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Hans Kammerlander : Hans im Glück

Flaschensauerstoff ist Doping: Hans Kammerlander ist ein Verfechter des puristischen Bergsteigens. Bild: Rainer Wohlfahrt / F.A.Z.

Er war auf dem höchsten Berg der Welt. Doch anders als sein alter Weggefährte Reinhold Messner sucht Hans Kammerlander nicht das Rampenlicht.

          Es war einmal ein armer Bauernbub aus Südtirol. Er wuchs in Ahornach als jüngstes von sechs Kindern eines Schusters und Kleinbauern auf. Die Mutter starb, als er zehn Jahre alt war. Die Tage waren gefüllt mit Arbeiten, die hart waren und von denen das Kind viele nicht mochte. Die ungeliebte Volksschule verließ der Junge und verdiente sein Brot als Maurer. Dabei wollte er nur eines: seinem unbändigen Bewegungsdrang nachgeben und hoch auf die Berge, dorthin, wo über allen Gipfeln Ruh’ ist und sich kein Tourist mehr hinwagt.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Längst ist der Junge erwachsen. Hans Kammerlander sammelt Gipfel wie andere Gartenzwerge und lebt davon, auf die höchsten Berge der Welt zu steigen. Während acht seiner Kameraden ihr Leben auf Achttausendern ließen – mehr als die Hälfte der Top-Bergsteiger sterben auf ihren Exkursionen – hat Hans Kammerlander diese Abenteuer so gut wie unbeschadet überstanden. Nur einmal, auf dem Kangchendzönga, einem gewaltigen Gletscherberg im Himalaja, mit 8586 Metern Höhe der dritthöchste der Erde, sind ihm fast die Zehen erfroren. Blauschwarz waren sie, ohne Infusionen drohte Amputation.

          Der Tanz in der Vertikalen

          Steile Felswände hätte Kammerlander dann nicht mehr bewältigen können, „den Tanz in der Vertikalen“ hätte er vergessen können. Er ist auf seine Zehen angewiesen, „weil sie mir auf zentimeterschmalen Leistchen, in winzig kleinen Löchern und mauerglatten Wänden Halt geben“. Zum Glück ist er mit einem Schrecken davongekommen. Die Zehen blieben dran, neuen Rekorden steht nichts im Weg. Zahllose Male hat er darüber gesprochen. Seine größte Herausforderung, seine bitterste Niederlage, nicht nur Journalisten lieben diese Schwarz-weiß-Fragen. In den Vortragssälen, die Kammerlander mit bis zu 3000 Menschen mühelos füllt, wird es noch stiller, wenn er über Grenzerfahrungen spricht.

          Mit freundlicher Bescheidenheit berichtet der eher kleine Mann, für den das Wort drahtig erfunden zu sein scheint, seinen Zuhörern von seinem sturmerprobten Leben. Dabei steht er nicht gerne in der Öffentlichkeit. Furchtlos trotzt er Gletscherwänden, aber die Blitzlichtgewitter seiner ersten Pressekonferenzen, egal ob in München oder Mailand, haben ihm regelrecht Angst gemacht. Da muss er durch, er sieht das realistisch: Ohne Bekanntheitsgrad gibt es trotz Ausnahmebegabung keine Sponsoren, ohne Geldgeber sind die Expeditionen nicht finanzierbar. „Das gehört eben dazu“, sagt er lakonisch. „Jedes Jahr entsteht ein Haufen Papier. Ja mei ...“

          Diese Zurückhaltung ist es, die ihn von Sportstar Reinhold Messner unterscheidet. „Dem Reini habe ich viel zu verdanken“, betont Kammerlander mehrfach: Der habe studiert, könne sich gut ausdrücken, gut organisieren. Anerkennung schwingt mit, als er das sagt. Sich zu vermarkten gehört dazu, wenn man sein Leben mit Extrembesteigungen verbringen möchte.

          Die Schule langweilte ihn endlos

          Die Voraussetzungen musste sich Hans Kammerlander hart erarbeiten. Wenn er eines bedauert, dann seine Schulzeit, die kurz und unerfreulich verlief. Als quälend hat er den Unterricht erlebt: „Wieder ein enger Kasten, in den wir eingezwängt wurden und uns Stunden um Stunden – zu allem Übel auch noch die schönsten des Tages – Dinge anhören mussten, die uns nicht interessierten.“ Die Schule langweilte ihn endlos. Kurzweiliger war das halsbrecherische Birkenbiegen: Die Dorfkinder wetteiferten, wer am höchsten kam. Während die Konkurrenz „reihenweise abrutschte und auf den Hosenboden plumpste“, kraxelte Kammerlander in die Krone, verlagerte das Gewicht, bis der Stamm sich zum Boden bog. Im Winter schnallten sich die Geschwister dann ihre selbstgebauten Holzski unter. Dass der Fünfundfünfzigjährige heute ein Honorar erhält, weil er Unternehmen bei Fragen zu Hightech-Ausrüstungen berät, war damals jenseits seiner Vorstellung.

          Einmal, da war er acht Jahre alt, fragten ihn Touristen nach dem Weg zum Großen Moosstock, dem Hausberg in seiner Heimat. Hans schwänzte die Schule und folgte den Wanderern heimlich bis auf den 3059 Meter hohen Gipfel. Im Rückblick ein Schlüsselerlebnis. „Mein Leben bestand damals aus Laufen, Rennen und Springen.“ Mit 16 Jahren schaffte er auf einer der vielen Baustellen Südtirols und arbeitete als Maurer. Lieber saß er jedoch im Baukran, „da war ich wenigstens in den Lüften“.

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