11.01.2010 · Als Jurist und Hobbybastler an die Spitze von Europas größtem Pillenverteiler - Fritz Oesterle hat eine erstaunliche Karriere gemacht, ohne jemals seine Zelte in Stuttgart abzubrechen.
Von Holger Appel und Susanne PreußMit der Schule auf Klassenfahrt in Frankreich, im Studium zwei Semester in Großbritannien, ein Praktikum in den Vereinigten Staaten - wer heute beruflich vorankommen will, muss international Erfahrung gesammelt haben. Jedenfalls, wenn man Karriereratgebern traut. Oder man heißt Fritz Oesterle. Der ist sein ganzes Berufsleben kaum aus Stuttgart herausgekommen, und auf die Frage, ob er wenigstens einmal den Neckar überquert hat, muss er schon einen Moment nachdenken.
Oesterle ist in Untertürkheim aufgewachsen, ist in Untertürkheim Taxi gefahren, hat in Untertürkheim während des Studiums beim Daimler gejobbt. Sein Vater war Steuerberater und ehrenamtlicher Vorstand der Untertürkheimer Volksbank, weshalb Oesterle dort, ebenfalls ehrenamtlich, im Aufsichtsrat sitzt. Nach dem Moment des Nachdenkens ist er sich sicher: „Ja, schon, ich bin über den Neckar gekommen“, sagt er und muss dabei selbst lachen. Gut gefahren sei er mit seiner lokalen Verwurzelung. Aber das sei ein Spezialfall. „Ich bin bewusst nicht ins Ausland gegangen. Ich war sicher, als Jurist brauche ich das nicht. Ich wollte die beste Universität, den besten Lehrstuhl, die beste Kanzlei. Das erschien mir wichtiger“, sagt er. Seinen eigenen Kindern aber rät er zu einem internationaleren Blick. „Geht ins Ausland, sammelt Erfahrung.“ Karriere in Untertürkheim, das ist vermutlich nicht mehr drin.
Jetzt sitzt Oesterle in einem nüchternen Besprechungsraum in einem mäßig attraktiven Bau am Rande Stuttgarts. Show ist hier fremd, obwohl Oesterle selbst bisweilen zu auffälligen Auftritten neigt. Doch dazu später. Wer sich vor Ort nicht auskennt, dürfte Schwierigkeiten haben, Oesterle und das Unternehmen, das er leitet, zu finden. Und wer sich in der Branche nicht auskennt, dürfte Schwierigkeiten damit haben, um was es überhaupt geht. Celesio? Das haben die meisten Menschen noch nie gehört, obwohl sie im Alltag ständig damit zu tun haben.
Der wichtigste Pillenverteiler des Kontinents
Hinter dem Kunstbegriff steckt Europas größter Pharmahändler, Deutschlands Apothekern besser bekannt unter dem Namen Gehe, jenem 1835 von dem Kaufmann Franz Ludwig Gehe in Dresden als Drogerie- und Farbwarenhandlung gegründeten Unternehmen. Mit 45.000 Mitarbeitern in 28 Ländern beliefert die heute zum Duisburger Haniel-Imperium gehörende Firma 65.000 Apotheken. 2300 Apotheken betreibt sie selbst, hauptsächlich in Großbritannien. 2007 wird im (sich als trügerisch herausstellenden) Vertrauen auf einen sich öffnenden deutschen Markt die Versandapotheke Doc Morris gekauft.
