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Elke König : Bilanzen im Blut

„Würde man nur nach Papier einstellen, müssten wir irgendwann eine Männerquote einführen. Denn viele junge Frauen machen die besseren Examen und haben die besseren Lebensläufe“, hat sie beobachtet. Dass es aber dennoch oft nicht reiche, liege nicht allein an der schlechten Struktur der Kinderbetreuung in Deutschland. „Frauen sind leider anders konditioniert. Gibt man einer jungen Frau eine Chance, fragt sie: ,Trauen Sie mir das auch zu?'“ bedauert König. Eine so defensive Haltung habe selbst sie unsentimental werden lassen. Wenn jemand sich einen Job nicht zutraue, wolle sie auch niemanden zu seinem Glück zwingen.

Eine echte Führungsposition lasse sich zudem nicht mit dem Wunsch vieler Frauen vereinbaren, in Teilzeit zu arbeiten. „Damit sage ich nicht: ,Nur wer um 23 Uhr noch Mails beantwortet, ist ein guter Mitarbeiter.' Wenn ich gut organisiert bin, muss ich nicht ewig arbeiten. Aber zum Teil ist die Anwesenheit im Büro einfach organisatorisch notwendig.“ Zum Workaholic freilich sieht sich die Wahl-Hannoveranerin ebenfalls kaum geeignet. Viel zu sehr genießt sie, dass das kulturelle Angebot in der niedersächsischen Landeshauptstadt nach ihrer Beobachtung weit besser ist, als es ihr allgemein zugeschrieben wird.

Nach London entsandt

Das hat sie auch davon abgehalten, nach mehr als sieben Jahren bei der Hannover Rück und fast zwei Jahren Auszeit sofort wieder die Zelte abzubrechen. „Irgendwann muss man sich entscheiden, wo sein Bekanntenkreis ist. Wenn ich in Hannover ins Opernhaus gehe, treffe ich ohne Verabredung immer mindestens fünf Leute, um ein Schwätzchen mit ihnen zu halten“, sagt sie. Das ist der entscheidende Grund dafür, dass sie trotz ihrer neuen attraktiven Aufgabe seit Anfang Juli die Wohnung in der noch attraktiveren europäischen Finanzmetropole nur wochentags nutzen wird.

Am Ersten des Monats übernahm Elke König in London einen der 15 Posten im International Accounting Standards Board (IASB), das die Rechnungslegungsstandards für international tätige Konzerne festsetzt. Eine Stelle für einen Europäer war ausgeschrieben worden. Weil sie in der Branche einen guten Ruf hat, ist sie angesprochen worden und bekam den Job. Wohlgemerkt nicht als Vertreter Deutschlands, wie sie betont - und auch nicht als Gesandte der Versicherungsunternehmen. Gleichwohl werde eines ihrer Projekte darin bestehen, auf einheitliche Buchführungsstandards von Versicherern hinzuwirken. Noch stärker im Vordergrund aber steht für sie, welche Lehren für die Bilanzierung aus der Finanzkrise zu ziehen sind. So müssten die EU-Staaten immer noch davon überzeugt werden, die längst ausgearbeitete neue Bewertung von Kapitalanlagen auch zu beschließen.

„Ich hoffe nur, dass nach der klugen ersten Reaktion der Politik auf die Krise nun nicht unser Elan für weitere international abgestimmte Regelungen erlahmt“, sagt sie. Noch immer sei der deutsche Finanzmarkt im internationalen Vergleich schlecht aufgestellt. Vor allem gebe es trotz einiger Fusionen immer noch zu viele Landesbanken ohne klare Aufgabe. Auch für die umstrittenen Kreditausfallversicherungen (CDS) seien noch keine geeigneten Regeln gefunden worden. Ihre ehemalige Branche immerhin sieht sie anders als nach dem erst acht Jahre zurückliegenden Einbruch der New Economy diesmal vergleichsweise gut aufgestellt. „Die Versicherungswirtschaft hat die Lehren aus der ersten Krise von 2001 und 2002 gezogen“, sagt sie und spielt auf die deutlich geringeren Investitionen deutscher Versicherer in risikoreichen Finanztiteln an.

Auf fünf Jahre hat sich König in London verpflichtet. Mitten in der Finanzkrise hätte sie sich weniger spannende Aufgaben vorstellen können. Zudem sitzt sie weiter in den Aufsichtsräten der Hannover Finanz, der Deutschen Hypothekenbank und der Diakonischen Dienste Hannover. Und sosehr sie der Stadt an der Leine auch verbunden ist, ein kleines Lächeln huscht ihr über das Gesicht, wenn sie an ihre Mittagspausen und Abende in der britischen Metropole denkt. „Ich freue mich schon sehr auf die Londoner Kulturszene, denn ich gehe leidenschaftlich gern in Konzerte und in die Oper. Und mein Büro ist so gelegen, dass ich in der Mittagszeit die Ausstellungen in der Tate Modern besuchen kann.“

Und auch vor dem regelmäßigen Wochenendpendeln fürchtet sich die neue Standardsetzerin nicht. Denn dann kann sie endlich Leo Tolstois Roman „Krieg und Frieden“ lesen - und der hat weit über 1000 Seiten.

Zur Person

- Elke König wird 1954 in der Nähe von Köln geboren, wo sie Abitur macht und Betriebswirtin wird.

- Nach der Geburt ihres zweiten Kindes wird sie Partnerin der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG.

- Als Controllerin prüft sie 12 Jahre lang die Bilanzen des Rückversicherers Münchener Rück, bevor sie im Finanzvorstand der Hannover Rück tätig wird.

- Seit dem 1. Juli ist sie Mitglied des International Accounting Standards Board und arbeitet dort an den Regeln der internationalen Rechnungslegung mit.

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