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John Lockley Im Rhythmus der Xhosa

 ·  Wer sich in Südafrika krank fühlt, geht nicht zum Arzt, sondern zum Medizinmann. John Lockley ist einer der wenigen Weißen, die diesen Beruf ausüben.

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© Adam Weiss Zehn Jahre Ausbildung: Und doch stößt John Lockley auch heute noch auf Ablehnung.

Ob man John Lockley auf den ersten Blick gleich erkennt? Wenn der 40 Jahre alte Südafrikaner in Fernsehinterviews zu sehen ist, hat er sich bunte Tücher umgebunden, seine Augen sind mit weißer Kreide umrandet, gerne bringt er eine Trommel oder einen mit Otterhaut überzogenen Speer mit.

Lockley bezeichnet sich als Sangoma, als traditionellen Medizinmann, eine Kombination aus Priester, Wahrsager und afrikanischem Homöopathen. Das allein wäre in Südafrika nichts Besonderes – wenn der Hüne nicht blonde Haare und eine helle Hautfarbe hätte.

Brückenbauer zwischen Schwarzen und Weißen

Lockley ist einer der ersten, womöglich der erste Weiße, der sämtliche Weihen zum Sangoma im Stamm der Xhosa erhalten hat. Die Volksgruppe ist eine der größten in Südafrika, der auch der einstige Freiheitskämpfer Nelson Mandela angehört. Zwar ging die Politik der Rassentrennung in Südafrika vor 18 Jahren zu Ende, europäische und afrikanische Kulturen vermischen sich aber nur langsam. Lockley sieht sich daher als Brückenbauer zwischen Schwarzen und Weißen.

Außerhalb Afrikas mag man den Sangomas viel Hokuspokus nachsagen. Auf dem Kontinent aber sind sie aus dem Alltagsleben nicht wegzudenken. Mehr als 80 Prozent der schwarzen Bevölkerung lassen sich lieber erst von einem Medizinmann heilbringende Pulver, Säfte und Salben mixen, bevor sie sich an ihren Hausarzt wenden.

Schätzungen zufolge gibt es sieben Mal so viele traditionelle Heiler wie Schulmediziner. Außerdem werden ihnen seherische Fähigkeiten nachgesagt. Selbst Konzernlenker, Politiker bis hin zum Staatspräsidenten holen sich bei wichtigen Entscheidungen erst ihren Rat ein.

„Die Vorfahren müssen einen dazu berufen“

“Der Job eines Sangoma besteht darin, zwischen der Welt der Lebenden und der spirituellen Welt der Vorfahren zu vermitteln, zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen den Menschen und der Natur“, versucht Lockley es bei dem Treffen in Kapstadt auf den Punkt zu bringen.

Er hat eine sanfte Stimme, die man bei seiner Körpergröße nicht erwartet hätte. In regelmäßigen Abständen huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Diesen Beruf könne man daher auch nicht wählen wie den Beruf eines Arztes oder Homöopathen, fügt er hinzu. „Die Vorfahren müssen einen dazu berufen. Meist geschieht das durch Träume.“

Wie der weiße Sangoma in einem Teehaus vor einem überdimensionierten Muffin sitzt, sieht er allerdings eher weltlich aus. Trecking-Sandalen, kurze Hose, ein mit afrikanischen Motiven bedrucktes T-Shirt, die Haare in einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Wenigstens trägt er ein paar Ketten aus weißen und roten Perlen um den Hals und an den Handgelenken – die Erkennungszeichen eines Sangoma.

Aufgewachsen in einer künstlich heilen Welt

Lockley ist gerade auf der Durchreise. Nach mehreren Monaten in Europa wolle er endlich wieder nach Hause, erzählt er. Das ist nicht sein Geburtsort, sondern Joza, ein ärmliches Township im Ostkap, wo sich Weiße wie er eigentlich nicht hinverirren. Er will dort die alljährliche Dankeszeremonie ausrichten.

Als Jugendlicher waren ihm solche Riten gänzlich unbekannt. Wie die meisten seiner weißen Altersgenossen wuchs er in einer künstlich heilen Welt auf, weit entfernt von den Gegenden, in die Schwarze damals verbannt wurden. Umso verblüffter war der 18 Jahre alte Lockley, als er plötzlich von einem Xhosa-Sangoma träumte, der ihn unterrichten wollte.

