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Jörg Wolle Kapitalismus pur

 ·  1988 flüchtete Jörg Wolle aus der DDR. Die gewonnene Freiheit nutzte er, um sich an die Spitze eines Schweizer Handelshauses hochzuarbeiten.

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Wenn Jörg Wolle nicht sowieso auf Reisen rund um die Welt ist, sitzt er - von asiatischen Einrichtungsgegenständen umgeben - in seinem Büro in der Innenstadt von Zürich. Wolle lenkt den Dienstleistungskonzern DKSH, dessen Betätigungsfeld hauptsächlich in Asien liegt. Am 2. März 1988 war er davon allerdings noch meilenweit entfernt. An jenem Tag sprang der damals Dreißigjährige im Stuttgarter Hauptbahnhof kurz vor der Abfahrt aus dem Zug, der ihn zurück in die DDR bringen sollte. Es war ein kühner Sprung in die Freiheit, nicht einmal Mutter und Cousin, die ihn begleiteten, wussten davon. Der junge Ingenieur des Maschinenbaus wollte über sein Leben selbst entscheiden. Für den Sohn einer bürgerlichen Familie war das Gefängnis DDR hierfür der denkbar schlechteste Ort.

Wirtschaftlich ging es der Familie trotz der Mangelwirtschaft im Osten Deutschlands recht gut. Aber die Freiheit lag im Westen. Von dieser Sehnsucht getrieben, entwarf Wolle so etwas wie seinen ersten „Masterplan“. Ein Umzug von Chemnitz nach Leipzig brachte den Schutz einer gewissen Anonymität am neuen Wohnort. Die eigene Wohnung und das Bankkonto ließen Wolle und seine Frau in den Augen der Behörden als Menschen erscheinen, die in der DDR etwas zu verlieren hatten. Wolle reiste bewusst allein zum Verwandtschaftsbesuch nach Stuttgart. Seine Frau sollte später über die Deutsche Botschaft in Prag in den Westen gelangen.

Auf dem Gipfel der Karriere

Das Risiko der Flucht in jungen Jahren hat sich mehr als ausgezahlt. Heute steht der großgewachsene und schlanke Mann als Vorstandsvorsitzender von DKSH auf einem Gipfel seiner Karriere. Wolle formte aus den ehemaligen Handelshäusern, die sich 2002 zu dem heutigen Unternehmen zusammenfanden, einen schlagkräftigen Konzern. Dieser erschließt als Dienstleister für andere Unternehmen die Märkte Asiens und erwirtschaftete damit allein im ersten Halbjahr dieses Jahres umgerechnet 3,5 Milliarden Euro Umsatz.

“Ich wählte meine Ausbildung bewusst so, dass sie auch außerhalb der DDR genutzt werden konnte“, sagt der heute Fünfundfünzigjährige. Der technischen Ausbildung sollten sich in den neunziger Jahren noch zwei Management-Kurse in Lausanne und Stanford anschließen. Wolle hält dies auch heute noch für eine gelungene Mischung. „Generell ist es ein Vorteil, wenn Technik und Wirtschaft miteinander verbunden werden können“, findet er. „Das spricht meiner Meinung nach klar für einen Studiengang wie zum Beispiel den des Wirtschaftsingenieurs. Aber auch die Ergänzung einer technischen Ausbildung durch einen MBA halte ich für empfehlenswert.“

„Hunger“ nach Bewährung und Flexibilität

Zuvor hatte sich der Flüchtling mit Unterstützung der Verwandtschaft im Schwäbischen in seiner neuen Umgebung etabliert. Die erste berufliche Station bildete ein Unternehmen der SKF-Gruppe, das Komponenten für Textilmaschinen herstellte. Schmunzelnd erzählt Wolle, wie ihn der Geschäftsführer mit den Worten einstellte, er wisse zwar nicht genau, wo er ihn einsetzen werde, aber er gefalle ihm. Rückblickend glaubt der erfolgreiche Manager, er habe als junger Bewerber mit seinem „Hunger“ nach Bewährung, mit Aufgeschlossenheit für Neues und mit seiner Flexibilität überzeugt.

So sei es für ihn selbstverständlich gewesen, Kunden auch an Wochenenden zu betreuen, eine Bereitschaft, die Kollegen offenbar nicht gezeigt haben. Flexibilität und Einsatzfreude legte Wolle nicht nur im Kleinen an den Tag. Schon nach sechs Monaten wagte er auf Bitten seines Chefs jenen Schritt, der seinen weiteren Weg entscheidend beeinflussen sollte. „Ich ging für SKF dorthin, wohin niemand sonst wollte, also nach Indien, China und Russland“, erinnert sich der heutige Konzernlenker. Das war Ende der achtziger Jahre, also noch vor den großen Globalisierungsschüben in der Weltwirtschaft.

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