09.12.2006 · Seine Art ist geradlinig, sein Berufsweg ein einziges Durcheinander. Joachim Hunold hat Schule, Lehre und Studium abgebrochen. Dann wagte er den Schritt in die Selbständigkeit. Heute führt er Air Berlin und hat 3800 Mitarbeiter.
Von Holger AppelDie Schule lustlos nach der mittleren Reife verlassen, die Lehre als Industriekaufmann geschmissen, das Abitur dann auf einer Privatschule nachgeholt und orientierungslos ein Jurastudium begonnen, dasselbe nicht zu Ende gebracht - solch ein Lebenslauf kann ja wohl nur unter der Brücke enden. Brücke, das ist das Stichwort. Nur, daß Joachim Hunolds Weg nicht unter, sondern auf die Brücke führte. Genauer gesagt: auf die Kommandobrücke. Der Selfmademanager ist Chef und Miteigentümer von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft Air Berlin. Bald soll die Firma 100 Jets in der Luft haben. Vor 15 Jahren war sie mit zwei Flugzeugen gestartet.
Wer eine etwas unstete Historie aufweist, könnte es also mal bei Air Berlin versuchen. "Ich stelle bewußt auch Mitarbeiter ein, die keinen geradlinigen Lebenslauf haben. Sonst bin ich ja uniformiert. Ich will Alleinstellungsmerkmale finden", sagt Hunold. Einmal in der Zentrale in Berlin über die nüchternen Flure gelaufen, wird sogleich noch Weiteres klar. Hunold ist unangefochten der Boss - ein hemdsärmeliger Kumpeltyp mit Vorliebe für das direkte Wort, was ihm nicht nur Freunde einträgt. Seine Feierlaune ist legendär, ein gutes Dutzend Weihnachtsfeiern an sämtlichen Standorten sprechen für sich. Starkult oder Protzerei sind ihm so fremd wie Scheu vor zuviel Nähe. Vom Vorstand bis zum Pförtner duzt er fast die gesamte Belegschaft, für die Air Berliner ist er "der Achim". Wen er mit "Sie" anspricht, hat schlechte Karten.
„Er ist ein Schachspieler“
Aus der Umgangsform sollten freilich keine voreiligen Schlüsse gezogen werden. "Er ist ein Schachspieler", sagt ein Mitarbeiter. Man darf wohl hinzufügen: Er ist auch ein Arbeiter, ein Besessener und ein Glücksritter. Denn mit Air Berlin, die er vor kurzem ziemlich holprig an die Börse brachte, hätte er auch eine Bruchlandung erleben können. An die Börse habe es ihn stets gezogen, doch als es soweit war, habe ihn die Sorge beschlichen, sein Lebenswerk könne scheitern, sagt Hunold. "Weil ich die Situation bisweilen nicht mehr in der Hand hatte, plötzlich von anderen abhängig war." Besondere Hochachtung vor den begleitenden Investmentbankern ist aus seinen Worten in diesem Moment nicht zu hören. Aber die Medaille hat eben zwei Seiten. Mit dem Börsengang kam frisches Geld, zum Beispiel für neue Flugzeuge.
Hunold ist das älteste von vier Kindern, seine Mutter hatte eine Parfümerie und Drogerie, über der die Familie wohnte. So hat er früh das Unternehmertum kennengelernt, mit 14 Jahren machte er seine ersten eigenen Gehversuche. Er fuhr Wäsche mit dem Fahrrad aus. Seine Leidenschaft galt freilich dem Eishockey, obgleich er inzwischen auch recht ordentlich Golf, Tennis und bis heute in der Firmenmannschaft Fußball spielt. "Ich wollte immer Eishockey spielen", schwärmt er. Das kommt der Düsseldorfer DEG zugute, deren Sponsor er heute ist. Selbst geht er allerdings kaum noch aufs Eis, auch einen Joachim Hunold hat die Managerkrankheit eingeholt: "Ich habe zuwenig Zeit." Jetzt spielt er also Golf, in Mallorca, einem der Hauptreiseziele der Air Berlin, oder auf Sylt, jener Nordseeinsel der Prominenten und Schönen, auf der er sich gerade ein Haus gekauft hat und die - ein Schelm, wer dabei einen Zusammenhang sieht - Air Berlin seit neuestem anfliegt.
Pilotenlizenz in Kneipen erkellnert
Einen Hang zur Fliegerei hatte Hunold schon früh. Die Privatpilotenlizenz hat er sich in Kneipen erkellnert, doch inzwischen ist sein Pilotenschein erloschen. Studiert hat er schließlich Rechtswissenschaft, weil er ein Studium irgendwie für sinnvoll hielt: "Ich dachte mir, mit Jura kannst du alles werden." Dann ist er "durchs Examen gerauscht, und damit war auch die finanzielle Unterstützung meiner Eltern weg". Also machte er seinen Nebenjob am Flughafen Düsseldorf zum Hauptberuf. Hunold wurde Ramp Agent. Das sind jene Menschen, die dafür sorgen, daß alles ordentlich abläuft, solange das Flugzeug am Boden ist. Er arbeitete sich hoch zum stellvertretenden Stationsleiter, bis eines Tages der Hauptkunde den Abfertiger wechselte. Das Geschäft war weg, Hunolds Zukunft in der Firma auch. Anfang Dreißig, kein Job, ein Problem. "Ich hatte ja keinen Abschluß. Da bin ich auf Pharmareferent gekommen, das schien mir lukrativ", sagt er. Am 1. April 1982 sollte er bei Rhône-Poulenc anfangen. Kurz zuvor traf er zufällig die Vertriebsleiterin der LTU, die von ihm offenbar so angetan war, daß sie ihm in die Hand einen Job im Verkauf der Fluggesellschaft versprach. Das fand Hunold "sehr verlockend". Nur: Auf ein Schriftstück wartete er vergeblich, und der 1. April rückte näher. Er suchte Rat bei seinem Vater, und der sagte einen Satz, der Hunold junior geprägt hat: "Wenn du im Leben etwas erreichen willst, mußt du auch mal ein Risiko eingehen."
