommenden Jahr für den Deutschen Bundestag kandidieren will. Zwar befindet sich der Wahlkreis Bad Kreuznach seit Jahrzehnten fest in sozialdemokratischer Hand. Aber die Frauenquote macht es möglich, dass ihr über die Landesliste der Einzug in das Parlament sicher zugesagt werden kann, das Wahlergebnis spielt keine Rolle.

Überraschender Anruf passt ins Schema

Der Anruf überrascht Klöckner, die zwar seit 1997 in der Jungen Union, aber politisch bislang noch nicht übermäßig in Erscheinung getreten ist. Sie passt aber in das Schema der Parteistrategen: Als ehemalige Weinkönigin genießt sie in der Region eine hohe Popularität. Außerdem bringt sie das mit, was man in der Managementlehre „Sozialkompetenz“ nennt. Julia Klöckner nennt es lieber „Geländegängigkeit“ oder noch einfacher im heimatlichen Dialekt: „Als Weinkönigin lernt man, mit de Leut’ zu schwätze.“ Doch sie reagiert zurückhaltend auf das eindeutige Angebot. Denn eigentlich findet die selbstbewusste junge Frau solche Quoren schrecklich. „Als Studentin hatte ich aber auch leicht reden“, weiß sie heute. Manchmal brauche die Gleichberechtigung einfach eine kleine Krücke. Damals aber lehnt sie die Offerte ab.

Doch die Idee mit der Bundespolitik lässt sie nicht mehr los. Hatte sie die falsche Entscheidung getroffen? Sie kommt ins Grübeln. Ihre beste Freundin rät ihr ganz pragmatisch: Wenn die Chance noch einmal kommt, greifst du zu! Und sie kommt wieder, in Form des Kreuznacher Stadtverbandes, der kurz darauf nachhakt. Klöckner tritt für die Bundestagswahl 2002 an, zieht erwartungsgemäß gegen den SPD-Kandidaten den Kürzeren und packt dank Frauenquote trotzdem die Koffer für Berlin.

Drei Jahre später stehen erneut Bundestagswahlen an, diesmal vorgezogen nach dem Scheitern der rot-grünen Koalition. Klöckner ist um einige politische Erfahrungen in der Hauptstadt reicher und hat sich im Wahlkreis profiliert – wird aber vom politischen Gegner immer noch als „die Weinkönigin“ unterschätzt, da ist sie sich bis heute sicher. Mit 43 Prozent der Erststimmen gewinnt sie überraschend den Wahlkreis und sichert sich und ihrer Partei so das Direktmandat. „Dieser Erfolg, die Chance, zu zeigen, was man kann, wäre ohne die Quotenregelung nie möglich gewesen“, sagt sie im Rückblick. Ein Argument, das auch die Gegner von Frauenquoten in ihrer eigenen Partei regelmäßig verstummen lasse. Als Bundesvorstandsmitglied der Frauenunion hat sie heute keine Probleme mehr mit der Quote. Denn immer noch kämen nur Frauen in Spitzenämter von Politik und Wirtschaft, die deutlich mehr Leistung zeigten als männliche Kollegen. „Erst wenn es auch mittelmäßig begabte Frauen in Führungspositionen schaffen, können wir wirklich von Gleichberechtigung sprechen.“

Verbraucherschutz wird ihr Thema

Vor drei Jahren übernahm Klöckner zudem den in der Union traditionell stiefmütterlich behandelten Verbraucherschutz. Seitdem versucht sie, sich und ihre Partei auf diesem Gebiet zu profilieren, stritt mit dem Parteifreund und früheren Innenminister Wolfgang Schäuble über die Grenzen des Datenschutzes und musste sich von Wirtschaftsexperten anhören, welche Folgen die von ihr geforderte Einschränkung der Telefonwerbung für viele Arbeitsplätze hätte. Dass man ihren Reden und Vorträgen dabei ihre Herkunft anhört, findet Klöckner in Ordnung. Die sprachliche Einfärbung nimmt seit dem Umzug nach Berlin sogar wieder zu. Denn nach dem Studium trainierte sie sich das rustikale Pfälzer Idiom komplett ab, sonst hätte sie das Fernsehvolontariat nicht bekommen. Diese „Sprachreinigung“ – die aus dem „isch“ ein „ich“ und aus dem „König“ einen „Könich“ machte – war richtig teuer. Das Geld dafür verdiente sie sich als Religionslehrerin. Am Ende war die Herkunft tatsächlich – zumindest phonetisch – verleugnet. „Da war ich richtig stolz drauf.“

Doch in Berlin ist plötzlich wieder hui, was im Rest der Republik oft als pfui gilt. „Viele Abgeordnete sprachen ohne Hemmungen ihren Dialekt“, erinnert sich Julia Klöckner an ihre Ankunft. Spätestens als die Kollegen aus dem Norden ihre alljährliche Debatte auf Plattdeutsch abhalten, reift in der jungen Frau aus dem Südwesten die Überzeugung heran, dass sie ihren Dialekt nicht länger ausblenden will.

