Seine erste Tat führte den gerade ernannten Chef in den Keller der Münchener Polizei. „Gleich welcher Deliktbereich, ob Raubmorde, Homomorde oder Morde an alten Frauen, wir holen alle ungeklärten Morde aus den Katakomben“, forderte Josef Wilfling seine Kollegen auf. Wo immer die neuen Möglichkeiten von DNA-Untersuchungen anwendbar waren, überprüften die Ermittler die Asservate und schalteten die Spezialisten der Rechtsmedizin ein. „Die sind Gold wert“, sagt Josef Wilfling mit Nachdruck. Dass er die Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern schätzt, bekräftigt er mehrfach in seinem Büro, das er sich mit Schreibtisch, rotem Sofa und Dartscheibe in seiner Wohnung eingerichtet hat.
Diese liegt in einem gediegenen Münchner Viertel, nicht weit von der Justizvollzugsanstalt Stadelheim entfernt. „Da sitzt meine Kundschaft.“ Der Pensionär, der einen randvollen Terminkalender hat, lacht, als er das sagt. Sein Lachen klingt abgebrüht, aber nicht gefühllos. 42 Jahre lang war Josef Wilfling im Polizeidienst tätig, die Hälfte dieser Zeit bei der Münchner Mordkommission. Längst ist der mittelgroße Mann mit der kräftigen Statur und den nur auf den ersten Blick weich erscheinenden Gesichtszügen einem großen Publikum bekannt. Er hat schlagzeilenträchtige Fälle geklärt, Mörder Prominenter wie Walter Sedlmayr und Rudolph Moshammer hinter Gitter gebracht. Einige dieser Fälle hat er aufgeschrieben. „Abgründe. Wenn aus Menschen Mörder werden“ ist kernig, zuweilen derb formuliert, kein Lektor hat die Sätze in diesem Buch glatt poliert. „Ich bin Sachbuchautor, schreibe ohne Pathos, ohne Wölkchen. Das ist kein Buch für feinsinnige Intellektuelle. Die Realität ist grausamer und brutaler als jede Fiktion - das sage nicht ich, das sagt Hitchcock.“
Kann jeder Mensch zum Mörder werden?
Inzwischen schreibt der Vierundsechzigjährige an seinem zweiten Buch, darin befasst er sich mit Fragen, die ihm in Lesungen gestellt werden: Kann jeder Mensch zum Mörder werden? „Ja.“ Aber es geht auch um das Tabuthema, welche Rolle die Opfer spielen, und den bis heute nicht geklärten Mord einer russischen Witwe, die ihren reichen, deutschen Kurzzeit-Ehemann hat umbringen und in Moskau einäschern lassen - „der perfekte Mord eines eiskalten, raffinierten Miststücks. Ich habe oft genug gesehen, was Geld anrichten kann.“ Dass er einmal als „legendärer Mordermittler“ und „Ehren-Quincy“ der Münchener Rechtsmedizin gefeiert würde, das hätte sich das einstige Flüchtlingskind nicht vorstellen können. „Ich war nie der Karrieretyp der nach Posten gestrebt hat. Das war mir zuwider, war mir wurscht. Ich wollte etwas haben, was Spaß macht.“ Er zögert. „Das ist vielleicht das falsche Wort, aber zumindest an der Front arbeiten, dort, wo was los ist.“ Sich in administrative Dinge zu versenken habe ihn nie gereizt. Anstatt einen Karriereplan zu verfolgen, verfolgte er lieber Gewaltverbrechen. „Die aufzuklären, das ist unsere Bringschuld gegenüber den Angehörigen. Da kommt man nicht auf die Idee, nach dem Sinn des Lebens zu fragen.“ Bei der Mordkommission, „der Königsdisziplin“, hat er sich beworben, als er 33 Jahre alt war und als Schutzpolizist zum Großbrand eines jüdischen Altenheims gerufen wurde. Wilfling musste den Rabbiner zu sieben verkohlten Leichen führen, alle Überlebende des Holocaust. Die Bilder brannten sich in seinen Kopf ein.
„Die Mordkommission ist eine Dienststelle, die zum Erfolg verdammt ist.“ Denn da seien die trauernden Angehörigen, und da sei der Druck der Öffentlichkeit. Wie den meisten Ermittlern gehen ihm vor allem Verbrechen an Kindern nahe. Sein schlimmster Fall war der Mord an dem achtjährigen Peter, getötet von dem aus der Haft entlassenen Kindermörder Martin Prinz, der sich an der Suche nach dem vermissten Jungen beteiligte. Das ist lange her, aber zur Mutter des Jungen hat Wilfling noch heute Kontakt. Sich diesen Abgründen auszusetzen, an Tatorte gerufen zu werden, wo ein zarter Kinderkörper geschändet wurde, wo ein Besenstiel im Hals eines erschlagenen Greises steckt, das erfordert eine robuste Natur. „Man braucht dazu eine gewisse Stabilität“, sagt Wilfling lapidar, über Selbstverständlichkeiten in der Welt der Einschusswinkel redet er nicht gerne.