„Keiner wollte mich“
1000 DM weniger als versprochen und 500 DM weniger als bei seinem bisherigen Arbeitgeber erhielt er bei der LTU. Hinzu kam: Die Vertriebsleiterin hatte die Ankunft des Neuen wohl etwas unzureichend vorbereitet. "Keiner wollte mich. Der Personalchef nicht, und der Betriebsrat auch nicht." Auch dieses Erlebnis hat ihn geprägt. Wer die Worte Betriebsrat oder Gewerkschaft in Hunolds Nähe in den Mund nimmt, riskiert einen Platzverweis. Als ob das noch nicht genug gewesen sei, stellte sich zudem die Frage der Aufgabenstellung - besser gesagt, es gab gar keine. "Ich hatte keine Aufgabe, also habe ich mir eine gesucht." Er habe sich um den brachliegenden Langstreckenverkauf gekümmert, später auch Hoteleinkauf gemacht. 1989 folgte der große Streik am Düsseldorfer Flughafen, wo es Hunold gelang, trotz Blockaden die Flugzeuge in die Luft zu bekommen. "Ich hatte schon zwei Wochen vorher die Bürokräfte Flugsicherheitstrainings absolvieren lassen. Und die sind dann auch geflogen", berichtet er.
Sein Chef sei auf einer privaten Geburtstagsfeier und nicht erreichbar gewesen. "Das war ein Riesenproblem. Ich hatte keine Prokura, aber das ganze Geschäft in der Hand", erinnert sich Hunold. So schlecht scheint er die Aufgabe nicht gelöst zu haben, denn wenig später stand er zur Beförderung in die Geschäftsführung an. Doch dann stieg die West LB bei der LTU ein und mit ihr deren Vorstandsvorsitzender Friedel Neuber. "Dem habe ich bei seinem ersten Vortrag bei uns sachlich widersprochen. Da war ich bei der LTU beruflich tot", sagt Hunold, aus dessen Worten noch heute deutlich wird, wie wenig er von Neuber hielt. Aus der Zeitung habe er kurz danach erfahren, daß ein anderer Geschäftsführer werden sollte. Mit einer ordentlichen Abfindung ("Ich verdiente damals schon gut sechsstellig und hatte nur eine Mietwohnung für 1250 DM") verabschiedete sich Hunold in die Arbeitslosigkeit. In ein Loch ist er aber nicht gefallen. "Ich habe schon früh angefangen, so viel auf die hohe Kante zu legen, daß ich 5 Jahre überleben konnte. Die Unabhängigkeit ist das Wichtigste, was es gibt. Nur so ist man auch ein guter Mitarbeiter", sagt Hunold. Als Deutschland-Direktor der Lufthansa sei er im Gespräch gewesen, doch das habe sich zerschlagen.
Sechs Wochen für 7,5 Millionen DM
Da habe er begonnen, sich mit der Air Berlin zu beschäftigen, einer eigentlich amerikanischen Gesellschaft, die nach der deutschen Wiedervereinigung vor der Schließung stand. Am 16. April 1991 ließ er die Air Berlin GmbH & Co. eintragen. Allerdings fehlte die Kleinigkeit von 7,5 Millionen DM Startkapital. Investoren und Banken machten wechselseitig ihre eigene von der Zusage des anderen abhängig. Und die Konkurrenz hatte sowieso kein Interesse an einem neuen Mitspieler. "Alle Wettbewerber wollten verhindern, daß wir in die Luft kommen", sagt Hunold. Sechs Wochen habe er Zeit gehabt, die 7,5 Millionen DM zu beschaffen, was ihm letztlich "dank meines guten Rufes und der nötigen Überzeugungskraft" auch gelungen ist. Seine Ersparnisse hat er in die Firma gesteckt und Partner gewonnen, und so hoben im Winter 1991 die ersten beiden Flugzeuge ab.
Jetzt, 15 Jahre später, fliegen bald 100 Flugzeuge mit dem roten Logo. An der österreichischen Gesellschaft Niki ist Air Berlin zu 24,9 Prozent beteiligt, kürzlich wurde der deutsche Konkurrent dba übernommen. Rund 3100 Menschen arbeiten für Air Berlin, weitere 700 kommen aus der dba-Übernahme hinzu. "Diese Geschichte hört sich im Rückblick einfach an, aber ich hatte manche schlaflose Nacht", sagt Hunold. Und was kommt jetzt, jetzt, wo langsam das Rentenalter am Horizont auftaucht? Die Familie hätte wohl Nachholbedarf, muß sich aber noch gedulden. Die Lust an seinem Job werde ihm so schnell nicht vergehen, versichert er, um dann, ganz Hunold, hinzuzufügen: "Außer, hier zieht die Gewerkschaft ein."
Frank-Holger Appel Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
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