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Freitag, 17. Februar 2012
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Frank Mattern Der Chefberater

02.04.2007 ·  In der Schule Mathematik und Physik Leistungskurs, Studium der Betriebswirtschaftslehre, MBA-Titel, seit 1990 Bankenberater bei McKinsey – Deutschland-Chef Frank Mattern besticht durch Gradlinigkeit.

Von Ralf Nöcker und Holger Appel
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Es gibt Bilder, die sich vor dem geistigen Auge einfach nicht erzeugen lassen. Eine Meisterschaftsfeier im Stadion am Millerntor auf St. Pauli etwa, eine deutsche Autobahn, auf der alle das Rechtsfahrgebot befolgen – kaum vorstellbar. Oder etwa Frank Mattern als Student mitten im Getümmel einer rauschenden Fachbereichsparty. Denn dort, wo Unordnung und Zügellosigkeit herrschen, würde man den neuen Deutschland-Chef der Unternehmensberatung McKinsey nie und nimmer vermuten. Aber auch dort, wo es allzu aufgeräumt zugeht, fühlt sich Mattern offenbar nicht wohl. In jenen Abteilungen großer Investmentbanken etwa, die Unternehmen bei Übernahmen und Fusionen beraten. Dort hatte der Student Mattern Praktika absolviert. Herausfordernd war dabei für ihn aber lediglich die Bewerbungsphase. Und zwar nicht, weil er nirgendwo unterkam – im Gegenteil. „Es gab eine Zeit, da war es mein sportlicher Ehrgeiz, eine zweistellige Zahl von Angeboten zu bekommen“, erklärt Mattern. Das Vorhaben gelang: Aus 20 Vorstellungsgesprächen wurden zehn Jobangebote. Die M&A-Abteilung von Morgan Stanley in London erhielt schließlich den Zuschlag für das Praktikum, weil die „in“ war. „Da musste man einfach hin“, erinnert sich Mattern. Mit dem sportlichen Ehrgeiz war dagegen erst einmal Schluss, jedenfalls was das Sammeln von Arbeitsangeboten anging. Im wahren Sinne des Wortes flammte dieser erst mit 40 Jahren wieder auf: Mattern spielt seither Golf – „sehr schlecht“, wie er unumwunden zugibt.

Sich dauerhaft als Firmenverkäufer zu betätigen kam Mattern allerdings nicht in den Sinn: „Dort ist man Berater und Intermediär in einem sehr strukturierten Prozess, der nur wenig eigenen gestalterischen Entscheidungsspielraum lässt“, blickt Mattern zurück. Und das war ihm nicht „exciting“ genug, ein Begriff, den er häufig und gerne benutzt. 1990 wechselte Mattern dann also zu seinem jetzigen Arbeitgeber, auch dieser durch drei Praktika bereits bestens bekannt, wo er dann auch gleich Banken beraten sollte – was er heute immer noch schwerpunktmäßig tut.

Wie sag ich es den Schwiegereltern?

Hätte man ihm die Wahl gelassen, hätte er lieber Industrieunternehmen beraten. Seine eigene Profession empfand er schon als hinreichend virtuell, da wollte er es wenigstens auf Klientenseite mit Handfestem zu tun haben, sagt Mattern. Automobile beispielsweise. „Beim Daimler arbeiten, das ist für Außenstehende leichter nachvollziehbar. So was kann man auch gut den Schwiegereltern erklären“, sagt er. Auch Frankfurter Wirtschaftskanzleien hat er einige Zeit in der Frage beraten, ob und wie sie sich internationalisieren sollen – eine Klientel, die zwar ob der geringen Größe nicht zur Zielkundschaft gehörte, bei der ihm die Arbeit aber „einfach Spaß“ gemacht hat.

Man ließ ihm die Wahl aber nicht, und so startete er als Berater von „Financial Institutions“, wie das neudeutsch heißt. Bereut hat er es offenbar nicht, denn dem Bankensektor ist Mattern ebenso treu wie seinem Arbeitgeber. Zwischen 1997 und 2001 hat er die deutsche Finanzdienstleistungsgruppe der Beratung geleitet. Und nun ist er also Chef von McKinsey Deutschland geworden. Und hat damit eine Rolle eingenommen, deren Gewicht er gerne herunterspielt. Er wisse nicht einmal, welche Kompetenzen er eigentlich genau habe, erklärt Mattern, und das ist nicht nur Koketterie. Denn die Zeiten, in denen die Beratungen in Deutschland von einer schillernden Führungsfigur geprägt wurden, sind wohl vorbei. Längst drängen hier die Branchen- und Funktionsspezialisten nach vorne, der Abstand in der Hierarchie zwischen diesen spezialisierten Partnern und dem jeweiligen Landeschef ist mit der Zeit immer geringer geworden, nicht nur bei McKinsey. Außerdem müssen auch die Beratungschefs am Ball bleiben, was ihre Klientenarbeit betrifft, sonst sind sie nach Ende ihrer Amtszeit nicht mehr auf der Höhe der Zeit, was ihr Branchen-Knowhow betrifft. Auch Mattern berät also weiter, wie alle McKinsey-Kollegen, die nebenher noch ein anderes Amt ausüben. „Professionals bleiben bei uns Professionals, auch wenn sie Management-Funktionen übernehmen.“

Aufsehen erregen, das kann er schon

Noch nicht festlegen möchte sich Mattern auf Themen, für die er als McKinsey-Chef stehen möchte. Mit seinem Vorgänger Jürgen Kluge verbindet man das Thema Bildung und die Beratungsschwerpunkte Öffentlicher Sektor und Mittelstand. Dass er aber mit seinen Positionen für Aufsehen sorgen kann, hat Mattern bereits einmal bewiesen, als er vor vier Jahren in einem Papier vor der Auflösung des Finanzplatzes Frankfurt warnte.

