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Gunter Heise : Rotkäppchen und der scheue Wolf

Heise hatte die Wahl: Kindersäfte oder Spirituosen? Bild: Rainer Wohlfahrt

In kaum 16 Jahren hat der Ingenieur Gunter Heise die ostdeutsche Sektkellerei Rotkäppchen-Mumm vom Sanierungsfall zum zweitgrößten Sekthersteller der Welt gemacht.

          Früher, in der Planwirtschaft der DDR, wusste die Sektkellerei Rotkäppchen schon am 1. Januar, wie viele Flaschen sie bis zum Jahresende verkaufen würde. „Heute“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Gunter Heise mit einem Lächeln, „ist nicht einmal der Tagesabsatz im Dezember planbar.“ Es gibt Tage, da verlassen mehr als eine Million Flaschen die Werke in Freyburg an der Unstrut, in Eltville, Hochheim und Breisach – so viele wie Rotkäppchen nach der Wende in einem Jahr verkaufte. In kaum 16 Jahren hat Heise, ein zurückhaltender Ingenieur aus einfachen Verhältnissen, das Unternehmen aus Sachsen-Anhalt vom Sanierungsfall zum größten Sekthersteller der Welt nach Freixenet gemacht.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Heises sprichwörtliche Diskretion gilt nicht zuletzt den Unternehmenszahlen. Sekt sei stets ein Spiegel der Konjunktur, sagt er nur, das gelte auch in der gegenwärtigen positiven Grundstimmung. Deshalb werde die Rotkäppchen-Mumm Sektkellerei „aus 2007 mindestens so gut herausgehen, wie wir hineingegangen sind“. Das ist Heises Art zu sagen, dass 2007 das erfolgreichste Jahr in der mehr als 150 Jahre währenden Unternehmensgeschichte war. 2006 erlöste der Konzern aus dem Verkauf von 115 Millionen Flaschen fast 372 Millionen Euro; den Gewinn verschweigt das Familienunternehmen.

          2007 einen seiner größten Coups gelandet

          Das zurückliegende Jahr ist kaum mit früheren zu vergleichen, denn Heise hat 2007 einen seiner größten Coups gelandet und den Umsatz aus dem Stand um zwei Drittel erhöht. Im November kaufte der Konzern die deutsche Sparte des Spirituosenherstellers Eckes, die 50 Millionen Flaschen befüllt und 250 Millionen Euro erlöst. Der Zukauf des Hochprozentigen bedeutet nicht mehr und nicht weniger als einen weiteren Superlativ: Rotkäppchen ist mit mindestens 37 Prozent nicht nur unangefochtener Marktführer im deutschen Sektgeschäft, sondern mit 9 Prozent auch die Nummer eins unter den Spirituosen.

          Seine Wässerchen will Rotkäppchen auf ähnliche Weise aufpeppen, wie es Asbach, Berentzen oder Jägermeister tun, und damit die muffigen Klassiker Chantré, Mariacron oder Eckes Edelkirsch endlich vom Großvatersessel holen. Auf dem Nordhäuser Doppelkorn ruhen Heises besondere Hoffnungen. „Bei dem ist es ein bisschen wie früher bei Rotkäppchen: Den kennt in Ostdeutschland jeder, man kann viel mehr aus ihm machen.“ Bei Rotkäppchen war dieser Weg erfolgreich, aber steinig, bei Heise selbst ebenso.

          Zutaten aus Frankreich, Italien, Spanien oder Westdeutschland

          Er kam 1951 als Sohn eines Bäckers in Laucha nahe Freyburg zur Welt. Die Druckerei seines Großvaters, welche die „Unstrut-Zeitung“ herausgab, war 1945 von einer der drei Bomben, die auf Laucha fielen, zerstört worden. „Sonst wäre ich heute vielleicht ein Zeitungsmann.“ Als Heise zur Welt kam, existierte die Sektkellerei schon mehr als 100 Jahre, 1856 hatten sie Julius Kloss und Carl Foerster in der damaligen preußischen Provinz Sachsen gegründet. Das Champagnerhaus wuchs so schnell, dass schon 1867 die Weinmengen von Saale und Unstrut nicht mehr ausreichten und „Kloss & Foerster“ in Baden und Württemberg zukaufen musste. Bis heute kommt nur ein verschwindender Teil der Zutaten von den sanften Hügeln rund um Freyburg, das meiste wird in Frankreich, Italien, Spanien oder Westdeutschland zugekauft.

          Nach dem Abitur in Naumburg studierte Heise an der TU Dresden Verarbeitungs- und Verfahrenstechnik. Da firmierte Rotkäppchen längst als Volkseigener Betrieb (VEB). Nach dem Krieg war der letzte private Eigentümer Günther Kloss erst verhaftet und dann enteignet worden. Nach seiner Flucht gründete er in Rüdesheim die Sektkellerei Kloss & Foerster neu. Erst 2006 holte Heise den bekannten Namen zurück, als er der Familie Kloss die Marke abkaufte. „Das war eine emotionale Entscheidung, keine betriebswirtschaftliche“, sagt Heise. „Sekt hat sehr viel mit Gefühlen zu tun.“

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