Home
http://www.faz.net/-gyp-75d47
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Jens Oliver Haas Humor ist sein Handwerk

 ·  Ohne ihn gäb es im „Dschungelcamp“ weniger zu lachen. Jens Oliver Haas schreibt die Texte des Moderatorenduos - und macht sich damit wenig Freunde.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Jens Oliver Haas - wer ist das? Sein einstiger Arbeitgeber weiß, wie man ihn am besten verkauft. „Dieser Mann schreibt Zietlows Witze - und nachts liegt er mit ihr im Bett!“ titelte die „Bild“-Zeitung. Der vermeintliche Skandal löste sich wie so häufig wenige Zeilen später auf. Haas ist seit Jahren mit der Fernsehmoderatorin verheiratet. Früher hätte der Fünfundvierzigjährige solche Sätze vielleicht noch selbst geschrieben. Vier Jahre lang arbeitete er für das Boulevardblatt. Heute bedient Haas einen Boulevard ganz anderer Art.

Davon kann sich in wenigen Tagen wieder ein Millionenpublikum überzeugen, wenn der Fernsehsender RTL in Australien sein „Dschungelcamp“ öffnet. Sonja Zietlow und der für den verstorbenen Co-Moderator Dirk Bach einspringende Entertainer Daniel Hartwich bekommen dann von Haas und seinem Kompagnon Micky Beisenherz Lästerunterstützung. Als Autorenduo im Hintergrund legen sie den Protagonisten vor der Kamera manchmal kluge, manchmal abgedroschene, aber fast immer hundsgemeine Sätze in den Mund.

Wie fies muss man sein, um solche Sätze zu zimmern?

Wenn vom 11. Januar an Promis wie die Schauspielerlegende Helmut Berger, der Kaufhauserpresser Arno Funke (“Dagobert“) und das Model Fiona Erdmann öffentlichkeitswirksam im Urwald campieren, müssen sie mit Kommentaren rechnen wie: „Hier im Dschungel ist es wie in Berlin, die Arbeitslosen nennen sich Künstler.“ „Wir müssen aus diesen ganzen Karriereresten etwas zusammenbraten, sozusagen den perfekten Promi-Döner.“ „Im Camp weht ein rauher Wind, aber richtig fies wird es, wenn der auch noch aus Martins Richtung weht.“

Wie fies muss man sein, um solche Sätze zu zimmern? Ortstermin in einer Kleinstadt in der Nähe von Köln. Ein Wohnblock mit kühlem Betoncharme am Waldrand. Jens Oliver Haas öffnet die Tür seines Appartements und bittet herein, freundlich-distanziert, kontrolliert, trainiert. Mitten im Wohnzimmer steht ein Sportgerät. Kaffee? Gerne. Der Gastgeber verschwindet in der kleinen Küche. Köln ist ein Zentrum der elektronischen Medienwelt in Deutschland, deswegen hat sich Haas diese Wohnung ausgesucht. Seine Hauptdomizile finden sich woanders. Im Münchener Umland besitzt seine Frau ein Haus. Und auf Mallorca bewohnen die beiden mit ihren drei Hunden Rubio, Lila und Lotta eine gemietete Finca, um dem deutschen Winter zu entkommen.

„Wir dürfen auch den Intellektuellenwitz machen“

Haas gehört seit dem Start von „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ 2004 zur humoristischen Stammbesetzung. Anfangs standen die Ekelprüfungen der Kandidaten im Mittelpunkt des Interesses und der öffentlichen Erregung über die Sendung. Das hat sich gewandelt. Heute schalten die Leute mehr und mehr wegen des gesprochenen Wortes ein. Sagen zumindest Haas und RTL. Der Comedy-Chef des Senders, Markus Küttner, beziffert den Erfolgsanteil der beiden Moderatoren und der beiden Autoren auf mindestens 25 Prozent. „Das ist schon verdammt hoch“, sagt Haas und weiß von Zuschauern, „die sagen, ich guck’s nur wegen der Moderation“.

