Das vermeintliche Wunderkind ist doch kein Wunderkind. Der zierliche zwölfjährige Junge mit dem blau-weißen Sweatshirt und dem süßen Lächeln ist ein normales Kind. Ein aufgeweckter Bub ist Felix Finkbeiner freilich schon. Und sehr selbständig. Ganz allein ist er in München mit dem Zug losgefahren. Am Ulmer Hauptbahnhof hat er seinen Vater getroffen. Nun fahren die beiden an den Frankfurter Flughafen. Dort wird Deutschlands jüngster Gründer einer Umweltschutzorganisation mit seinem Vater in ein Flugzeug nach China steigen - die chinesische Regierung hat ihn eingeladen.
„In China halte ich einen Vortrag“, sagt Felix. Er sitzt aufrecht am Tisch eines Zugabteils. Aufmerksam und unaufgeregt hört er zu, seine Antworten kommen prompt. „Ich erzähle dort, was wir Kinder machen“, erklärt er und fügt hinzu: „Wir Kinder fühlen uns verarscht.“ Auf dem Gipfel der großen Industrieländer G 8 Anfang 2009 seien tolle Klimaschutzziele bis zum Jahr 2050 formuliert worden. Doch seien inzwischen alle Zwischenziele aufgegeben worden, beklagt er. Seine Sätze formuliert er ein wenig mechanisch - er hat sie schon oft gesagt.
Sein Vater ist inzwischen an den Anfang des Zuges geeilt, es gibt ein Problem mit den Fahrkarten, das er klären muss. Dass Felix ein Interview auch alleine bestreiten kann, daran hat er offensichtlich keinen Zweifel. Schließlich gibt sein Sohn öfters Interviews. Pressekonferenzen hält er auch, und Vorträge sowieso - 2009 waren es rund sechzig. In China einen Vortrag zu halten ist für ihn deshalb nicht mehr aufregend. Nach China zu reisen findet er hingegen „toll“.
Die Kollegin ist dreizehn Jahre alt
Allerdings ist er, seit er 2007 mit neun Jahren die Umweltschutzorganisation „Plant-for-the-Planet“ gegründet hat, viel herumgekommen. In New York war er und in Korea, Norwegen und Schweden. Auch in der Schweiz, Österreich und Italien hat er seine Organisation vorgestellt und, wie in allen seinen Vorträgen, auch über Klimagerechtigkeit gesprochen. In New York nahm er an einem Klimagipfel teil, der einen Tag vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen stattfand. „Eine Kollegin aus Indien hat dort gesprochen“, erzählt Felix. Die Kollegin war dreizehn Jahre alt. Er selbst hielt eine Pressekonferenz.
Einige berühmte Menschen hat er auf seinen Reisen getroffen. Fasziniert haben sie ihn selten. Dem früheren amerikanischen Vizepräsidenten und Klimaaktivisten Al Gore zum Beispiel ist er in München begegnet. „Ich habe kurz mit ihm geredet; er war nicht besonders beeindruckend.“
Fasziniert hat ihn aber eine prominente Person: Wangari Maathai. Mit ihr hat er in New York auf einem Podium gesessen. Von der kenianischen Friedensnobelpreisträgerin und Gründerin der Umweltschutzorganisation Green Belt Movement hatte er schon im Januar 2007 erfahren. Damals sollte er in der Schule einen Vortrag über die Klimakrise halten. Bei der Vorbereitung interessierte ihn besonders, was er im Internet über Wangari Maathai las. Sie hatte in Kenia zusammen mit anderen Frauen mehr als 30 Millionen Bäume gepflanzt, um der Entwaldung und der Bodenerosion entgegenzuwirken. Zu Wochenbeginn hielt Felix dann sein Referat und schloss mit dem Aufruf: „Wir Kinder sollten in jedem Land der Erde eine Million Bäume pflanzen.“
Den Nerv der Zeit getroffen
Mit dieser Idee passierte dann etwas, was nur mit einem klitzekleinen Teil der vielen Ideen, die Erwachsene und vor allem Kinder auf der ganzen Welt ständig haben, geschieht: Sie wurde verwirklicht. Sie wurde nicht als Phantasterei abgetan, sondern fiel auf fruchtbaren Boden. Zunächst blieb sie im Kopf von Felix' Lehrerin hängen. Diese erzählte anderen Schülern und Kollegen, vor allem der Schuldirektorin, davon. Die Direktorin schickte Felix in andere Schulen, wo er über seine Idee berichtete. Und zwei Monate nach seinem Referat wurde an Felix' Schule, der Munich International School in Starnberg, die erste offizielle Baumpflanzaktion veranstaltet. Im Radio und in der Zeitung wurde darüber berichtet, Felix gab seine ersten Interviews. Kurz darauf wurden auch an anderen Schulen in der Nähe Bäume gepflanzt. Dass sich Kinder für den Schutz des Klimas engagierten, traf offensichtlich den Nerv der Zeit.
Wie sehr dieser Nerv getroffen wurde, zeigt die rasante Entwicklung, die Plant-for-the-Planet seitdem genommen hat. Der erste Flyer wird gedruckt und verschickt, der Autohersteller Toyota als Sponsor gewonnen. Seine erste größere Rede hält Felix im November 2007 vor dem Rotary Club in Weilheim. Die Bilanz bis zum Frühjahr 2008: 50.000 Bäume. Seitdem hat sich diese Zahl verzehnfacht: In mehr als 300 deutschen Schulen wurde eine halbe Million Bäume gepflanzt. Eine zweite halbe Million ist versprochen.
