25.11.2006 · Eigentlich wollte er Journalist werden. Dann entschied er sich für einen Beruf, der ihm einen ähnlich tiefen Einblick in menschliche Schicksale gibt: Polizist. Heute ist Jörg Ziercke der oberste Terroristenjäger Deutschlands und leitet des Bundeskriminalamt.
Von Anna LollDie Realität kann sehr hart sein", sagt Jörg Ziercke, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), oberster Terroristenjäger der Nation. Er muß es wissen. Das Verborgene aufzudecken, die Tatsachen hinter Lügen und verwischten Spuren ans Licht zu bringen ist sein Auftrag. Seit zwei Jahren ist der Neunundfünfzigjährige für die Sicherheit der Bundesrepublik verantwortlich. Er leitet rund 5000 Beamte im Rahmen der nationalen Kriminalitätsbekämpfung, überwacht den Personenschutz für deutsche Politiker oder wichtige Zeugen und steht in ständigem Kontakt mit in- und ausländischen Sicherheitsdiensten.
Der erste Eindruck von Ziercke in seinem verglasten Büro hoch über der Spree in Berlin-Treptow ist aber nicht der eines Getriebenen. Fast zierlich wirkt der Norddeutsche. Zurückgelehnt in den Ledersessel der Sitzecke, unterstreicht er das Gesagte nur hier und da mit einer ruhigen Handbewegung, wenn er spricht.
Termine im Halbstundentakt
Mag Gelassenheit in seinem Amt auch notwendig sein, Regelmäßigkeit gibt es kaum. Seine Aufgaben stellen sich immer wieder neu. Unter der Woche pendelt Ziercke zwischen seinen Büros in Berlin und in Wiesbaden, dem Hauptsitz des BKA. An einem normalen Bürotag absolviert der zweifache Familienvater zwischen zehn und zwölf Termine im halbstündigen Rhythmus. Aktenarbeit, Videokonferenzen, ab und zu ein Vortrag am Abend oder ein Personalgespräch. Auch der Kontakt zur Politik fehlt nicht: Jeden Dienstag berichtet Ziercke mindestens zwei Stunden im Bundeskanzleramt über die nachrichtendienstliche Lage. Jede Menge Verwaltungsarbeit - dabei begann Zierckes Karriere als einfacher Polizist.
Zwar hatte er beim Abitur noch ganz andere Pläne: Journalist wollte er werden. Doch die Wehrpflicht führte den damals Zwanzigjährigen auf einen anderen Pfad. Anstatt zur Bundeswehr ging er zur Landespolizei in Schleswig-Holstein. Die Erfahrung brachte die Berufsentscheidung. "Da war das ganze Paket komplett: Ich lernte Menschen in Grenzsituationen kennen und konnte all das erfahren, was für andere verschlossen blieb", berichtet er. Und: "Ich wollte dazu beitragen, daß die Welt etwas gerechter wird."
Drogen, Armut, Wut
Als Kriminalpolizist in seiner Heimatstadt Lübeck lernte er aber erst mal eine Welt der Drogen, der Armut, der Wut kennen. "Ein Normalbürger kann sich gar nicht vorstellen, was einem Polizisten begegnet", sagt er. "Bestimmte Sachen wird man einfach nicht wieder los." An die erste Leiche erinnert er sich noch heute. Oder an das Baby in seinem Kinderbett, das die Mutter im religiösen Wahn mit einem Buch erdrückt hatte. Doch dieses Verborgene und der Durst nach Realität scheinen auf Ziercke eine besondere Anziehungskraft auszuüben. "Vor meinem Eintritt in die Polizei bin ich nur durch die Straßen gegangen und habe die Fassaden von außen gesehen. Jetzt konnte ich auf einmal in die Häuser, in die Familien, in die menschlichen Schicksale schauen. Das hat mich fasziniert", berichtet er aus seiner Anfangszeit.
Es sollte aber nicht nur beim Streifendienst bleiben, bald stieg Ziercke in den höheren Dienst der Kriminalpolizei auf und studierte an der Polizeiführungsakademie Münster. Das Studium führte ihn an die Spitze der Kriminalpolizei Neumünster - für Ziercke das "Kernerlebnis" für seine jetzige Arbeit. Er lernte, mit den verschiedensten Akteuren aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu kooperieren. Was er damals in einer Stadt von 79 000 Einwohnern lernte, kommt heute 82 Millionen Menschen zugute.
Zuvor kam es aber zu einem Berufswechsel: 1985 wurde er als Personalreferent in das Kieler Innenministerium berufen. Die neue Position führte ihn weg von der Ermittlungsarbeit mit Einsatzbefehlen, Hausdurchsuchungen und Besuchen an Tatorten. Im Ministerium beschäftigte er sich mit den vergleichsweise undramatischen Problemen der Personalführung. Fünf Jahre später übernahm er die Leitung der Landespolizeischule in Eutin, deren Schüler er schon im Alter von 29 Jahren unterrichtet hatte. Die deutsche Einheit erweiterte seinen Schülerkreis: Ihm wurde auch die Schule in Neustrelitz zugeordnet. Auf dem Gelände grüßte das Denkmal von Ernst Thälmann mit der erhobenen Faust, unter der Kaserne entdeckte er verborgene Gänge, und im Panzerschrank des Dienstzimmers fand er ein Paket mit dem Zettel "Nur im absoluten Notfall öffnen". "Da dachte ich mir: na, da muß ja wohl die absolute Gefahr sein, wenn man das aufmacht", erzählt er lachend. In dem Paket waren eine weiße Kerze und eine Packung Streichhölzer. "Das hatte der General damals in seinem Panzerschrank!" Eine der spannendsten Erfahrungen seiner Karriere sei dieses halbe Jahr gewesen: "Der Blick in die deutsche Geschichte."
