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Johanna Hey Allein unter Männern

11.08.2008 ·  Mit 38 Jahren hat sie ihr Karriereziel schon erreicht: Johanna Hey zählt zu den renommiertesten Steuerrechtlern des Landes. Und auch zu den telegensten.

Von Julia Löhr
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Johanna Hey gehört zu jenen Frauen, die bereits zu hören sind, bevor sie auf der Bildfläche erscheinen. Die Absätze ihrer Schuhe hallen durch das lichte Haus im Kölner Stadtteil Braunsfeld, nicht weit entfernt vom Stadtwald. Hektisch klacken sie, kommen näher, entfernen sich wieder, bis sie schließlich die weiße geschwungene Holztreppe zum Knarren bringen und immer lauter werden. Dann steht sie vor einem: eine zierliche Person in einem geblümten Sommerkleid und auf hochhackigen Pumps. Auch wer sie zum ersten Mal trifft, dem kommt ihr Anblick vertraut vor. Die Frau mit der blonden Mähne ist so etwas wie die Miss Steuern der deutschen Wissenschafts-, Politik- und Fernsehwelt.

Johanna Hey zählt zu den bekanntesten Steuerrechtlern des Landes. Im Hauptberuf leitet sie das Institut für Steuerrecht der Universität Köln, im Nebenberuf sitzt sie in diversen Gremien, unter anderem im Wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums. Und gerne auch in einer der vielen Talkshows, mal bei Maybrit Illner, mal bei Anne Will. Sie hat bei sich selbst einmal „Sendungsbewusstsein“ diagnostiziert, dieser Begriff trifft die Art, wie sie ihren Beruf ausübt, ziemlich gut. Hey ist sich bewusst, dass sie zumindest ihre Medienpräsenz nicht nur ihrem Fachwissen verdankt, sondern auch der Tatsache, dass sie eine Frau ist, jung ist, gut aussehend ist. „Es hat mir in meiner Karriere nie geschadet, dass ich eine Frau bin, ganz im Gegenteil.“

Zum Steuerrecht durch Zufall

Der Lebenslauf von Johanna Hey liest sich wie der einer Musterschülerin. Einser-Abitur am Internat Birklehof im Schwarzwald, Jura-Studium mit Prädikatsexamen an der Universität Würzburg, „TOP 1%“ steht in ihrem Lebenslauf. Mit 31 Jahren Habilitation in Köln, ein Jahr später eigener Lehrstuhl in Düsseldorf. Doch in ihren Augen verlief ihr Werdegang keineswegs so geradlinig, wie er sich liest. „Ich bin keine Überfliegerin. Das sage ich nicht nur, um damit zu kokettieren.“

Nach dem Abitur überlegt sie zunächst, Medizin zu studieren, wie zuvor schon ihre Mutter. „Seit ich als Kind reden konnte, wollte ich immer Ärztin werden.“ Doch dann bekommt sie einen Studienplatz in Bochum zugeteilt, wo sie auf keinen Fall hinwill, und entscheidet sich für Jura, „in einem langen, schwierigen Abwägungsprozess“. Sie hätte genauso gut Architektur studieren können oder Malerei, so vielfältig sind ihre Interessen. „Als eine der größten Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens habe ich empfunden, dass man sich beschränken muss.“

Neben Jura belegt sie anfangs auch Medizin-Vorlesungen, doch nach zwei Semestern Doppelleben entschließt sie sich, die Medizin endgültig an den Nagel zu hängen. „In der Medizin muss man am Anfang viel auswendig lernen, bei den Juristen wird man früher ernst genommen.“ Das gute erste juristische Staatsexamen habe ihr einen Kick gegeben – und den Anstoß, zu promovieren. „Dass es auf Steuerrecht hinauslief, war Zufall.“ Zunächst liebäugelt sie mit Arztrecht oder Familienrecht, findet dort aber keinen Doktorvater, kommt schließlich auf Empfehlung zu Joachim Lang an das Institut für Steuerrecht in Köln. „Er hat mich für das Steuerrecht begeistert, für dessen politische Bedeutung und Gerechtigkeitsfragen.“ Dass sie den richtigen Weg gewählt hat, dessen ist sie sich sicher, als sie ihre Doktorarbeit abgibt. „Herr Lang hat Berge von Doktorarbeiten und lässt die oft ziemlich lange liegen. Als ich meine abgegeben hatte, bat er mich zwei Tage später zu sich, um mir zu gratulieren.“

Mit 32 Jahren der eigene Lehrstuhl

Sie folgt seinem Rat und beginnt nach Doktortitel und zweitem juristischen Staatsexamen mit ihrer Habilitation. Drei Jahre verbringt sie damit, eine lange Zeit für einen ungeduldigen Menschen, als den Hey sich bezeichnet. Gefolgt vom Warten auf einen Lehrstuhl. „Es war schon ein bisschen naiv, so in eine wissenschaftliche Laufbahn reinzuschlittern.“ Damals habe es in Deutschland nur ein knappes Dutzend Lehrstühle für Steuerrecht gegeben, „da konnte ich mir ausrechnen, wie lange ich warten muss, bis ich einen davon bekomme“. Sie spricht mit Kanzleien, denkt über einen Wechsel in die Wirtschaft nach, „ich war fest entschlossen, nicht in einem staubigen Kämmerlein als Privatdozentin zu enden“. Dann kommt er doch noch, der Ruf, von der Universität Düsseldorf. Mit 32 Jahren ist Hey am Karriereziel angelangt, C4-Professur, mehr geht nicht, eigentlich, denn es geht doch noch besser. Vier Jahre später tritt sie die Nachfolge ihres Förderers und Vorbilds Joachim Lang an und übernimmt das Institut für Steuerrecht in Köln.

