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Heinz Buschkowsky Klare Kante

 ·  Er ist Deutschlands bekanntester Integrationspolitiker. Diese Position hat sich Heinz Buschkowsky erarbeitet - mit Hartnäckigkeit und markigen Sprüchen.

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Viele dürften ihn inzwischen als einen guten Bekannten empfinden - Heinz Buschkowsky, den Bezirksbürgermeister aus dem Berliner Stadtteil Neukölln. Ständig tritt er in Talkshows auf, in denen über Integration und frühe Bildung diskutiert wird. Seine angenehme Stimme mit der berlinerischen Färbung ist ebenso vertraut wie seine messerscharfen und klaren Sätze, mit denen er die Zustände in der Unterschicht anprangert und über Gutmenschen schimpft, die noch nicht verstanden hätten, wie gespalten dieses Land sei. Deutschlands wohl bekanntester Bürgermeister wirkt dann nahbar und unverstellt. Das ist nicht anders, wenn man den Vierundsechzigjährigen zum Interview in seinem Büro trifft.

Für das Gespräch nimmt er sich, obwohl er seit der Veröffentlichung seines Bestsellers „Neukölln ist überall“ ein gefragter Gesprächspartner ist, viel Zeit. Allerdings findet er es seltsam, über sich zu sprechen und nicht über Politik. Lieber hetzt er rasch noch ein wenig gegen die „Seminaristen, die satten Kinder des Bürgertums, Anfang zwanzig, drittes Semester Soziologie mit Robin-Hood-Träumerei und der Überzeugung, dass nur sie wissen, was Demokratie ist“. Die glaubten, dass unsere Gesellschaft die Menschen angeblich schlecht behandele. Buschkowsky sieht sich selbst als das „Produkt einer Gesellschaft, die auch den Kindern eine Chance gegeben hat, die nicht aus dem Bildungsbürgertum kamen“.

„In der Schule war ich ein engagiertes Faultier“

Bescheiden sei es in seiner Kindheit in den fünfziger Jahren zugegangen. „Wenn mein Bruder und ich neue Wintermäntel brauchten, dann mussten meine Eltern einen Kredit aufnehmen.“ Die Mutter war Sekretärin, der Vater Schlosser. „Meine Eltern haben mir beigebracht, was man tut und was nicht. Dass man aufsteht, wenn ein alter Mensch keinen Sitzplatz hat, dass man die Suppe nicht schlürft“, erzählt er. Mutter und Vater hätten ihm noch eine zweite Botschaft vermittelt: „Wenn du etwas haben willst, dann musst du dafür arbeiten.“ Die dritte sei gewesen: „Du sollst es einmal besser haben als wir.“

Das habe er damals noch nicht so richtig verstanden. „In der Schule war ich ein engagiertes Faultier.“ Mit minimalem Aufwand das maximale Ergebnis zu erzielen, sei ihm aber ganz gut gelungen. „Ich zehre noch heute von meiner Schulbildung und beherrsche so manche Weisheit Goethes oder Schillers immer noch auswendig.“ Seit dem Alter von acht Jahren hat Buschkowsky gejobbt: Er hat Kartoffeln geerntet und Zeitschriften ausgetragen. Als Jugendlicher arbeitete er in der Fabrik. Später war er dann Stadtführer - neben seiner Ausbildung in der Verwaltung. Achteinhalb Jahre dauerte diese, dann war er Diplom-Verwaltungswirt.

Dem Klischee des Beamten entspricht Buschkowsky höchstens äußerlich. Doch auch er schätze Sicherheit, sagt er. Außerdem habe er in seinem Beruf seine guten Fähigkeiten in Deutsch verwirklichen können. So sei ihm das Lesen als Kind sein Ein und Alles gewesen. „Da ich keine Bücher kaufen konnte, war ich ein fanatischer Nutzer der Stadtbibliothek. Unter zehn Büchern bin ich bei der Ausleihe nicht nach Hause gegangen.“ Schwerste Schriftsteller habe er verschlungen, von Remarque über Goethe bis Tolstoi, aber auch Schund.

