So sieht ein Vorstandsvorsitzender aus“, sagt Hartmut Ostrowski. Dabei lächelt er verschmitzt. Ostrowski trägt eine dunkelbraune Lederjacke und Jeans, keine Krawatte. Er blickt in die erwartungsfrohen Gesichter von 100 Studenten, die Bertelsmann in einem Auswahlverfahren als „Top-Talente“ identifiziert und für einen langen, langen „Career Day“ zur Vorstellung in die Berliner Repräsentanz geladen hat. Ostrowskis Botschaft ist klar: Schaut her, wie locker es in diesem Medienkonzern zugehen kann. Wir kommen zwar aus Gütersloh, aber wir sind ein verdammt spannender Laden, bei dem man schnell ganz viel bewegen und noch mehr verdienen kann. „Sie sollten das Gehalt in fünf Jahren mindestens verdoppeln. Und das muss nicht das Ende der Fahnenstange sein“, ruft Ostrowski den Studenten zu. Das hören die gern.
Darüber, wie viele Millionen Ostrowski selbst nach Hause bringt, seitdem er im Januar den Vorstandsvorsitz von Europas größtem Medienkonzern übernommen hat, hören sie nichts. Und im Geschäftsbericht steht das auch nicht. Aber später, im vertrauten Gespräch, gibt er offen zu, dass der Verdienst eine Triebfeder für seinen Aufstieg bei Bertelsmann war: „Bei meinem Berufseinstieg hatte ich mir vorgenommen, mein Jahresgehalt binnen fünf Jahren von 40.000 auf 100.000 Mark zu erhöhen. Nach drei Jahren hatte ich das geschafft.“
Nur jeder Zehnte bleibt in Gütersloh
Zurück zu den Studenten: Bertelsmann sei ein einzigartiges Unternehmen, wirbt Ostrowski und huscht kurz durch die Geschäftsbereiche des Konzerns, der im vergangenen Jahr knapp 19 Milliarden Euro umgesetzt hat. RTL Group: größte private Fernsehsendergruppe Europas; Random House: größter Publikumsverlag der Welt; Gruner + Jahr: größter Zeitschriftenverlag Europas; Arvato: einer der führenden Medien- und Kommunikationsdienstleister. Die gepriesene Einzigartigkeit des Konzerns spiegelt sich freilich nicht in den Imagewerten wider: In den einschlägigen Arbeitgeber-Rankings ist Bertelsmann in den vergangenen Jahren zurückgefallen. „Medien sind als Arbeitgeber nicht mehr so attraktiv wie früher. Auch andere Märkte entwickeln sich dynamisch“, erklärt Ostrowski. Und damit erklärt sich auch der enorme Aufwand, den Bertelsmann an diesem Tag betreibt. Berlin? Die Ortswahl ist kein Zufall. Dass Bertelsmann seinen Hauptsitz in der Provinz, in Gütersloh, Ostwestfalen, hat, ist ein Handicap im Ringen um den besten Nachwuchs. Das weiß Ostrowski – und erzählt den Studenten in blumigen Worten von den vielen schönen Standorten in aller Welt. „Die Wahrscheinlichkeit, einen Arbeitsplatz in Gütersloh zu haben, liegt bei 10 Prozent.“
Ostrowski weiß, wovon er spricht. Der gebürtige Bielefelder hat Ostwestfalen im Grunde nie verlassen; er hat in seiner Heimatstadt Betriebswirtschaft studiert und in 24 Berufsjahren bei Bertelsmann nie im Ausland gearbeitet. Dabei erwirtschaftet der Konzern zwei Drittel seines Umsatzes außerhalb Deutschlands. „Ich bin nur 15 Kilometer weit weggekommen“, sagt er in verblüffender Ehrlichkeit vor den potentiellen Nachwuchskräften, von denen die allermeisten geradezu pflichtgemäß Teile ihrer Studienzeit im Ausland verbringen. Und genau das fordert Ostrowski auch ein: „Ein halbes Jahr oder länger im Ausland gelebt zu haben ist sehr wichtig.“
Rasanter Aufstieg bei Arvato
Wie passt das zusammen mit seinem eigenen Weg? Macht er sich nicht unglaubwürdig mit dieser Forderung, wo er selbst doch kaum über die „Grenze“ Ostwestfalens hinausgekommen ist? „Nein“, antwortet er gelassen, „darunter leidet meine Glaubwürdigkeit nicht. Das ist eine Frage der Generation. Mein Sohn ist 17 Jahre alt und hat schon ein halbes Jahr in Amerika verbracht. Internationalität ist für die nächste Führungsgeneration noch viel bedeutender als für die aktuelle.“ Dennoch bleibt die Frage: Wie hat es Ostrowski trotz einer solch lokalen Prägung an die Spitze eines international aufgestellten Medienkonzerns geschafft? Die Antwort scheint verblüffend einfach: mit guter Arbeit. Ostrowski ist ein Vollblutmanager. Er selbst drückt das so aus: „Ich will etwas bewegen. Und ich bin ungemein neugierig darauf, etwas Neues zu machen.“ Der Mut zu neuen Geschäften schlägt bei dem bodenständigen Bielefelder freilich selten in Übermut um. Denn Ostrowski ist auch ein Zahlenmensch. „Ich habe schon mit 13 in die Geschäftsbücher meines Vaters geschaut.“
Der Vater hatte einen Handwerksbetrieb, drängte den Sohnemann aber nicht in die Nachfolgerrolle. Nach dem Diplomabschluss in Bielefeld ging dieser zu Bertelsmann ins nahe Gütersloh – die erwähnten 15 Kilometer. Was folgte, war ein rasanter Aufstieg in der intern eher ungeliebten Industrie- und Dienstleistungssparte, der heutigen Arvato AG. Er nutzt den Freiraum, den Bertelsmann seinen Managern dank der dezentralen Führungsstruktur gibt, zumindest solange die Zahlen stimmen. Im Alter von 32 Jahren hat Ostrowski 3000 Leute unter sich. Unterbrochen nur von einem zweijährigen Intermezzo bei der Tochtergesellschaft einer amerikanischen Großbank, klettert er in Gütersloh Schritt für Schritt die Karriereleiter hoch bis in den Vorstand von Arvato. 2002 übernimmt er dort den Vorsitz und zieht in den Bertelsmann-Vorstand ein.
