So sehen Sieger aus, nicht nur auf dem Fußballplatz: Besuchen wir Borussia Dortmund, die Geschäftsstelle am Rheinlanddamm. Schon die Dame am Empfang hat beste Laune: „Sie möchten zu Herrn Watzke, richtig?“, fragt sie fröhlich. Der Fotograf sei auch schon da, in die 5. Etage bitte. Der Fotograf ist Eintracht-Fan, aber der Autor ist in Dortmund aufgewachsen; er muss aufpassen, sich von der beflügelten Stimmung im Haus nicht zu sehr anstecken zu lassen.
Grund dafür gäbe es. Der BVB ist Deutscher Fußballmeister 2011 und 2012. Im Endspiel um den DFB-Pokal schlugen sie die Bayern dieses Jahr grandios mit 5:2. Die halbe Republik ist begeistert. Treffen wir den Vater des Erfolgs. Guten Tag, Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA.
Mit Tradition zu Erfolg und Prominenz
“Das Schlimmste an den Interviews sind immer die Bilder“, lässt Watzke den konsternierten Fotografen hart, aber herzlich wissen, noch bevor der die Kamera zum Auge bewegen kann. Das liegt wohl daran, dass Watzke inzwischen zu den Prominenten in Deutschland gehört, zu den Menschen also, die man kennt, weil bei jedem öffentlichen Auftritt Kameras auf sie gerichtet sind. Das kann stören. Er selbst liest acht Zeitungen – das aber gewiss nicht wegen der Bilder.
Der modern eingerichtete Raum, der für die Begegnung ausersehen ist, heißt „Borsigplatz“. Er erinnert an den Platz gleichen Namens in der Nordstadt, an die Wiege des Vereins. Ganz in der Nähe wurde der Verein im Dezember 1909 gegründet. Tradition und Moderne, die Borussia will sie für die Fans verbinden – und hat das mit Erfolg geschafft.
Der Schatzmeister wurde zum Retter
Statt Modell zu stehen, ist es Watzke deshalb lieber, über die gut zehn Jahre zu reden, die vergangen sind, seit er im Dezember 2001 sein erstes Amt beim BVB angetreten ist – als Schatzmeister, zuständig für die Finanzen des eingetragenen Vereins, nicht für den Profibereich des Klubs.
Das ist eine wichtige Unterscheidung. Sonst könnte man auf die Idee kommen, Watzke wäre auch am finanziellen Niedergang des börsennotierten Fußballvereins beteiligt gewesen, der 2005 kurz vor dem Konkurs stand. „Tatsächlich war ich einer der wenigen Mahner“, sagt er. Im Jahr 2004 wurde klar, dass der Verein vor dem Abgrund stand. Am 14. Februar 2005 wurde Watzke Nachfolger des zurückgetretenen Gerd Niebaum als Geschäftsführer. Nur einen Monat später trafen sich in Düsseldorf die Anteilseigner des Immobilienfonds Molsiris, an den das Stadion verkauft worden war, um über die Zukunft des Vereins abzustimmen. An dem Tag wurde der BVB gerettet.
Das Abstimmungsergebnis war wichtiger als ein Siegtor in der letzten Minute der Verlängerung, fühlte sich aber ähnlich an. Watzke konnte sich mit der Hilfe der Investmentbank Morgan Stanley an die Sanierung des Vereins machen, die Borussia auf eine neue, solide finanzielle Basis stellen. Doch neu erfunden wurde der BVB erst rund zwei Jahre später. Es waren „ein paar“ Rotweinabende mit Michael Zorc, dem langjährigen Mittelfeldspieler der Borussia, einem echten Dortmunder Jungen, der anfangs umstritten, inzwischen Sportdirektor geworden war.
