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Götz Werner : Milliardär mit Grundeinkommen

  • Aktualisiert am

Am Anfang war die Idee: Götz Werner Bild: F.A.Z.-Foto Rainer Wohlfahrt

Nur mit einer Idee ausgestattet, schuf Götz Werner aus dem Nichts eine milliardenschwere Drogeriemarktkette, deren operative Leitung er jetzt abgibt. Nun wirbt er für einen weitaus größeren Plan.

          Es soll wohl was geben an diesem Freitag, hat er gehört. Die Leute haben "ein bisschen was" vorbereitet, sagt Götz Werner und grinst. Wie das eben so ist, wenn der Chef nach einer halben Ewigkeit von Bord geht. Wenn die Sause losgeht, wird Werner sein Büro schon geräumt haben. Auf eigenen Wunsch, wohlgemerkt. Dabei hätte er die Räumlichkeit in der Karlsruher Zentrale des Drogeriemarktkonzerns dm auch weiterhin beziehen können. Schließlich wird er einer der beiden Gesellschafter und damit auch als Aufsichtsratsmitglied dem Unternehmen verbunden bleiben. Wohl niemand hätte dem Firmengründer einen dementsprechenden Wunsch also abschlagen mögen. Aber das kam für Werner nicht in Frage. Denn es geht dabei um mehr als um die bloße Frage von Räumlichkeiten. Es geht um die Insignien der Macht.

          "Das Ganze hat eine sozialhygienische Bedeutung", so hört sich das aus Werners Mund an. Die Leute sollen sehen: Der Herr Werner, der sitzt da jetzt nicht mehr. Vielleicht werde ja ein Besprechungszimmer draus gemacht, der Raum liege so zentral. Aber das soll die neue Geschäftsleitung entscheiden, sagt Werner und zuckt mit den Achseln. Einen Mann, der in wenigen Tagen sein Lebenswerk aus den Händen gibt, stellt man sich irgendwie anders vor. Der 64 Jahre alte Unternehmer wirkt zumindest nach außen hin äußerst aufgeräumt. Sein Rückzug aus dem operativen Geschäft vollziehe sich ja schon seit mehreren Jahren. Diese Entscheidung habe er selbst aus freien Stücken getroffen, er spricht von einem "organischen Vorgang".

          Realträumer mit Phantasie

          Annähernd 30.000 Arbeitsplätze, ein Umsatz von fast 4 Milliarden Euro im Jahr, die Nummer zwei in der Branche - die Bilanz von Werners Schaffen innerhalb von 35 Jahren liest sich eindrucksvoll. Seine Stimme klingt jedoch ernst, als er sagt: "Wenn einem im Laufe seiner Biographie eine so große Verantwortung zugewachsen ist, muss man sorgfältig auf den Punkt der Übergabe hinarbeiten." Deshalb glaubt er, dass er innerlich befreit sein wird, wenn er den Stab an seinen Nachfolger übergeben hat. Probleme mit dem Loslassen? Energisches Kopfschütteln. Die habe er nie gehabt. Schließlich bestand fast sein ganzes Berufsleben daraus, etwas an andere abzugeben.

          Einen Konzern aus dem Nichts aufgebaut
          Einen Konzern aus dem Nichts aufgebaut : Bild: picture-alliance/ dpa

          Denn im Jahr 1973, als er mit 29 Jahren seinen ersten Drogeriemarkt in Karlsruhe eröffnet, da macht er in seinem Einmannbetrieb logischerweise noch alles selbst. Er ist überzeugt von seinem neuen Vertriebskonzept, anders als sein bisheriger Arbeitgeber. Dem war die Idee nicht geheuer, aus den kleinen Drogerielädchen größere Märkte zu machen. Deshalb wagt Werner den Schritt in die Selbständigkeit. Obwohl er am Beispiel des elterlichen Betriebes gesehen hat, wie schnell solch eine Unternehmung in der Pleite enden kann. Aber solche Ängste kennt der junge Mann nicht, er ist von seinem Plan überzeugt. "Realträumer", so nennt Werner die Spezies der Unternehmer. Sie sähen Dinge schon vor sich, die für andere noch Fiktion seien. Und dann zaubert er, was er gerne tut, das passende Zitat aus dem Hut. Diesmal stammt es aus Hermann Hesses "Stufen": "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben."

          Der Anti-Schlecker

          Dieser Zauber gibt ihm die Kraft, seine Idee vom Drogeriemarkt erfolgreich am Markt zu behaupten, wider alle Unkenrufe und Pessimisten, von denen er sich umringt fühlt. Sein Unternehmen wächst rasant. Und es wächst ihm eigentlich permanent über den Kopf, wie er sagt. In solchen Phasen hilft ihm das Zutrauen in seine Mitarbeiter. Zutrauen bedeutet für ihn, es darauf ankommen zu lassen, wie der andere sich verhält. Von Leitsätzen wie "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" hält Werner nichts. Das entspricht nicht seinen Vorstellungen von Unternehmenskultur.

          Er versteht schnell, dass er Kundenservice seinen Mitarbeitern nicht aufoktroyieren kann. Deshalb lässt er den Angestellten in den heute rund 1000 Filialen viel Gestaltungsspielraum. Sie können Sortimente bestimmen und teilweise sogar die Gehälter festlegen. Selbst kampferprobte Gewerkschaftsführer finden an der Unternehmensführung des gebürtigen Heidelbergers kaum etwas zu mäkeln. Werner wird mit der Zeit zum Antipoden des Wettbewerbers Anton Schlecker, der immer wieder für die Zustände in seinen Läden an den Pranger gestellt wird. Während sich Schlecker in der Öffentlichkeit so rar macht, dass die Zeitungen über Jahre hinweg stets dasselbe, weil einzige Foto herauskramen, stellt sich Werner offen dem Diskurs mit der Öffentlichkeit.

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