Immer wieder habe es Angebote gegeben, den Arbeitgeber zu wechseln. „Schon als Projektleiter ist man bei Klienten sehr sichtbar“, sagt Mattern. Die Deutsche Bank habe ebenso gelockt wie die Deutsche Börse. Doch es blieb bei der Nibelungentreue zu Deutschlands größtem Beratungsunternehmen. „Die Lernkurve ist hier einfach steiler“, sagt der 45 Jahre alte Berater, der keinen deutschen Doktortitel hat, weil er den für sich selbst nicht wichtig findet. Die Frage, wo er mehr lernen könne, treibe ihn bis heute um, wenn auch nicht mehr so ausgeprägt wie früher. Dafür komme es ihm heute besonders darauf an, sich mit Leuten zu umgeben, die anders seien als er. Das halte die Gedanken in Schwung. Bei McKinsey geblieben sei er aber auch, weil mit den Jahren die persönliche Unabhängigkeit gewachsen sei – und gerade dieses sei ihm immer wichtiger geworden. Kein Chef, keine Hierarchie, kein Organigramm, so beschreibt Mattern seine berufliche Verortung bei McKinsey. „Wir sind Unternehmern sehr ähnlich“, meint er und beschreibt damit auch sogleich die für ihn einzig denkbare Alternative: Wenn es für ihn überhaupt eine zu McKinsey geben sollte, dann bestünde diese in der Gründung eines eigenen Unternehmens. Auch bei McKinsey betätigte sich Mattern als Gründer – auf seine Initiative geht das „Business Technology Office (BTO)“ der Beratung zurück. Diese Einheit, die heute gut 500 Berater an 14 Standorten beschäftigt, hilft Unternehmen dabei, mit Computerunterstützung Geschäftsprozesse zu optimieren. Mattern hat das BTO im Jahr 1997 gegründet und geleitet, bis er zum Deutschland-Chef gekürt wurde.

Mathematik und Physik als Leistungskurse, Golfspielen, MBA-Titel – vieles an Mattern ist vereinbar mit dem Bild des „typischen“ McKinsey-Beraters. Einigen mit seinem Berufsstand verbundenen Klischees arbeitet Mattern aber auch bewusst entgegen. „Bei McKinsey wird manchmal zu viel gearbeitet“, sagt er etwa, oder dass „eine Fleißkultur, in der befördert wird, wer abends am längsten da ist, nichts bringt“. Mehr sei nicht immer besser, betont er. Auf die Qualität komme es an. Auch übertriebene Ernsthaftigkeit hat bei ihm, der nicht gerade als Prototyp des mitreißenden Spaßmachers daherkommt, nach eigener Überzeugung keinen Platz. „Nichts ist schlimmer als Traurigkeit. Humor ist unheimlich wichtig“, sagt Mattern. Möglicherweise sind das Signale in Richtung Nachwuchs, den gerade der hohe Zeitverbrauch und die steife Atmosphäre der Beratungen häufig davon abhält, bei McKinsey anzuheuern. Er wünsche sich, dass McKinsey als frauen- und familienfreundlicher wahrgenommen werde, dafür werde die Beratung noch einige Anstrengungen unternehmen, kündigt Mattern an.

Verhasste Wochenendarbeit

Ihm selbst sei das Wochenende heilig, betont der Chefberater, er hasse es, sonntagabends eine Dienstreise antreten zu müssen, weil das schon den ganzen Tag mit einer ungemütlichen Aufbruchstimmung belaste. Das Mobiltelefon schalte er aus, sobald er nach 12 bis 13 Stunden Arbeit Feierabend habe. Wobei es diese strikte Trennung in seinen Augen immer weniger gibt. „Arbeitszeit und Freizeit gehen immer mehr ineinander über“, erklärt Mattern, um gleich noch zwei weitere Zeitbegriffe einzuführen, die seine Idee von „Work-Life-Balance“ konkretisieren. Ihm komme es auf „Qualitätszeit“ mit der Familie an, nicht auf „Zeitmaximierung“. Seine Frau, eine promovierte Mikrobiologin, die ihn zum Studium an die Wharton School begleitet hatte, hat in ihrem Beruf nur wenig gearbeitet. Für zwei Karrieren war im Hause Mattern offenbar kein Raum, wohl aber für drei Kinder.

Die nächsten sechs bis sieben Jahre im Leben des Frank Mattern scheinen nun vorgezeichnet. Er, der seiner Wahlheimat Frankfurt auch mit der Berufung auf die Spitzenposition treu geblieben ist und das Beratungsunternehmen vom Main aus führt, wolle sich nun erst mal auf Deutschland konzentrieren. Auf ewige Zeiten, das weiß er, wird er die Spitzenposition nicht innehaben. Dann gilt es, neue Aufgaben zu finden, und die sieht Mattern außerhalb des Landes. „Dann möchte ich wieder international arbeiten.“

Zur Person

Frank Mattern wird am Heiligabend 1961 in Krefeld geboren

Er studiert in Münster und London Betriebswirtschaftslehre und erwirbt an der Wharton School (University of Pennsylvania) den Titel des Master of Business Administration (MBA)

Während des Studiums arbeitet Mattern im Investment-Banking. Seine Zukunft sieht er hier aber nicht. Stattdessen steigt er 1990 bei McKinsey ein. Dort berät er von Beginn an Banken

1995 wird er zum Partner ernannt, vier Jahre später zum Director, im Herbst 2006 zum Deutschland-Chef der Beratung

Mattern ist verheiratet mit einer Mikrobiologin und Vater dreier Kinder

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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

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