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Samstag, 04. Februar 2012
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John Wood Vom Manager zum Weltverbesserer

08.10.2007 ·  Bahundanda hat John Woods Leben verändert: Der Büchermangel in dem Dorf in Nepal schockierte den Microsoft-Manager derart, dass er kündigte und „Room to Read“ gründete. Jetzt wächst die Hilfsorganisation schneller als Starbucks.

Von Sebastian Balzter
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Früher sahen Weltverbesserer anders aus. John Wood trägt schwarze Lederstiefeletten, graue Stoffhosen und ein dunkelblaues Sakko, seine langsam silbern werdenden rotbraunen Haare sind sorgfältig frisiert. Er hat ein Faible für steile Wachstumskurven und Erfolgsgeschichten, spricht wie ein Manager, lächelt wie ein Lausbub und lässt seine Augen blitzen wie Dean Martin. Und er verbessert die Welt, Tag für Tag seit mittlerweile fast acht Jahren - seitdem er Microsoft den Rücken gekehrt und "Room to Read" gegründet hat, um Kinder in der Dritten Welt mit Büchern und Bildung zu versorgen.

Doch für seine Vision wirbt der Mann aus San Francisco nicht in Gemeindezentren und Entwicklungshilfeministerien, sondern in den Konzernzentralen von New York, London, Frankfurt und Singapur. Denn John Wood verbessert die Welt mit einem Business Plan, er buchstabiert Entwicklungshilfe mit dem Abc der Bosse. Zuerst kommt die Analyse. "Es gibt 800 Millionen Analphabeten auf der Welt und 100 Millionen Kinder ohne Zugang zu Grundschulbildung - das ist ein beachtlicher Markt." Darauf folgt die Fokussierung aufs Kerngeschäft, verbunden mit dem Pragmatismus, der für einen guten Deal nötig ist. "Mit der Schulzeit endet auch unser Engagement. Religiöse und politische Fragen spielen für uns keine Rolle." Dann wird die Marketing-Abteilung bedient. "Wir konzentrieren uns auf Bildung. Dagegen kann man nicht sein." Und schließlich kommt seine Trumpfkarte, der Wille zum Wachstum. "Alle sechs Stunden eröffnen wir eine neue Bücherei. Unser Tempo ist schneller als das von Starbucks." Die notorisch expansive Kaffeekette - der Vergleich macht dem Kaffeetrinker sichtlich Spaß - habe acht Jahre nach ihrer Gründung 1000 Filialen gehabt. "Wir liegen jetzt schon bei 3800."

Millionen auf dem humanitären Konto

Die Motive eines Philanthropen und die Methoden eines Unternehmers - John Woods Mischung kommt bei Senior Consultants und Investmentbankern, Führungskräften und CEOs gut an. Seine einfachen Wahrheiten klingen in ihren Ohren nicht abgedroschen, sondern authentisch. Er spricht vor ihnen über den Zusammenhang von Schulbildung, Bruttosozialprodukt und Lebenserwartung, von der individuellen Verpflichtung zum Handeln und davon, dass sich die Verhältnisse tatsächlich ändern lassen. "Tief in meinem Herzen glaube ich daran", sagt John Wood dann, "dass Bildung den Menschen bessere Chancen für ihr Leben gibt." Die Folge: Goldman Sachs, Credit Suisse und Accenture stehen ganz oben auf der Liste seiner Spender, aber auch Stiftungen und Einzelpersonen unterstützen seine Idee - mit insgesamt 15 Millionen Dollar rechnet Wood für das laufende Jahr.

Wenn sie für "Room to Read" spenden, dann machen sie ihre Kassen augenscheinlich für einen auf, der mit Geld umgehen kann. Vor der Gründung von "Room to Read" verbesserte Wood ganz andere Dinge als die Welt: seine Marathonzeiten zum Beispiel, vor allem aber seinen eigenen Kontostand und die Geschäftsergebnisse von Microsoft. Bei dem Software-Riesen hatte ihn der Spurt die Karriereleiter hinauf gerade in die Zone dünner werdender Luft gebracht - Wood war mit 35 Jahren zum zweitmächtigsten Mann des Unternehmens in China bestellt worden und hatte Aktienoptionen im Wert von 2 Millionen Dollar in seinem Depot -, als er sich zum Ausstieg entschloss. Die Idee hatte monatelang in ihm gegärt, im Himalaja war er buchstäblich in sie hineingewandert: Ein Beamter zeigte ihm die Schule von Bahundanda, einem Dorf am Rand seiner Trekking-Route. Die Bibliothek dort bestand aus einer Handvoll zerschlissener Bände. John Wood versprach noch an Ort und Stelle, Bücher zu senden. Solche Versprechen werden oft gegeben in Nepal, aber selten gehalten; John Wood bat noch aus Katmandu per E-Mail alle seine Bekannten, ihm Bücher für Bahundana zu senden. 3000 Stück kamen zusammen. Ein Jahr später verteilte er sie eigenhändig an zehn Schulen der Region.

Glücklicher Zufall, energisches Zugreifen

"Serendipity", sagt Wood, sei das Prinzip hinter dieser Wende gewesen, vielleicht sogar das seines ganzen Lebens: das Prinzip des glücklichen Zufalls und des energischen Zugreifens. So erzählt er seine Vita, mit einer Mischung aus Treuherzigkeit und Begeisterung: Zu Microsoft sei er nach zwei traurigen Jahren bei einer Bank eigentlich nur gekommen, weil auch ein Freund sich in Redmond beworben habe. "Die Energie dort hat mich sofort fasziniert." Dann sei das Unternehmen so schnell gewachsen, dass er eigentlich nicht anders gekonnt habe, als aufzusteigen. "Ich liebe es zu reisen. Plötzlich hatte ich Carte blanche für die Businessclass - es fühlte sich an wie das Nirvana." Und nach seinen Erlebnissen im Himalaja sei es eigentlich eine bloße Selbstverständlichkeit gewesen, helfen zu wollen. "Wir halten Bildung für eine Selbstverständlichkeit. Aber da waren 450 Kinder ohne Bücher."