Während der Ausbildung verbrachte Buschkowsky ein Jahr im Bezirksamt Neukölln im Jugend- und Sozialamt. „Ich habe wahnsinnig gerne dort gearbeitet. Das war ,real life’, nahe an den Bürgern.“ Er wurde angesetzt auf Sozialhilfebetrüger und Väter, die den Unterhalt ihrer Kinder schuldeten. Einige habe er „zur Strecke gebracht“. Darüber kann er sich noch heute freuen.

„Ich finde mich nie mit Gegebenheiten ab“

Das Thema Integration erfasste Buschkowsky 1995 mit voller Wucht. Damals wurde er in Neukölln nicht nur stellvertretender Bürgermeister, sondern auch Jugenddezernent. Die mit der absoluten Mehrheit ausgestattete CDU wollte es so. Er störte sie als Finanzdezernent und sollte sich im damals schon schwierigen Neuköllner Jugendbereich wund laufen, wie Buschkowsky vermutet. „Doch ich war nach vier Jahren so erfolgreich, dass man mir nun wieder das Jugendressort wegnahm und mich zum Ressort Gesundheit, Umwelt und Sport abdrängte.“

Man habe versucht, ihn politisch zu neutralisieren, indem man ihm immer bedeutungslosere Ressorts gab. Doch diese Strategie scheiterte. „Ich lernte von Amt zu Amt, wurde immer bekannter und auch politisch stärker.“ Warum? „Vielleicht, weil ich mich nie mit Gegebenheiten abfinde, sondern Probleme angehen muss.“ Im Jugendressort sei er zu Beginn die „absolute Hassfigur“ gewesen, weil er seine Mitarbeiter sehr gefordert habe. Zwei Jahre habe er gebraucht, um sich durchzusetzen. Doch gab es immer noch einige, die sich nicht bewegen wollten. „Da muss man klare Kante zeigen und unmissverständlich werden: ,Wer nicht mitwill, für den gibt es auch andere berufliche Herausforderungen. Alles Gute!’“, sagt er und fügt hinzu: „Wir werden nicht bezahlt, damit man uns lieb hat. Leistung und Ergebnis zählen. Ich bin kein Mutter-Teresa-Ersatz. Zu Low-Performern kann ich ziemlich garstig werden.“ Wenn man etwas verändern wolle, brauche man Mitstreiter.

„In Neukölln geht es zu wie in Rio de Janeiro“

Dass ein Bezirksbürgermeister die derzeit bekannteste politische Stimme in der deutschen Integrationsdebatte ist, hat auch mit seinen markigen Sprüchen zu tun. Der wohl berühmteste lautet „Multikulti ist gescheitert“. Bekannt ist auch: „In Neukölln geht es zu wie in Rio de Janeiro.“ Diese Sprüche sind ihm keineswegs einfach so passiert. „Politik und Medien sind untrennbar miteinander verbunden. Wer in einer Mediengesellschaft gehört werden will, muss bis an die Grenze der Regelverletzung gehen und auch Schlagzeilen produzieren“, erklärt er.

Die Öffentlichkeit reibt sich an Buschkowsky. Doch sie respektiert ihn auch. Das liegt daran, dass er auch handelt. Dass er einige Bildungs- und Integrationsprojekte in seinem Stadtteil verwirklicht hat, die auch von Fachleuten gelobt werden. Dass er den Eindruck vermittelt, die Menschen in seinem Stadtteil lägen ihm am Herzen. Welcher Politiker inspiriert schon junge Designer dazu, ein Motiv mit seinem Kopf zu entwerfen, darunter „The big Buschkowsky“ zu schreiben und das Ganze auf ein T-Shirt zu drucken?

Auf den Internetseiten der Designer trägt auch der Regierende Bürgermeister der Stadt, Klaus Wowereit (SPD), ein solches T-Shirt. Das hat Witz, denn SPD-Mitglied Buschkowsky hat sein Profil immer auch gegen seine Partei und gegen Wowereit geschärft. Sein politischer Durchbruch basiert sogar auf einem Konflikt mit der SPD.

