28.12.2011 · Sie war Model und Muse Karl Lagerfelds. Heute arbeitet Inès de la Fressange für die Schuhmarke Roger Vivier - als Hofnarr, wie sie sagt.
Von Alfons KaiserDiese Frau ist so stark, dass sie sogar ihre Abhängigkeit von Männern eingesteht. Da ist zunächst einmal der Dalai Lama, dessen Porträts im Büro von Inès de la Fressange auffallen. Einmal hat sie ihn in einem Stadion gesehen, einmal ist sie zu einem Tempel in Südfrankreich gepilgert. Sie sei viel zu schüchtern gewesen, mit ihm zu reden. Aber seine gute Ausstrahlung reicht bis hierher: „Wenn ich etwas Böses machen will“, sagt sie launig und zeigt auf das Bildnis des lächelnden Tibeters, „dann schaue ich zu ihm auf - und ich werde es nicht tun.“
Von allen Lastern dieser Welt heilt das Oberhaupt des tibetischen Buddhismus sie aber nicht. Denn Inès, wie ganz Frankreich sie einfach nennt, fragt als Erstes, ob sie während des Gesprächs rauchen dürfe. Und schon scheint der lange Arm spiritueller Weltverantwortung wieder nach ihr zu greifen: „Aber nur, wenn Sie es nicht schreiben! Denn es gibt so viele Raucherbilder aus der Modewelt, dass junge Leute glauben könnten, in dieser Branche bringt man es nur zu etwas, wenn man die ganze Zeit qualmt.“
Vielleicht hoffen die Modeleute ja, dass Tabak konserviert? Bei Inès Marie Laetitia Eglantine Isabelle de Seignard de la Fressange zumindest hat es funktioniert. Die Vierundfünfzigjährige, Tochter eines wohlhabenden französischen Aktienhändlers und eines argentinischen Models, sieht wie eine Vierundvierzigjährige aus. Auch Gestus und Habitus machen sie jünger: Ihre Witze unterlegt sie mit einem Unschuldsblick, und auf der Chaiselongue in ihrem mit Fotos, Erinnerungsstücken und Krimskrams beladenen Büro in der Rue du Faubourg Saint-Honoré fläzt sie sich in sehr entspannter und zugleich äußerst fotogener Pose.
Was wiederum eine Lebenshaltung zeigt, die sie bei einem weiteren Mann erlernt hat, ein Quasiheiliger auch er. Von 1983 bis 1989 war sie die Muse Karls Lagerfelds. Als Chanel-Model wurde sie zu einer Symbolfigur des aufkommenden Model-Zeitalters. Später, als „Marianne“, also als Figur der Französischen Republik, wurde sie gewissermaßen zur Nationalheiligen. Und mit ihrem spontanen Charme, dem blendenden Aussehen und dem untrüglichen Sinn für einen Look mit dem gewissen Je-ne-sais-quoi ist sie zum Urbild der Pariserin geworden.
Den lockeren Charme des Unverbindlichen pflegt Inès de la Fressange auch im Umgang mit ihrer eigenen Geschichte. So ist ihr der Streit mit Lagerfeld, der nun auch schon mehr als zwei Jahrzehnte zurückliegt, inzwischen vollkommen egal. Ohnehin sei das öffentliche Gerede darüber maßlos überzogen gewesen: „Er ist nicht so, und ich bin auch nicht so.“ Man sieht es bestätigt, wenn die beiden, wie nach der Prêt-à-porter-Schau im Oktober vergangenen Jahres, als Inès mal wieder für Chanel auf den Laufsteg ging, miteinander nur blödeln und kichern.
Über ihr Leben als Model ist Inès de la Fressange in ihre Arbeit als Designerin und schließlich als Beraterin hineingewachsen. „Früher war ich sehr schüchtern, und das bringt nur Probleme mit sich“, sagt sie. „Als Model lernte ich, weniger zurückhaltend zu sein. Man muss schnell arbeiten. Man muss mit vielen Leuten zusammenarbeiten. Es gibt Tage mit 14 oder 15 Stunden.“
So war sie gut vorbereitet auf ihr zweites Leben in der Modebranche. Nach einigem Auf und Ab mit einer eigenen Modelinie in den neunziger Jahren ist sie nun seit Jahren Beraterin und Botschafterin der Schuhmarke Roger Vivier, die einst Marlene Dietrich, Jackie O. und sogar für ihre Krönungsfeier Königin Elisabeth II. ausstattete. Heute herrschen hier Mehrheitseigner Diego Della Valle (dem auch Tod’s, Hogan und Fay gehören) sowie Chefdesigner Bruno Frisoni. Und eben Inès, die über dem großen Geschäft der einst für ihre Stilettos berühmt gewordenen Marke residiert und auf dem Weg ins Büro noch schnell Komplimente an eine Kundin verteilt, die gerade ein Paar 500-Euro-Pumps anprobiert. „Ich habe hier keinen Titel“, sagt sie. „Ich habe zu Diego gesagt, er solle mich rauswerfen. Allein in meinem Büro könnte er vier Leute unterbringen. Aber er will nicht.“
Denn sie hat schon etwas zu tun. Irgendjemand, so meint sie dann doch, müsse eben von außen auf die Produkte und Kampagnen schauen. „Jeder ist hier so beschäftigt, dass keiner mehr das große Ganze sieht. Ich bin der Hofnarr. Ich kann ganz offen sagen, was vielleicht falsch läuft. Ich gucke in die Zukunft, nicht nur auf morgen.“ Auch das hat sie von einem Lehrmeister mitbekommen, von Jean-Louis Dumas, dem im vergangenen Jahr verstorbenen Chef von Hermès. Nach einer wunderbaren Ausstellung der noblen Ledermarke über Handschuhe fragte sie ihn: „Du verkaufst Kelly-Bags und Tücher, warum machst du eine so teure Ausstellung über Handschuhe?“ Dumas habe geantwortet, dass so etwas natürlich kurzfristig nichts bringe, aber es gehe schließlich ums langfristige Image. „Da fühlte ich mich sehr vulgär. Und Hermès hat ja wirklich das beste Image und die besten Zahlen!“ Was sie da nebenbei gelernt hat: Nicht nur das Produkt ist wichtig, sondern auch alles, was damit verbunden ist.
