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Josef Bulva Kämpfernatur am Flügel

Josef Bulva war das Wunderkind am Klavier. Nach einer Verletzung an der linken Hand verdiente er sein Geld als Börsenmakler. Und spielte sich wieder in die Konzertsäle zurück.

© Wohlfahrt, Rainer Ganz bei sich: Interpreten wie er seien das Dienstpersonal der Komponisten, sagt Josef Bulva.

Orte mit ganz besonderer Akustik finden sich nicht immer dort, wo der musikalische Laie sie vermuten würde. In einem großen, weitgehend leerstehenden Saal des Hofguts Bannacker zum Beispiel, vor den Toren Augsburgs gelegen. Lediglich der schwarze Steinway-Flügel deutet auf die Besonderheit des Raumes hin. Das Instrument zieren die Initialen „JB“.

JB, das ist Josef Bulva. Tschechisches Wunderkind am Klavier, gefördert von einem Regime, das Bulva mit 21 Jahren zum Staatssolisten ernannte und ihm viele Privilegien zugestand. Später dann Emigrant mit neuer Staatsbürgerschaft in Luxemburg und Liebling der Münchner Gesellschaft, immer wieder gefeiert für sein messerscharfes, einzigartiges Klavierspiel. In den neunziger Jahren dann tragisches Unfallopfer mit anschließender Flucht nach Monaco und einer zweiten Karriere als Börsenmakler. Und schließlich vor zwei Jahren triumphaler Rückkehrer auf die Konzertbühnen nach einem weiteren Wunder, dieses Mal einem medizinischen.

Mit eiserner Disziplin

Die linke Hand von Bulva, die nach einem Sturz irreparabel zerstört schien, kann dank des Geschicks eines Schweizer Chirurgen sowie Bulvas eiserner Disziplin die Läufe und Oktaven heute wieder so gut meistern wie früher. „Ich habe mein Schicksal immer selbst in die Hand genommen“, sagt er in bestem Deutsch und lächelt dazu, höflich und ein wenig distanziert. Als Aristokrat wird er häufig beschrieben, und so möchte er mit seiner streng-eleganten Kleidung und dem akkurat gescheitelten Haar auch wirken.

Als „Pianist des wissenschaftlichen Zeitalters“ hat ein bekannter Musikkritiker den 1943 geborenen Bulva einmal beschrieben. Aber es sind eher Momente wie jener im leeren Saal des Hofguts Bannacker, die zum Kern seines Wesens führen, wenn Bulva seine Finger in atemberaubender Geschwindigkeit über die schwarzen und weißen Tasten fliegen lässt, völlig konzentriert nur noch auf die Musik, ohne große Mimik oder Gestik. In diesen Momenten kann man ahnen, wie der im tschechischen Brünn geborene Junge mit neun Jahren beschloss, das anfangs verhasste Klavierspielen in eine Herausforderung umzuwandeln, der er sich täglich viele Stunden stellen wollte: immer wieder Läufe und Oktaven trainieren, schneller werden, besser werden.

Ein einziges Mal nur als Künstler zufrieden

“Ich habe mir damals geschworen, das mache ich konsequent und richtig“, sagt er. Und Bulva hatte das Glück, in dem Musikprofessor Václav Lanka einen Lehrer zu haben, der ihn in dieser Form des Klavierspielens methodisch förderte. Ein einziges Mal in seinem Leben, so erzählt Bulva heute, sei er als Künstler zufrieden gewesen. Das war, nachdem er in München ein Brahms-Klavierkonzert mit solcher Virtuosität durchgespielt hatte, „dass selbst die tückischen Stellen in Aufnahmequalität saßen. Ich war für ein paar Stunden glücklich. Und seitdem schäme ich mich dafür. Ich strebe nach Perfektion, wonach denn sonst? Diese Gnadenlosigkeit muss man gegenüber sich selbst haben.“

Nicht geschämt hat er sich dagegen, die Privilegien anzunehmen, die ihm der tschechische Staat einst bot: Geld, Auto, Reisen. Er wiederum gab dem Regime, was es in Zeiten des Kalten Krieges wollte: den Beweis, dass große Kunst auch aus einem sozialistischen Staat kommen konnte.

Des Hochverrats angeklagt

Als Bulva 1972 während einer Auslandsreise nach Luxemburg emigrierte, wurde er zu hause prompt des Hochverrats angeklagt. Reden mag nicht er über diese Zeit und die vielen Gerüchte, er könnte sogar ein Spion im Dienste des Westens gewesen sein. „Ich möchte nicht noch einmal zum Träger von Geheimnissen werden“, sagt er lediglich. Eine Autobiographie zu schreiben kommt wohl auch deshalb nicht in Frage, weil er solche Fragen dann beantwortet müsste. Josef Bulva selbst begründet seine Abneigung, sein bewegtes Leben aufzuzeichnen, allerdings ganz anders. Der Kollege Arthur Rubinstein, der in seiner Autobiographie allzu offenherzig über Affären und andere Ereignisse geschrieben habe, sei ihm eine Warnung. „Rubinstein hat sich in seinem Buch demontiert.“

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Veröffentlicht: 01.10.2012, 06:00 Uhr