Oesterle ist also, wenn man so will, der wichtigste Pillenverteiler des Kontinents, obwohl er weder Medizin noch Pharmazie studiert hat, sondern eben Rechtswissenschaften. „Zum Pianisten hat es nicht gereicht“, sagt er leicht wehmütig zu seiner Berufswahl, und dann, im Ernst: „Für mich war Jura gesetzt. Ich weiß auch nicht genau, warum. Das war einfach so.“ Er geht nach Tübingen, aber nach einiger Zeit hat er einen Durchhänger. „Im fünften Semester fand ich das alles plötzlich nicht mehr so prickelnd. Ich wollte das Studium lassen und Schreiner werden“, sagt Oesterle. Als er den Vater mit der Idee konfrontiert, bricht der Wunsch in sich zusammen. „Dann mach das doch“, sagt der alte Herr, was Oesterle junior umgehend die Lust an der Revolte verdirbt. Warum Schreiner? „Ich hatte schon immer eine Affinität zu handwerklicher Tätigkeit. Werkzeuge haben eine besondere Faszination für mich.“ Jüngste Trophäe ist eine Akku-Hilti. Welche Löcher er damit bohren will, weiß er noch nicht. Aber das ist auch zweitrangig. „Werkzeug kann man nie genug haben“, frohlockt er, und weggeworfen habe er selbstredend auch noch nie eines.
Er sei noch nie einem Streit aus dem Weg gegangen, heißt es
Er studiert Rechtswissenschaften zu Ende und macht ein Examen mit Auszeichnung. Noch vor der Referendarzeit wird er promoviert, was „bei meinen Ausbildern ohne Doktortitel entsprechende Freude auslöste“. So lässig Oesterle das erzählt, so umgänglich er im Gespräch ist - man ahnt und weiß aus Erzählungen seiner Umgebung, dass Konfrontation ihm nicht wirklich zu schaffen macht. Er sei noch nie einem Streit aus dem Weg gegangen, heißt es, und der freundlich, aber selbstbewusst auftretende Mann gibt sich gar keine Mühe, dieses Vorurteil zu entkräften. „Ich bin gerne und bewusst ehrlich bis zur Schmerzgrenze.“
Mit Gehe hat er erstmals 1981 zu tun, als Anwalt in der renommierten Kanzlei Gleiss Lutz. In die kommt er „über die guten Noten. Ich wusste, dass ich meine juristische Karriere nicht über Beziehungen aufbauen kann. Ich musste ein elitäres Examen machen.“ Ein wenig hilft dann aber doch sein Nebenjob als Tennislehrer. Einer seiner Schüler ist der in der Rechtsabteilung von Daimler tätige Kartellrechtler Rainer Bechtold. Der wechselt später zu Gleiss und fragt Oesterle, ob der nicht in der Kanzlei anfangen will. „Das fand ich attraktiv. Aber damit man als Junganwalt wahrgenommen wird, sollte man ein Mandat mitbringen“, denkt er sich. „Und zwar ein richtiges. Es musste also eine Aktiengesellschaft sein. Da fiel mir Gehe ein.“
Deren Vorstandsvorsitzender Dieter Schadt war Nachbar der Oesterles in - wo sonst? - Untertürkheim: Mit Schadt hat er als Junge Tischtennis gespielt, weshalb er ihn anruft und ihm in eher unbescheidener Art verkündet: „Du solltest einen der besten Anwälte Stuttgarts haben.“ „Das war“, sagt Oesterle heute, „ein im Grunde völlig absurder Versuch einer Akquisition.“ Aber er gelingt, getreu seiner Devise: „Was ich nicht selbst mache, passiert nicht.“ Schadt gibt ihm eine Chance. Gehe hat gerade in erster Instanz ein Gewährleistungsverfahren gegen den Lieferanten Ratiopharm verloren. Oesterle gewinnt in zweiter Instanz, was zu einer gewissen, länger andauernden Spannung zwischen den Protagonisten führt.