Und so fährt Haas schneller den verbalen Schutzschirm hoch, als man das Wort „Unterschichtenfernsehen“ aussprechen kann. Von wegen Unterschichtenfernsehen (“ein wunderschöner Begriff, ich glaube, der ist von Harald Schmidt“): Im Dschungel fische man in allen Gewässern. „Wir dürfen den Schenkelklopfer machen, um das vermeintliche RTL-Publikum abzuholen. Wir dürfen aber auch den Intellektuellenwitz machen, um die oberen 10 Prozent abzuholen, um unsere hohe Akademikerquote zu erfüllen. Schließlich haben wir den höchsten Anteil an Akademikern im gesamten RTL-Programm.“

„Bild ist ein hartes Brot“

Aufgewachsen ist Haas freilich auf dem medialen Boulevard. Nach dem Abitur im hessischen Gelnhausen studierte er Amerikanistik, Medienwissenschaften und neuere deutsche Literatur, schrieb für die Lokalzeitung über die örtliche Sparkasse und Kaninchenzüchter, bis Anfang der neunziger Jahre der Start bei „Bild“ den Grundstein für die weitere Karriere legte, unter anderem als Polizeireporter. Die müssen „Witwenschüttler“ sein. „Bild ist ein hartes Brot, es verlangt, dass man seine moralischen Grenzen sehr oft verschiebt.“ Und wenn es nur die kleinen Tricks sind. „Man fängt an, Leute zu beeinflussen, zu indoktrinieren. Man sorgt dafür, dass der Fotograf alleine im Raum bleibt, damit er ein Foto von der Wand abfotografieren kann.“

Haas machte das offenbar so gut, dass er ein Angebot erhielt, in die Chefredaktion einzuziehen. Doch er sagte nein, und dann lockte das Privatfernsehen. Erst RTL, dann Sat.1. Reinhold Beckmanns Talkshow „No Sports“, die Haas als Redakteur betreute, wurde mangels Quote nach zehn Folgen eingestellt. „Für mich als Beamtenkind ist das schwer gewesen, die Unsicherheit, die Angst. Es trifft mich auch heute noch, dass ich ein bisschen Existenzangst habe. Das ist aber auch gut, das hält einen ein bisschen wach.“

Einen echten Anlass dafür gibt es heute nicht. Allenfalls könnte ihn die Sorge treiben, von sehr hoch oben hinabzustürzen. Haas verfügt inzwischen über eine breite Auftragsbasis. Er schreibt nicht nur für das Dschungelcamp. Auch Sendungen wie „Die Kocharena“, „Big Brother“ und der „Deutsche Comedypreis“ leben von seinen Witzen. Und wer Sonja Zietlow bucht, der bucht im Allgemeinen ihren Mann gleich mit (obwohl er Wert auf die Feststellung legt, das mache allenfalls einen Bruchteil seiner gesamten Arbeit aus).

Und so würde Jens Oliver Haas kaum der Einschätzung widersprechen, dass er zu den gefragtesten Fernseh-Gagautoren in Deutschland gehört. Der Wortprofi verpackt das natürlich anders und mit einem Seitenhieb auf die Konkurrenz: „Auch auf die Gefahr hin, dass ich vielen Leuten sehr weh tue, es gibt vielleicht 50 richtig gute Autoren, um die sich die ganze Branche dreht, die davon leben und gut verdienen.“ Und Haas ist nicht nur einer von 50. „Da gibt es eine Top Ten, in der sehe ich mich.“ Wer die buche, bekomme gute handwerkliche Arbeit mit dem nötigen Schuss Genialität und Erfahrung.

Seine Mission: Die Entmystifizierung des Fernsehens

Humor als Handwerk. Ja, wer mit Haas spricht, wird desillusioniert, falls er zuvor der Illusion erlag, Fernsehen sei spontan. Für den Autor ist es geradezu eine Mission, Fernsehen zu entmystifizieren. Das sei alles keineswegs geheimnisvoll, das seien Leute, die ihre Arbeit beherrschten.

