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Gerhard Polt Chronist des Tohuwabohu

Er war Schwedischlehrer und erzählte Geschichten. Lange deutete nichts auf eine Hauptrolle hin. Heute legt sich der Kabarettist und Schauspieler Gerhard Polt professionell mit der Obrigkeit an.

© ddp Vergrößern „Eine Welt, die ich nicht gesucht habe” - Gerhard Polt

Eigentlich hat er nur erzählt. So wie immer. Geschichten erzählt aus seiner Umgebung. Von dem Haus in der Münchner Amalienstraße und seinen Bewohnern. Diesem Mikrokosmos, wo der Universitätsprofessor neben dem Trambahnschaffner wohnte, bis die Immobilienfirma kam und „diese bunte Gesellschaft ausräucherte“. Alle waren schließlich weg, bis auf den Herrn Jennerwein aus dem vierten Stock, der sich noch in seiner Trutzburg verschanzte, als die Bagger längst angerollt waren. Und der, als man ihn schließlich aus seiner Wohnung fortbrachte, rief, dass er sich vorkäme, „als wenn man ein Dachs in seinem Bau wäre“. Mehr hat Gerhard Polt nicht erzählt.

Doch sein Zuhörer ist begeistert von dieser Geschichte. Und weil er über Kontakte zum Hessischen Rundfunk verfügt, überredet er diesen kantigen Bayern, der im Brotberuf eigentlich Schwedisch-Dolmetscher ist, seine privaten Erzählungen für ein Hörspiel aufzunehmen. Der Berufene ist zunächst skeptisch. „Ich bin da jetzt nicht vor Begeisterung gleich in die Luft gesprungen“, sagt Polt. Mitmachen tut er aber doch. Und so wird der Dachs im Bau zum Startschuss für eine mittlerweile mehr als dreißig Jahre dauernde Karriere als Kabarettist und Schauspieler.

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„Immer bereit, durchaus auch ungerecht zu sein“

Oder einfach als Chronist. „Diesen Ausdruck mag ich ganz gerne.“ Das Leben zu schildern aus dem Blickwinkel einzelner Personen, ohne dabei immer dem großen Ganzen gerecht werden zu müssen, das gegenseitige Vernichten auf vielen Ebenen, wie er es nennt, „eben das Tohuwabohu des menschlichen Miteinanders“ – daraus bezieht er bis heute seine Anregungen.

Chronist des Tohuwabohu „Eine Welt, die ich nicht gesucht habe” - Gerhard Polt © ddp Bilderstrecke 

Dabei deutet lange Zeit nichts im Leben des Gerhard Polt auf eine derartige Hauptrolle hin. Er wächst auf im bayerischen Altötting als Sohn eines Rechtsanwaltes. Was der Vater genau macht, versteht der Sohn nicht. Nur dass der Jurist zu Rate gezogen wird, wenn sich die Bauern streiten, weil einer mit seiner Mistgrube dem anderen das Trinkwasser verseucht hat, gefällt dem Filius. „Der Vater war sehr angesehen, und wenn er auf den Hof kam, gab’s eine Schinkenplatte.“

Seine Jugenderfahrungen verarbeitet er später in dem Buch „Hundskrüppel“. Kinderbanden spielen darin eine große Rolle, in denen er weder ein großer Anführer ist noch der letzte Indianer, sondern eher mittendrin. „Aber immer bereit, mit den anderen durchaus auch ungerecht zu sein.“ Ansonsten spielt er weder Theater, noch gehört er dem Kirchenchor an, was vielleicht auf seine spätere Profession im Rampenlicht hindeuten würde.

Später studiert er in München Politikwissenschaft. Ihn interessieren vor allem die Leute, die er kennenlernt, wie etwa den Hitler-Biographen Werner Maser. Dass jemand „Hitler sammelt, jeden Schnipsel“, fasziniert Polt. Solche Erfahrungen finden sich in späteren Figuren wieder, etwa im Sammler von CSU-Devotionalien, dessen kostbarster Schatz die von der Kanzlerin persönlich gezutzelte Weißwurstpelle aus Wildbad Kreuth ist.

Zwischen Pelzhändler und Nachtrevue

Von der Politik schwenkt Polt zur Skandinavistik über, lebt in den sechziger Jahren zeitweilig in Göteborg. Nach dem Studium verdient er sein Geld mit verschiedenen Jobs: Mal gibt er Unterricht an einer Sprachschule, mal übersetzt er Produktanleitungen ins Schwedische oder ruft für einen Pelzhändler den Lieferanten in Nordschweden an. Das Debüt als Radioerzähler bringt Polt ans Theater. Mit seinem Jugendfreund, dem Regisseur Hanns Christian Müller, entwickelt er die „Kleine Nachtrevue“, ein Kabarettprogramm für die „Kleine Freiheit“ in München. Nun erzählt Polt seine Beobachtungen regelmäßig vor Publikum, „eigentlich noch sehr unschuldig“, wie er sagt. Er bewegt sich in einer Welt, „die ich nicht gesucht habe“, und ist skeptisch. Seinen Beruf als Dolmetscher und Übersetzer gibt Polt deshalb noch nicht auf.

Dann spielt wieder der Zufall eine große Rolle. „Zufall“, sinniert Polt und denkt etwas länger nach, „ein schönes Wort. Es fällt einem etwas zu.“ In diesem Fall der Kontakt über die Freundin seiner Frau zu einem Synchronstudio. Dieter Hildebrandt sucht für seine Sendung „Notizen aus der Provinz“ jemanden mit Schwedischkenntnissen. Der Beginn einer langen Freundschaft auf und neben der Bühne. Die endgültige Entscheidung für die Karriere vor dem Publikum fällt, als Polt zu den Münchner Kammerspielen eingeladen wird. Eine Woche lang zeigt er dort seine Kabarettkunst, wofür er schließlich mit dem Kulturförderpreis der Stadt München ausgezeichnet wird. „So schlecht kann es dann nicht sein“, schlussfolgert Polt.

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