Sein Geniestreich: Klopp nach Dortmund zu holen
“Damals war die Ausgangssituation klar: Wir wussten, dass wir finanziell auf lange Sicht keine großen Sprünge würden machen können. Wir wussten aber auch, dass wir das große Stadion auf die Dauer nicht mit Durchschnittsfußball würden füllen können“, beschreibt Watzke den Beginn der Diskussionen. „Dann haben wir uns überlegt, wofür die Borussia steht: für Leidenschaft und für Authentizität. Und diese Ziele wollten wir künftig mit hungrigen, jungen Spielern erreichen.“
Mit den damaligen Trainern sei diese Philosophie schwer umzusetzen gewesen. „Aber Jürgen Klopp war uns schon bei unseren Gastspielen in Mainz immer wieder aufgefallen.“ Was dieser Trainer aus einer Mannschaft mit begrenzten spielerischen Qualitäten herausgeholt habe, sei faszinierend gewesen.
Im Jahr 2008 haben Klopp und Borussia Dortmund zusammengefunden. Seitdem wird Fußball in Dortmund als „Vollgasveranstaltung“ gespielt. Die Spieler haben sich verpflichtet, alles zu tun, damit sie im Durchschnitt gemeinsam 120 Kilometer pro Spiel rennen. Zuvor waren es nur 105 Kilometer gewesen. „Und junge Spieler schaffen das eben besser als Ältere“, sagt Watzke.
Klopp und Zorc beklagen sich schonmal über seine Bodenständigkeit
Was daraus gefolgt ist? Echte Liebe, nicht nur der Fans, sondern einer Stadt zu ihrem Verein. „Echte Liebe“ hat Watzke deshalb auch zur Markenbotschaft des Vereins erhoben. Und echte Liebe kann erdrückend sein. Auf der Autobahn zum Beispiel, vorausgesetzt man hat, wie Watzke, ein Autokennzeichen, das die Fans von Borussia sofort erkennen: „Wenn dann der Beifahrer ein Foto macht und der Fahrer seinen Wagen immer näher an meinen lenkt, ist das nicht mehr lustig.“
Wenn aber im Stadtverkehr nur gehupt und gewunken wird, grüßt Watzke gerne zurück. „Es gibt ja wahrlich Schlimmeres“, sagt er dann, ganz im nüchternen Duktus des gebürtigen Sauerländers. Und nein, man müsse sich keine Sorgen machen, dass er ob dieses Kultstatus abhebe. „Dafür bin ich nicht der Typ. Ich bin eher ein pessimistischer Realist.“ Klopp und Zorc beklagten sich eher, dass er zu häufig auf dem Boden bleibe. Zwei Mal in der Woche zieht sich Watzke für eine halbe Stunde zurück und denkt bei einem Kaffee über die Dinge nach: „Dabei kommen mir oft die besten Ideen.“
Watzke ist ein Kämpfer im Glück
Er weiß, dass er tüchtig ist, mag aber nicht zu sehr auf das Glück des Tüchtigen verweisen: „Auf der Titanic waren bestimmt auch sehr viele tüchtige Menschen.“ Er weiß sein Glück zu schätzen, bezeichnet sich als gläubigen Menschen, weiß ohne Überschwang, wem er für was danken muss. Eine Kirche im Stadion braucht er dafür nicht. Das überlässt er den Schalkern.
„Aber mein Leben ist bisher völlig ohne Brüche verlaufen. Da gibt es keine Niederlagen, keine Schicksalsschläge in der Familie. Das ist außergewöhnlich.“ Plötzlich ist Watzke demütig. Einen weichen Führungsstil muss man von ihm deshalb aber nicht erwarten.
Beim BVB ist klar, wer Chef ist: „Ich war nie eine gute Nummer zwei“, sagt Watzke, authentisch, direkt und ehrlich, wie er ist. Die Verantwortlichkeiten im Verein seien klar geregelt, sie laufen auf ihn zu. Dass er manchmal bei Kritik auch unangenehm sein kann, gehört dazu. Das ist eben so, wenn es im Verein darum geht, „echt“ zu sein.
Der Stimmung im Haus tut das keinen Abbruch. Im Vergleich zu der Zeit, in der Niebaum in der Funktion des Geschäftsführers und Präsidenten in Personalunion wie ein Sonnenkönig herrschte, hat sich sowieso vieles verändert. „Sportliche Entscheidungen werden von Zorc, Klopp und mir de facto nur einstimmig getroffen“, sagt Watzke. Hinzu komme eine ordentliche Kontrolle, zum Beispiel durch den Präsidenten Reinhard Rauball oder durch die Aufsichtsratsmitglieder Friedrich Merz oder Peer Steinbrück.
