http://www.faz.net/-gyl-742zh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 12.11.2012, 06:00 Uhr

Frank Stronach Magna Charta für Österreich

Frank Stronach verließ seine Heimat und schuf in Kanada den Autozulieferer Magna. Mit 80 Jahren ist er zurück und will nun politische Geschichte schreiben.

von
© Team Stronach Will Österreich lenken wie ein Unternehmen: der Magna-Gründer und Eurokritiker Frank Stronach.

Noch immer geht er mit dem federnden Schritt eines Athleten. Seine achtzig Jahre sind ihm kaum anzusehen. Auch nicht die Höhen und Tiefen, die er in diesen achtzig Jahren durchlaufen hat. Im Moment ist er - zumindest würden es seine Anhänger in Österreich so sehen - mal wieder in einer Hochphase. Denn der Milliardär Frank Stronach ist neuerdings unter die Eurokritiker gegangen. Mit seinem „Team Stronach für Österreich“ will er sich im kommenden Jahr in das österreichische Parlament wählen lassen. Er gibt sich als provokanter Mitbewerber für die etablierten politischen Kräfte, unermüdlich absolviert er einen Auftritt nach dem anderen. Seine Version von der Lösung der Euro-Krise: Stronach will zwar keine Rückkehr zu den früheren Währungen, aber „dass jedes Land seinen eigenen Euro hat mit einem flexiblen Wechselkurs. Der deutsche Euro würde vielleicht 1:1 bewertet werden, der griechische 40 Cent, der italienische 80, der österreichische auch 100.“ Die österreichische Presse schreibt kritisch bis hämisch, die Vorschläge seien wohl wenig praxistauglich. Im Publikum dagegen gibt es viel Beifall. Selbst manche ÖVP-Anhänger sollen der Meinung sein, das Land brauche „einen Stronach“.

Einst hat Frank Stronach den Autozulieferer Magna gegründet. Besucher erinnert er gern daran, indem er sie im beschaulichen 4000-Seelen-Örtchen Oberwaltersdorf empfängt. Hier, südlich von Wien, steht die Europa-Zentrale des Autozulieferers. Außerdem hat der Industrielle in Oberwaltersdorf eine Anlage mit Wohnhäusern und Club nach dem Vorbild amerikanischer eingezäunter Siedlungen aufbauen lassen. Was treibt ihn an? Wer danach fragt, bekommt eine Floskel zur Antwort: „Mein Gewissen. Das Leben war gut zu mir, ich möchte etwas zurückgeben. Ich tue es für die nachfolgenden Generationen, für sie will ich ein Land verändern.“ Zumindest in einer Hinsicht ist das plausibel: Stronach hat in seinem Leben wohl schon deutlich mehr Geld verdient, als er ausgeben kann. Seine Milliarden hat er mit Fleiß, Ehrgeiz und Tatkraft erwirtschaftet und auch mit dem nötigen Quentchen Glück. „Some guys have all the luck“, das ist einer seiner Lieblingssongs.

Der wahr gewordene kanadische Traum

Tatsächlich liest sich seine Lebensgeschichte wie ein Beispiel für den wahr gewordenen amerikanischen Traum. Genauer: kanadischen Traum. Stronach kommt in der Zwischenkriegszeit in Kleinsemmering in der Oststeiermark als Sohn einer Fabrikarbeiterin zur Welt und erhält den Namen Franz Strohsack, den er später in Stronach ändert. Als uneheliches Kind geboren zu sein, war damals im katholischen Österreich ein besonderer Makel. Er besucht die Hauptschule und absolviert eine Werkzeugmacherlehre bei dem auf elektrischen Anlagenbau spezialisierten Unternehmen Elin. In den fünfziger Jahren wandert er nach Kanada aus, mit gerade mal 200 Dollar in der Tasche. Zunächst arbeitet er als Kartoffelschäler im Keller eines Spitals. Bald danach legt er den Grundstein zu seinem heutigen Imperium, indem er in einer Garage erste Autoteile herstellt. Heute gehört Magna International mit Sitz in Aurora zu den führenden Autozulieferern der Welt. Zuletzt haben die 108.000 Beschäftigten einen Umsatz von fast 29 Milliarden Dollar im Jahr erwirtschaftet.

Sicherlich: Es gab auch eine Zeit, in der Magna in Schieflage war. Ende der achtziger Jahre schrumpfte die Autoindustrie. Stronach selbst hatte sich mehr seiner Leidenschaft, der Pferdezucht, und seinen erfolglosen politischen Ambitionen als Liberaler in Kanada gewidmet und sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. „Wir hatten zu sehr zentralisiert“, sagt Stronach heute über diese Phase. Nur knapp entging der Konzern mit seinen inzwischen 17000 Mitarbeitern damals dem Zusammenbruch, als die Banken schlagartig eine Milliarde kanadische Dollar Verbindlichkeiten fällig stellten. Der Kurs der Aktie schrumpfte von seinem Höchststand von 36,5 Dollar auf gerade mal 2 Dollar. Für Stronach stand ein Lebenswerk auf der Kippe. Er griff wieder persönlich ins Alltagsgeschäft ein, verkaufte Immobilien, um den Schuldenstand zu senken, und dezentralisierte den Konzern - aus seiner Sicht ein entscheidender Punkt. „Manager müssen ihre Verantwortlichkeiten kennen“, sagt er.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Britische Befindlichkeiten Die Insel unseres Missvergnügens

Eben weil wir Engländer sind, treten wir für unser Recht ein, keine Europäer zu sein: Den Briten waren beim EU-Referendum nationale Mythen wichtiger als die Vernunft, die sie vor einer Isolation bewahrt hätte. Mehr Von Gina Thomas, London

25.06.2016, 13:35 Uhr | Feuilleton
Ungültig! Bundespräsidentenwahl in Österreich wird wiederholt

Das österreichische Verfassungsgericht hat die Präsidentschaftswahl für ungültig erklärt und eine Wiederholung der Stichwahl angeordnet. Der Verfassungsgerichtshof in Wien gab der rechtspopulistischen FPÖ recht, die das Wahlergebnis angefochten hatte, nachdem ihr Kandidat Norbert Hofer die Stichwahl knapp verloren hatte. Mehr

01.07.2016, 15:41 Uhr | Politik
Österreich Die SPÖ hat einen neuen Kern

Das sozialdemokratische Zeitalter fängt gerade erst an, sagt Österreichs neuer Kanzler Christian Kern auf dem SPÖ-Parteitag in Wien – und wird mit knapp 97 Prozent der Stimmen zum neuen Parteivorsitzenden gewählt. Mehr Von Stephan Löwenstein, Wien

25.06.2016, 16:59 Uhr | Politik
Psychisch kranker Täter Großbritannien unter Schock nach Mord an Jo Cox

Nach dem Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox wenige Tage vor dem EU-Referendum in Großbritannien rätselt das Land über das Motiv des Angreifers. Der mutmaßliche Täter soll psychisch krank sein und Sympathien für Neonazis hegen. Beide politischen Lager legten indes ihre Kampagnen zum EU-Referendum auf Eis. Mehr

18.06.2016, 11:10 Uhr | Politik
Wahl in Amerika Trump, der bettelarme Milliardär

Der Republikaner tut sich schwer damit, Spender zu umgarnen. Sie fürchten, er bringe sich um den Sieg. Und er wolle sich ihr Geld in seine Tasche stecken. Nicht unberechtigt, wie seine finanziellen Unterlagen zeigen. Mehr Von Andreas Ross

23.06.2016, 12:25 Uhr | Politik