Seine Sturheit hat ihm selten geschadet
1990 steigt Oesterle bei Gleiss aus, besser gesagt, er wirft hin, weil die Kanzlei mit einer anderen fusionieren will. Von 20 Partnern sind 19 für die Fusion, einer dagegen: Oesterle. Er gibt internem Wachstum den Vorzug. Das entscheidende Treffen findet in Baden-Baden in Brenners Parkhotel statt, „was mir zutiefst zuwider war. Was soll ich mir anschauen, ob die alle mit Messer und Gabel essen können.“ Der Autonarr und Hobbyrennfahrer Oesterle wählt den Weg der gezielten Provokation. Er leiht sich einen Porsche Turbo, schwarz mit roten Sitzen („Der sah furchtbar aus“) und stellt ihn vor das Parkhotel. „Ich brauche das hier alles nicht“, soll die Botschaft lauten, doch außer Kopfschütteln erntet er nichts. „Da habe ich meine Kündigung geschrieben. Die hat sich hinterher leider als unnötig herausgestellt, weil mein Büro nie fusioniert hat.“
Pech? Glück? Überreaktion? „Ich neige schon dazu zu sagen: Okay, jetzt ist es genug. Dann bin ich auch stur. Aber bislang hat mir diese Haltung nicht geschadet.“ Oesterle gründet seine eigene Kanzlei. Über seine Tätigkeit bleibt er Gehe verbunden, er kennt die Entscheider im Unternehmen und in der Muttergesellschaft. 1997 kommt die Anfrage, ob er den im Januar 1999 frei werdenden Vorstandsvorsitz übernehmen möchte. Er sagt ja, die Personalie bleibt ein Jahr lang geheim.
Karriere - das Glück der richtigen Entscheidungen
Karriere, sagt er, sei nicht wirklich planbar. Für ihn sei sie Glück der richtigen Entscheidungen. „Die Stelle bei Celesio habe ich übernommen, weil ich das Unternehmen kannte. Laserwerkzeuge verkaufen, um ein Beispiel zu nennen, hätte ich mir trotz meiner Affinität zu Werkzeug nicht zugetraut. Eine Unternehmensberatung oder eine Investmentbank hätte ich nie als Arbeitgeber gewählt. Das ist mir viel zu uniform.“ Kreativität bringe ihn voran. „Vielleicht ist es auch Dreistigkeit“, ergänzt er. Im Gespräch fällt auf, dass Oesterle sich offenbar nie im klassischen Sinne um einen Arbeitsplatz beworben hat. „Stimmt“, antwortet er, „bis auf einen Zettel, den ich mal einem Taxiunternehmer mit der Frage nach einem Aushilfsjob unter den Scheibenwischer geklemmt habe, habe ich nie eine Bewerbung geschrieben. Ich wollte niemandem die Chance geben, nein zu sagen. Zu sagen, den wollen wir nicht.“
Ob in jüngster Zeit seine Vorgesetzten bei Haniel einmal gedacht haben, „den wollen wir nicht“, darüber gehen Gerüchte und Schilderungen auseinander. Jedenfalls gibt es Zwist um eine Akquisition in Brasilien, und das Geschäft des erfolgverwöhnten Unternehmens läuft auch nicht vollkommen rund. Oesterle beteuert, alle Differenzen seien ausgeräumt. Im Übrigen gelte es, sich die richtige Definition von Erfolg vor Augen zu führen. „Nur weil es 21 Jahre aufwärtsging, ist Erfolg nicht durch eine lineare Gerade von A nach B definiert. Das Ziel ist wichtig. 1981 haben wir 430 Millionen Euro Umsatz erzielt und quasi keinen Gewinn gemacht. Für 2015 haben wir uns 1 Milliarde Euro Ebitda (Gewinn vor Steuern und Abschreibung) vorgenommen.“ Selbstredend möchte er das Erklimmen dieser Schwelle verkünden. „Ja klar, das möchte ich noch erreichen.“
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Zur Person
Fritz Oesterle wird am 7. April 1952 in Stuttgart geboren. Er studiert Jura in Tübingen und wird dort 1979 promoviert.
1981 tritt er in die Kanzlei Lutz Hootz Hirsch & Partner ein. 1989 gründet er sein eigenes Anwaltsbüro mit Frank Oppenländer.
Durch seine anwaltliche Tätigkeit ist er viele Jahre mit dem Pharmahändler Gehe verbunden, aus dem Celesio entsteht. 1999 übernimmt Oesterle dessen Vorstandsvorsitz.
Oesterle ist verheiratet, hat drei Kinder und liebt schnelle Autos, mit denen er früher auch regelmäßig Rennen gefahren ist.
Frank-Holger Appel Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
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