Abgebrühte Entwicklungshelfer schockiert das nicht. John Wood braucht Zuhörer, die wie ihn selbst auch mit 35 Jahren noch die Erkenntnis beeindruckt, dass es ungerecht zugeht auf der Welt. Dafür muss man lange mit geschlossenen Augen um den Globus geflogen sein. Oder mit zu hohem Tempo. Eine Spende für ein Waisenhaus in Vietnam, eine andere für ein Heim für missbrauchte Kinder in Chicago - auf John Woods humanitärem Konto stand nicht viel, bevor er "Room to Read" gründete. Heute stehen dort drei Millionen Bücher, das ist die aktuelle Bilanzsumme von "Room to Read". 200 Mitarbeiter hat die Organisation, sie ist in sechs asiatischen Ländern und in Südafrika aktiv. Wood selbst wurde viermal in Folge mit dem "Social Capitalist"-Preis ausgezeichnet, das "Time Magazine" hat ihn zu einem der 20 "Helden Asiens" ausgerufen. Am vergangenen Wochenende holte ihn zuerst Bill Clinton auf die Bühne seiner "Global Initiative", danach Barbara Bush zum Frühstück ins Weiße Haus - der Rahmen passte, um bekanntzugeben, nun auch in Lateinamerika aktiv werden und das Engagement insgesamt bis 2010 verdoppeln zu wollen.

Das Geheimnis des Erfolgs? Einige Microsoft-Weisheiten gehören dazu, John Wood hat das "Get shit done"-Arbeitsethos von Steve Ballmer verinnerlicht. Mit dem Ausstieg ist aus ihm kein Aussteiger geworden. "Ich bin ein unverheirateter, kinderloser Workaholic und Globetrotter", beschreibt er selbst seinen Lebensstil. Hände schütteln, Freunde gewinnen, das Netzwerk ausbauen, heute hier und morgen dort - John Wood ist rastlos, und er ist von Geschäftszahlen besessen. "Room to Read" schreibt Vierteljahresberichte wie ein Aktienunternehmen, jeder E-Mail hängt ein aktueller Zwischenstand an - es geht darin um viel mehr als nur um Bücher, weil die Aufgaben mit der Größe gewachsen sind: 287 Schulen hat die Organisation demnach bis heute eröffnet, 136 Computer- und Sprachlabore eingerichtet, Stipendien für 3448 Mädchen verteilt, die Infrastruktur für mehr als 1,3 Millionen Kinder verbessert. Gewandelt hat sich noch mehr: Gebrauchte Bücher sind nicht mehr als Spenden erwünscht, Geld lässt sich effizienter einsetzen. "We're all about results!", auch dieses Motto steht in jeder Mail. So klingen Weltverbesserer heute.

Bustickets statt Geländewagen

"Man kann nicht einfach klein bleiben" ist das Credo, mit dem John Wood "Room to Read" gegründet hat. Von Anfang an, sagt er, war es sein Ziel, mindestens 10 000 Büchereien auszustatten. "Ich konnte keine einzige bestehende Organisation finden, die groß genug dafür dachte." Da war die Lücke im Netz der Entwicklungshilfe, da sah er die Aufgabe für den Unternehmer. Das Startkapital kam aus dem Silicon Valley, das Personal von Banken, Beratungsfirmen, Handelsriesen - hochqualifizierte Männer und Frauen, die nicht länger 60 Stunden in der Woche arbeiten wollten, ohne einen Sinn darin zu sehen. "Unternehmensflüchtlinge" nennt John Wood sie. Auf Expatriate-Annehmlichkeiten müssen sie verzichten, statt Landrovern kauft "Room to Read" Busfahrkarten. "Wir sind kreativ, um unsere Ausgaben zu senken", sagt der Chef, der selbst die Bonusmeilen eines befreundeten Geschäftsmanns nutzt. Bei 100 000 Dollar liegt sein eigenes Jahresgehalt. Er war einmal auf deutlich mehr programmiert. "Ich wollte immer ein eigenes Haus", erinnert sich John Wood an eines seiner früheren Ziele. "Jetzt bin ich 43 Jahre alt und miete immer noch."

Zur Person

  • John Wood wird am 29. Januar 1964 als drittes Kind von Carolyn und Robert Wood geboren. Seinem Vater, der aus einfachen Verhältnissen stammt, ermöglichten erst Stipendien sein Ingenieursstudium.
  • Wood wächst in Connecticut und Pennsylvania auf, studiert an der Kellogg School of Management in Chicago und schließt mit einem MBA in „Finance and International Business“ ab. Danach arbeitet er bei einer Bank in Chicago.
  • 1991 wechselt er zu Microsoft. Von 1994 an macht er vor allem in Asien und Australien Geschäfte. Seine Basis ist zunächst Sydney, dann Peking. 1998 wird er zum Director of Business Development für China ernannt. Acht Monate später kündigt er bei Microsoft und gründet die Wohltätigkeitsorganisation „Room to Read“.

John Wood hat über seinen Weg ein Buch geschrieben: „Von Microsoft in den Himalaya. Bücher für eine bessere Welt“ ist 2007 im Murmann Verlag (Hamburg) erschienen. Es hat 286 Seiten und kostet 19,80 Euro.

Quelle: F.A.Z., 06.10.2007, Nr. 232 / Seite C3
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