Sieben Jahre auf die Probe gestellt

Damals leistete er seinen Wehrdienst in der südafrikanischen Armee. Als er von einem dieser Träume aufwachte, schmerzten seine Beine. Die Ärzte diagnostizierten Zeckenfieber. Doch das sei nur der Anfang gewesen, erinnert er sich. Sieben Jahre sollte die Leidensphase dauern. Eine Krankheit jagte die andere. Er magerte ab, konnte kaum schlafen, brach das in der Zwischenzeit begonnene Psychologiestudium vorübergehend ab.

Es seien keine physischen oder psychosomatischen Erkrankungen gewesen, sagt er mit Nachdruck, als ob er die Gedanken seines Gegenübers lesen könne. Es habe sich um eine spirituelle Krankheit gehandelt, die Twaza genannt wird. Sie sei typisch für die Berufung zum Sangoma. „Stell dir vor, du trinkst 15 Tassen Kaffee schnell hintereinander. Das ist das Gefühl.“

Seine Heilerin wurde seine Lehrerin

Gesund wurde er erst, als er bei einer Aids-Aufklärungskampagne Mum Ngwevu traf. Die damals 50 Jahre alte „afrikanische Mama“ war eine Sangoma in Joza, lebte in einer ärmlichen Hütte, sprach kaum Englisch. Erstaunlicherweise sei sie nicht überrascht gewesen, ihn zu treffen. „Sie selbst hatte geträumt, einen Schüler aus einer anderen Kultur zu unterrichten“, erklärt er.

Zehn Jahre lang dauerte seine Lehrzeit bei Ngwevu. Er lernte die Xhosa-Sprache, assistierte bei Zeremonien, studierte die medizinische Wirkung von Pflanzen, deutete Träume. „Ich habe viele Jahre studiert, habe so viele Ärzte aufgesucht, aber die Person, die mir helfen konnte, war eine Xhosa-Frau, die nicht lesen und schreiben konnte, ganz in meiner Nähe“, sagt er kopfschüttelnd.

Und dann stand er zwischen den Kulturen

Die Hinwendung zu afrikanischen Traditionen bedeutet freilich einen Bruch mit seinem bisherigen Leben. Wie reagierten die Freunde, die Familie? Hielten sie ihn für verrückt? Lockley antwortet ausweichend: „Es war sehr schwierig für sie zu verstehen. Meine Mutter unterstützte mich, weil ihre Mutter in Irland auch prophetische Träume gehabt hatte.“ Mit damaligen Freunden habe er gar nicht darüber gesprochen.

Diejenigen, in deren Kultur er eintauchen wollte, begrüßten ihn auch nicht gerade herzlich. Nur wenige Jahre zuvor war Mandela aus dem Gefängnis entlassen worden. Die menschenverachtende Behandlung der Schwarzen durch die Weißen war allen noch gut in Erinnerung. „Man muss sich die damalige Situation vorstellen: Die einzigen Weißen, die damals in den Townships auftauchten, waren Soldaten oder Polizisten. Natürlich war ein weißer Mann nicht willkommen.“

Respekt, Blut und das Erbe der Vorfahren

Der Respekt der Gemeindemitglieder vor seiner Lehrerin half. Auch die Tatsache, dass Lockley bald fließend Xhosa sprach, wurde gutgeheißen. Ein Vorfall blieb ihm besonders im Gedächtnis. „Wir waren in einer Gemeinde, die mit meiner Anwesenheit zu kämpfen hatte. Als die Trommeln verstummten, wandte sich meine Lehrerin an die Versammlung.“

Lockley stockt und sagt, er wolle die folgenden Sätze lieber auf Xhosa sagen. In der Welt der Sangoma verstehe man sich über Gefühle, über Rhythmen. Die Sätze klingen in der Tat rhythmisch und kraftvoll, mit unzähligen Klicklauten durchsetzt.

Die Übersetzung ins Englische ist dann aber doch hilfreich: „Sie sagte: Wenn du in meinen Arm schneidest, fließt rotes Blut, wenn du in Johns Arm schneidest, fließt rotes Blut. Über dem Fluss mögen wir uns bekämpfen, aber darunter sind unsere Vorfahren vereint.“ Von da an sei er in dem Dorf akzeptiert gewesen.

Erst seit vier Jahren ist er Vollzeit-Sangoma

Die Weihe zum Sangoma bedeutete freilich nicht den Start in ein normales Berufsleben. Wie die meisten seiner Kollegen verdiente Lockley nebenbei mit allen möglichen Jobs sein Geld. Dass er seit vier Jahren als Vollzeit-Sangoma arbeiten kann, hat er Aufträgen im Ausland zu verdanken. Dort bietet er so genannte Ubuntu-Workshops an, in denen die Teilnehmer „zu ihren Wurzeln, ihren Gefühlen und zur Natur“ finden sollen.

Reich wird er davon nicht. Die Einnahmen reichten, um die Reisen und ein bescheidenes Leben in Südafrika zu finanzieren, sagt er zögernd. Offensichtlich überrascht es ihn, so unverblümt nach dem monetären Nutzen seiner Arbeit gefragt zu werden.

„Es gab nie einen Zweifel daran, was ich bin“

Die Träume, die Krankheiten, der Ruf der Ahnen – in Südafrika reagiert kaum jemand verwundert auf solche Erfahrungsberichte. Im Ausland aber stößt der weiße Sangoma auf Skepsis. „Es gibt sehr viele negative Vorurteile“, gibt er zu. Das hänge auch mit der Kolonialzeit zusammen, als die „Spiritualität in Afrika“ zum Hexenwerk und zur schwarzen Magie erklärt wurde. Diese Sicht will er ändern, will aufklären, einer über Jahrhunderte hinweg verteufelten Ahnenreligion Anerkennung verschaffen.

Das Teehaus hat sich in der Zwischenzeit geleert. Auf dem Weg nach draußen drängt sich dann aber doch die eine unvermeidliche Frage auf. Hat er, der in einer europäisch geprägten Familie aufgewachsen ist, tatsächlich niemals bezweifelt, von den Ahnen zum Sangoma berufen worden zu sein? Lockley muss keine Sekunde überlegen: „Es gab nie einen Zweifel daran, was ich bin und was meine Bestimmung ist. Es war immer völlig klar.“ Sagt er und lächelt zum Abschied.

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

... der Erinnerung an meine Träume während der Nacht.

Die Zeit vergesse ich, ...

... wenn die Rhythmen kraftvoll und die Lieder schön sind.

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

... der muss seine Träume ernst nehmen und seinem Herzen folgen.

Erfolge feiere ich, ...

... indem ich einmal im Jahr eine Dankeszeremonie für die ganze Gemeinschaft im Dorf ausrichte.

Es bringt mich auf die Palme, ...

... wenn Leute sich weigern, anzuerkennen, dass Menschen unterschiedlich sind. Wenn sie auf andere herabsehen, nur weil diese eine andere Hautfarbe haben.

Mit 18 Jahren wollte ich ...

... ein Sanitäter in der südafrikanischen Armee werden.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

...  – ich bereue nicht allzu viel.

Geld macht mich ...

...  – Geld treibt mich nicht an.

Rat suche ich ...

... bei meiner Mutter, meinem Vater, meiner Lehrerin und ihrem Ehemann.

Familie und Beruf sind ...

... untrennbar miteinander verbunden.

Den Kindern rate ich, ...

... folgt eurem Herzen, geht keine Kompromisse ein.

Mein Weg führt mich ...

...  – ich habe keine Ahnung, wohin, aber ich hoffe, dass ich mit meiner Arbeit zu einer Aussöhnung zwischen Schwarzen und Weißen beitrage.

 

Zur Person

John Lockley wird 1971 in Kapstadt geboren. Wie die meisten weißen Südafrikaner weiß er wenig über afrikanische Ahnenreligionen. -Im Alter von 18 Jahren wird er schwer krank und träumt intensiv. Beides geht gemeinhin mit der Berufung zum Sangoma einher.

Eine Medizinfrau weist ihn über Jahre ein. 2007 erhält er sämtliche Weihen. Dabei wird ein Ochse mit einem Speer erlegt. Der letzte Schrei des Tieres bedeutet, dass die Vorfahren ihn anerkannt haben.

Seitdem hat Lockley den Namen Ucingolwendaba: Botschafter zwischen den Kulturen.

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