01.12.2011 · Zahnärztin, Autofreak, Hobbykünstlerin: Schwedens Handelsministerin Ewa Björling fällt durch ihre Vielseitigkeit auf und packt auch gerne mit an.
Von Sebastian BalzterWeisheitszähne waren einmal Ewa Björlings Spezialität. Nach 1006 Operationen habe sie aufgehört zu zählen, sagt die Frau, die seit vier Jahren an der Spitze des schwedischen Handelsministeriums steht. „Ein herrliches Gefühl, einem Menschen zu helfen, der Schmerzen hat“, schwärmt sie. „Manchmal juckt es mich noch in den Fingern.“ Björling fiel es nicht leicht, ihren erlernten Beruf aufzugeben, es war ein Abschied in Raten: Drei Jahre lang saß sie von Dienstag bis Donnerstag schon als Abgeordnete der bürgerlichen Regierungspartei im schwedischen Parlament, nahm montags und freitags aber weiterhin Termine in der Zahnarztpraxis wahr, die sie zusammen mit ihrem Mann in der Kleinstadt Ekerö im Westen von Stockholm aufgebaut hatte. Doch Amt für Amt nahmen die Aufgaben im außenpolitischen Ausschuss, in der Gentechnikkommission, im schwedischen HIV-Präventionsrat zu. 2005 entschied sie sich ganz für die Politik.
Bereut habe sie diesen Schritt nie, betont Björling - auch wenn der Seufzer über die Freuden der Oralchirurgie gerade noch anders geklungen hat. Mit dieser Spannung zu leben scheint der Fünfzigjährigen nichts auszumachen. „Schließlich habe ich jetzt den spannendsten Job der Welt!“ Björlings Prinzip dafür lautet: Vielseitigkeit. Ein Ziel fest vor Augen haben, alle Ablenkungen davon vermeiden - das ist nicht ihr Stil. Als der Ministerpräsident ihr am Telefon den Ministerposten anbot, berichtet sie, habe sie auf einer Dienstreise in einem Hotel in einem Vorort von Tel Aviv gesessen. Die Frage kam überraschend, auch wenn Björling zuvor schon hin und wieder Kontakt zur Welthandelsorganisation hatte. Dass sie für das Amt qualifiziert sei, habe sie aber nie in Frage gestellt. Auch der Gedanke, die neue Aufgabe nicht aktiv gesucht zu haben, habe sie nicht belastet. „Dass man nicht weiß, was hinter der nächsten Kurve kommt, ist doch gerade das Schöne am Leben.“
Zu einem kurzen Zögern habe sie vielmehr die Aussicht darauf gebracht, künftig unter Dauerbeobachtung zu stehen und ihr Leben zwischen die vielen Pflichttermine in einem prallgefüllten Kalender quetschen zu müssen. „Am schwierigsten ist, dass ich im Beruf jetzt fast ständig in Gesellschaft bin“, sagt Björling. „Dabei habe ich einen großen Einsamkeitsbedarf.“ Ihre Familie wisse glücklicherweise, wann sie allein gelassen werden müsse - zum Wandern in den Bergen, zum Skifahren, zum Durchatmen an der Küste. „Am liebsten, wenn es draußen richtig kalt ist. Schnee und Eis haben wir oft, das gefällt mir an Schweden besonders.“
Rücksicht auf persönliche Vorlieben nahmen die schwedischen Medien jedoch nicht, als Ewa Björling im September 2007 ihr Amt antrat. Allerdings hatte ihnen der Ministerpräsident bei der Vorstellung seiner neuen Kabinettsangehörigen auch die passende Vorlage geliefert: Über den Strafzettel, den die angehende Ministerin einmal für zu schnelles Autofahren kassiert hatte, informierte er die versammelte Presse genauso wie über die vom Finanzamt beanstandeten unversteuerten Zahlungen an eine polnische Haushaltshilfe. Jeder sollte es wissen, niemand daraus später einen Skandal machen können. „Danach hat mich natürlich niemand mehr nach meinen politischen Zielen gefragt“, erzählt Björling. Die Delikte habe sie begangen, als sie noch keine politische Verantwortung getragen habe - und zumindest von dem Tempolimit habe sie auch nichts geahnt, bevor sie es übertreten habe. Für die Bezahlung von Haushaltshilfen hat die bürgerliche Regierung inzwischen übrigens einen Steuerfreibetrag eingeführt.
Nein, im Rückblick will Ewa Björling nicht einmal diese beiden aktenkundigen Fehltritte so recht bereuen. „Ich kann damit leben“, sagt sie fast schon trotzig. „Kurios ist aber, dass es nicht einmal der Porsche war, mit dem ich damals zu schnell gefahren bin.“ Denn der Porsche ist Ewa Björlings Markenzeichen. Auffällig ist er unter anderem seiner Farbe wegen. Zu ihr habe es schlichtweg keine Alternative gegeben, beteuert Björling: Für die 911 Exemplare, die der Sportwagenhersteller aus Zuffenhausen als Jubiläumsedition 30 Jahre nach dem ersten 911er fertigte, war Lila die Exklusivfarbe. „Anders war das Auto nicht zu haben.“ Die offizielle Bezeichnung des Farbtons schiebt sie ehrfürchtig im deutschen Original hinterher: „Viola-metallic.“
Auffällig ist das Coupé aber auch deshalb, weil auf Schwedens Straßen nirgends schneller als 120 Stundenkilometer gefahren werden darf - und weil stärker als etwa in Deutschland Gleichheit in ganz Skandinavien als gesellschaftliches Ideal gilt. Wohlstand zeigt man nicht, Überlegenheit hat einen unangenehmen Beigeschmack. „Du sollst dir nicht einbilden, besser als wir zu sein“ lautet der weitverbreitete Grundsatz, den der Schriftsteller Aksel Sandemose in den zehn Paragraphen seines „Gesetzes von Jante“ aufs Korn genommen hat.
