Home
http://www.faz.net/-gyp-6yygh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

John Lockley Im Rhythmus der Xhosa

Wer sich in Südafrika krank fühlt, geht nicht zum Arzt, sondern zum Medizinmann. John Lockley ist einer der wenigen Weißen, die diesen Beruf ausüben.

© Adam Weiss Vergrößern Zehn Jahre Ausbildung: Und doch stößt John Lockley auch heute noch auf Ablehnung.

Ob man John Lockley auf den ersten Blick gleich erkennt? Wenn der 40 Jahre alte Südafrikaner in Fernsehinterviews zu sehen ist, hat er sich bunte Tücher umgebunden, seine Augen sind mit weißer Kreide umrandet, gerne bringt er eine Trommel oder einen mit Otterhaut überzogenen Speer mit.

Claudia Bröll Folgen:  

Lockley bezeichnet sich als Sangoma, als traditionellen Medizinmann, eine Kombination aus Priester, Wahrsager und afrikanischem Homöopathen. Das allein wäre in Südafrika nichts Besonderes – wenn der Hüne nicht blonde Haare und eine helle Hautfarbe hätte.

Brückenbauer zwischen Schwarzen und Weißen

Lockley ist einer der ersten, womöglich der erste Weiße, der sämtliche Weihen zum Sangoma im Stamm der Xhosa erhalten hat. Die Volksgruppe ist eine der größten in Südafrika, der auch der einstige Freiheitskämpfer Nelson Mandela angehört. Zwar ging die Politik der Rassentrennung in Südafrika vor 18 Jahren zu Ende, europäische und afrikanische Kulturen vermischen sich aber nur langsam. Lockley sieht sich daher als Brückenbauer zwischen Schwarzen und Weißen.

Außerhalb Afrikas mag man den Sangomas viel Hokuspokus nachsagen. Auf dem Kontinent aber sind sie aus dem Alltagsleben nicht wegzudenken. Mehr als 80 Prozent der schwarzen Bevölkerung lassen sich lieber erst von einem Medizinmann heilbringende Pulver, Säfte und Salben mixen, bevor sie sich an ihren Hausarzt wenden.

Schätzungen zufolge gibt es sieben Mal so viele traditionelle Heiler wie Schulmediziner. Außerdem werden ihnen seherische Fähigkeiten nachgesagt. Selbst Konzernlenker, Politiker bis hin zum Staatspräsidenten holen sich bei wichtigen Entscheidungen erst ihren Rat ein.

„Die Vorfahren müssen einen dazu berufen“

“Der Job eines Sangoma besteht darin, zwischen der Welt der Lebenden und der spirituellen Welt der Vorfahren zu vermitteln, zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen den Menschen und der Natur“, versucht Lockley es bei dem Treffen in Kapstadt auf den Punkt zu bringen.

Er hat eine sanfte Stimme, die man bei seiner Körpergröße nicht erwartet hätte. In regelmäßigen Abständen huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Diesen Beruf könne man daher auch nicht wählen wie den Beruf eines Arztes oder Homöopathen, fügt er hinzu. „Die Vorfahren müssen einen dazu berufen. Meist geschieht das durch Träume.“

Wie der weiße Sangoma in einem Teehaus vor einem überdimensionierten Muffin sitzt, sieht er allerdings eher weltlich aus. Trecking-Sandalen, kurze Hose, ein mit afrikanischen Motiven bedrucktes T-Shirt, die Haare in einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Wenigstens trägt er ein paar Ketten aus weißen und roten Perlen um den Hals und an den Handgelenken – die Erkennungszeichen eines Sangoma.

Aufgewachsen in einer künstlich heilen Welt

Lockley ist gerade auf der Durchreise. Nach mehreren Monaten in Europa wolle er endlich wieder nach Hause, erzählt er. Das ist nicht sein Geburtsort, sondern Joza, ein ärmliches Township im Ostkap, wo sich Weiße wie er eigentlich nicht hinverirren. Er will dort die alljährliche Dankeszeremonie ausrichten.

Als Jugendlicher waren ihm solche Riten gänzlich unbekannt. Wie die meisten seiner weißen Altersgenossen wuchs er in einer künstlich heilen Welt auf, weit entfernt von den Gegenden, in die Schwarze damals verbannt wurden. Umso verblüffter war der 18 Jahre alte Lockley, als er plötzlich von einem Xhosa-Sangoma träumte, der ihn unterrichten wollte.

Sieben Jahre auf die Probe gestellt

Damals leistete er seinen Wehrdienst in der südafrikanischen Armee. Als er von einem dieser Träume aufwachte, schmerzten seine Beine. Die Ärzte diagnostizierten Zeckenfieber. Doch das sei nur der Anfang gewesen, erinnert er sich. Sieben Jahre sollte die Leidensphase dauern. Eine Krankheit jagte die andere. Er magerte ab, konnte kaum schlafen, brach das in der Zwischenzeit begonnene Psychologiestudium vorübergehend ab.

Es seien keine physischen oder psychosomatischen Erkrankungen gewesen, sagt er mit Nachdruck, als ob er die Gedanken seines Gegenübers lesen könne. Es habe sich um eine spirituelle Krankheit gehandelt, die Twaza genannt wird. Sie sei typisch für die Berufung zum Sangoma. „Stell dir vor, du trinkst 15 Tassen Kaffee schnell hintereinander. Das ist das Gefühl.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Negativrekord in Südafrika Nashorn-Wilderei nimmt dramatisch zu

Die Wilderei in Afrika steigt rapide. Zu Hunderten wurden im Krüger-Nationalpark Nashörner abgeschlachtet, Artenschützer sprechen von einem Flächenbrand. Mehr Von Joachim Müller-Jung

22.01.2015, 15:17 Uhr | Wissen
Jahrgangsbier als edler Tropfen

Liebevoll haben schon die Vorfahren die Brauerei Manufaktur" genannt. Seit 1762 produziert die Familie Welde nach alter Tradition und geheimen Rezepten. Doch der globale Biermarkt ist hart umkämpft, deshalb muss sich die Familie mehr als nur Bier" einfallen lassen. Seit fünf Jahren stellt sie Jahrgangsbier her, ein Produkt, das besonders chinesische Kunden zuhauf bestellen. Mehr

01.10.2014, 09:22 Uhr | Wirtschaft
Empörung über Obama Zerknirschter Präsident

Auch zwei Tage nach dem Gedenkmarsch von Paris mit 1,5 Millionen Franzosen und mehr als 40 Staats- und Regierungschefs reißt in Amerika die Kritik am Fehlen des Präsidenten nicht ab. Jetzt gibt sich Obama zerknirscht. Mehr Von Andreas Ross, Washington

13.01.2015, 15:29 Uhr | Politik
Polizist erschießt schwarzen Jugendlichen in St. Louis

In St. Louis ist es nach der Erschießung eines schwarzen Jugendlichen durch einen weißen Polizisten am Mittwochabend erneut zu Ausschreitungen gekommen. Der 18-jährige soll sich eine Verfolgungsjagd mit dem Polizisten geliefert haben, der zu der Zeit nicht im Dienst war. Mehr

09.10.2014, 17:37 Uhr | Gesellschaft
Bildung als Privileg Südafrikas verlorene Schüler

Eine gute Bildung in Südafrika ist immer noch ein Privileg der Reichen. Darunter leiden auch die Unternehmen: Sie finden keine geeigneten Mitarbeiter. Deshalb greifen sie jetzt ein. Mehr Von Claudia Bröll

18.01.2015, 08:00 Uhr | Beruf-Chance
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.04.2012, 06:00 Uhr