Wie Mario Barth. „Als Mensch mag ich ihn nicht besonders, aber als Handwerker verehre ich ihn.“ Der schaffe es, in zehn Minuten die Leute zur Raserei zu treiben, ohne eine einzige Pointe, nur mit Intonation, Timing, Handwerk und Körpersprache. Oder Hape Kerkeling, einer seiner wenigen Kunden, die Haas beim Namen nennt. „Das war für mich die erfüllendste Zusammenarbeit, die ich jemals hatte.“ Kerkeling habe seine Texte genommen, auswendig gelernt und auf der Bühne so vorgetragen, dass man den Eindruck gehabt habe, das sei alles gerade spontan entstanden. „Der hat das so brillant interpretiert, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl hatte: Das waren nicht 100 Prozent von dem, was ich geschrieben habe, das waren 150 Prozent.“

„Tendenziell ein Streber“

So sollte das auch sein. „Oli ist ja nun richtig Klassenbester und tendenziell ein Streber“, sagte sein langjähriger Dschungelcamp-Partner Micky Beisenherz vor kurzem in einem Interview. Haas weiß das, schließlich sei er nie der Klassenkasper gewesen und auch nie die Pointenkanone. Zugleich weiß er, was er an Beisenherz hat. Den müsse man nur anstoßen, dann feuere der einen Gag nach dem anderen ab. Haas dagegen hat Ladehemmung, fragt man ihn im Zwiegespräch nach einem guten Witz, zum Beispiel über sich selbst. „Es gibt keine Taste, da hau ich einen Witz raus.“

Im Team dagegen scheinen die beiden zu Hochform aufzulaufen. 19 Tage im Januar wird wieder halb Deutschland, angeführt von „Bild“, darüber diskutieren. Dann wird der zu Hause so nette Herr Haas bissig und böse - schließlich lautet der „Deal“ mit den Camp-Insassen laut Haas: „Ihr dürft ein bisschen auf mich draufhämmern, dafür kann ich dann die nächsten drei Monate oder drei Jahre davon leben.“

Und man bemühe sich ja, so fair wie möglich zu sein, müsse aber auch den Anspruch erfüllen, den man sich selbst gesetzt habe. Sogar seriösere Publikationen wie der „Spiegel“ geraten über dieses Konzept in Verzückung: „Es gibt nicht viele Orte im deutschen Fernsehen, die tatsächliche Überraschungen bieten können - das Dschungelcamp ist einer dieser wenigen.“ Überraschungen? Solide Handwerkskunst mit einer Prise Genialität, würde Jens Oliver Haas sagen.

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

... einem Grinsen.

Die Zeit vergesse ich, ...

... wenn ich körperlich arbeite (Haus, Fahrzeug, Garten).

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

... muss das Produkt mehr lieben als seinen Job.

Erfolge feiere ich, ...

... indem ich mich selbst belohne - zum Beispiel mit Männerspielzeug.

Es bringt mich auf die Palme, ...

... wenn Inkompetenz, Arroganz und Dummheit sich zum Ringelpiez an den schmierigen Händchen fassen.

Mit 18 Jahren wollte ich ...

... noch keine endgültigen Entscheidungen treffen müssen.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

... einsprachig aufwachsen wollen.

Geld macht mich ...

... unabhängig ... unbequem ... unorthodox.

Rat suche ich ...

... bei meiner Frau. Sie muss die meisten Entscheidungen schließlich mit ausbaden.

Familie und Beruf sind ...

... in meinem Fall untrennbar. Auch, weil ich mein Werkzeug nicht abschalten oder fallen lassen kann.

Den Kindern rate ich ...

... sich auszuprobieren. Nur wenige finden das, was sie am besten können. Das sind dann aber die Glücklichen.

Mein Weg führt mich ...

... hoffentlich zum nächsten Weg.

Zur Person

  • Jens Oliver Haas kommt 1967 in Frankfurt am Main auf die Welt. Sein Vater Hasso wird später Ordnungsamtsleiter der Stadt.
  • Im hessischen Gelnhausen macht Haas sein Abitur, in Marburg studiert er Amerikanistik und Medienwissenschaften.
  • Nach vier Jahren bei der „Bild“- Zeitung arbeitet Haas für RTL und Sat.1. Heute ist er einer der gefragtesten Gagschreiber im Fernsehen.
  • Haas ist mit der Moderatorin Sonja Zietlow verheiratet. Für sie schreibt er unter anderem die Texte für die RTL-Show „Dschungelcamp“.
  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen

Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge