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Samstag, 11. Februar 2012
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Erich Sixt Der Schrecken der Mietwagenbranche

09.11.2009 ·  Er fällt gerne mit provokanter Werbung auf, er liebt harte Diskussionen. Aber neben dem krawalligen gibt es auch noch einen in sich gekehrten Erich Sixt.

Von Rüdiger Köhn
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Erich Sixt lässt sich gerne inspirieren. Zum Beispiel, wenn er mit Sohn Alexander in Salzburg in die Oper geht, so wie vor ein paar Monaten. Nach der Aufführung machte der 29 Jahre alte Junior seinen Vater bei einem Glas Wein darauf aufmerksam, dass der SPD-Politikerin Ulla Schmidt im spanischen Alicante der Dienstwagen abhanden gekommen war. Der Vorstandsvorsitzende und Großaktionär des größten deutschen Autovermieters erfuhr da das erste Mal vom Sommertheater der ehemaligen Gesundheitsministerin.

Das war Sonntagabend. Die „tolle Idee“ war Montagmittag im Internet als Werbung, nicht zuletzt dank seines zweiten Sohns Konstantin, der das E-Commerce-Geschäft des Unternehmens leitet: „Sixt hat auch Mietwagen in Alicante“, lautete der Slogan mit Anspielung. „Das war echte Teamarbeit, wir hatten alle einen Riesenspaß.“ Jung von Matt, seit jeher die Werbeagentur von Sixt in Sachen unkonventioneller Werbung, legte am Mittwoch mit der Printkampagne mit dem großen Konterfei von Ulla Schmidt nach: „Versprochen: Nächstes Mal miete ich bei Sixt.“ Oft kommen die Initialzündungen für solche provokanten Kampagnen von Sixt selbst, die dann Jean-Remy von Matt, seit 26 Jahren sein enger Partner, umsetzt.

Nachtreten gegen Ulla Schmidt

Es ist nicht das erste Mal, dass Sixt mit seiner Werbung auffällt. Wer die Kampagne mit Angela Merkel losgetreten hat, weiß er heute nicht mehr – oder will es zumindest nicht sagen. Im Jahr 2001 sorgten die zu Berge stehenden Haare der heutigen Bundeskanzlerin als Cabrio-Werbegag für Furore. Spätestens von da an war Sixt auch das Enfant terrible der Werbung. Gerne lässt er sich kritisch und auch mal abfällig über Politiker und Manager aus, die ihm nicht passen oder seinem Bild eines glaub- und vertrauenswürdigen Kaufmanns zuwider gehen. Er tritt auch schon mal nach, etwa Wochen später im Fall Ulla Schmidt. Sie habe bei Sixt nachfragen lassen, teilte er mit. Eine Mercedes S-Klasse habe es aber nicht gegeben – und einen Dreier-BMW schlug die Sozialdemokratin aus.

„Ich nehme die Dinge nicht so ernst“, sagt Sixt. Aus Kontroversen und Provokationen entstehe Kreatives. Das gilt genauso für das Management und die Mitarbeiter. Vereinfachen, überspitzen und mit Gegenargumenten herausfordern, das sei ihm wichtig. „Harte Diskussionen, in denen konträre Positionen vertreten werden, sind schon deshalb unverzichtbar, weil sie die Leute aus dem Tiefschlaf holen.“ So lange seien Vorstandssitzungen und Meetings keine Kuschelveranstaltungen. „Man muss mir Kontra geben“, sagt Sixt. Er habe bewusst keine Ja-Sager im Aufsichtsrat gewollt. „Wenn ich Großaktionär und Vorstandschef bin, brauche ich ab und zu jemanden, der sich gegen mich stellt.“

Avon-Beraterinnen hätten fast das Ende bedeutet

Sixt muss das betonen, weil er in der Außenerscheinung durchaus als Patriarch gesehen wird. Diesem Klischee widerspricht er energisch. „Selbst wenn ich die Gegenargumente verwerfe, habe ich einen Respekt vor denen, die sie vertreten haben, denn sie haben den Mund aufgemacht.“ Ist die Grundsatzentscheidung nach kontroversen Diskussionen gefallen, verlangt der Besessene nach umgehender Umsetzung, ohne Zaudern und Zögern.

Nicht immer ist alles glattgegangen. Es habe manch brenzlige Situation gegeben. Um ein Haar würde er heute nicht in seinem Designbüro mit dem Blick ins idyllische Grün sitzen. Kritisch wurde es, als er 1973 den ersten großen Leasingauftrag hereinholte und Autovermietung noch das große Geschäft war. Vom Kosmetikunternehmen Avon hatte er einen Auftrag für 500 Fahrzeuge erhalten. Günstig kam er an Modelle der damals noch existierenden französischen Marke Simca heran. „Auf dem Papier war das ein Supergeschäft.“ Dumm nur, dass die Kundenberaterinnen nicht mit dem Auto zurechtkamen. Der Simca hatte Vorderradantrieb und eine gewöhnungsbedürftige Schaltung. Reihenweise seien die Wagen im Graben gelandet. „Ein Drittel der Autos ist zu Schrott gefahren worden.“ Sixt gelang es, auf Renault umzustellen. „Das hat mich gerettet.“

Seit den achtziger Jahren mischt er die Branche auf

Und es hat ihn gelehrt, nicht alles auf eine Karte zu setzen. „Ich brauche ein Sicherheitsseil, Freeclimber mag ich nicht“, zieht er eine Parallele zum alpinen Klettersport. Wagemutig ist er dennoch geblieben. In den achtziger Jahren hat Querdenker Sixt Tausende der neuen Mercedes-Modelle 190 – Vorgänger der C-Klasse – geordert. Er ging ein Rieseninvestment mit hohen Finanzierungsrisiken ein, zu Zeiten, als Sixt noch Familienunternehmen war. „Ein Mercedes zum Preis eines Golf“ musste sich erst noch als „roter Faden“ der neuen Strategie bewähren. „Premium fahren und Economy zahlen“, damals war das neu.

