Autos spielen im Leben des Holger Jung eine zentrale Rolle. Seine Agentur hat immer schon für Automarken und Autovermieter geworben, und wenn er über eigene Karriereschritte spricht, illustriert er die Größe des Schritts gerne anhand der Automobile, die er sich daran anschließend leisten konnte. Frauen spielen auch eine entscheidende Rolle im Leben des Agenturchefs. Sie beeinflussten seine akademische (Nicht-)Laufbahn, und er lernte seinen kongenialen Partner Jean-Remy von Matt nicht etwa kennen, als beide gemeinsam bei einer Agentur arbeiteten, sondern als Jung mit von Matt über dessen damalige Frau sprach. Denn aus Frau von Matt sollte nach dem Willen aller Beteiligten Frau Jung werden, und da gab es eben noch den einen oder anderen Punkt zu besprechen. Und Musik spielt eine wichtige Rolle. Als Schüler schon tingelte Jung über die Dörfer, heute leistet er sich eine Sammlung von gut 60 erlesenen E-Gitarren.
Länger als so manche Ehe
Autos, Frauen, Rockmusik – Jung ist also scheinbar ein ganz normaler Junge. Ganz normale Jungs bringen es aber selten zum Inhaber der zweitgrößten inhabergeführten Werbeagentur Deutschlands. Oder zu erfolgreichen Popgruppen. Lennon aber fand McCartney, und Jung fand von Matt. „Die Agentur Jung ohne von Matt gäbe es nicht“, sagt der Agenturchef selbst. Die beiden scheinen sich in idealer Weise zu ergänzen – Jung, der Berater, und von Matt, der Kreative. Seit 1991 hält die Verbindung schon, länger als viele Ehen.
Jung bezeichnet sich als „interessengesteuerten Menschen“. Wenn etwas nicht seine Begeisterung zu wecken vermag, dann gibt er sich dem auch nicht mit vollem Einsatz hin. Also investierte der Gymnasiast Jung seine Energie lieber in eine mögliche Musikkarriere als in Mathematik und blieb in Klasse zehn prompt sitzen. Dafür aber kann er heute einen Auftritt seiner Kombo im Vorprogramm der „Valendras“ vorweisen, der Begleitband von Rex Gildo – die freilich an dem Abend leider ohne den Schlagersänger auftrat. Nach dem Abitur und einem Intermezzo als Student der Kommunikationswissenschaften in München, das er einer Liebe in Hamburg wegen wieder abbrach, begann Jung als Assistent beim Werbefotografen Wolfgang Klein. Und so wie heute viele den Beruf des Gerichtsmediziners anstreben, weil im Fernsehen Serien mit Gerichtsmedizinern populär sind, so ließ sich auch Jung von bewegten Bildern zu seiner Jobwahl inspirieren. Der Michelangelo-Antonioni-Film „Blow up“ von 1966 hatte es ihm angetan und darin besonders die Figur des Fotografen Thomas. Doch Fotograf ist nicht gleich Foto-Assistent, musste er bald erfahren.
Frühstück für den Meister
Der Arbeitsalltag des Assistenten kann vielmehr als Beleg für die Binsenweisheit gelten, nach der Lehrjahre keine Herrenjahre sind. „Morgens früh aufstehen, einkaufen, den Meister wecken, ihm das Frühstück machen, die Tagesplanung abstimmen, Licht einrichten, Filme kaufen, ranschaffen, wegfahren“, beschreibt Jung einen typischen Tag im Leben des Fotografen-Assi, der lernen musste, dass auch in diesem Beruf Talent zum Erfolg führt. Und das hatte Jung nicht. Nach einem Jahr und einigen Jungschen Missgeschicken riet der Fotograf seinem Assistenten, lieber mit dem Kopf als mit den Händen zu arbeiten.
Also begann Jung ein Jura-Studium, hauptsächlich, weil auch seine damalige Freundin für das Fach eingeschrieben war. Das Studium mündete allerdings nicht in das erhoffte Examen, sondern nach sechs Semestern in eine schwere Lebenskrise. „Ich fragte mich damals: ‚Welchen Beruf willst du von der Pike auf erlernen?‘“ Nach längerem Nachsinnen war klar – es sollte die Werbung sein. Als Werbekaufmann wollte Jung sich bewerben, die Zieladressen holte er sich aus den Gelben Seiten und landete schließlich nach mehrtägigem Auswahlprozess als Trainee bei Lintas, damals Nummer eins unter Deutschlands Agenturen, heute von der Bildfläche verschwunden. Als Studienabbrecher bei der ersten Adresse zu landen war sicher nicht schlecht, wäre da nicht die etwas missliche pekuniäre Situation gewesen: „Von 2240 Mark Gehalt blieben am Ende 1400 übrig. Das war im Vergleich zu vorher doch ein ziemlicher Rückschritt.“ Denn ob als Schüler oder Student – Jung hatte nebenher immer gearbeitet und entsprechend gut verdient. Als Landschaftsgärtner hatte er sich verdingt, als Angestellter des Wasserentstördienstes Hamburg-Harburg, als Fahrer von Tiefkühlfisch für Hertie-Warenhäuser und nicht zuletzt als Musiker. Mit den Jobs finanzierte Jung in erster Linie seine Leidenschaft für Automobile – schon als Student etwa bewegte er einen Porsche 956 durch Hamburg, später einen riesigen Opel Diplomat – „mit Plattenspieler“. Als Trainee bei Lintas reichte es nur mehr für einen VW Polo. Nach zwei Jahren wurde daraus ein Mercedes 280 SE (3,5 Liter). In diesen Jahren arbeitete Jung als Berater im Media-Geschäft, er beriet also die Kunden darin, welche Werbemedien sie belegen sollten. „Das war ein idealer Einstieg in die Branche“, sagt Jung heute.
