17.11.2011 · Kaum ein Profitrainer ist so flexibel wie Friedhelm Funkel. Er springt ein, wenn der Abstieg droht. Aber nicht immer gelingt die Rettung.
Von Arne LeyenbergGanz so schnell ist Friedhelm Funkel dann doch nicht für ein neues Engagement zu haben. „In Basel ist übrigens ein Job frei“, ruft ihm das Schweizer Pärchen zu, das auf der Durchreise Station am Aachener Tivoli macht und im Stadion den Trainer entdeckt. Aber Funkel wiegelt ab. Kein Interesse. Zwar lagen zuletzt zwischen seiner Kündigung beim VfL Bochum und dem Neuanfang bei der Alemannia aus Aachen lediglich fünf Tage - der rasche Wechsel vom damaligen Tabellenletzten der Zweiten Fußball-Bundesliga zum Vorletzten kam in der Branche nicht überall gut an. Aber Funkel will nicht als Trainersöldner gelten, der dorthin geht, wo der Gehaltsscheck stimmt. „Wenn heute noch Geld das wichtigste Kriterium wäre, hätte ich etwas falsch gemacht“, sagt er.
Er will dorthin gehen, wo er gebraucht und geschätzt wird. Wie bei der abstiegsbedrohten und finanziell angeschlagenen Alemannia, bei der ein früherer Spieler Funkels mittlerweile als Geschäftsführer arbeitet. Der Niederländer Erik Meijer, den Funkel einst in die Bundesliga holte, lockte den Trainer nun ins Dreiländereck. „Ich bin stolz darauf, mit vielen meiner ehemaligen Spieler noch ein gutes Verhältnis zu haben“, sagt der 58 Jahre alte Fußballlehrer.
Bei den Anhängern, aber auch den Entscheidungsträgern früherer Klubs steht er dagegen nicht immer hoch im Kurs. Zu defensiv die Spielweise, zu spröde der Trainer, lauten die Vorwürfe. Aber wer Funkel verpflichtet, weiß, was er bekommt: Realismus pur. „Manche Vereine machen den Fehler, dass sie mit dem, was sie erreicht haben, nicht zufrieden sind. Sie wollen noch weiter nach oben. Ich sage den Verantwortlichen dann meine Meinung: Das ist nicht möglich.“ So viel Ehrlichkeit ist oftmals unerwünscht.
Wie in Frankfurt, wo er von 2004 bis 2009 die Eintracht trainierte und im Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen einen mächtigen Mitstreiter hatte. „Aber wir haben gegen Windmühlen geredet“, sagt Funkel. Der Verein wollte höher hinaus. Zwei Jahre nach seinem Abschied, Trainer und Verein lösten den Vertrag vorzeitig auf, stürzte die Eintracht in die Zweitklassigkeit ab. Funkel hatte die Eintracht in der Bundesliga etabliert, seinen Nachfolgern Michael Skibbe und Christoph Daum gelang das nicht. „Das ist natürlich eine Bestätigung für meine Arbeit“, sagt Funkel, der beim letzten Heimspiel in der Abstiegssaison als Zuschauer in der Frankfurter Arena saß. Ohne Genugtuung zu verspüren. „Ich war wütend, dass dieser tolle Verein abgestiegen ist. Ich hatte feuchte Augen.“
Funkel kennt sich aus mit Abstiegen. Schon als Spieler hatte er mit Bayer Uerdingen den Gang in die Zweitklassigkeit antreten müssen. Fünfmal stieg er später als Trainer ab - mit dem 1. FC Köln, Hertha BSC Berlin und dreimal mit Uerdingen. Als sogenannter Feuerwehrmann, der nur in höchster Not gerufen wird, wie zuletzt in Aachen, will er dennoch nicht gelten. „Ich bin auch einige Male geholt worden, um aufzusteigen.“ So stieg er mit Köln wieder in die Bundesliga auf, mit dem MSV Duisburg und, mit wem sonst, zweimal mit Uerdingen.
Uerdingen - mit dem farblosen Klub aus dem Westen wird Funkel stets verbunden. Kein Wunder, nach mehr als 400 Partien und 125 Toren als Spieler und sechs Jahren als Trainer. Aber seine Karriere begann, im doppelten Sinne, in Neuss. In seiner Heimatstadt spielte Funkel für den VfR, später kehrte er als Trainer zurück. Noch während er in der Bundesliga Woche für Woche für Uerdingen auflief, trainierte er die Landesligamannschaft aus Neuss. „Ich habe als Spieler teilweise schon gedacht wie ein Trainer“, sagt Funkel. Fünfte Liga - für den Spieler Funkel das optimale Experimentierfeld. „Ich wollte sehen, ob es mir gelingt, einer Mannschaft das zu vermitteln, was ich als Spieler auf dem Platz gelebt habe.“ Mit Erfolg. 1990 macht er den Fußballlehrerschein und lässt in seinem letzten Spielervertrag in Uerdingen festhalten, nach der aktiven Laufbahn in den Trainerstab des Vereins aufgenommen zu werden.