Noch liegt die Zukunft auf dem Platz
Watzkes Vertrag läuft bis Ende 2016. Wie geht es danach weiter? „Vielleicht genauso wie heute, vielleicht auch nicht. Ich weiß für mich, dass ich mir ein Leben nach diesem Amt bei der Borussia vorstellen kann.“ Tatsächlich? „Ja, vielleicht werde ich ja noch mal eingeladen“, schmunzelt Watzke – und weiß, dass das Leben anders verlaufen wird. Vielleicht findet sich eine andere Funktion im Verein. Vielleicht bleibt er länger.
Möglich ist aber auch, dass der Vater von zwei Kindern dann seinen heute 18 Jahre alten Sohn einarbeitet, um ihn fit zur Führung der von Watzke gegründeten Watex GmbH zu machen, die Arbeitsschutzbekleidung und Feuerwehruniformen produziert. Im Moment kümmert sich Watzkes Frau um das Unternehmen, das seinen Sitz in Marsberg im nordöstlichen Sauerland hat. Aus dieser Gegend kommen viele treue Fans der Borussia; Watzke war schon als Kind einer. Und seine Familie wohnt dort immer noch.
Fußball ist stets Watzkes Sport gewesen. Für eine Profikarriere hat es zwar nie gereicht, aber bis vor einem halben Jahr spielte Watzke noch regelmäßig selbst. Jetzt ist er auf das ungeliebte Joggen umgestiegen. Watzke ist Jahrgang 1959: „Da spürt man nach einem Fußballerleben die Gelenke.“ Aber davon abgesehen, da gibt es keinen Zweifel, bleibt Watzke auf dem Platz. Denn so wie er und sein Team in Geschäftsstelle und Mannschaft sehen zur Zeit Sieger aus.
Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...
... einer schönen Tasse Kaffee und den entsprechenden Tageszeitungen, unter anderen der F.A.Z.
Die Zeit vergesse ich ...
... leider nirgendwo. Irgendwo liegt das in meinen Genen, dass mir das leider nicht passiert.
Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...
... der muss Leidenschaft und Begeisterungsfähigkeit haben und vor allen Dingen auch Druck abkönnen.
Erfolge feiere ich ...
... am liebsten im ganz kleinen Kreis und eigentlich ohnehin eher nach innen.
Es bringt mich auf die Palme, ...
... wenn ich sehe, welches unqualifizierte Gerede mittlerweile von Leuten in die Öffentlichkeit getragen wird, die auch noch gewählt werden möchten.
Mit 18 Jahren wollte ich ...
... Chef vom BVB werden.
Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...
... so häufig mit unerledigten Hausaufgaben in die Schule gehen (ich hoffe, dass es meine Kinder jetzt nicht lesen).
Geld macht mich ...
... persönlich unabhängig.
Rat suche ich ...
... bei ganz wenigen guten Freunden und natürlich im Familienkreis.
Familie und Beruf sind ...
... für mich oft sehr schwer unter einen Hut zu bringen.
Den Kindern rate ich, ...
... jedem Menschen mit Respekt zu begegnen, sich aber dennoch nicht jeden Unsinn gefallen zu lassen.
Mein Weg führt mich ...
... als Rentner irgendwann wieder zurück ins Sauerland, denn dort bin ich geboren und empfinde es auch als Heimat.
Zur Person
Hans-Joachim Watzke wird am 21. Juni 1959 in Marsberg im Sauerland geboren. In der Stadt zwischen Brilon und Bad Arolsen wird Watzke früh zum Fußballfan. Die Liebe gilt dem BVB.
Watzke studiert Betriebswirtschaft und gründet später die Watex-Schutzbekleidungs GmbH.
Am 14. Februar 2005 wird er Geschäftsführer der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA.
Watzke saniert den Verein. Mitte Februar verlängert Borussia Dortmund den laufenden Vertrag mit ihm vorzeitig bis Ende 2016.