Sixt wurde mit dieser Idee zum Schrecken der Mietwagenbranche, die damals Hertz, Avis, Europcar und Co. beherrschten. Mit ihr wurde er in Deutschland zum Marktführer und eckte auch zum ersten Mal so richtig an. Denn Volkswagen beschwerte sich, dass der Golf als Billigauto verschrieen wurde. Mercedes beklagte sich, wie Sixt überhaupt auf die Idee käme, ein Premiumauto mit einem Wagen der Kompaktklasse gleichzusetzen. Das schert ihn bis heute nicht und wohl auch in nächster Zukunft nicht. „Ich mache weiter, solange ich fähig bin, kritisch zu denken“, sagt Erich Sixt; wohl wissend, „dass die Gefahr des zunehmenden Alterns besteht“. Alt und stur werde man, nicht alt und weise. Er sieht die Gefahr, „mental zu verkalken, nicht mehr frei zu denken und zu entscheiden“. Eine absolute Altersgrenze gibt es für ihn nicht. Wird er aber überhaupt merken, wenn er „mental verkalkt“ ist? Erich Sixt muss da nicht nur auf Gottvertrauen und auf das Urteilsvermögen seiner Söhne setzen. Es gibt ja noch den erwünscht unbequemen Aufsichtsrat. Der könnte ihm nahelegen, abzutreten – wenn es denn notwendig erscheint.

Innehalten unter der Kastanie

Neben der lauten und krawalligen gibt es aber auch noch die weniger bekannte, ruhige Seite des Erich Sixt. Eine Minute anhalten. Unter einem Kastanienbaum sitzen. Für Sixt ist das die Chance, dem Alltag für einen Moment zu entkommen. „Dann trifft man intelligentere Entscheidungen.“ So, als er von der Unternehmenszentrale in Höllriegelskreuth bei Pullach, unweit der Isar, zu einem wichtigen Termin nach München fuhr. Da warteten „Menschenmassen“ – Banker. Es ging um ein Millionengeschäft, über das Sixt in jenem Moment noch einmal nachdachte.

In einer solchen Minute des Eintauchens ins Surreale, sagt er ruhig und nachdenklich, würden manche Dinge gar nicht mehr wichtig erscheinen. Dann kehrt der manchmal rauhbeinig wirkende Vorstandschef wieder in die reale Welt zurück. Was, wenn ihm bei seinem Einhalt unter der Kastanie Zweifel an dem Millionendeal gekommen wären? „Ich wäre umgekehrt und hätte die Leute sitzen lassen.“ Er tat es nicht. Sixt strahlt zufrieden. Er machte das Geschäft. Welches? Sagt er nicht.

„Um den Überblick zu behalten, muss ich den Kopf auch mal frei machen.“ Die Gefahr bestehe sonst, die Prioritäten nicht richtig zu setzen. „Viele Menschen verlieren sich in Details.“ Das kurzzeitige Wegtauchen transportiere ihn weg von alltäglichen Problemen. Sonst würde man die Welt falsch sehen – und sie auch nicht als so schön empfinden. „Sich nur in Zahlen oder Kurs-Gewinn-Verhältnissen zu verlieren, das kann es ja nicht sein.“

Von ihm werden simple Aussagen erwartet

Deswegen sind die Impressionisten seine „Geheimliebe“. Die kämen der Wahrheit auf die Schliche. Das Leben sei schließlich die Aneinanderreihung von Impressionen und Augenblicken. Die prägen: „Es zählt der Moment, die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft ist weit weg.“ Sixt schwelgt, wenn er von Impressionisten wie Monet oder Manet spricht. Kunstinteressiert ist er, kunstbesessen nicht; ganz im Gegensatz zu seiner Frau Regine, die sich engagiert, sein Büro wie viele Räume der Hauptverwaltung im Süden Münchens mit Kunst, meist ist es die Moderne, gestaltet hat. Er kann sich auch am Druck eines Monets erfreuen. Sixt lacht laut, würgt das Thema dann schnell ab. Für Ehefrau Regine wäre das Frevel.

Sixt sinniert gern. Er ist aber auch kess, provokant, mal allwissend und selbstherrlich. Dahinter steckt Absicht. Manchmal müsse es erlaubt sein, unzulässig zu vereinfachen: „Autovermieten ist mein Leben.“ Von ihm würden simple Aussagen erwartet. Denn: „Ich bin von meinem Beruf besessen.“ Sieben Tage im Einsatz, ohne Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit. „Ich stehe in der Ausstellung vor einem Bild, dann kommt mir ein Gedanke.“ Oder eben nach der Oper.

Zur Person:

- Erich Sixt wird am 25. Juni 1944 als Sohn einer Münchener Fuhrunternehmerfamilie im österreichischen Mistelbach geboren.

- 1969 steigt er in das Unternehmen ein. Zuvor hat er das Betriebswirtschaftsstudium nach vier Semestern an den Nagel gehängt. Es ist ihm zu langweilig und irrelevant.

- Nach rasantem Wachstum bringt er die Sixt AG 1986 an die Börse. Heute hält er 57 Prozent daran.

- Seine Frau Regine, die in der Münchener Gesellschaft etabliert ist und sich für die Kinderhilfe engagiert, ist Marketingchefin. Erich Sixt zieht es immer wieder in die Berge - und in den Firmenjet, um einen der 1500 Sixt-Standorte zu besuchen.

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