Die Arbeit ein permanenter Spagat

Ihre Arbeit beschreibt sie folgerichtig auch als permanenten Spagat zwischen dem Glamour der Hauptstadt und dem rauhen Gelände der Pfalz. Beides zusammenzuführen ergebe für die Politik dann einen Sinn. Wenn sie in der Bad Kreuznacher Altstadt eine Tasse Kaffee trinkt, vergehen keine fünf Minuten, in denen Klöckner nicht einem Passanten zuwinkt oder mit gespreizten Fingern am Ohr signalisiert, dass sie nachher mal anrufen wird. Neulich habe der Bäcker darüber geklagt, dass der billige Backwaren-Discounter am Ort keine Lehrlinge ausbilde, das eingesessene Handwerk jedoch dafür mit am Pranger stehe. „Das habe ich gleich als Argument mit in die nächste Diskussion über den Mindestlohn genommen“, sagt Klöckner mit ihrem typischen Grinsen übers ganze Gesicht und scheint dabei eine diebische Freude zu verspüren. Dass die Leute in ihrer Heimat sie noch „die Julia“ nennen und niemand vom „MdB Klöckner“ redet, empfindet sie als Anerkennung.

Zu viel Folklore ist jedoch auch nicht gut fürs Geschäft. „Heimat ist mir sehr wichtig“, sagt Klöckner. „Sie darf aber nicht zum Gefängnis, zur Sichtbehinderung werden.“ Deshalb genieße sie das Pendeln zwischen Wahlkreis und Hauptstadt. Auf dem Berliner Parkett wiederum müsse man genau wissen, wann man eher hemdsärmelig daherkommen könne und wann nicht. Sonst habe man schnell den Ruf weg, ein Landei zu sein – was sich wiederum nicht gut mit dem modernen Frauenbild verträgt. Wenn sie also mit dem Bahnchef um den Erhalt eines Bahnhofs in ihrem Wahlkreis streitet, zählen nur Argumente. „Da kann ich dann auch nerven und gar nicht nett und lustig sein.“

Mit 36 Jahren zählt Julia Klöckner immer noch zur jungen Riege der Berliner Berufspolitiker. Doch bald könnte wieder mehr Heimat und weniger Berlin angesagt sein. Zur Landtagswahl 2011 soll sie nun als CDU-Spitzenkandidatin in Rheinland-Pfalz Kurt Beck herausfordern.

Die Arbeitsbelastung könnte dadurch noch wachsen. Noch bereite ihr der volle Terminkalender, der kaum Ruhetage kennt, keine Schwierigkeiten. Nur ihr Lebensgefährte beklage sich manchmal. Aber ob sie ein solches Pensum noch dreißig Jahre bis zum Rentenalter durchhalten kann, da ist Julia Klöckner skeptisch. Und was kommt danach? Die Öffentlichkeit sehe meistens nur die zugegeben recht üppigen Ruhestandsbezüge von Politikern. Dass aber nach dem Ausscheiden aus dem Parlament oft noch viele Jahre bis zum Renteneintritt überbrückt werden müssen, werde häufig übersehen. Diese Reintegration in die Arbeitswelt sei jedoch schwierig, weil ehemalige Politiker häufig Probleme damit hätten, sich in eine neue Hierarchie ein- und unterzuordnen, sagt Klöckner. Sich selbst nimmt sie dabei nicht aus. Deshalb hat sie ihren Job als Chefredakteurin auch nicht aufgegeben, nur reduziert und viele Aufgaben auf ihre Mitarbeiter verteilt.

Im Editorial des „Sommelier Magazins“ widmet sie sich also weiterhin Themen wie dem „Carbon Foodprint“, also der CO2-Bilanz angelsächsischer Weine. Das klingt nach mehr als einem zweiten Standbein. Das klingt auch nach innerer Verbundenheit.

(Lesen Sie auch Ich über mich: Julia Klöckner)

Zur Person

  • Julia Klöckner wird am 16. Dezember 1972 in Bad Kreuznach als Tochter eines Winzers geboren. 1995 wird sie zur Deutschen Weinkönigin gekürt.
  • In Mainz studiert sie Politikwissenschaft, Theologie und Pädagogik. Danach durchläuft sie ein Volontariat im Südwestrundfunk und wird anschließend Chefredakteurin der Fachzeitschrift „Sommelier Magazin“
  • 2002 rutscht die CDU-Kandidatin in Bad Kreuznach über die Landesliste in den Bundestag, 2005 gewinnt sie den Wahlkreis. Sie gehört dem Bundesvorstand der Frauen-Union an und ist Beauftragte der Unionsfraktion für Verbraucherpolitik.
  • Julia Klöckner ist ledig und lebt mit ihrem Partner zusammen.
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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

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