„Ich lasse mich nicht mundtot machen“

Nach seiner Rückkehr von einer Reise nach Rotterdam im Jahr 2008 gab es innerhalb der im Abgeordnetenhaus regierenden SPD-Fraktion heftigen Streit darüber, ob Buschkowsky seine Erkenntnisse dort vortragen dürfe. Eine Mehrheit lehnte das ab. Da luden ihn andere Fraktionen ein und setzten seinen Vortrag auf die Tagesordnung. Allerdings nahm die Regierung das Thema wieder von der Tagesordnung. Buschkowsky verließ den Saal und mit ihm alle Journalisten. „Dieser Akt der Arroganz und Engstirnigkeit innerhalb der Berliner SPD unter medialer Begleitung war mein Durchbruch.“ Er habe zu einer Vielzahl von Solidaritätsbekundungen geführt und ihm „Türen ohne Ende“ geöffnet. Ein Politiker, der sich seiner Partei so widersetzt, ist selten. „Ich bin nicht der Typ, den man rundlutschen kann, und lasse mich auch nicht mundtot machen.“

Sein ganzes Leben hat Buschkowsky in Neukölln verbracht. Ab und an habe er schon Fernweh gehabt, gesteht er. Vor allem Skandinavien zieht ihn seit seiner Jugend stark an. „Während meiner Ausbildung bin ich schon mal nur für ein Wochenende mit meinem Kugelporsche nach Schweden gefahren.“Nach seiner Pensionierung nach Nordeuropa überzusiedeln kommt für ihn aber nicht in Frage. Auch glaubt er nicht, dass er sich dann einen schon lange gehegten Traum erfüllen wird: die Pinguine am Südpol zu besuchen.

47 Jahre im Amt

Im nächsten Jahr wird er 65. Ob er noch bis zum Ende der Wahlperiode weitermachen wolle, wisse er nicht, sagt er - und wirkt zum ersten Mal ein wenig müde. 47 Jahre sei er nun im Amt, arbeite sechs bis sieben Tage die Woche, gönne sich nur alle drei Monate ein freies Wochenende. „In meinem Alter brauchen die Akkus länger zum Aufladen.“

Und die Politik, die der streitbare Mann anscheinend mit so viel Lust betreibt - will er die aufgeben? „Politik ist ein knallhartes und auch ungerechtes Geschäft. Mitunter geht es auch gehässig zu“, sagt er. Man brauche ein dickes Fell, um dieses „vollmundige, inhaltsleere Gequatsche ohne bleibende Schäden zu überstehen“. Nach Jahrzehnten politischer Arbeit habe er ein dickes Fell. „Und wenn ich es einmal nicht habe, bemühe ich mich, dass man es mir nicht anmerkt.“

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

... dem Lächeln meiner Sekretärin und einem Pfefferminztee.

Die Zeit vergesse ich ...

... bei einem anregenden Gespräch mit einem Glas guten Rotweins.

 Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

... muss ein schlechtes Gedächtnis und eine biegsame Wirbelsäule haben.

Erfolge feiere ich ...

... still.

Es bringt mich auf die Palme, ...

... wenn ich dumme Menschen mit Hybris nicht umdribbeln kann.

Mit 18 Jahren wollte ich ...

... einen Kugelporsche haben, und ich hatte ihn.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

... auf die Altersweisheit warten.

Geld macht mich ...

... spendabel.

Rat suche ich ...

... bei echten Freunden.

Familie und Beruf sind ...

... Zwillinge.

Den Kindern rate ich, ...

... auf die Ratschläge Älterer besser zu hören, als ich es tat.

Mein Weg führt mich ...

... letztlich unweigerlich ins Erdmöbel.

Zur Person

  • Heinz Buschkowsky wird am 31. Juli 1948 in Neukölln geboren.
  • 1973 beendet er eine achteinhalb Jahre dauernde Ausbildung zum Verwaltungswirt. Im gleichen Jahr tritt er in die SPD ein.
  • 1991 wird er zum ersten Mal Bürgermeister von Neukölln, 1992 wird er abgewählt.
  • Danach ist er in verschiedenen Ressorts Stadtrat: Finanzen, Umwelt, Jugend. Seit 2001 ist er wieder Neuköllner Bürgermeister.
  • Buschkowsky lebt mit seiner Frau in Neukölln; er hat sein ganzes Leben in diesem Stadtteil gewohnt.
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Jahrgang 1966, Redakteurin in der Wirtschaft

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