Das ist einer der Gründe, warum sie den Gründer der Marke Roger Vivier bei ihrer Arbeit hochhält - wie schon die beiden Fotos des im Jahr 1998 gestorbenen Schuhmachers in ihrem Büro zeigen. „Diese Bilder sind mein größter Schatz. Ich bin die Einzige hier in der Firma, die ihn noch persönlich kannte. Und wenn irgendjemand nicht tut, was ich will, dann zeige ich da hoch. Und alle wissen, dass ich hier bin, um das Erbe zu verwalten.“
Einen weiteren Mann in ihrem Leben, den Mann ihres Lebens, hat sie viel zu früh verloren: Der italienische Bahn-Manager Luigi d’Urso, den sie 1990 geheiratet hatte, starb 2006 im Alter von 55 Jahren an einem Herzleiden. Vielleicht weil sie nun die alleinige Verantwortung hat für die beiden Töchter, möchte sie mehr für die Zwölf- und die Siebzehnjährige da sein: „Ich will jetzt nicht mehr so viel reisen. Das Arbeitsleben dauert sehr lange, aber die Kindheit ist sehr schnell vorüber.“ Das alte Motto von der „quality time“ mit Kindern hält sie für „Quatsch“: „Man muss jeden Tag da sein. Die beiden haben dauernd was zu erzählen, und ich will dranbleiben und eng mit ihnen sein.“
Vielleicht hat sie auch ein bisschen Angst um die Mädchen. Denn der deutsche Modemacher Tomas Maier, Chefdesigner der italienischen Luxusmarke Bottega Veneta, hat ihre ältere Tochter schon entdeckt: Gerade stand Nine d’Urso, die ihrer Mutter verblüffend ähnelt, für die Kampagne des ersten Bottega-Veneta-Parfums vor der Kamera. Inès springt auf, holt die Bilder mit ihrer Tochter in lasziver Pose hervor und ruft stolz: „Mein Baby!“
Zunächst habe ihre Tochter abgewunken: Sie wolle kein Model sein. Woraufhin die Mutter meinte: „Du bist doch kein Model. Du lässt einfach ein Foto machen, das dauert einen Tag, mehr nicht. Ich bin doch nicht die Mutter von Brooke Shields!“ Die Schauspielerin musste sich schon als Zehnjährige nackt fotografieren lassen. Als Nine hörte, dass sie erster Klasse nach Miami fliegen und ihre beste Freundin mitnehmen durfte, sagte sie dann doch zu. Womöglich war der Ausflug in die Mode auch nur ein mütterlicher Trick, die Tochter von falschen Karrierewünschen abzubringen. „Ich hoffe nicht, dass sie in die Mode geht. Sie interessiert sich sehr für Philosophie.“
Bei der kleinen Tochter Violette hingegen scheint alles verloren. Sie würde gerne mit zu den Schauen kommen, aber die Mutter will nicht, dass sie dafür die Schule schwänzt. Gerade erst hatte sie ein Fachgespräch mit der Kleinen über Mode. Als sie über ein Kleid der Marke Carven fachsimpelten, meinte Violette über den Designer des Pariser Modehauses: „Weißt du nicht, dass Guillaume Henry der König des Trompe l’OEil ist?“ Und auf der Straße macht die Tochter die Mutter auf Markenfälschungen aufmerksam: „Guck dir die Schuhe von der Frau da an: Vivier-Kopie!“
Vergangenes Jahr wurde Violette sogar für die französische „Vogue“ fotografiert. Karl Lagerfeld jedenfalls liebt das Mädchen: „Wenn ich mit ihr bei ihm bin, spricht er nur mit ihr.“ Einmal schenkte er der Zwölfjährigen einen iPod, das nächste Mal ein iPad. Zu Hause wäre so etwas ein Weihnachtsgeschenk - er gab es ihr einfach so. Inès holt noch ein Foto hervor. „Es gibt eben Leute, die bestimmen in der Mode, die sagen uns, was wir tragen werden.“ Auf dem Foto sind Karl Lagerfeld, Anna Wintour und ihre Tochter zu sehen.
Am Ende ringt sie sich doch noch zu einem weisen Satz durch: „Meine Töchter sollen machen, was sie wollen.“ Als ob die Töchter einer solchen Mutter überhaupt anders könnten.
Inès Marie Laetitia Eglantine Isabelle de Seignard de la Fressange wird 1957 in Gassin (Frankreich) geboren.
Im Jahr 1983 unterzeichnet das Model einen Exklusivvertrag mit dem Haus Chanel. 1989 wird sie zur Nationalfigur „Marianne" gewählt. Daraufhin trennt sich Chanel- Chefdesigner Karl Lagerfeld von ihr.
Heute arbeitet sie als Beraterin für Rogier Vivier, als Autorin („Pariser Chic") und gelegentlich als Model.
Mit ihrem Mann Luigi d'Urso, der früh verstarb, hat sie zwei Töchter, Nine (17) und Violette (12).
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
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