Katz-und-Maus-Spiel
Diese Stabilität ist Josef Wilfling offenkundig zu eigen. Dabei verhießen die äußeren Umstände nicht gerade eine Bilderbuchkindheit. Seine Eltern waren Heimatvertriebene aus dem tschechischen Egerland und bezogen im oberfränkischen Münchberg eine Zweizimmerwohnung. Als Josef zwölf Jahre alt war, starb der Vater. Die Mutter brachte die fünf Kinder alleine durch, schaffte in der Fabrik. Ohne Frühstück und mit fleckigem Hemd ging ihr keiner aus dem Haus. „Meine liebevolle Mutter ist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich hatte eine wunderbare Kindheit. Da ist ein unglaublicher Zusammenhalt bis heute.“ Dieses Geschenk schätzt er, zumal er Einblick in die maroden Familien der Täter gewann. „99 Prozent kommen aus zerrütteten Familien.“ Über verwahrloste Kinder bildungsferner Schichten, die tage- und nächtelang vor dem Fernseher geparkt werden, kann er sich lautstark empören. Auf Drängen der Mutter ging der „eher wilde“ Seppl im Jahr 1966 zur Polizei. Er begrub seine ursprünglichen Berufspläne, Missionar oder Enthüllungsjournalist, und endgültig das Flüchtlingskind-Image. „Da zählte Leistung. Ich war sportlich, der Gruppenführer war gerecht, auf einmal waren wir alle gleich.“ Wilfling gilt als Verhörspezialist, der sein Wissen an der Fachhochschule Fürstenfeldbruck weitergibt. Der die Täter eine Zeitlang lügen lässt und ein Vertrauensverhältnis suggeriert. „Wir legen ihm die geistige Fessel an. Der Täter muss den Eindruck haben, der Vernehmungsbeamte linkt ihn nicht, ist nett, nicht zu schleimig.“ Dann knickten die meisten ein. Manche gestünden schnell, empfänden das „als Erleichterung“. Andere seien zäher im Katz-und-Maus-Spiel, so wie die Besenstiel-Marie, die im Verhör acht Löffel Zucker in den Tee schaufelte, „da wussten wir, sie lügt“.
Dabei bewegt sich der Kommissar in einem engen rechtlichen Korsett. Suggestivfragen sind verboten, der geringste Formfehler kann ein Verhör scheitern lassen. Wer mehr als 100 Mörder überführt hat, der wird realistischer. Zu sehen, wie eine blau geprügelte Ehefrau zwar die Polizei ruft, dann aber wieder einknickt, misshandelte Kinder zu erleben, deren Prügelhämatome angeblich von Treppenstürzen rühren, „Ärzten zu begegnen, die sich belabern lassen und acht Tage später ist das Kind tot, vom Vater gegen die Wand geknallt“ - solche Erfahrungen machen kompromissloser. „Für Außenstehende heißt das dann, du bist ein Hardliner.“ Wilfling hält nichts von Richtern, die „nur Bewährungsstrafen verhängen, wenn jemand zum dritten Mal einer Oma ins Gesicht tritt“.
„Der deutsche Columbo“
Seine Ansichten sind radikaler geworden. An Bodenhaftung hat es ihm jedoch nie gemangelt. „Ich bin arm aufgewachsen, habe den warmen, aber engen Beamtenrock angezogen.“ Hätte seine Frau nicht gearbeitet, erst als Friseurin, später in einer Bank, „hätte man nicht leben können“. Wenn er endlich einmal Zeit hat, möchte er mit dem Wohnmobil losfahren. Reich ist er mit seinen 80.000 verkauften Büchern nicht geworden, aber ein bisschen berühmt. Er diskutiert mit Philosophieprofessoren und wird von der MTV-Redaktion als „der deutsche Columbo“ interviewt. Kenntnisreich und nett seien die jungen Leute gewesen, lobt er.
Fernsehkrimis sieht er kritisch. „Das ist alles Quatsch, ganz nett, aber niemals würde sich ein Wissenschaftler in Ermittlungen einmischen. Ein Kommissar, der mit Totenkopf-T-Shirt ermittelt, der wäre mir nicht ins Büro gekommen.“ Außerdem spiele das mehr oder weniger telegen aufbereitete Privatleben im dienstlichen Ablauf überhaupt keine Rolle. Obwohl sein einziger Sohn ebenfalls ambitionierter Polizist ist, hat Wilfling immer großen Wert darauf gelegt, ihn und seine Frau aus den aktuellen Fällen herauszuhalten. Um sie zu schützen, aber auch, um eine Gegenwelt zu haben. „Nur einmal wollte sie wissen, ob der Moshammer eine Perücke getragen hat.“
Zur Person
Josef Wilfling wird im Jahr 1947 im oberfränkischen Münchberg geboren.
Nach seinem Realschulabschluss geht er 1966 zur Bereitschaftspolizei in Würzburg. 42 Jahre lang arbeitet er insgesamt im Polizeidienst, 22 Jahre davon bei der Münchner Mordkommission.
Von 2002 bis zur Pensionierung im Jahr 2009 leitet Wilfling die gesamte Mordkommission in München.
2010 schreibt er ein Buch über seine spektakulären Fälle, an einem zweiten arbeitet er gerade.
Vielleicht manches auch mal kritisch sehen...
Marc Schweizer (NemiroffPremium)
- 09.08.2011, 03:39 Uhr
Mord an der und durch die Grammatik
Xaver Grabner (xavergrabner)
- 08.08.2011, 18:16 Uhr