Der Vater nahm ihn zunächst nicht ernst
Felix' Vater, der vor knapp zehn Jahren selbst eine Umweltstiftung gegründet hat, hält sich zunächst mit einer Unterstützung für Plant-for-the-Planet zurück. „Meine Mitarbeiter und ich haben das nicht ernst genommen“, sagt Frithjof Finkbeiner. Doch dann kam es zu einem Schlüsselerlebnis. Der Vater hatte in Berlin eine Konferenz organisiert, an der allerlei Prominenz teilnahm. Im vornehmen Hotel Adlon wurde eine Pressekonferenz veranstaltet. „Niemand kam“, erinnert sich Finkbeiner. Einen guten Monat später geben Felix und seine Mitstreiter eine Pressekonferenz im Literaturhaus in München. Die Resonanz ist mit 500 Erwähnungen in den Medien riesig. Von da an beginnen die Mitarbeiter der Stiftung Plant-for-the-Planet zu unterstützen. Heute fließt 60 Prozent ihrer Kraft in die Umweltorganisation der Kinder.
Seitdem ist auch die Internationalisierung vorangetrieben worden. Im Sommer 2008 reist der damals 10-jährige Felix alleine nach Norwegen, um an der Kinderkonferenz von UNEP, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen, teilzunehmen. Er hält eine Rede und wird in den Kindervorstand gewählt. Die zweite Kinderkonferenz, die im vergangenen August in Südkorea abgehalten wurde, bereitet er mit vor. Auch dort hält er eine Rede, von der es ein beeindruckendes Video auf der Internetseite von Plant-for-the-Planet gibt. In einwandfreiem Englisch sagt er: „Jeder, der in seinem Land eine Million Bäume pflanzen wird, soll bitte auf die Bühne kommen.“ Wenige Minuten später drängen sich rund 500 Kinder aus 56 Ländern auf der weiten Bühne. Besonders viel Hoffnungen setzen Felix und seine Mitstreiter nun auf China. Während seines Aufenthaltes im Reich der Mitte hat die Vizeforstministerin Felix versprochen, Plant-for-the-Planet auf der Expo 2010 in Schanghai zu einem Thema zu machen. Dann, glaubt man, wäre der internationale Durchbruch geschafft.
„Wir reden jeden Tag über die Rettung der Welt“
Dass ein zwölfjähriger Schüler so viel Zeit in den Schutz der Umwelt investiert, mag übertrieben und unkindlich erscheinen. Doch wirkt Felix unbekümmert, wenn er von seinem Leben spricht. Anders als viele Kinder hat er keine zeitraubenden Hobbys. „In meiner Freizeit treffe ich mich mit Freunden, fahre Mountainbike oder gehe schwimmen.“ Dass er manchmal ganze Wochen in der Schule fehlt, bereitet ihm keine Sorgen. Seine Noten seien überdurchschnittlich, wiegelt er ab.
Sein Engagement hat sicherlich viel mit seinem familiären Hintergrund zu tun. Mit Vater, Mutter und zwei Schwestern lebt er in einem idyllischen kleinen Dorf zwischen Starnberger See und Ammersee. In dem Haus der Finkbeiners residiert auch die Umweltstiftung seiner Eltern. In der oberen Etage widmen sie sich zusammen mit vier Mitarbeiterinnen dem Schutz der Umwelt und der fehlenden Gerechtigkeit zwischen armen und reichen Ländern. Unten findet das Familienleben statt. Zwischen oben und unten herrscht reger Kontakt; zum Beispiel isst man mittags zusammen. Sich mit Umwelt- und Gerechtigkeitsthemen zu beschäftigen gehört für Felix deshalb schon lange zum alltäglichen Leben. „Wir reden jeden Tag über die Rettung der Welt“, sagt sein Vater.
Die Vermutung, dass er das große Vorbild seines Sohnes ist, liegt nahe. 1994, als Frithjof Finkbeiner 32 Jahre alt ist, hört er einen Vortrag von Al Gore zum Wachstum der Weltbevölkerung und den verheerenden Auswirkungen auf die Umwelt. Das Thema lässt ihn nicht mehr los. Er verkauft sein Baustoffunternehmen. Wirtschaftlich unabhängig, gründet er mit seiner Frau eine Umweltstiftung und widmet sich, wie er selbst sagt, nur noch der „Weltrettung“. Finkbeiner ist stolz auf seinen Sohn. Felix wisse genau, was er wolle. Auf ein Podest will er ihn aber auf keinen Fall gestellt sehen. So hielten inzwischen zwanzig Kinder Vorträge für Plant-for-the-Planet. Sie könnten das genau so gut wie Felix, sagt sein Vater - und denkt schon an die Zukunft. Nach und nach müsse die Organisation auf andere Kinder übergehen, denn Felix werde in ein paar Jahren aus ihr herauswachsen. Was Felix dann machen wird, weiß er noch nicht.
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Zur Person
Felix Finkbeiner wird am 8. Oktober 1997 in München geboren.
Er besucht internationale Schulen, weshalb er fließend Englisch spricht. Seit der dritten Klasse ist er jedes Jahr Klassensprecher.
Im Januar 2007 hält er ein Referat über die Klimakrise und ruft dazu auf, Millionen Bäume zu pflanzen. Kurz darauf gründet er die Schülerinitiative Plant-for-the-Planet.
Felix lebt mit seinen Eltern und zwei Schwestern in einem Dorf zwischen Ammersee und Starnberger See. Im gleichen Haus residiert die Zukunftsstiftung der Eltern.
Sohn gottes?
Ottmar Heinrich (HeadCup)
- 06.01.2010, 09:35 Uhr
