06.11.2006 · Hans-Joachim Körber führt einen der größten Handelskonzerne der Welt. Dabei hatte der heutige Metro-Chef seinen vermeintlichen Traumberuf eigentlich schon viel früher gefunden: als Geschäftsführer einer Sektkellerei.
Von Brigitte KochKörber, was treibt dich, du hast doch alles, was du willst?" Es war an einem wunderschönen Morgen, damals im Rheingau. Die Sonne ging soeben auf, geradezu "herzerwärmend" war der Blick hinab auf den dreigeteilten Rhein. Der junge Geschäftsführer der Oetkerschen Sektkellerei Söhnlein Rheingold war auf dem Weg zur Arbeit, ein Angebot von Metro-Chef Erwin Conradi in der Tasche. Eigentlich war doch alles perfekt: nette Kollegen, ein tolles Unternehmen, ein geordneter Tagesablauf und dann noch das beeindruckende Ambiente des Weinguts Schloß Johannisberg. Doch es gab ein Problem, sein Alter. Er war Mitte Dreißig, und in diesem Alter steht einem üblicherweise noch ein langes Berufsleben bevor. Also, was treibt dich? Wohl die neue Herausforderung, die Neugier auf mehr. Körber geht tief in sich und sagt zu. Der Wechsel vom Schloß in die damals äußerst karge Metro-Zentrale an der Düsseldorfer Schlüter-Straße muß einem Kulturschock gleichgekommen sein.
Der Dottore brach das Eis
"Über Nacht wurde alles anders", blickt Hans-Joachim Körber zurück. Alles war größer, schneller, dynamischer und unternehmerisch herausfordernd. Der heutige Metro-Vorstandsvorsitzende fing damals als Mitglied der Geschäftsführung der deutschen SB-Großmärkte an, war unter anderem verantwortlich für Controlling, Finanz- und Rechnungswesen, Logistik und allgemeine Verwaltung. Beeindruckt hat ihn in jener Zeit vor allem die unglaubliche Geschwindigkeit, die im Handel herrschte und mit der Beschaulichkeit im Rheingau wenig gemein hatte. Der promovierte Diplom-Braumeister und Diplom-Kaufmann mußte anfangs schwer kämpfen, um sich in dieser neuen rauhen Händlerwelt durchzusetzen. "Kleinkriegen läßt du dich nicht", lautete seine Devise. Das kam für ihn noch nie in Frage. Das Eis wurde gebrochen, als der schon immer recht unkonventionelle langjährige Geschäftsführungs- und Vorstandskollege Joachim Suhr ihn freundschaftlich "Dottore" nannte. Er gab ihm das Gefühl dazuzugehören. Heute, fast 22 Jahre später, ist Körber der Vorstandschef des mit einem jährlichen Umsatz von 56 Milliarden Euro drittgrößten Handelskonzerns der Welt, und das seit nun bald acht Jahren.
Höchstens 15 DM für ein Paar Schuhe
Daß Körber den Großteil seiner späteren Karriere im Handel machen würde, war in seiner Jugend nicht abzusehen. Er war zwar ein guter Schüler und dank seiner Durchsetzungskraft, des sicheren Auftretens und seiner Eloquenz auch Schulsprecher. Doch gab es keine besonders ausgeprägte Neigung, die zwingend nach einem bestimmten Beruf wie Architekt, Musiker oder Arzt gerufen hätte. Der als ältestes von drei Geschwistern in Hannover aufgewachsene Körber stand sehr früh auf eigenen Füßen. Als seine Eltern aus beruflichen Gründen nach Berlin zogen, blieb er als 17jähriger allein zurück, um vor Ort das Abitur abzuschließen. Ein ungewöhnlicher Vorgang zur damaligen Zeit. Nicht viele Jugendliche konnten Anfang der sechziger Jahre schon soviel Freiheit genießen. Körber wohnte bei Freunden der Familie, die einen Gastronomiebetrieb führten. Neben der Schule jobbte er. "Ein Paar Schuhe, das die wesentliche Funktion von Schuhen erfüllt, muß nicht mehr als 15 DM kosten", hatte ihm sein Vater klar zu verstehen gegeben. Anspruchsvollere Wünsche mußte sich der Sohn schon selbst erfüllen. Wie anspruchsvoll der junge Körber war, steht dahin. Heute jedenfalls ist er für sein makelloses nadelgestreiftes Outfit und elegante Krawatten nebst passendem Einstecktuch bekannt.
Das Vorbild war der Schwiegervater
Seine spätere erste Frau hat er früh kennengelernt. Ihr Vater war Brauereivorstand. Das war etwas. Ihm nachzueifern reizte Körber, zumal die Brauereibranche damals glänzende Perspektiven bot, kerngesund war und ein großes Renommee besaß. Also studierte er Brauereitechnologie, ein seiner Meinung nach interessantes und breitgefächertes Studium, dessen Spektrum von der Mikrobiologie bis hin zur Produktionstechnik reicht. Im Wintersemester 1966 ging es an die Technische Hochschule nach Berlin. Die 68er-Bewegung hat er dort voll mitbekommen, auch wenn die Brauer zu den konservativen Fakultäten gehörten. An die damalige Aufbruchstimmung erinnert sich Hans-Joachim Körber gern zurück. Auch er trug lange Haare und Vollbart. Davon geblieben ist bis heute der Schnauzer. Das Brauerstudium war ihm nicht genug. Er schob ein BWL-Studium nach und absolvierte auch dieses in kürzester Zeit.
