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Jürgen Großmann : Stahl, Strom, starke Nerven

  • -Aktualisiert am

Schicksalsbegegnung am Tennisplatz: Jürgen Großmann Bild: Daniel Pilar

Wer seine Karriere als Unternehmer mit 200 Millionen DM Schulden startet, darf nicht an sich zweifeln. Jürgen Großmann macht daraus ein Vermögen. Dann wechselt er die Seite und wird Chef von RWE.

          Jürgen Großmann gehört zu den Spitzenverdienern unter den Konzernchefs. Rund 9 Millionen Euro dürfte er 2009 bekommen haben. Aber Geld gibt nicht den Ausschlag, als während der Weihnachtstage 2006 das Telefon im Feriendomizil am Tegernsee klingelt. Geld hat Großmann längst genug, mit unternehmerischem Wagemut, richtigen Entscheidungen, guten Verbindungen und etwas Glück ist er reich geworden. Für den Kern seiner Unternehmensgruppe, den Stahlhersteller Georgsmarienhütte, sollen ihm einst 2 Milliarden Euro geboten worden sein. Verkauft hat er nicht. Tatendrang und seine ältere Tochter treiben ihn an, als ihm der RWE-Aufsichtsratsvorsitzende Thomas Fischer den Chefsessel des Energieriesen anträgt. „Ich habe erst mal laut gelacht. Aufsichtsratsvorsitz, das konnte ich mir vorstellen. Aber Vorstandsvorsitz erst mal nicht“, sagt Großmann.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          „Du machst dich zum Knecht“

          In seinen Unternehmen ist Elektrizität der große Kostenblock. Nachdem ein vorteilhafter Liefervertrag abgelaufen ist, wettert Großmann öffentlich gegen die Stromversorger. Jetzt dieser Anruf. Im Familiendisput rät ihm die älteste Tochter: „Mach es, sonst wirst du immer das Gefühl haben, du bist vor einer Sache weggerannt.“ Das gibt es nicht bei den Großmanns. „Aufgeben gilt nicht in unserer Familie“, sagt er. Seine Ehefrau Dagmar Sikorski, selbst Unternehmerin, sieht das anders. Als Vorstandsvorsitzender eines Konzerns, zumal eines Molochs wie RWE, müsse er all das ablegen, wofür er als Mittelständler stehe: Entscheidungshoheit, Flexibilität, flache Hierarchie. „Du machst dich zum Knecht einer Riesenorganisation und ruinierst deine Gesundheit“, warnt sie ihn. „Damit hat sie mich daran erinnert, dass Maßhalten nicht unbedingt zu meinen Stärken gehört“, beschreibt der gutes Essen und guten Wein schätzende Zwei-Meter-Mann seine Zerrissenheit. So bietet er einen schwerwiegenden Verzicht an: ein Jahr lang keinen Alkohol. Seine Frau fordert fünf Jahre, so lange läuft der RWE-Vertrag. Prustend erinnert er sich seiner Antwort: „5 Jahre? Nie im Leben. Dann lieber Scheidung.“ Am Ende werden es 1000 Tage. „Sosehr ich eine gute Flasche Bordeaux vermisse, dieser Pakt ist mir heilig“, erzählt Großmann in seiner offenherzigen Art, mit der sich der 58-Jährige von der oft unterkühlten Zunft der Spitzenmanager unterscheidet. Am 26. Juni 2010 sind die 1000 Tage um, dann hat er diesen Härtetest bestanden. Andere bleiben.

          Die Öffentlichkeit kennt ihn als Chef des Stromriesen RWE

          Der Wahl-Hamburger, der aus einer Residenz an der Elbchaussee seine Unternehmensgruppe am langen Zügel lenkt und in Essen Deutschlands größten Stromproduzenten führt, scheint ein widersprüchlicher Mensch. Einerseits gibt er „Jedermanns Liebling“, der über sich selbst lachen kann. Andererseits hat er immer wieder mit unkonventionellen Entscheidungen auf den scheinbar einfacheren Weg verzichtet. Der einzig gemeinsame Nenner, den man erkennen kann: Bei Großmann ist alles eine Nummer größer als üblich. Das gilt auch für seinen privaten, barocken Lebensstil mit eigenem 2-Sterne-Restaurant, Ferienhotel in der Schweiz und Weingut in Australien.

          Seinem Vater, der beruflich unter Wert geschlagen worden sei und einen Vorstandsposten verdient gehabt hätte, will er zeigen, was er kann. „Als Kind wollte ich sein wie mein Vater.“ So nennt er beim Abitur Wirtschaftsprüfer als Ziel, den Beruf des Vaters. Angesichts seiner guten Noten rät ihm sein Umfeld 1970 aber zur Medizin. Es sollte noch anders kommen.

          Das Schicksal heißt Heischkeil

          „Mein Schicksal lief mir Sonntag morgens in Gestalt von Werner Heischkeil über den Weg“, sagt Großmann. Der Cheftechniker von Thyssen Stahl fragt ihn auf dem Tennisplatz nach seinem Studienziel. „Wie ein Krankenhaus aussieht, weißt du doch. Mach erst mal bei mir ein Praktikum am Hochofen“, mahnt des Vaters Kollege. „14 Tage nach dem Abi stand ich am Hochofen 4 in Duisburg Hamborn – und fühlte mich bald zum ersten Mal im Leben an meinen Grenzen“, erinnert sich der Hüne und meint damit weniger die körperliche Anstrengung als den Umgang der zum Teil knasterfahrenen Arbeitskollegen mit einem Muttersöhnchen. 4,70 DM in der Stunde verdient er, der Zweck heiligt die Mittel: „Ich wollte ein Auto.“ Erst als er der Aufforderung nachkommt, eine Flasche Mariacron an den Arbeitsplatz zu schmuggeln, fühlt er sich aufgenommen im Kreis der Malocher.

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