Es ist ein Gesetz, das Ewa Björling genauso zuwider ist wie das weibliche Rollenmodell. Als junge Frau sei sie mit ihrem Saab hin und wieder nach Deutschland gefahren, um auf der Autobahn Gas geben zu können. Zu ihrem 40. Geburtstag habe sie sich damals einen richtigen Sportwagen versprochen; mit drei Jahren Verspätung stand der Porsche vor der Haustür. „Das ist mein Auto, meinen Mann lasse ich da nicht ans Steuer“, berichtet sie. Für die vierköpfige Familie samt Haustieren wäre in dem Flitzer ohnehin nicht genug Platz. Als schnell genug für einen Strafzettel hat sich aber auch der Kombi von Volvo erwiesen, der in der Garage daneben steht.
Im Dienst trägt Björling zum schwarzen Kostüm eine teure Handtasche und als Farbklecks ein exotisch gemustertes Tuch; zu Hause dagegen am liebsten den Blaumann. „Ich schraube ungeheuer gern an Motoren herum, das war schon immer so.“ Die Parallelen zur Tätigkeit als Oralchirurgin seien offensichtlich, findet sie. „Das Tüfteln, die praktische Arbeit mit den Händen, das Improvisieren liegt mir.“ Möglicherweise sei das ein Erbe ihres Vaters, vermutet Björling, der aus Schwedens dünnbesiedeltem Norden stammte. Dort gibt es nicht für jedes Problem einen Fachmann. Früher oder später muss sich deshalb jeder selbst zu helfen lernen. Auch Kunst traut Ewa Björling sich zu: Mit ihren handgegossenen Gläsern hat sie in Ekerö sogar schon einmal eine Ausstellung bestritten. Außerdem malt sie und schreinert in der eigenen Werkstatt.
Sie sei ein „Renaissancemensch“, hat eine schwedische Zeitung ihrer vielfältigen Interessen wegen einmal über sie geschrieben, das hat ihr geschmeichelt. Als Politikerin etwa setzt sie sich außerhalb ihres eigenen Ressorts für die HIV-Forschung genauso ein wie für die Beziehungen Schwedens zu Israel, womit sie sich nicht nur Freunde macht. „Je mehr man tut, desto mehr schafft man auch“ lautet ihre Devise. „Mir ist ein volles Leben lieber, als zu Hause zu sitzen und nur noch die Post reinzuholen.“ So beantwortet sie auch die unausweichliche Frage, wie sie das Familienleben mit zwei Kindern und den Politikerberuf miteinander vereinbart. „Manchmal beschwere ich mich bei meinem Mann und sage, dass ich einfach nur Hausfrau sein möchte. Dann lacht er nur. Spätestens nach zwei Wochen würde ich die Wände hochgehen.“
Auch deshalb bleibt Björling im Amt. Bis zum Ende dieser Legislaturperiode soll sich das schwedische Exportvolumen verdoppeln, fordert die Ministerin ganz unbescheiden. „Mir geht es nicht darum, das statistisch genau bis auf die Nachkommastellen zu erreichen. Aber gerade für eine Behörde ist es wichtig, ein deutliches Ziel vor Augen zu haben.“ Gerade erst sei ein Freihandelsabkommen mit Südkorea abgeschlossen worden, berichtet Björling, dort sei das Wachstumspotential für die vielen schwedischen Maschinenbauer riesig.
Zuletzt stand eine Reise nach Syrien in ihrem Kalender. Auf dem Weg zu den Verhandlungen bekam ihr engster Mitarbeiter Zahnschmerzen. Björling versorgte ihn noch im Flugzeug mit Schmerzmitteln und Fluorlack. Die fällige Wurzelbehandlung überließ sie dann aber den Fachleuten. Ob sie das auch selbst hinbekommen hätte? Ewa Björling schaut kurz hinüber zu dem Assistenten - seine Wange ist noch ein wenig geschwollen nach dem Eingriff -, dann antwortet sie: „Ich glaube schon.“
Ewa Helena Björling wird am 3. Mai 1961 in Ekerö geboren.
Sie studiert Zahnmedizin in Stockholm, wird 1993 promoviert und arbeitet danach als Virologin am renommierten Karolinska Institutet in Stockholm.
Seit 2002 vertritt sie als Abgeordnete der bürgerlichen Partei Moderaterna den Wahlkreis Stockholm im schwedischen Reichstag. 2007 wird sie zur Handelsministerin ernannt.
Ewa Björling ist seit 24 Jahren verheiratet und lebt zusammen mit ihrem Mann, zwei Kindern, einem Hund, einer Katze und einem lila Porsche in ihrem Geburtsort Ekerö
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