31.10.2011 · Europas oberster Zentralbanker Jean-Claude Trichet hat Bergbau studiert. Nun scheidet der Franzose aus seinem Amt aus und will in der Öffentlichkeit erst einmal abtauchen.
Von Stefan RuhkampDer Herr des Geldes hat einen gewinnenden Charme. Keine Pressekonferenz, die EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, ohne freundliche Worte für die Damen verstreichen ließe, keine Diskussion, die er ohne versöhnliche Worte beendet. Die Freundlichkeit kann gelegentlich einlullend wirken, weshalb seine Gegner gern die andere Seite des Franzosen beschreiben, der in den vergangenen acht Jahren die Geschicke der Europäischen Zentralbank bestimmt hat - der neben der amerikanischen Federal Reserve wohl wichtigsten Notenbank der Welt. Wie kein anderer könne Trichet Diskussionen im EZB-Rat, dem entscheidenden Gremium, steuern, berichtet ein Angehöriger der Bundesbank. Wie nach einer Choreographie lasse er die Notenbanker zu Wort kommen, immer mit dem Ziel, das gewünschte Ergebnis zu erreichen und dabei die Kritiker möglichst mit einzubeziehen.
Wer ihm weniger gut gesonnen ist, betont eine Episode aus der Gründerzeit der EZB. Im Jahr 1997 galt zunächst der Niederländer Wim Duisenberg als aussichtsreichster Kandidat für die erste Präsidentschaft. Trichet soll ihm die Unterstützung zugesagt haben, bis eines Tages die französische Politik ihn selbst ins Rennen schickte. Duisenberg reagierte verschnupft und stellte Trichet zur Rede. Der soll damals geantwortet haben, wenn der Präsident der Republik rufe, sei das mehr als eine Bitte. Die genaue Wortwahl wird unterschiedlich erzählt. In manchen Varianten ist auch von „Befehl“ die Rede. Diese Rechtfertigung gegenüber dem Notenbankkollegen Duisenberg wurde Trichet lange nachgetragen und wird jetzt wieder aufgewärmt, da insbesondere Notenbanker gegen seine Rolle als Krisenmanager auf der politischen Bühne opponieren und eine Gefahr für die Unabhängigkeit der Zentralbank fürchten.
Was es bedeutet, ein öffentliches Amt zu tragen, hat der Franzose früh gelernt, auch wenn die ersten Jahre seiner Ausbildung noch nichts mit Politik zu tun hatten. Nach der Schule - Lycée Fénelon und Lycée Condorcet in Paris - studierte Trichet zunächst Bergbautechnik in Nancy, Lothringen. Noch heute wirkt er begeistert wenn er von der praktischen Erfahrung unter Tage berichtet. Für drei Monate habe er damals als 19 Jahre alter Student in nordfranzösischen Kohleminen gearbeitet, mit dem Presslufthammer in 600 Metern Tiefe. Seitdem weiß Trichet, was harte körperliche Arbeit ist. Mit dem Ingenieurdiplom in der Tasche ging der Professorensohn zurück nach Paris, um Ökonomie und Politik zu studieren. Auch diese Studien schloss er mit dem Diplom ab um dann an die begehrte Verwaltungsschule École nationale d’administration (ENA) zu wechseln. Wer weiß, wenn es an der ENA nicht geklappt hätte, vielleicht hätte Trichets Leben einen ganz anderen Verlauf genommen. Er schrieb damals Gedichte. Heute sagt er: „Wenn das Talent groß genug gewesen wäre, hätte ich mich gerne auch weiter mit der Literatur beschäftigt.“ Zumal Vater Trichet - er starb, als Jean-Claude 16 Jahre alt war - Latein-Professor und Dichter war.
Die Neigung des Sohnes ist heute noch erkennbar. Trichet begeistert sich für Goethe und erzählt lebhaft von Frankfurts Kulturszene. Der 68 Jahre alte Politiker kommt nicht nur für die Arbeit nach Frankfurt. Von seinem Appartement in der Nähe des Palmengartens unternimmt er gelegentlich Ausflüge in Frankfurts Museen. Aber, so sagt Jean-Claude Trichet heute, das künstlerische Talent sei eben nicht ausreichend gewesen, die Begabung für die Naturwissenschaften und Mathematik dagegen umso größer. Spätestens mit der Aufnahme in die ENA war die Entscheidung gefallen für eine Karriere im Staatsdienst. An der Verwaltungsschule wird seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Frankreichs Elite ausgebildet. Die Schule hat eine legendäre Tradition, die verpflichtet. Unter den rund 3000 Bewerbern einen der 120 Plätze zu bekommen ist allein schon eine Leistung.
Trichet schaffte es zudem als einer der fünf besten seines Jahrgangs abzuschließen. Das öffnet Türen, denn die Berufschancen der ENA-Absolventen hängen vor allem von ihrer Plazierung in der Abschlussrangliste ab. Platz fünf bedeutete freie Auswahl und Trichet entschied sich gegen einen Karrierestart im Rechnungshof und für die Inspection Générale des Finances im französischen Finanzministerium. Ein Jahr später wechselte er in das Schatzamt, das damals noch die französische Geldpolitik maßgeblich beeinflusste.
Das Gefühl der Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft lässt Trichet im Gespräch stets durchblicken. Er spricht viel von Verantwortung, zu der die Regierenden stehen sollten, oder Verantwortung, die die EZB oder er selbst wahrgenommen hätten. Diese Haltung war es womöglich, was der EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy meinte, als er Trichet vor einigen Tagen als Staatsdiener lobte. Trichets Kritiker werden bei solchen Formulierungen hellhörig, sie werfen ihm allzu große Nähe zu den Regierenden vor, seitdem die EZB im großen Stil Anleihen der finanzschwachen Euroländer kauft. Der ehemalige Bundesbankpräsident Axel Weber und EZB-Direktor Jürgen Stark haben im Streit um die Anleihekäufe ihren Rücktritt erklärt. Auch andere Notenbanker murren über diesen Teil der EZB-Strategie. Einer von ihnen macht sich auch über die Betonung der Verantwortung lustig. Er habe auch zu seiner Verantwortung gestanden, als er gegen Trichet opponierte, sagt er.
Trichet verkneift sich dagegen solche Äußerungen. Nur einmal fiel der Franzose aus der Rolle. Bei seiner vorletzten Pressekonferenz unmittelbar vor Starks Rücktrittsankündigung redete sich der Präsident ob der scharfen Kritik aus Deutschland in Rage. In den vergangenen 13 Jahren habe die EZB für eine geringere Inflationsrate gesorgt, als sie Deutschland zuvor erlebt habe. „Ich würde mich sehr über Glückwünsche für die Institution freuen, der das in Deutschland gelungen ist“, sagte er.
Für Trichet sind die letzten Amtstage beileibe nicht die erste schwierige Phase in seiner Karriere. Kurz vor seinem Amtsantritt als EZB-Antritt musste er sich vor Gericht verteidigen. In den drei Jahren zuvor hatten die Behörden gegen Trichet wegen des Verdachts ermittelt, er habe bei der früheren Staatsbank Credit Lyonnais dubiose Geschäfte der Bankspitze verschleiert. Anfang des Jahres 2003 wurde das Verfahren gegen Trichet vor einem Pariser Strafgericht eröffnet, das im Juni mit einem Freispruch endete. Trichet beschreibt diese Zeit als Phase großer Belastung. Es hört sich an, als habe er mit seinen Mitarbeitern gegen den Präsidenten der Republik gestanden. Erst nachträglich habe die Regierung erkannt, was es bedeutete, dass Frankreich eine unabhängige Notenbank einführte, was es zuvor nicht gegeben hatte. Trichet, ehemals Fachmann der Regierung für Geldpolitik, wurde zum ersten unabhängigen Gouverneur der Banque de France. Trichet erzählt lebhaft, auf welche Weise er damals angegriffen wurde und wie verdutzt die Politiker auf seine Dickhäutigkeit als Notenbanker reagierten. Das seien sie nicht gewohnt gewesen, und das hätten sie auch nicht erwartet.
Dieses Selbstbild Trichets verstärkt sein Unverständnis gegenüber der Kritik von deutschen Notenbankern, die er ausdrücklich als enge Freunde bezeichnet. Warum diese Vorwürfe? Ausgerechnet gegen ihn, den die Franzosen doch als „ayatollah du franc fort“ verunglimpft hätten, die also eine zu scharfe Geldpolitik kritisierten.
Und nun? Trichet wird abrupt mitten aus dem Zentrum der Finanz- und Schuldenkrise in den vorläufigen Ruhestand treten. Er wird in seinem Haus in der Bretagne lesen, über die europäische Geschichte meditieren - „immerhin habe ich acht Jahre lang historisch wichtige Ereignisse hautnah miterlebt“ - und er wird sich in Paris mehr als bisher mit seinen vier kleinen Enkeltöchtern beschäftigen. Das wird sein Programm für die ersten Monate sein. „Ich werde in den ersten Monaten nicht öffentlich in Erscheinung treten“, sagt Trichet, das sei schon deshalb notwendig, um seinem Nachfolger Mario Draghi nicht den Einstieg zu erschweren. Er werde jedoch auf jeden Fall aktiv bleiben. „Das sagt mir zumindest meine Frau.“ Den schönsten Wunsch für sein Leben nach der Präsidentschaft hat der 68 Jahre alte Trichet kürzlich von dem 92 Jahre alten ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt mit auf den Weg bekommen. „Aus eigener Erfahrung kann ich sagen“, sagte Schmidt bei Trichets Abschiedsfeier, „das Altern beginnt mit 69 noch lange nicht. Noch lange nicht.“
Jean-Claude Trichet wird 1942 in Lyon geboren. Er ist das älteste von drei Kindern eines Universitätsdozenten für Latein.
Mit 21 Jahren macht er sein Diplom als Bergbauingenieur, ehe er an die Eliteschule ENA wechselt und Karriere im Staatsdienst macht.
2003 folgt er auf den ersten EZB-Präsidenten Wim Duisenberg und führt die Bank durch die Finanzkrise.
2011 erhält Trichet in Aachen den Karlspreis. In der Dankesrede schlägt er für die fernere Zukunft die Schaffung eines europäischen Finanzministeriums vor.
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