Vor dem Meeting eine Currywurst
Der permanente Aufstieg hat seinen Tribut gefordert. „Ich habe noch weniger Hoheit über meine Zeit. Und ich bin jetzt auch für Dinge verantwortlich, mit denen ich direkt eigentlich gar nichts zu tun habe.“ Dabei gemahnt ihn eine Erkenntnis zur Vorsicht: „Je größer der Verantwortungsbereich, umso teurer werden die Fehler.“ Der leicht bullige Blonde führt seine Leute mit einer offenen, direkten und sympathischen Art, wenn nötig aber auch mit harter Hand. Er sei nicht derjenige, von dem man erwarte, dass er ein Medienunternehmen dieser Größe führe, hat Ostrowski einmal gesagt. Das ist wahr. Im Vergleich zu seinem weltläufigen und gewandt auftretenden Vorvorgänger Thomas Middelhoff wirkt Ostrowski eher bieder und nüchtern. Und dazu steht er. Ostrowski versucht sich auch in seiner neuen Rolle als Vorstandschef nicht anders zu geben, als er ist. Er scheint auch nicht abzuheben. Selbst an jenem Tag im Dezember, als er vor den Bertelsmann-Führungskräften in Berlin seine erste Duftmarke als Chef in spe abgab, ließ er es sich nicht nehmen, seiner liebsten Essgewohnheit zu frönen: Er fuhr zu einer Imbissbude und bestellte eine Currywurst.
Ostrowski muss sich aber auch gar nicht verstellen. Von eitlen Großsprechern, die am liebsten sich selbst inszenieren, hat die Herrschaftsfamilie Mohn in Gütersloh ohnehin die Nase voll. Schon Ostrowskis Vorgänger Gunter Thielen war ein nüchterner Arbeiter, der zuvor ebenfalls bei Arvato Karriere gemacht und Ostrowski stark gefördert hat. Thielen hat die Zahlen in Ordnung gebracht, aber keine großen Wachstumsakzente gesetzt. Diese Aufgabe obliegt nun Ostrowski. Er muss beweisen, dass er über Arvato hinaus auch in den klassischen Mediengeschäften, im Fernsehen und in den Verlagen, sowie auf neuen Feldern wie dem Bildungsmarkt echte Impulse setzen kann.
Abschluss mit den Fanta-Vier
Dazu braucht er viele junge, kluge Köpfe, die Bertelsmann frische Ideen einhauchen. Ein paar brauchbare Talente dürfte Ostrowski gefunden haben unter den 100 Studenten, die er zum Abschlussprogramm am Abend in einem Kreuzberger Szene-Club mit einem „Live-Act“ überrascht. Nach dem Barbecue im Freien treten drinnen die Fantastischen Vier auf die Bühne. Die Stuttgarter Hip-Hop-Combo bringt all die smart befrackten und frisch frisierten Top-Talente im Handumdrehen zum Hüpfen. Alle freuen sich, dass diese besondere Art des Schaulaufens nun vorüber ist. Auch Hartmut Ostrowski. Sichtlich gut gelaunt, mischt er sich für ein paar Lieder unter das junge Publikum, wippt mit den Knien, schnippt mit den Fingern. Sieht so ein Vorstandsvorsitzender aus? Manchmal schon.
Zur Person:
- Hartmut Ostrowski wird am 25. Februar 1958 in Bielefeld geboren. Nachdem er dort ein BWL-Studium absolviert hat, tritt er 1982 in den Medienkonzern Bertelsmann ein, wo er sich kontinuierlich hocharbeitet.
- 2002 rückt er in den Gesamt vorstand auf und wird im Januar 2008 als Nachfolger von Gunter Thielen dessen Vorsitzender.
- Ostrowski lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Gütersloh. Seine knapp bemessene Freizeit verbringt er vorzugsweise auf Mallorca oder auf der Tribüne des Fußballvereins Arminia Bielefeld.
Hartmut Ostrowski
Paul H. Peiseler (paolo5)
- 28.07.2008, 13:00 Uhr
