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Gro Harlem Brundtland Aus Überzeugung gut

Seit vierzig Jahren kämpft Gro Harlem Brundtland für den Klimaschutz und die Frauenrechte. Früher war sie Regierungschefin in Norwegen, heute berät sie Politiker.

© Thomas Haugersveen/laif Stets optimistisch: Gro Harlem Brundtland lässt sich von Rückschlägen nicht entmutigen.

Diesen Satz wird sie nicht mehr los. Ihre Berater warnen sie schon davor, als sie zum ersten Mal das Manuskript für die Neujahrsansprache mit ihr durchgehen. Von den tiefgreifenden Umwälzungen in Europa soll darin die Rede sein, von der hohen Arbeitslosigkeit in vielen Ländern der Welt und von der tiefsten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg in der Heimat. Und dann dieser kurze Satz, als Vorschlag für ein neues nationales Motto formuliert: „Es ist typisch norwegisch, gut zu sein.“

Sebastian Balzter Folgen:

Gro Harlem Brundtland ist Norwegens Ministerpräsidentin und Vorsitzende der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, sie steht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Dennoch hört sie sich die Einwände ihrer Mitarbeiter geduldig an: Zu großspurig werde das klingen, die Missverständnisse seien programmiert, der politische Gegner werde sich genüsslich darüber hermachen. Dann trifft sie ihre Entscheidung, sie streicht den Satz nicht. Und an Neujahr 1992 bekommt das Königreich im Norden ihn zum ersten Mal zu hören.

Ein kurzes, tiefes Glucksen

Die Kritik fiel so heftig aus wie vorhergesagt. Zwei Jahrzehnte später lacht Gro Harlem Brundtland, wenn sie sich daran erinnert. Aber sie erlaubt sich nur ein kurzes, tiefes Glucksen, dann fängt sie das Lachen wieder ein und konzentriert sich. „Die Warnungen waren ja richtig“, sagt sie. „Denn wann immer du etwas tust, was sich vom Erwartbaren unterscheidet, wirst du nachher dafür kritisiert.“ Sie kennt sich aus mit solchen Situationen. Sie war 1981 die erste Frau, die an die Spitze einer norwegischen Regierung gewählt wurde, und nach Margaret Thatcher die zweite Regierungschefin in Europa, fast ein Vierteljahrhundert vor Angela Merkels Wahl zur deutschen Kanzlerin. An Widerstand zu wachsen und an Überzeugungen festzuhalten, das hat sie seit ihrem Einstieg in die Berufspolitik oft genug geübt.

Seit acht Jahren bezeichnet Gro Harlem Brundtland sich inzwischen selbst als Rentnerin, doch ihre Interpretation dieser Rolle ist eigenwillig: Eine Prise Ruhestand gönnt sie sich nur für ein paar Wochen Sommerferien an der norwegischen Küste und zum Skifahren im Winter. Dazwischen absolviert sie Wahlkampfauftritte für die sozialdemokratische Partei, der sie seit ihrer Jugend angehört; sie wirbt als Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen für den Klimaschutz; sie fliegt zur Umweltkonferenz in Rio de Janeiro. Und während die nächste Politikergeneration sich dort schon achselzuckend mit dem Fehlschlag der internationalen Zusammenarbeit in Klimafragen abgefunden hat, ist Gro Harlem Brundtland immer noch kämpferisch. „Es geht um dieselben Ziele, die ich schon als junges Mädchen hatte“, sagt sie. „Und ich werde immer eine Optimistin bleiben.“

Der Vergleich mit Angela Merkels Weg drängt sich auf

Vier Stunden Bedenkzeit gab ihr der damalige Ministerpräsident, als er ihr 1974 den erst zwei Jahre zuvor geschaffenen Posten als Umweltministerin in seinem Kabinett anbot. Brundtland war gerade 35 Jahre alt und Medizinerin, aber schon seit langem ein Aktivposten in der Arbeiterpartei, etwa als Befürworterin der Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. In ihrer neuen Funktion avancierte sie zur Kontrolleurin der mächtigen Ölbranche. Schon bald nach ihrem Amtsantritt kam es auf einer Förderplattform in der Nordsee zu einem „Blow-out“, die Fernsehkameras aus aller Welt richteten sich auf die junge Ministerin, mit Bravour parierte sie die kritischen Fragen. Auch in einer hitzigen Debatte um den Bau von Stauseen schlug sie sich passabel. Trotzdem drängten sie die beiden Männer an der Parteispitze nach der nächsten Wahl unter taktischen Vorwänden aus dem Kabinett. Doch nur zwei Jahre später war Gro Harlem Brundtland wieder da - diesmal als Ministerpräsidentin und Parteivorsitzende in Personalunion.

Der Vergleich mit Angela Merkels Weg ins Kanzleramt drängt sich auf, nicht nur wegen der von beiden als Karrieresprungbrett genutzten Station im Umweltministerium. „Sobald eine Frau nach oben kommt, wird nach den Männern gefragt, die sie auf dem Weg dorthin zur Seite geschoben hat“, nimmt Brundtland die nächste Frage vorweg. „Weil alle davon ausgehen, dass es auch eine männliche Alternative gegeben haben muss. Aber das ist ja gar nicht immer so.“

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