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HA Schult : Der Müllkünstler

Die gezielte Provokation: HA Schult Bild: Edgar Schoepal

Mit gezielten Provokationen wurde er berühmt und machte die Umwelt zu einem Thema für die Kunst. Nun will er das Auto der Zukunft gestalten.

          Die Antwort hatte für ihn etwas Beleidigendes. Willy Millowitsch und HA Schult. Das seien die zwei wichtigsten Künstler Kölns. Sagte einer, der Ende dieses Monats Oberbürgermeister in der rheinischen Metropole werden will, die immer ein wenig an Selbstüberschätzung leidet. „Was soll man davon halten“, fragt Schult, auch mit eben 70 Jahren noch ein Paradiesvogel. Im Schneidersitz hat er sich an seiner großzügigen Küchentheke plaziert, halb auf der silbernen Platte, halb davor, nimmt einen Schluck Pellegrino ohne Kohlensäure und schaut auf einige seiner spektakulärsten Kunstobjekte, die in dem weitflächigen Loft verteilt stehen. Der beliebte Volksschauspieler dient ihm nicht als Referenzgröße, obwohl auch Schult in der Stadt verehrt wird. Spätestens seit er Ende der achtziger Jahre einen himmelblauen Kleinwagen um den Dom kreisen und einen goldenen Ford Fiesta mit Engelsflügeln auf einem Museumsdach installieren ließ. Nicht zuletzt sein Trotz gegen die Mächtigen der Stadt hat ihm diese Wertschätzung eingebracht. Aber Millowitsch? Christo und Beuys, die sieht er als seine Kragenweite. Das seien die bedeutendsten Aktionskünstler der Kunstgeschichte – neben ihm.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit Lautstärke gegen Bedeutungsverlust?

          Nicht alle Kunstverständigen teilen diese Ansicht. Zu kommerziell, zu flach, zu lange keine neuen Ideen mehr, zu skurril, um am Kunstmarkt eine Rolle zu spielen, meinen sie. Nicht mehr die Kontroverse der sechziger Jahre treibt sie um, als konservative Kritiker die Frage stellten, ob Schult überhaupt Kunst mache. Er reagiere mit Lautstärke auf seinen Bedeutungsverlust – das ist wohl der härteste Vorwurf, der heute an ihn gerichtet wird. Gleichzeitig aber schwingt auch Anerkennung mit: Einer hat seinen Weg beibehalten, auch wenn es ein Seitenpfad ist. Und er war einer der ersten, der Ökologie und Kunst zusammen dachte. Er hat den Markusplatz in Venedig mit Zeitungsabfall gefüllt, hat Opernsänger auf Müllkippen Wagner trällern lassen und ist in 20 Tagen 20.000 Kilometer in einem orangefarbenen Citroën durch Deutschland gefahren. Der steht jetzt keine 30 Meter von ihm entfernt in seinem Privatloft – das Originalmodell von 1970 mit original verschmutzter Windschutzscheibe. „Das machte mich schlagartig berühmt. Jeden Tag war das in den Nachrichten, der Nannen hat sich seitenweise über mich aufgeregt“, erinnert er sich.

          Seine Trashpeople ziehen um die Welt

          Die Medienaufmerksamkeit, das ist die Währung, in der der Aktionskünstler rechnet. Seine Trashpeople, menschengroße Müllkameraden, die seit 1999 um die Welt reisen, vor den Gizeh-Pyramiden und auf der Chinesischen Mauer standen, haben sie geweckt. „Das war ein Welthit, das ging durch die Presse. Kommt ein Deutscher und stellt 1000 Skulpturen an die Kremlmauer“, feixt Schult über seinen Erfolg in Moskau und freut sich über seine „Prawda“-Titelseite. Schon in den sechziger Jahren wollte er die Kunst aus den Museen und den Sammlungen reicher Unternehmer herausholen. Spätestens seit er 1958 an der Düsseldorfer Kunstakademie zu studieren begann, sog er alle aktuellen Kunstentwicklungen in sich auf. Yves Klein, Jean Tinguely und Nam June Paik hielten sich in der kunstverständigen Stadt auf. Schult heftete sich an ihre Versen. „Da habe ich studiert, da habe ich zugeguckt, da habe ich aufgepasst. Da habe ich die Künstler studiert, wo ihre ursprünglichen Aussagen liegen“, berichtet er schwärmerisch über diese Zeit.

          Nicht im Kämmerlein malen, sondern in Paris

          Doch es dauert, bis er einen Mentor findet. Sein erster Professor ascht eine Zigarette auf seine Zeichnungen, der zweite verlangt von ihm langweilige Restaurationsarbeit – das ist nichts für einen, der sich als Naturtalent versteht und schon als Kleinkind von arbeitslosen Zeichnern geschult wurde. „Ich war ein geborener Künstler. Autodidakt bedeutet, dass man sich das beibringt. Ich trug das in mir. Ich brauchte nur das zu machen, was ich mir sagte. Dem folgten meine Lehrer. Und die, die mir nicht folgten, schmissen mich raus.“ Karl Otto Götz ließ ihn gewähren. Vier Jahre war er Schults Lehrer. Toleranz, Liberalität, Intellektualität habe er mitgebracht. Er redete mit Schult über Ideen. Den Alltag zu Kunst zu machen, das war dessen Ziel, ohne schon den Weg dahin zu kennen. Damals betreute Götz weitere kommende Stars wie Gerhard Richter, Sigmar Polke oder Franz Erhard Walther.

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