Zunächst wird er Koordinator zwischen Jugend- und Amateurbereich und sichtet Talente, arbeitet dann als Co-Trainer unter Timo Konietzka. Nach dem Abstieg aus der Bundesliga schlägt 1991 Funkels Stunde: Er wird Cheftrainer und führt Uerdingen, mit Felix Magath als Manager an seiner Seite, auf Anhieb zurück in die Bundesliga. „Da habe ich gespürt, dass ich das, was ich in Neuss im Amateurbereich gemacht habe, auch in der Bundesliga umsetzen kann.“
Funkels Leidenschaft für den Fußball ist vererbt. „Mein Vater war ein fanatischer Fußballer“, sagt Funkel, der mit seiner Geburt beim VfR Neuss als Mitglied angemeldet wurde. Der Vater spielte in der dritten Liga und sorgte dafür, dass auch im Hause Funkel immer der Ball im Mittelpunkt stand. „Wir haben überall gekickt, in der Diele, im Wohnzimmer, auf dem Schulhof, auf dem Bürgersteig. Wir hatten ja nur den Fußball, früher gab es nicht so viele Freizeitmöglichkeiten.“
Der Fußballbegeisterung im Elternhaus konnte sich auch Friedhelms fünf Jahre jüngerer Bruder nicht entziehen. Auch Wolfgang schaffte es in die Bundesliga, zum 1. FC Kaiserslautern, und lief sogar zweimal für die deutsche Nationalmannschaft auf - ein Erfolg, der dem älteren Bruder nicht gelang. Dafür kann der Jüngere dem Älteren als Trainer nicht nacheifern. 2001 trainierten sie gemeinsam, Friedhelm als Chef- und Wolfgang als Co-Trainer, Hansa Rostock. Die Boulevardpresse echauffierte sich über „Vetternwirtschaft“ unter Brüdern. Weil es nicht auf Anhieb lief, musste, wie so oft, der Chef gehen, der Assistent durfte bleiben. „Ich würde es nicht noch einmal machen“, sagt Friedhelm Funkel. Er fühlt sich im Rückblick noch immer ungerecht behandelt, aber es regt ihn nicht mehr auf. „Ich bin mit den Jahren gelassener geworden und gehe nicht mehr bei jeder Kleinigkeit an die Decke“, sagt Funkel.
Seine Methoden zum Abschalten greifen offenbar. Während sich mit Ralf Rangnick unlängst erstmals ein Bundesligatrainer zum Burn-out-Syndrom bekannte und seine Stelle in Schalke aufgab, macht Funkel, trotz mehrfacher Abstiege und noch zahlreicherer nervenzehrender Abstiegskämpfe, einen entspannten Eindruck. „Es gibt Kollegen, die können nicht abschalten. Auch ich bin morgens um acht der Erste beim Training und abends der Letzte, der weg ist“, sagt Funkel. „Aber es gibt eine Zeit zwischen dem Fußball. Und seit sieben, acht Jahren gelingt es mir, abzuschalten. Man muss auch mal ins Kino oder zu einem Konzert gehen.“ Zerstreuung sucht er auch als Zuschauer am Boxring und bei Eishockeyspielen. Und an spielfreien Wochenenden zieht er sich in seine Wohnung auf Mallorca zurück.
Eine Leidenschaft aber, die Funkel zur Ablenkung dient, sticht hervor, weil sie scheinbar im Gegensatz zum nüchternen Vernunftmenschen steht: Funkel ist begeisterter Karnevalist, spätestens seit seinen Tagen beim 1. FC Köln. Mit den Bands „De Höhner“ und „De Räuber“ stand er in den jecken Tagen schon auf der Bühne und sang, jedes Jahr fährt er am Rosenmontag auf einem Umzugswagen mit. „Viele haben schon gesagt: Du bist Bundesligatrainer, das kannst du doch nicht machen. Warum denn nicht? Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun. Das werde ich auch weiterhin machen“, sagt Funkel. Mit einer Einschränkung: „Betrunken wird man mich nie sehen.“ Und wenn es sportlich nicht läuft, verzichtet er schweren Herzens auf den Karneval. Als er mit Berlin in der Saison 2009/2010 Tabellenletzter der Bundesliga war, ließ er sich beim Karneval nicht blicken.
Auch in Aachen ist die Abstiegsgefahr noch lange nicht gebannt. Angst, dass der Name Funkel nach dem nächsten Rauswurf verbrannt sein könnte, hat der Trainer nicht. Denn Selbstzweifel kennt Funkel nicht: „Darfst du als Trainer nicht haben.“ Das nächste Angebot ist ihm ohnehin gewiss: zur Not aus einer unterklassigen Liga, zur Not aus dem Ausland. Dabei will er eigentlich gar nicht mehr weg. Der Handlungsreisende in Sachen Fußball will sesshaft werden, in Düsseldorf, wo er seit einigen Jahren wohnt, unweit seiner Heimatstadt. „Ich kann nicht ausschließen, als Trainer noch einmal in eine andere Stadt zu gehen oder in ein anderes Land. Aber ich werde immer wieder hierher zurückkehren“, sagt Funkel. Notfalls wohl auch aus Basel.
Friedhelm Funkel wird 1953 in Neuss geboren.
Nach einer Lehre zum Großhandelskaufmann und einem Jahr als Angestellter in einem Elektrogroßhandel wird er Fußballprofi bei Bayer 05 Uerdingen. Mit dem Werksklub gewinnt er 1985 den DFB-Pokal.
1991 wird Funkel Cheftrainer in Uerdingen. Es folgen Engagements in Duisburg, Rostock, Köln, Frankfurt, Berlin, Bochum und Aachen.
Funkel ist aktives Mitglied im Neusser Schützenverein „Bomelante“. Er hat zwei Töchter und lebt mit seiner Lebensgefährtin in Düsseldorf.
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