Trotz ihres Durchmarschs in der Männerdomäne Steuerrecht fühlt Hey sich nicht als Ausnahmeerscheinung. Es gebe durchaus einige Kolleginnen, die jedoch öffentlich nicht so in Erscheinung träten. „Man muss auch bedenken, dass es an deutschen Universitäten maximal zwanzig ernstzunehmende Steuerrechtsprofessoren gibt. Wenn da ein oder zwei Frauen dabei sind, ist das nicht weniger als in anderen Fächern.“ Frauen hätten es im Steuerrecht nicht schwerer als in anderen Disziplinen. „Man hat als Frau objektiv keine Nachteile, solange man keine Kinder hat“, sagt Hey, selbst noch kinderlos. Von den von Wissenschaftlerinnen häufig beklagten Altherren-Netzwerken fühlt sie sich nie ausgebremst. „Netzwerke, das hört sich so theoretisch an, das ergibt sich einfach aus der Zusammenarbeit. Aber vielleicht ist das Steuerrecht auch besonders pragmatisch. Wenn man da halbwegs passable Arbeit abliefert, ist es egal, ob man ein Mann ist oder eine Frau.“

Entspannen zwischen alten Möbeln und Hightech

Um diese „halbwegs passable Arbeit“ abzuliefern, investiert Hey viel Zeit. Auf rund achtzig Stunden schätzt sie ihr wöchentliches Arbeitspensum, auch an den Wochenenden schaltet sie nicht ab, sondern schreibt Aufsätze, bereitet Vorträge vor. „Meine Eltern haben immer beide gearbeitet, und zwar gerne gearbeitet. Sie haben mir nie das Gefühl vermittelt, dass das etwas Anstrengendes wäre.“ Ihr Mann, ebenfalls Jurist, hat sich nach Heys Aussage mit ihrem Arbeitseifer arrangiert. Zu ihren Schilderungen passt das Bild, das ihr Haus vermittelt. Im Wohnzimmer stehen viele alte Möbel und ein wenig Bang-&-Olufsen-Hightech, es würde gut in ein Schöner-Wohnen-Heft passen, aber es sieht nicht unbedingt danach aus, als ob hier jemand stundenlang auf dem Sofa lümmelt und Chips knabbert.

Es kommt selten vor, dass Hey ins Erzählen gerät. Sie wägt ihre Aussagen sorgfältig ab, formuliert in kurzen Sätzen, korrigiert sich, wenn sie der Meinung ist, zu impulsiv geantwortet zu haben. Jeder Satz aus ihrem Mund hört sich politisch korrekt an. Vielleicht muss das so sein, wenn jemand so viele Funktionen innehat wie sie, auch auf der Berliner Bühne. Hey bezeichnet sich als politischen Menschen, wenngleich sie sich nicht vorstellen kann, jemals in die Politik zu gehen, wie sie sagt. „Weil es da zwar manchmal auch um die Sache geht, aber vorher erst mal um zu viel anderes.“

„Nicht Schlimmeres als der Ruf einer Zicke“

Sie will Politiker nicht zu einem bestimmten Steuermodell missionieren, sondern aufklären, sagt sie, deshalb treibt es sie auch immer wieder in die Talkshows. „Ich denke jedes Mal, man könnte da was erklären.“ Johanna Hey sagt oft „man“, wenn sie „ich“ meint. „Als Wissenschaftler hat man keine Handlungsmacht. Aber man kann versuchen, Meinungen zu beeinflussen.“ Genau das reizt Hey. Sie weiß, dass ihre Fernsehauftritte nicht allen Kollegen gefallen, „man gerät da leicht in die Gefahr, als oberflächlicher Popstar wahrgenommen zu werden“. Zweifel an ihrer Kompetenz höre sie aber selten. Wenn ihr Arroganz entgegenschlage, etwa in einer Sitzung, versuche sie, die Situation mit Charme zu lösen. Rutscht ihr einmal eine pampige Reaktion heraus, bereut sie das sofort. „Es gibt nichts Schlimmeres für eine erfolgreiche Frau, als wenn sie den Ruf hat, eine Zicke zu sein.“

Und was macht eine erfolgreiche Frau, die mit bald 38 Jahren schon alles in ihrem Beruf erreicht hat? „Es gibt im Hochschulbereich nicht mehr viel, das ich noch anstreben könnte“, sagt sie. Dass sie noch knapp dreißig Jahre bis zur Rente vor sich hat, schreckt Hey aber nicht. „In einem Unternehmen wäre das vielleicht so, aber als Wissenschaftler genießt man mehr Freiheiten, sich immer wieder neue Ziele zu setzen.“ Sie hat viele Ideen für Veröffentlichungen, plant gemeinsam mit einem Kollegen einen neuen Studiengang für Unternehmensrecht, Hochschullehrer sei ein toller Beruf, sagt Johanna Hey, bevor sich das Klacken ihrer Absätze wieder energischen Schrittes entfernt.

Zur Person:

- Johanna Hey wird 1970 in Hamburg geboren. 1989 Abitur auf dem Internat Birklehof in Hinterzarten, von 1990 bis 1994 Jurastudium an der Universität Würzburg, davon zwei Semester als Doppelstudium mit Humanmedizin.
- 1996 Promotion an der Universität Köln, später arbeitet sie dort als wissenschaftliche Assistentin und habilitiert sich 2001. 2002 Lehrstuhl an der Universität Düsseldorf, seit 2006 Direktorin des Instituts für Steuerrecht an der Universität Köln.

- Hey ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums und Vizepräsidentin des Deutschen Hochschulverbandes. Mit ihrem Mann lebt sie in Köln.

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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Wirtschaft.

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