Denn die Mediaberatung ist sehr faktenorientiert und macht es erforderlich, sich intensiv mit den Verhaltensweisen der Verbraucher zu befassen. Später übernahm er die Funktion des Kontakters, eine Art Schnittstelle zwischen Agentur und Werbekunde. Nach einem dreijährigen Intermezzo bei Unilever kehrte Jung zu Lintas zurück, wo er insgesamt sieben Jahre verbrachte. Dann wechselte er zu Scholz & Friends, eine inhabergeführte Kreativagentur. Der Schritt aus dem damals noch behaglichen großen Werbekonzern Lintas in die damals brodelnde kleine Kreativagentur war vielleicht sogar der größere als derjenige in die Selbständigkeit. „Eine völlig andere Welt“ sei die Hamburger Agentur gewesen, wie Jung im Vergleich mit Lintas feststellt. Mit vielen Vorzügen: „Die Identifikation mit dem kreativen Produkt ist ungleich höher.“ Befürchtungen, die Beratung habe dort einen geringeren Stellenwert als die Kreation, bewahrheiteten sich nicht. Und auch der Firmenwagen stimmte am Ende wieder: ein Mercedes 280 TE.
Bekannt durch „Geiz ist geil“
Nach drei Jahren Scholz & Friends bekam Jung auf Vermittlung von Jean-Remy von Matt ein Angebot von Reinhard Springer, in dessen Agentur anzufangen. Wieder bedeutete dies den Wechsel in eine kleinere Agentur – und ein kleineres Auto. „Ein BMW 318i. Aber auch die Chance, eine Einheit als Geschäftsführer zu leiten.“ 1991 dann erfolgte der Schritt in die Selbständigkeit. Gemeinsam mit seinem Partner bei S&J gründete Jung die Agentur Jung von Matt. Der Autovermieter Sixt war als erster Kunde von Beginn an dabei und ist es heute noch. Berühmt wurde die Sixt-Kampagne mit Angela Merkels wilder Frisur („Mieten Sie ein Cabrio!“) und der mittlerweile in die Alltagssprache eingebundene fast schon penetrante Slogan „Geiz ist geil!“ des Elektronikhändlers Saturn. Vor allem die renommierten Autokunden aber haben die Agentur groß gemacht – Porsche, Audi, BMW und zuletzt Mercedes. Wobei sich Jung und von Matt den fast schon unverschämten Luxus erlauben konnten, dem Kunden BMW zu kündigen, als der Mercedes-Etat winkte. Denn in der Werbung betreut man niemals zwei Kunden der gleichen Branche. Die Bedeutung der Agentur zeigt sich auch darin, dass mit Jung einer ihrer Inhaber Präsident des Branchenverbands GWA ist, und das nun schon seit 2002. „Verbandspräsident spielen, das klingt nicht sehr sexy“, räumt Jung ein. Gereizt habe ihn aber, die Rahmenbedingungen verbessern zu helfen und motivierend auf andere einwirken zu können. Nicht immer agierte er dabei glücklich, angesichts der nicht völlig uneitlen Werber, deren Interessen er zu vertreten hat, ist dauerhaft glückliches Agieren wahrscheinlich aber auch ein Ding der Unmöglichkeit.
Ans Aufhören denkt der dreifache Vater Jung noch nicht. „Ich kann nicht frühpensioniert auf Mallorca rumhängen.“ Aber natürlich macht er sich Gedanken über die Zukunft der Agentur. Wird sie eines Tages verkauft? Jung mag darauf nicht direkt eingehen. Aber: „Eine inhabergeführte Agentur, die nach dem Ausstieg der Gründer genauso erfolgreich weitermacht, ist hierzulande eine Seltenheit.“
Zur Person:
- Holger Jung ist durch und durch Hamburger, hier wurde er am 1. Dezember 1953 geboren. Sämtliche Karriereschritte erfolgen in der Hansestadt
- Nach dem missglückten Jura-Studium beginnt seine berufliche Laufbahn als Trainee bei der Werbeagentur Lintas. Nach sieben Jahren, unterbrochen von einem Intermezzo bei Unilever, wechselt Jung 1984 zu Scholz & Friends
- 1987 steigt Jung bei Springer & Jacoby ein, wo er Gesellschafter und Geschäftsführer wird. Hier arbeitet er mit seinem späteren Partner Jean-Remy von Matt zusammen
- Beide gründen 1991 die Agentur Jung von Matt, erster Kunde ist der Autovermieter Sixt. Seit Oktober 2002 ist Holger Jung Präsident des Branchenverbands GWA (Gesamtverband Kommunikationsagenturen).