Bloß nicht nach Kulmbach
Verzagtheit und mangelndes Selbstbewußtsein zählen nicht zu Körbers Eigenschaften. Er schrieb alle Brauereivorstände direkt an, um sich zu bewerben. Auch Guido Sandler war dabei, der einflußreiche Generalbevollmächtigte der Bielefelder Oetker-Gruppe. Und ausgerechnet der antwortete sofort und zitierte den mittlerweile 25jährigen ins Kempinski, morgens 7.10 Uhr zum Frühstück. Dieses Treffen war wegweisend, wenngleich nicht sofort zielführend. Denn Sandler riet ihm, zunächst einmal zu promovieren. Das tat Körber prompt und meldete sich wenige Jahre später mit einem "Bin jetzt fertig" in Bielefeld zurück. Dort stieg er als Junior-Controller für den Getränkebereich der Oetker-Zentralverwaltung ein und rückte schon bald zum Senior-Controller auf. Dann sollte er endlich Brauereivorstand werden, und zwar in der Provinzstadt Kulmbach. "Meine damalige Frau vergoß Tränen, als wir dort hinsollten", erinnert sich Körber. Also lieber Sekt-Geschäftsführer bei Söhnlein.
Zweimal kurz vor dem Rücktritt
"Lebensläufe werden meistens rückwärts geschrieben", findet der Metro-Chef. Vieles, was auf Glück und Zufall zurückgeht, klingt im nachhinein wie passend geplant. Und wer ganz oben angekommen ist, kann auch über die größten Holprigkeiten auf dem Karriereweg ganz entspannt erzählen. Denn ganz eben und geradlinig war sein Weg bei Metro nicht. Mit Conradi, seinem wichtigsten Sparringspartner, hat er sich nie wirklich gut verstanden, wenngleich er ihn als "guten Typ" beschreibt. Da prallten wohl zwei Alpha-Männchen aufeinander. Zweimal war Körber kurz davor, das Handtuch zu werfen. Zum ersten Mal Anfang der neunziger Jahre, als es mit der Karriere nicht so recht weiterging und er seinen Unmut darüber Conradi sehr deutlich zu verstehen gab. Zwei Angebote von außen waren ihm schon sicher. Metro mußte aus der Reserve kommen und sich etwas einfallen lassen. Die Antwort war ein Posten in der Generaldirektion der Metro International in der Schweiz. Nach der Fusion von Metro Cash & Carry mit Kaufhof und Asko zur heutigen Metro-Gruppe wurde Körber Mitglied des Vorstandes. Als dann 1998 nicht er, sondern ein branchenfremder (allerdings sehr schnell glückloser) Manager zum Kronprinzen des Konzerns gekürt wurde, war dies für Körber ein schwerer Affront. Er war kurz davor, neue Herausforderungen in Amerika anzunehmen. Es ging damals ziemlich hoch her im Metro-Reich. Hinter den Kulissen war sogar vom bevorstehenden Einstieg des weltgrößten Handelskonzerns Wal-Mart die Rede. Ruhe kehrte erst ein, als mit Jan von Haeften ein Vertreter der Industriellenfamilie Haniel den Aufsichtsratsvorsitz übernahm und in diesem Amt den langjährigen Oberaufseher Conradi ablöste. Als Zeichen ihres Vertrauens beriefen die Hauptaktionäre Körber 1999 an die Vorstandsspitze.
Kämpferqualitäten durch Wasserball
Es hat ihm letztlich immer geholfen, innerlich unabhängig zu sein und seine Meinung offen zu vertreten, beschreibt Körber. "Man gibt seinen Verstand morgens schließlich nicht an der Telefonzentrale ab." Unternehmerischer Gestaltungsfreiraum war ihm stets wichtig. Wenn Menschen, die mit ihm zu tun haben, ihn als kühl, distanziert oder gar ruppig beschreiben, interpretiert er solche Eigenarten lieber als "direkte Höflichkeit". Der Sport und vor allem seine aktive Zeit im Wasserball-Team von Spandau 04 haben ihn stark geprägt. Körber war stets Kämpfer, notfalls auch gegen den inneren Schweinehund. Dazu paßt seine Aussage, wie man denn am besten Karriere machen kann: "Indem man Menschen trifft, die einem mehr zutrauen, als man aktuell kann."
Der Vertrag des Sechzigjährigen, der während seiner Zeit an der Konzernspitze Metro zu einem der internationalsten Handelskonzerne überhaupt gemacht hat, läuft bis mindestens 2009. Und was kommt danach? Vor allem sollten es Aufgaben sein, die geistig fit halten. Körber, der ständig unterwegs ist, hat die ganze Welt gesehen. Vielleicht wird er später privat auch wieder mehr durch Deutschland reisen. Womöglich wieder über die Höhen des Rheingaus?