Neulich hat sich James Dyson einen Düsenjäger gekauft. Einen Hawker Harrier Senkrechtstarter, der früher mal der Royal Air Force gehörte, bevor er vor Korsika ins Mittelmeer stürzte. Es war nicht einfach, so ein Flugzeug aufzutreiben, aber jetzt parkt der Riesenvogel vor dem Haupteingang der futuristischen Firmenzentrale von Dyson im englischen Dörfchen Malmesbury, zwei Autostunden westlich von London. „Mein Harrier“, sagt der Unternehmer, der keinen Pilotenschein besitzt und auch nicht vorhat, einen zu erwerben. Dyson ist Technikfan, er will sein Exemplar nur bewundern, und das kann er jetzt: Der Harrier steht direkt vor seinem Bürofenster.
Es heißt, man brauche das Rad nicht neu zu erfinden, aber das stimmt nicht. James Dyson ist der Mann, der genau das gemacht hat und damit reich geworden ist. Das Dyson-Prinzip geht so: Man nimmt ein alltägliches Stück Technik – eine Waschmaschine, einen Staubsauger, einen elektrischen Händetrockner – und dann erfindet man diesen Gegenstand noch einmal neu. Das klappt nicht immer. Aber mit dem von ihm ersonnenen Staubsauger, der keinen Staubbeutel braucht, hat Dyson in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein Vermögen verdient. Die jährliche Milliardärsliste der „Sunday Times“ beziffert es auf 1,5 Milliarden Pfund, rund 1,8 Milliarden Euro.
Beruf: Nonkonformist
In Großbritannien ist er heute so bekannt wie Daniel Düsentrieb. Der Brite hat sein Unternehmen aus dem Nichts aufgebaut und ist heute in zahlreichen Ländern Marktführer im Geschäft mit Staubsaugern. In der Forschungs- und Entwicklungsabteilung in Malmesbury tüfteln 600 Ingenieure an neuen Produkten. Der Chef dieser Ideenfabrik in der malerischen englischen Provinz ist mit 64 Jahren noch immer von Beruf Nonkonformist.
„Wenn ich Unternehmensgründern etwas empfehlen soll, dann würde ich ihnen raten: Macht das Gegenteil von dem, was euch geraten wird“, sagt Dyson. „Mich haben damals alle meine Freunde und Bekannten aus dem Geschäftsleben davor gewarnt, mit meinem eigenen Staubsauger die großen Markenhersteller herausfordern zu wollen.“
Naivität und Neugierde schätzt er mehr als Erfahrung
Anders sein als die anderen, das wollte er immer. James Dyson sitzt in Jeans und Strickpulli in seinem geräumigen Eckzimmer-Büro in Malmesbury und philosophiert, die Gedanken sprudeln nur so aus ihm heraus. „Ich habe keine besonders große Wertschätzung für Erfahrung, mir ist Naivität und Neugierde wichtiger“, sagt Dyson. „Wir wollen die Dinge neu angehen, deshalb ist Erfahrung für uns wertlos. Leute, die unbedarft sind, müssen dagegen ständig nachdenken, denn sie haben keine bequeme Rückfallposition.“
Besucher dürfen die Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Dyson nicht betreten. Der Gründer fürchtet Ideendiebstahl. Zeit und Geld scheinen in dieser abgeschotteten Welt der Erfinder nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Der Elektromotor wurde vor zwei Jahrhunderten erfunden. Bei Dyson arbeiten sie seit zwölf Jahren daran, ihn neu zu erfinden.
Der „Digitalmotor“ ist kleiner, leichter und erreicht höhere Drehzahlen. Dyson baut ihn bereits in seine Geräte ein, aber ausgereift ist er noch nicht, denn der Motor kostet in der Herstellung bisher dreimal so viel wie ein herkömmlicher. Seine Entwickler sind weiter dran. „Ich habe mich nie getraut, zusammenzuzählen, wie viel Geld wir in den Motor bisher investiert haben“, sagt Dyson. „Das ist wahre Forschungs- und Entwicklungsarbeit: ein Akt großen Vertrauens, dass diese Technologie irgendwann funktionieren wird.“
Die Ruhe eines Mannes, der sich um Geld keine Sorgen machen muss
Dyson, der wie viele britische Industrielle ein großer Bewunderer des deutschen Mittelstands ist, hat alle Zeit der Welt. „Wir denken langfristig. Da bin ich mehr Deutscher als Brite“, sagt er. Noch länger als an dem neuen Elektromotor werkeln seine Ingenieure an einem Staubsauger-Roboter, der selbständig den Boden reinigt.