Anschließend schlug Ziercke endgültig eine politische Laufbahn ein. 1992 kehrte er an das Kieler Innenministerium zurück, drei Jahre später leitete er die Abteilung Polizei in Schleswig-Holstein. Außerdem wurde er Leiter des Arbeitskreises für innere Sicherheit der Innenministerkonferenz. Zweimal wurde er zu dessen Vorsitzendem gewählt - eine Einmaligkeit in der Geschichte des Gremiums. Diese Funktion legte die Basis für Zierckes Wechsel an die Spitze des Bundeskriminalamtes im Jahr 2004.
Nachfolger eines „Bauernopfers“
"Ich bin dem Ruf sehr gerne gefolgt, auch wenn ich wußte, daß da ein Riesenproblem anstand: diese Umzugsdiskussion", sagt Ziercke. Nach dem Plan des damaligen Innenministers Otto Schily sollte fast die gesamte Belegschaft aus Wiesbaden nach Berlin ziehen. Der Außenstandort Meckenheim sollte geschlossen werden. Als die Pläne im Januar 2004 an die Öffentlichkeit kamen, daß alle für die Sicherheit Deutschlands zuständigen Stellen nach Berlin umsiedeln sollten, fühlten sich die Beamten übergangen und trugen ihren Protest auf die Straße. Schily entließ den amtierenden BKA-Präsidenten Klaus Ulrich Kersten in den Ruhestand.
Vielleicht weil das häßliche Wort von einem "Bauernopfer" die Runde machte, suchte man sich den renommierten Polizeifachmann Ziercke für die Nachfolge aus. Der scheute nicht die Konfrontation mit den BKA-Beamten und gab zudem eine Studie in Auftrag, um die Kritik der Mitarbeiter zu bündeln. Der Konflikt endete mit einem Kompromiß, letztlich mußten weniger Beamte umziehen als zunächst angekündigt. Geschlossen umsiedeln mußte aber die Einheit zur Bekämpfung des islamistischen Extremismus, die in Berlin in ein gemeinsames Terrorismusabwehrzentrum integriert wurde, wo Vertreter aller Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern sitzen. Abgeschirmt von hohen Zäunen, liegt die Sicherheitszentrale wenige hundert Meter entfernt von den Treptowers, in denen Ziercke residiert.
Die geographische Nähe zeigt, welche Bedeutung die Gefahr von Terroranschlägen in Zierckes Alltag als BKA-Präsident angenommen hat. An die Öffentlichkeit drang zuletzt die Fahndung nach den "Kofferbombern", Männern, die in Regionalzügen Sprengsätze deponiert hatten, die nur aufgrund eines Konstruktionsfehlers nicht explodierten. Detailgenau schilderte Ziercke damals vor laufenden Kameras die Beweislast gegen die Verdächtigen. Der Zweck: Die Täter nervös zu machen. Die Aufklärung sei nur eine Frage von Stunden, erklärte Ziercke. Der Plan ging auf, es gab schnelle Erfolge.
Solche Situationen fordern Ziercke, doch der Terrorismus ist für ihn nicht nur berufliche Herausforderung, sondern gleichzeitig Gefahr. Morddrohungen und lebensgefährliche Situationen gehören zum Geschäft. Er ist als gefährdete Person eingestuft. Sonderlich ängstlich ist er trotzdem nicht. "Ich habe kein Gefühl der Unsicherheit", sagt er. "Mit solchen Situationen muß man in meinem Beruf einfach leben." Nichtsdestotrotz sind ihm bei seinem kürzlichen Besuch in Kabul seine ständigen Begleiter durchaus angenehm gewesen: drei guttrainierte Personenschützer mit Maschinenpistolen.
Zur Person
Jörg Ziercke wird am 18. Juli 1947 in Lübeck geboren. Mit seiner Frau und zwei Kindern lebt er in Kiel. Unter der Woche pendelt er zwischen seinen Amtssitzen in Berlin und Wiesbaden.
Nach Polizistenausbildung und Studium an der Polizeiakademie übernahm er 1979 die Leitung der Kripo Neumünster. 1985 wechselte er als Personalreferent ans Kieler Innenministerium, wo er zum Abteilungsleiter Polizei aufstieg.
In Schleswig-Holstein erfand Ziercke das Modell der kriminalpräventiven Räte, die deutschlandweit Schule machten.
2004 wurde er Präsident des BKA in Wiesbaden. Es gelang ihm, die Querelen um den Umzug des Amtes nach Berlin schnell zu beenden. Zuletzt profilierte er sich als Terroristenjäger bei der Suche nach den „Kofferbombern“.