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Jean-Claude Trichet : Währungshüter unter Tage

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Acht Jahre Zeitgeschichte: Jean-Claude Trichet stand vor allem nach Ausbruch der Finanzkrise im Mittelpunkt des Interesses Bild: Setzer, Claus

Europas oberster Zentralbanker Jean-Claude Trichet hat Bergbau studiert. Nun scheidet der Franzose aus seinem Amt aus und will in der Öffentlichkeit erst einmal abtauchen.

          Der Herr des Geldes hat einen gewinnenden Charme. Keine Pressekonferenz, die EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, ohne freundliche Worte für die Damen verstreichen ließe, keine Diskussion, die er ohne versöhnliche Worte beendet. Die Freundlichkeit kann gelegentlich einlullend wirken, weshalb seine Gegner gern die andere Seite des Franzosen beschreiben, der in den vergangenen acht Jahren die Geschicke der Europäischen Zentralbank bestimmt hat - der neben der amerikanischen Federal Reserve wohl wichtigsten Notenbank der Welt. Wie kein anderer könne Trichet Diskussionen im EZB-Rat, dem entscheidenden Gremium, steuern, berichtet ein Angehöriger der Bundesbank. Wie nach einer Choreographie lasse er die Notenbanker zu Wort kommen, immer mit dem Ziel, das gewünschte Ergebnis zu erreichen und dabei die Kritiker möglichst mit einzubeziehen.

          Wer ihm weniger gut gesonnen ist, betont eine Episode aus der Gründerzeit der EZB. Im Jahr 1997 galt zunächst der Niederländer Wim Duisenberg als aussichtsreichster Kandidat für die erste Präsidentschaft. Trichet soll ihm die Unterstützung zugesagt haben, bis eines Tages die französische Politik ihn selbst ins Rennen schickte. Duisenberg reagierte verschnupft und stellte Trichet zur Rede. Der soll damals geantwortet haben, wenn der Präsident der Republik rufe, sei das mehr als eine Bitte. Die genaue Wortwahl wird unterschiedlich erzählt. In manchen Varianten ist auch von „Befehl“ die Rede. Diese Rechtfertigung gegenüber dem Notenbankkollegen Duisenberg wurde Trichet lange nachgetragen und wird jetzt wieder aufgewärmt, da insbesondere Notenbanker gegen seine Rolle als Krisenmanager auf der politischen Bühne opponieren und eine Gefahr für die Unabhängigkeit der Zentralbank fürchten.

          Was es bedeutet, ein öffentliches Amt zu tragen, hat der Franzose früh gelernt, auch wenn die ersten Jahre seiner Ausbildung noch nichts mit Politik zu tun hatten. Nach der Schule - Lycée Fénelon und Lycée Condorcet in Paris - studierte Trichet zunächst Bergbautechnik in Nancy, Lothringen. Noch heute wirkt er begeistert wenn er von der praktischen Erfahrung unter Tage berichtet. Für drei Monate habe er damals als 19 Jahre alter Student in nordfranzösischen Kohleminen gearbeitet, mit dem Presslufthammer in 600 Metern Tiefe. Seitdem weiß Trichet, was harte körperliche Arbeit ist. Mit dem Ingenieurdiplom in der Tasche ging der Professorensohn zurück nach Paris, um Ökonomie und Politik zu studieren. Auch diese Studien schloss er mit dem Diplom ab um dann an die begehrte Verwaltungsschule École nationale d’administration (ENA) zu wechseln. Wer weiß, wenn es an der ENA nicht geklappt hätte, vielleicht hätte Trichets Leben einen ganz anderen Verlauf genommen. Er schrieb damals Gedichte. Heute sagt er: „Wenn das Talent groß genug gewesen wäre, hätte ich mich gerne auch weiter mit der Literatur beschäftigt.“ Zumal Vater Trichet - er starb, als Jean-Claude 16 Jahre alt war - Latein-Professor und Dichter war.

          Begeisterung für Goethe

          Die Neigung des Sohnes ist heute noch erkennbar. Trichet begeistert sich für Goethe und erzählt lebhaft von Frankfurts Kulturszene. Der 68 Jahre alte Politiker kommt nicht nur für die Arbeit nach Frankfurt. Von seinem Appartement in der Nähe des Palmengartens unternimmt er gelegentlich Ausflüge in Frankfurts Museen. Aber, so sagt Jean-Claude Trichet heute, das künstlerische Talent sei eben nicht ausreichend gewesen, die Begabung für die Naturwissenschaften und Mathematik dagegen umso größer. Spätestens mit der Aufnahme in die ENA war die Entscheidung gefallen für eine Karriere im Staatsdienst. An der Verwaltungsschule wird seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Frankreichs Elite ausgebildet. Die Schule hat eine legendäre Tradition, die verpflichtet. Unter den rund 3000 Bewerbern einen der 120 Plätze zu bekommen ist allein schon eine Leistung.

          Trichet schaffte es zudem als einer der fünf besten seines Jahrgangs abzuschließen. Das öffnet Türen, denn die Berufschancen der ENA-Absolventen hängen vor allem von ihrer Plazierung in der Abschlussrangliste ab. Platz fünf bedeutete freie Auswahl und Trichet entschied sich gegen einen Karrierestart im Rechnungshof und für die Inspection Générale des Finances im französischen Finanzministerium. Ein Jahr später wechselte er in das Schatzamt, das damals noch die französische Geldpolitik maßgeblich beeinflusste.

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