Andere Hersteller wie Vorwerk und Philips sind mit solchen Geräten längst auf dem Markt, auch wenn ihr Wirkungsgrad bisher noch ziemlich schlecht ist. „Bringe kein neues Produkt raus, bevor es nicht wirklich ausgereift ist“, sagt dagegen Dyson. „Entscheidend ist nicht, ob der Markt danach ruft, sondern, ob dein Produkt so weit ist.“
Aufgeben ist keine Option
Wenn er im Unternehmen ist, verbringt er die meiste Zeit in der Entwicklungsabteilung. Dyson firmiert heute als „Chef-Ingenieur“, seit er vor zwei Jahren den Posten als Verwaltungsratschef abgab. Er arbeite immer noch zu viel, meint Dyson. „Meine Work-Life-Balance ist ziemlich schlecht“. In der Eingangshalle des Firmengebäudes hat er Tafeln mit Zitaten des Erfinders Thomas Edison aufstellen lassen: „Viele Fehlschläge im Leben sind darauf zurückzuführen, dass die Leute nicht wussten, wie nah sie dem Erfolg waren, als sie aufgaben“, steht da.
“Ich liebe Fehlschläge“, sagt Dyson. Aufgegeben hat er nie. Damals in den achtziger Jahren hat er daheim in seiner Werkstatt 5126 Staubsauger-Prototypen gebastelt, die alle nicht funktionierten. Aber Nummer 5127 tat, was er sollte. Zuvor hatte Dyson bereits einen neuartigen Schubkarren ersonnen, bei dem er das Rad durch einen Ball ersetzt hatte, damit das Gefährt auf weichem Untergrund nicht so leicht einsank.
Der Durchbruch revolutionierte den Staubsauger-Markt
Freunde hatten ihn wegen seines Staubsauger-Spleens für verrückt erklärt: Dyson war kein Ingenieur, sondern studierter Möbeldesigner, ein technikbegeisterter Laie - und er war allein. Wie sollte er es da mit etablierten Großkonzernen wie Hoover, Vorwerk oder Miele aufnehmen? Die Konkurrenten hatten gar kein Interesse daran, einen Staubsauger ohne Papierbeutel zu bauen, denn mit den Beuteln verdienten sie gutes Geld. „Wenn Sie etwas Neues schaffen wollen, eine kleine Revolution anzetteln, dann müssen Sie gegen die Normen verstoßen. Das erreichen Sie nicht, indem Sie normale Dinge tun“, sagt Dyson.
Vier Jahre arbeitete er an seinem Staubsauger. Dyson war damals, in den achtziger Jahren, bereits Vater von drei Kindern. „Es war eine harte Zeit. Wir waren jahrelang pleite, haben unser eigenes Gemüse angebaut, und meine Frau hat selbst unsere Kleidung geschneidert“, sagt Dyson. „Aber sie ist Künstlerin, sie malt. Deshalb hat sie verstanden, dass man ein Projekt hat und es durchzieht.“ Die Existenzangst war sein Begleiter. „Kurioserweise habe ich diese Zeit auch genossen. Am Abgrund zu leben ist spannend.“
Der Weg in die Technik – für Dyson eine Flucht in die Gegenkultur
Woher hat er diese fanatische Begeisterung für alles Technische – vom Staubsauger bis zum Düsenjäger? Vor ihm gab es in der Dyson-Familie über Generationen hinweg nur Lehrer und Priester. „Ich bin aufgewachsen in der Welt der Kunst“, sagt Dyson. Sein Vater war Altphilologe, sein Bruder wählte dasselbe Studienfach.
