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Veröffentlicht: 09.04.2012, 06:00 Uhr

John Lockley Im Rhythmus der Xhosa

Wer sich in Südafrika krank fühlt, geht nicht zum Arzt, sondern zum Medizinmann. John Lockley ist einer der wenigen Weißen, die diesen Beruf ausüben.

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© Adam Weiss Zehn Jahre Ausbildung: Und doch stößt John Lockley auch heute noch auf Ablehnung.

Ob man John Lockley auf den ersten Blick gleich erkennt? Wenn der 40 Jahre alte Südafrikaner in Fernsehinterviews zu sehen ist, hat er sich bunte Tücher umgebunden, seine Augen sind mit weißer Kreide umrandet, gerne bringt er eine Trommel oder einen mit Otterhaut überzogenen Speer mit.

Claudia Bröll Folgen:

Lockley bezeichnet sich als Sangoma, als traditionellen Medizinmann, eine Kombination aus Priester, Wahrsager und afrikanischem Homöopathen. Das allein wäre in Südafrika nichts Besonderes – wenn der Hüne nicht blonde Haare und eine helle Hautfarbe hätte.

Brückenbauer zwischen Schwarzen und Weißen

Lockley ist einer der ersten, womöglich der erste Weiße, der sämtliche Weihen zum Sangoma im Stamm der Xhosa erhalten hat. Die Volksgruppe ist eine der größten in Südafrika, der auch der einstige Freiheitskämpfer Nelson Mandela angehört. Zwar ging die Politik der Rassentrennung in Südafrika vor 18 Jahren zu Ende, europäische und afrikanische Kulturen vermischen sich aber nur langsam. Lockley sieht sich daher als Brückenbauer zwischen Schwarzen und Weißen.

Außerhalb Afrikas mag man den Sangomas viel Hokuspokus nachsagen. Auf dem Kontinent aber sind sie aus dem Alltagsleben nicht wegzudenken. Mehr als 80 Prozent der schwarzen Bevölkerung lassen sich lieber erst von einem Medizinmann heilbringende Pulver, Säfte und Salben mixen, bevor sie sich an ihren Hausarzt wenden.

Schätzungen zufolge gibt es sieben Mal so viele traditionelle Heiler wie Schulmediziner. Außerdem werden ihnen seherische Fähigkeiten nachgesagt. Selbst Konzernlenker, Politiker bis hin zum Staatspräsidenten holen sich bei wichtigen Entscheidungen erst ihren Rat ein.

„Die Vorfahren müssen einen dazu berufen“

“Der Job eines Sangoma besteht darin, zwischen der Welt der Lebenden und der spirituellen Welt der Vorfahren zu vermitteln, zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen den Menschen und der Natur“, versucht Lockley es bei dem Treffen in Kapstadt auf den Punkt zu bringen.

Er hat eine sanfte Stimme, die man bei seiner Körpergröße nicht erwartet hätte. In regelmäßigen Abständen huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Diesen Beruf könne man daher auch nicht wählen wie den Beruf eines Arztes oder Homöopathen, fügt er hinzu. „Die Vorfahren müssen einen dazu berufen. Meist geschieht das durch Träume.“

Wie der weiße Sangoma in einem Teehaus vor einem überdimensionierten Muffin sitzt, sieht er allerdings eher weltlich aus. Trecking-Sandalen, kurze Hose, ein mit afrikanischen Motiven bedrucktes T-Shirt, die Haare in einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Wenigstens trägt er ein paar Ketten aus weißen und roten Perlen um den Hals und an den Handgelenken – die Erkennungszeichen eines Sangoma.

Aufgewachsen in einer künstlich heilen Welt

Lockley ist gerade auf der Durchreise. Nach mehreren Monaten in Europa wolle er endlich wieder nach Hause, erzählt er. Das ist nicht sein Geburtsort, sondern Joza, ein ärmliches Township im Ostkap, wo sich Weiße wie er eigentlich nicht hinverirren. Er will dort die alljährliche Dankeszeremonie ausrichten.

Als Jugendlicher waren ihm solche Riten gänzlich unbekannt. Wie die meisten seiner weißen Altersgenossen wuchs er in einer künstlich heilen Welt auf, weit entfernt von den Gegenden, in die Schwarze damals verbannt wurden. Umso verblüffter war der 18 Jahre alte Lockley, als er plötzlich von einem Xhosa-Sangoma träumte, der ihn unterrichten wollte.

Sieben Jahre auf die Probe gestellt

Damals leistete er seinen Wehrdienst in der südafrikanischen Armee. Als er von einem dieser Träume aufwachte, schmerzten seine Beine. Die Ärzte diagnostizierten Zeckenfieber. Doch das sei nur der Anfang gewesen, erinnert er sich. Sieben Jahre sollte die Leidensphase dauern. Eine Krankheit jagte die andere. Er magerte ab, konnte kaum schlafen, brach das in der Zwischenzeit begonnene Psychologiestudium vorübergehend ab.

Es seien keine physischen oder psychosomatischen Erkrankungen gewesen, sagt er mit Nachdruck, als ob er die Gedanken seines Gegenübers lesen könne. Es habe sich um eine spirituelle Krankheit gehandelt, die Twaza genannt wird. Sie sei typisch für die Berufung zum Sangoma. „Stell dir vor, du trinkst 15 Tassen Kaffee schnell hintereinander. Das ist das Gefühl.“

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