„Mein Großvater war Schuldirektor, und er hat mit seinem Nachbar nicht geredet, weil der ,im Handel’ tätig war. Es gab eine Haltung, auf Leute herabzuschauen, die Dinge herstellen.“ Erst als Dyson Design studierte, entdeckte er, wie spannend Technik sein kann. „Das war eine komplette Rebellion gegen meine Herkunft und die herrschende Kultur insgesamt. Eine wunderbare Gegenkultur tat sich mir auf.“
Status ist eine Frage des Umfelds, Dyson interessiert er nicht
In Großbritannien ist Dyson heute ein Star. Jahrzehntelang stand die Industrie im Mutterland der Industrialisierung nicht mehr hoch im Kurs. Der Dienstleistungssektor erschien zukunftsträchtiger. Aber seit die Finanzkrise das Londoner Bankenviertel erbeben ließ, suchen die Politiker Dysons Nähe. Premierminister David Cameron machte ihn zum Chef seines Beraterstabs für Unternehmensfragen.
Dyson kokettiert mit seinem neuen Status: „Hier interessiert sich niemand für mich“, behauptet er und erzählt, wie er früher auf Partys in Smalltalkrunden gefragt wurde, was er beruflich mache: „Ich sagte: Ich stelle Staubsauger her. Wie langweilig! Die Leute drehten sich um und ließen mich stehen. Ich genoss das, nur meine Frau wurde dann immer richtig wütend auf mich.“
Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...
... Frustration - die sorgt in der Regel dafür, dass man sich mehr konzentriert.
Die Zeit vergesse ich, ...
... wenn ich mit den Ingenieuren bei Dyson an neuen Dingen arbeite.
Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...
... sollte keine Angst vor Herausforderungen haben, sogar dann nicht, wenn ich derjenige bin, der ihn herausfordert.
Erfolge feiere ich ...
... mit meiner Familie.
Es bringt mich auf die Palme, ...
... wenn Dinge nicht so funktionieren, wie sie sollen.
Mit 18 Jahren wollte ich ...
... alle Ratschläge ignorieren. Deshalb ging ich auf die Kunsthochschule.
Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...
... eine meiner ersten Erfindungen, den Ball-Schubkarren, ohne meinen eigenen Namen patentieren lassen.
Geld macht mich ...
... etwas unbehaglich. Es war nicht der Grund, warum ich mit dem Erfinden angefangen habe, und ist auch heute nicht mein Antrieb.
Rat suche ich ...
... bei den Ingenieuren von Dyson. Wenn es um persönliche oder familiäre Dinge geht, frage ich meine Frau Deirdre.
Familie und Beruf sind ...
... wichtig, und zwar in dieser Reihenfolge. Die Familie kommt immer an erster Stelle.
Den Kindern rate ich, ...
... nehmt euch vor Ratschlägen anderer in Acht. Die zielen meistens darauf ab, nicht von ausgetretenen Pfaden abzuweichen. Deshalb führen sie nie zu neuen Ideen.
Mein Weg führt mich ...
... – wer weiß das schon? Das ist das Schöne am Erfinden. Du weißt vorher nie, auf was du stoßen wirst.
Zur Person
James Dyson kommt 1947 im britischen Norfolk auf die Welt. Er studiert Produktdesign am Royal College of Art in London.
Während des Studiums entdeckt er sein Faible für Technik. Sein Staubsauger, der ohne Beutel auskommt, macht ihn berühmt.
Heute hat Dyson 3600 Mitarbeiter und macht eine Milliarde Pfund Umsatz. Eine Stiftung soll Schüler motivieren, Ingenieur zu werden.
James Dyson ist seit seiner Jugend leidenschaftlicher Läufer. In Südfrankreich gehört ihm ein Bauernhaus mit eigenem Weinberg.
Ein Edelstein in der Wirtschaftswüste
Herbert Sax (H.Sax)
- 12.03.2012, 17:32 Uhr
Da bin ich mehr Deutscher als Brite sagte Herr Dyson,
Fritz Schruff (ExpatUK)
- 12.03.2012, 17:09 Uhr
